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durchge zählt haben. Wäre der Wagen in nachtschlafender Zeit entfernt worden, so hätten die Hunde sich durch ihr Bellen bemerkbar machen müssen; zu solch uugewohnter Stunde würden sie auch bei Eilenburgs persönlichem Erscheinen Laut geben. Ich entsinne mich, Klagen von der Nachbarschaft über lautes Gebell entgegengenommen zu haben. Das geschah regelmässig, wenn eine plötzliche Nachtfuhve verlangt wurde, die Eilenburg dann persönlich Herrichten mußte. Er erklärte mir, daß die Hunde sich in solchen Fällen nicht beruhigen lassen. Folglich muß die Droschke schon zu einer Zeit entfernt worden sein, wo auf deu Straßen noch reger Verkehr herrschte, der das Htmde- gebell übertönt haben mag."
„Natürlich!" stimmte der Rat bei. „Schutzmann Rokohl hier hat die Droschke ja kurz nach Mitternacht schon auf dem Potsdamer Platz inahrgenommeu . . . um von der Tegelerstraße dorthin zu gelangen, hatte sie ohnehin eine Stunde nötig."
„Mindestens eine Stunde!" meinte der Leutnant.
„Folglich muß sie gleichzeitig mit den drei Nachtdroschken, von denen Eilenburg mir sagte, vom Grundstück fortgefahren sein." Mit einem nervösen Auflachen hielt der Rat inne. „Doch damit kommen wir keinen Schritt weiter, einerlei ob der Fuhr- herr geblunkert oder Wagen und Pferd wirklich ohne sein Bor- Wissen wegeskamotiert wurden. Wir müssen mit unseren Nachforschungen beim anderen Ende beginnen und herauszubekommen suchen, wer die Unglücksdroschke wieder auf den Hof zurückzubringen und auszuspannen vermochte, ohne die Hunde dadurch zum Belle» zu veranlassen ... ist Ihnen vielleicht ein Mann namens Graßnick bekannt?" unterbrach er sich fragend.
„Den kennt im Viertel jedes Kind, der alte Mann ist ein Original, einer der wenigen Berliner Droschkenkutscher, wie sie jetzt nur noch in den Witzblättern weiter leben . . . übrigens eine ehrliche, brave Haut."
„Er soll das Fuhrwerk bisher gefahren haben, nun aber schwer krank sein. Seine Familienverhältnisse kennen Sie nicht näher?"
„Ich nicht, doch vielleicht mein Wachtmeister, der ist sozusagen eine wandelnde Chronik des Stadtteils."
Der Herbeigerufene kannte Graßmann genau. „Eiu alter, guter Kerl, grob wie Bohneustroh, doch dabei seelensgut. Er hat viel im Leben durchzumachen gehäbt. Seine Kinder starben ihm bis auf eine verwitwete Tochter, die ihm nun die Haushaltung führt."
„Das weiß ich bereits", unterbrach ihn Hansemann unwirsch. >,Doch da die Frau für uns wohl kaum in Betracht kommt"--
„Die Witwe Hildenbrand hat einen Sohn", meinte der wohlbeleibte Wachtmeister, „'ne rüde Bolle, sozusagen."
„Ah!" Der Rat zeigte plötzlich Interesse. „Und dieser .Sohn" —
„Eine verdächtige Nummer, Herr Rat", berichtete der Wachtmeister. Daiw wendete er sich an seinen Vorgesetzten. „Erinnern Sie sich, Herr Leutnant? Wir haben wegen dem Burschen viel Schreiberei gehabt. In Dresden haben sie ihm wegen Taschen- diebstählen ’n, paar Jahre aufgebrummt und dann ihn hierher ab- geschobeN, weil er seinen Unterstützungswohnsitz in Berlin hat."
Der Leutnant nickte. „Gewiß erinnere ich mich. Der Schlingel steht unter Polizeiaufsicht. War nicht seine Mutter hier und bat himmelhoch, man möchte Eilenburg keine Anzeige machen, da sonst ihr alter Vater vielleicht gar um's Brot käme?"
