M. 148
1907
ZZs
Samstag den 5. Mioöer
1 1
MWW E
Auf der eigenen Spur.
Kriminalroman von Otto Hoecker-
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
„Bit Weihnachten werden es zwei Jahre", berichtete der Revierleutnant nach kurzem Nachdenken. Sein Sohn diente noch Beim Train. Man sprach damals viel über den unvorhergesehenen, sprunghaften Einfluß des Fuhrherrn. Man witterte dahinter so etwas wie bevorstehende Enterbung des einzigen Sohnes, zumal gerade damals die Beziehungen zwischen Vater und Sohn sehr gespannte waren; Eilenburg jun. durfte sich während dieser Dienstzeit beim Kvmmiß nicht im Vaterhause blicken lassen. Selbst! unsere Stammtischrunde, die der Fuhrh-err zu jener Zeit noch regelmäßig besuchte, überraschte er mit einer vollendeten Tatsache, indem er sich als neugebackenen Ehemann zu erkennen gab und Rheinwein auffahren ließ. Zu jener Zeit wurde viel darüber geredet. Man will erfahren haben, daß der Vater seiner jetzigen Frau, die ihm vordem die Haushaltung geführt, als Vertreter einer Versicherungsgesellschaft Gelder unterschlagen und, um sich der strafrechtlichen Verantwortung zu entziehen, Selbstmord begangen habe."
Hansemann ließ einen pfeifenden Laut hören; nun glaubte er sich das plötzliche Untertauchen der jungen Frau und deren ihm bisher unbegreiflich erschienene Zurückhaltung bei ihrem unvermuteten Wiedersehen erklären zu können. „Wissen Sie vielleicht darüber Genaueres anzugeben?" erkundigte er sich interessiert.
Der Revierleutnant verneinte. „Es ging nur ein unbestimmtes Gerede. Der Mann soll in Görlitz beamtet gewesen sein, wenigstens zuletzt, als seine durch lange Jahre fortgesetzten Unterschlagungen ans Tageslicht gezogen wurden. Frau und Tochter sollen den letzten Groschen hergegeben haben, um die Schande nicht öffentlich werden zu lassen. Auf mich selbst! hat die junge Fran bei ihrer Liebenswürdigkeit immer einen gedrückten, scheuen Eindruck gemacht, als nage ihr etwas am Herzen, das ihr alle Lebensfreudigkeit raube. Doch da halte ich Sie mit der Wiedergabe müßigen Geklatsches vor ungleich Wichtigerem zurück, Herr Rat!" glaubte er sich entschuldigen zu müssen.
„Durchaus nicht", widersprach Hansemann, „zumal ich den Vater der jungen Frau früher persönlich gekannt zu haben glaube. Seit Jahren habe ich ihn freilich völlig aus den Augen verloren gehabt. Zu jener Zeit war er Subdirektor einer Lebensversicherung und ging später in gleicher Eigenschaft nach Görlitz. Doch Ihre Andeutungen entsetzen mich geradezu. Ich hielt Rön- neukamp für das Muster eines pflichtgetreuen, zuverlässigen Beamten."
„So lautete Frau Eilenburgs Mädchenname", bestätigte der Leutnant. „Es mag sich somit wohl um einen früheren Bekannten von Ihnen handeln, Herr Rat. Ich bitte übrigens nicht zu vergessen, daß ich mich nur zum Verbreiter gänzlich unbestätigter Gerüchte gemacht habe. Ich möchte Frau Eilenburg durchaus nicht zu nahe treten. Sv wenig ich sie auch persönlich näher kenne, halte ich sie dock durchaus der höchsten Achtung würdig."
Rat Hansemann beruhigte ihn lächelnd. „Ich kenne sie selbs? gut genug, um Ihrem Urteil beipflichten zu können. Was halten Sie aber nun von diesem unerklärlichen Borkomnmis. Als Revier-, Vorstand kennen Sie den Stadtteil besser als ich und können leichter! beurteilen, ob in der Umgegend zweifelhaftes Gesindel wohnte welchem ein derartiges Wagestück wohl zuzutrauen wäre."
„Ja und nein, Herr Rat. Finanzgrößen siedeln sich in der Nachbarschaft des Gesundbrunnens nicht an. Anrüchige und bei sich bietender Gelegenheit wohl auch gefährlich werdend. Elemente finden sich im Stadtviertel gerade genug. Droschke! und Pferd kann indessen nur ein mit den örtlichen! Verhältnissen' wohl Vertrauter, den zudem auch die Hunde respektieren, vom! Hofe entfernt und wieder dahingebracht haben. Es hat sich ja auch um keinen Raub gehandelt — Wagen und Pferd wurden an Ort und Stelle zurückgebracht."
„Na, das habe ich nun bis zum Ueberdruß gehört!" ent-, rüstete sich Hansemann. „Da sich zu den Hunden nur Vater und Sohn wagen durften, so muß einer von diesen unbedingt die Hand im Spiel gehabt haben — und da der Sohn in Plötzensee sitzt> sy —"
„— kann nur der Vater in Betracht kommen", ergänzte der Leutnant. „Doch das ist nach Lage der Sache völlig ausgeschlossen."
Hansemann hielt sich die Ohren zu. „Wir gehen mit unserer! Logik immer int Kreis herum, es ist um blödsinnig zu werden! Zugestanden, auch auf mich Hat der Fuhrherr einen durchaus hvnnetten Eindruck gemacht."
„Eilenburg scheint mir Nwnigstens noch nicht der Mann zu sein, der einfach zweck- oder kopflos handelt. Kütschiert Has er die Droschke nicht, das wissen wir bereits. Er könnte sie alsp nur zu einem ihm vielleicht selbst unbekannten Zwecke hergeliehen haben und will nun nicht mit der Sprache heraus, weil er für sich selbst Verwicklungen fürchtet".
„Das würde Eilenburg nicht davon abhalten, die Wahrheit zu bekennen. Er ist viel zu einsichtsvvll, um fich nicht sagen zst müssen, daß ein derartiges Vertuschen schließlich nur ihn schädigen könnte. Nebenbei ist der Mann zumindest halber Millionär/ Die Führte geben Sie getrost auf. Nach meiner festen UeBey, zeugung weiß Eilenburg uirt die nächtlichen Abenteuer seiner Droschke nicht mehr, als Sie oder ich!"
„So baldowern Sie die Chose wenigstens aus!" platzte der Aergerliche los. „Haben Sie den Befehl der Zentrale ausge-, führt und die Schutzleute Ihres Reviers über auffällige Vor°, gäuge in letztverflossener Nacht befragt? Hier in der Gegend! müssen Droschke und Führer doch bekannt sein!"
„Von meinen Leuten wußte niemand etwas zu melden. Sie dürfen nicht vergessen, Herr Rat, daß die Droschke jedenfalls schon in den frühen Abendstunden vom Hof ausgcspannt wurde.".
„Der Meinung sind Sie also auch?" meinte Hansemann stutzig'. „Dabei will Eilenburg noch am späten Slbend selbst die; Runde gemacht und alles in schönster Ordnung angetroffen haben."
„Sein Wort in Ehren. Er wird sich indessen mit einem Rundblick begnügt und weder Wagenpark noch Pferdebestand


