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„Mottl"-Widrige Tempi. Einmal hat sie den Pilgerchor aus dem „Tannhäuser" in einem wahren Galopp-Tempo heruntergerast, worauf sie natürlich schnell „sammeln" ging. Am Abend darauf drehte ich den „Pilgerchor" (NB.! gratis! Es War das meine einzige künstlerische Tätigkeit Während der Ferien) ä la Mottl! Das verbat sie sich. Sie verdiene dabei zu Wenig. Man hätte unterdessen zwei Stücke spielen können. . . . Und doch hat das entsetzliche Klavier auch seine gute Seite: es spielt nämlich auch Tänze. Und Wenn die kleinen Kinder, zu zweien und vieren, beim Mondenschein oder Meerleuchten im Tanz sich drehen, so ist das ein entzückender Anblick. Allmählich verstummt die Musik. Man plaudert noch ein Wenig, „Evening", „Good Nigght", „von soir", „gute Nacht" schallt es da und dort und die Kurgäste streben in ihre Hotels. Wir nach dem sauberen „Grand Hotel Palace". Dort aber hat sich ein nettes Völkchen durch Zufall zusammengefunden, alle von der Kunst.
Um einen gemütlichen Tisch sitzen sie da beisammen: die Prense-Matzenaner und ihr Gatte, der Münchener Gesanglehrer Preuse, die Soubrette Brunner und Alois Wohl- muth von München, der Schreiber dieses aus Frankfurt, die Altistin Rohr-Renard von Köln, Frau Elfriede Bayr- hammer von Kassel, der Buff-Tenor Dr. Kuhn von Darmstadt, der englische Geigen-Virtuose Ritchie und damit auch der Theaterarzt nicht fehlt, Dr. Doutrelepont aus Köln mit seiner hübschen Gattin. Wohlmuth erzählt Geschichten aus dem Dachauer Moos, Bahrhammer mit Vorsicht aufgenommene Jagd-Abenteuer, die Matzenauer aus ihrer steirischen Heimat und Frau Elfriede Bahrhammer knabbert Bonbons. Selbstverständlich Werden einige schöne Tage auch zu Ausflügen in die Umgegend benützt, so z. B. nach dem entzückenden Sluis im benachbarten Holland. Dort giebt sich die ganze Badegesellschaft aus den belgischen Badern Rendezvons. Sluis ist Wegen seiner Antiquitätenläden sehr beliebt; man handelt dort alte Ringe, Ketten, Broschen ein, Wenn auch die Verständigung mit dem biedern Eo.oschmied etwas schwer fällt. Außerdem schmuggelt man Tabak. Spät nachts fährt man mit der Kleinbahn über Westchapell nach Knocke zurück und dampft die unredlich erworbene Zigarre mit vielem Behagen. Sehr malerisch ist bei Sluis der große Kanal, der sich in gerader Linie durch das Land zieht. Bisweilen gleitet ein bunter Kahn darauf, und vom jenseitigen Ufer grüßt ein verwitterter Kirchturm, schwerfällig und massiv. Ein nicht mehr in Gebrauch befindlicher Leuchtturm ragt auf. Er rührt vielleicht noch aus .der Zeit her, da der jetzt versandete Meerbusen des Zwyo (von dem Dante übrigens schon berichtet) noch von den Wogen des Meeres ausgefüllt war. Bei der Heimfahrt grüßten Wir im Geist das stille, melancholische Brügge, das hier in der Nähe liegt und das wir tags- zuvor besuchten. Ein kleines Genrebildchen will ich hier noch knapp zeichnen. Im Hintergrund die Ziska-Mühle (anch ein Ausflugsort, wo man ausgezeichneten Kaffee und sehr gute Waffeln erhält). Der Kaffeetisch ist eben tut Garten abserviert. Auf einer frisch gemähten GarrenWiese strecken vier oder fünf kleine Obstbäume ihre mageren Aeste zum Himmel. Zwischen diesen Bäumchen fliegen flatternde weiße Kleider hin und her: die „Brangäne" (Frau Matzenauer) und „Nedda" (Frl. Brunner) der Münchener Hofoper, die „Herodias" (Frau Rohr) des Kölner Stadttheaters und die „Kleopatra" (Frau Bayrhammer) der Kasseler Hofbühne spielen — Kämmerchen vermieten mit einigen anderen Damen der Gesellschaft. Ein lautes Lachen erfüllt die Luft, als ob alle diese „seriösen" Künstlerinnen eben der Schulbank entronnen wären. Inzwischen plündert Wohlmuth die umliegenden Schifferhäuschen nach „Antiquitäten" aus. Dr. Kuhn aber und ich hantieren mit Pinsel und Kohle und vor unseren Farbenkästen ist keine Windmühle sicher.--
Eines schönen Tages sitzen meine Gattin und ich auf einem Dampfer, der uns nach England fährt. Meine Frau Wehrt sich tapfer gegen die Seekrankheit. Kunststück! Neptun ist sehr galant gegen sie: kein Lüftchen regt sich, kein Wölkchen zeigt sich, leine einigermaßen bedrohliche Welle schäumt auf.