„Stimmt, Herr Leutnant. Wir taten ihr den Gefallen, weil der Bengel zu arbeiten anfing und sich auch jeden Donnerstag pünktlich hier auf dem Revier meldete. Doch daun blieb er plötzlich aus . . . wie vom Erdboden weggeblasen war er. Wir haben ohne Erfolg wiederholt Haussuchung in der Wohnung seiner Mutter nach ihm veranstaltet. Er muß sich dünne gemacht haben."
„Das interessiert mich wirklich", schaltete Hausemann ein. Der.Bursch kennt sich wohl auch im Eilenburg'schen Hause aus?"
„Das ist wohl möglich. Mutter und Großvater wohnen ja im Hause."
„Er dürfte schwerlich viel in die Ställe gekommen sein", widersprach der Leutnant. „Ich entsinne mich nun, damals vertrauliche Rücksprache mit Eilenburg genommen zu haben. Der weih genau, was er von dem Menschen zu halteu hat. Ich glaube, er ließ deu Großvater nur mit Rücksicht auf dessen Alter und persönliche Ehrenhaftigkeit weiter im Dienst und int Hause wohueu. Bor die Augen durfte ihm der Bursch jedenfalls nicht kommen. Schlagen Sie doch einmal nach", beauftragte er den Wachtmeister, hber Herr Rat interessiert sich für die Daten,"
(Fortsetzung folgt.).
Kus dem Schülsrleörn dcsKymrrastrrms iu Kietzen.
Zur dritten S'äkularfeier.
«Schluß.»
Doch wieder zurück zum Ausgangspunkte. Neben dem vervollkommneten Rollenlesen sind die Vorträge kleinerer, abgeschlossener Dichtungen zu erwähnen. Gerade dieses letztere Cha- rakteristikunt derselben brachte es mit sich, daß die Versuche, auf diesem Gebiete etwas Tüchtiges zustande zu bringen, nur von wenigen Genossen unternommen wurden; in einem lyrischepischen Gedicht sind mehrere Charaktere, verschiedene Stim- miiugeu zum Ausdruck zu bringen, und dazu gehört schauspielerische Beanlagung. Rezitationen, die diesen Namen verdienten, hörten wir daher nur von Volker, Beowulf und Harald. Ich führe an: „Des Säugers Fluch" (V), „Kraniche des Jbhkus" (B.), „Die Glocke" (V.), „Abschied von Galizien" (H.), „Die Frühlingsfeier" (B.) und „Der Taucher" (SB.).
Soweit unsere Tätigkeit als literarischer Verein. Wie entwickelte sich der Verein als solcher? Der Grenzpunkt, von Ivelchem an eigentlich erst von einem Verein, einem Bund, gesprochen werden kamt, ist die Jnkrafttretung des Balls. Die Zeit vor demselben ist in dieser Hinsicht trübe. Das Wesen eines geschlossenen Vereins beruht in der sicheren Organisation und Leitung, welche tioit allen Mitgliedern unbedingt anerkannt wird. Tie oberste Leitung und Vertretung lag auch bei uns in den Händen des Präses bezw. des Jarls. Mit der Entwicklung seiner Stellung und Machtbefugnis ist daher auch zugleich die des Vereins, als solchen, gegeben. — Bei der Gründung war der Präses weiter nichts als nichts: er wurde uur für eine Woche gewählt, also ganz demokratisch, was beachtenswert ist, und zwar mit der Motivierung, „daß er keine zu große Gewalt gewinne". Diese Gewalt bekant er denn auch tvirklich nicht, selbst dann nicht, als man sich entschloß, ihn auf 14 Tage, ja sogar darnach auf vier Wochen zu wählen. Indessen wurde das höchste Amt zuerst doch nur „auf Probe" vergeben; der „vier- wöchentliche" toutbe dann, als die Probe glücklich bestanden war, beihehalten-bis Weihnachten 1883. Aber—- das muß zugestanden werden — es konnte eine solche republikanisch-demokratische Re- gieruugssorm bei der geringen Mitgliederzahl keine anarchistischen Zustände herbeiführen. Die kleine Republik einigte sich auch wieder, wenn Privatstreitigkeiten sie aus den Fugen zu bringen drohten. Denn in der Stellung der Glieder zu einander und zu dem Ganzeu bestaudeu in jenem goldenen Zeitalter noch keine Differenzen, es blühte in der Tat der reinste Demokratismus. Aber gerade in dieser Zeit fand die Gesellschaftlichkeit ihren größten und schönsten Ausdruck, herrschte das freieste und un- gezwuugenste Lebe»; eine Fahrt, fünf Sätze und ein Gelage sind aus dieser Zeit zu koustatiereu.