Doch als wir abends den saftigeit Wiesenduft Englands eiilzusaugen hofften, das Mastengewirr der Themse hinter uns hatten, und die ersten Sterne aufgeblitzt waren, änderte sich das Wetter. Als wir an der Towerbrücke, deren un
heimliches Riesendrahtgespinst nur verschwommen im Nebel aufragte, landeten, fing es zu regnen an. Trotzdem fuhren- wir auf den luftigsten Höhen eines „bus" (sprich bäs), tote der Engländer seinen „Omnibus" abkürzt, nach unserm Hotel am Finsbury Square.
Am andern Tag beim Erwachen ein entsetzlich schlechtes Wetter! Was sollen wir zuerst beginnen in London?
Da sagte meine blonde Lebensgenossin: „Heute wird das n eue Sta d ttheater tu Gie ßeu erö ffnet. Vor allem senden wir ein G l ü ck w u n s ch t e l e g r a m m nach Gießen an den Theaterverein und Steitigoetter."
Meine Frau hatte ausnahmsweise recht.
Denn wenn das alte Theater auch äußerlich recht primitiv war, ist durch das Zusamntenwirken des Theatervereins und Steingoetters der modernen Literatur ein schönes Betätigungsfeld cingeräumt worden, was man nicht von allen Hoftheatern behaupten kann. Daß Mutzenbecher in Wiesbaden die „Hedda Gäbler" brachte, ist allerdings eine rühmliche Ausnahme. Wir drahteten also Heil und Segen dem lieben Gießen! Dann aber stürzten wir itns in all die Größe Londons.
Dieses Riesenleben in der Millionenstadt, diese schweigende, zielbewusste Energie des Verkehrs, diese überragenden Eindrücke, ich erinnere nur an die Nationalgalerie, die Paulskirche, die Westminster Abtey mit ihren Fürsten- und Königsgräbern (auch ein Schauspieler ruht dort: Irvings den ich noch vor acht Jahren in Petersburg sah), der unheimliche Tower, die breitflutende Themse, das Britische! Museum, der Hyde-Park mit seinen eleganten Equipagen, der schöne Menschenschlag (wie einfach kleidet sich die Engländerin gegen die Französin): das alles wird tms unvergeßlich sein! Wir hatten unwillkürlich das Gefühl: das ist ein Volk, das zusammenarbeitet ohne Kleinlichkeit und Engherzigkeit, mit einem Ewigkeits-Willett, ein Volk, das man nur näher kennen lertten muß, um es zu schätzen und zu lieben!
Vermischte».
* Tie Hundertjahrfeier des Kuverts. Dck gegenwärtig Hundertjahrfeiern Mode sind, werden wir bald eilte sehr interessante, von der man bis jetzt noch nicht gesprochen hat, begehen können: die Hundertjahrfeier des Briefumschlages. Hundert Jahre sind verflossen, seitdem ein Papierfabrikant in Brighton — Brewes hieß er — die Brief- umschläge in ihrer gegenwärtigen Form in den Handel brachte. Tie Briefumschläge sind also, gleich dem Zylinderhut, eine englische Erfindung, Man darf nun aber nicht glauben, daß die neue Erfindung sich sofort dnrchgesetzjj habe; sie brach sich vielmehr nur sehr langsam Bahn und fand auf dem europäischen Festlande erst um 1850 allgemeine Verbreitung. Früher — alte Herrschaften wissen das noch ganz gut — faltete man das nur auf einer Seite beschriebene? Briefpapier recht langsam und sorglich zusammen, verschloß den zwei- oder dreifach gefalteten Brief mit Siegellack oder mit sogenannten Oblaten und setzte die Adresse ans die unbeschrieben gebliebene Blattseite. Wie fern doch das alles zu liegen scheint und war doch noch zu Großvaters Zeitest allgemeiner Brauch!
Logogriph.
Umwandlung, Werden und Entstehen,
Verderben oder Untergchn, Kurz, was auch immer sich ereignet, Man durch ein Wort mit „g" bezeichnet.
Wird drin ein „r" zu finden sein, So räumst du's wohl den Damen ein; Und soll ich dir Thalia zeigen, So muß mit „h" es auswärts steigen.
Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung des Rösselsprungs aus voriger Nummer.
Im Hause, wo die Gattin sicher waltet, Da wohnt allein der Friede, den vergebens Im weiten du da draußen suchen magst. Unruh'ge Mißgunst, grimmige Verleumdung, Verhöhnendes, parteiisches Bestreben, Nicht wirken sie aus diesen heil'gen Kreis.
Vernunft und Liebe hegen jedes Glück, Und jeden Unfall mildert ihre Hand. Goethe.
Redakstsn r W« W t t t k o. — Rotationsdruck und Werlau der BrüLl'schen Universttäts-Buch- und Steindruckerei- R. Lanae, Gießen.