Nachdem aber nun der Balk geschaffen war, der ja seiner Natur nach mehr das Mustere, Verfassung, Disziplin re. ins Auge fassen mußte, und nachdem neue Genossen hinzugetreten waren, da erst tvurde der Verein wirklich ein Verein, ein Bund. Die Verfassungsreform mürbe nun klar ausgesprochen, sie ist im Namen des „Jarl" vollkommen ausgedrückt, nämlich die altgermanische Verfassung, das altgermauische Königtum. Die Versammlung der „Freien" flieht über dein „Jarl", aber der Jarl hat die Vertretung und die Exekutive. Er leitet das Ganze, alle Geschäfte und trägt dafür die Verantwortung; und die ist ihm auch oft genug aufgebürdet wordeu. — Eine feste Grcmdlage bestand somit, auf welcher die literarische Tätigkeit sich frei entfalten konnte. Es mußte schon ein gewaltiger Stoß sein, der den Bau hätte erschüttern können. Die Festigkeit der einmal angenommenen Gestalt zeigt sich darin zunächst, daß die neuen Elemente sich sehr rasch eiulebten in den „Wikingergeist", ohne daß es auch uur direkter Einwirkung bedurft hätte. Ueberhaupt war der Begriff der Einheit, des festen, sreuud- schaftlicheu Zusammenhalteus und -gehens der Genossen in jedem schon sehr früh entwickelt. So schrieb Ende des ersten Quartals bereits der damalige Schriftwart Beowulf: „Ich muß hier betonen, daß der Wikiugerbuitd über das Thing hinaus be- stehen soll, daß er nicht mit Samstag Abend acht Uhr aufhört, bis er nm nächsten Samstag, in ewigem Sinken und Steigen, sich wieder auftut." Der Buud hatte auch sein eigenes Heim, die „Grotte", die keinem andere'» Zwecke als de» Zusautmen- künften diente; wir waren wirklich ei» Verein, als Verein feierten wir ferner Herders und Goethes Geburtstag, und das Jnlfest, vielleicht die schönste unserer Festlichkeiten. —
Und nun die Idee, der Geist, der unseren Bund belebte, der ihm das charakteristische Gepräge verlieh? Einen literarischen Verein nannten wir uns und verstanden auch ursprünglich darunter, was man gewöhnlich darunter versteht, einen Verein, bet in seinen Zusammenkünften literarische Werke liest, sie bespricht, daneben auch wohl Aussätze und Vorträge über Themen aus der Literatur verlangt. Mit der Schaffung des Balks aber trat eine ganz andere, erweiterte und vertiefte Anschauung an die Stelle der gewöhnlichen. Es imtrbe uns allen klar, wenn es auch niemand ausgesprochen hat, daß unser Streben und Zu- sammeuwirkett sich bewege auf dem weiten Gebiet der Vernunft/ oder allgemeiner des Geistes. Die Beziehungen des vernünftigen, geistigen Menschen ztt ber Welt, zum Dasein, zu dem einzelnen Individuum aufzufinden und zu erklären, das war, in höherem


