Ausgabe 
5.8.1907
 
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Da hob sie langsam den gesenkten Blick, immer das gleiche verheißungsvolle Lächeln um den kleinen brennendroten Mund.

Mein Freun. . . Sie hielt inne.Wer klopft da?"

Ihre Jungfer meldete Frau von Fink. Schnell gefaßt eilte die Gräfin ihrem Gast entgegen.

Wie reizend, liebe, gnädige Frau. Ich hatte schon so lange nach Ihrem Besuch ausgesehen. Nun, gute Taten werden auch belohnt," scherzte sie.Ta kann ich Ihnen gleich.eine frisch ge­backene Exzellenz vorführen."

Frfau von Fink beglückwünschte Wettlingen lebhaft. Er empfahl sich bald.

Also abgemacht, Exzellenz," rief Fredine ihm nach, als er schon halb zur Tür hinaus war,auf meiner ersten Spazier­fahrt mit den neuen Pferden begleiten Sie mich."

Frau von Fink horchte hoch auf, als Fredine von ihrer Neuerwerbung" sprach. Und als sie nach Hause kam, hielt sie ihrem Gatten einen eindringlichen Vortrag über die Klatsch­sucht der Menschen, welche die wohlhabende Gräfin Lindstrom zerrütteter Finanzen zu bezichtigen wagten. Aber der Major schüttelte ungläubig den Kopf.

Mir tut die arme Frau von Veltlingen leid."

Er d!achte an Sprengers Bemerkungen, die ihm zufällig zu Ohren gekommen waren.---

In ruhigem Gleichmaß verflossen Dagmar unterdessen die Tage. Ihr körperliches Befinden hatte sich längst in hochcr- freulicher Weise gebessert und ihr seelisches Gleichgewicht nahm ebenfalls von Tag zu Tag mehr zu. Daß sic dies zum größten Teil dem ruhigen, würdigen Zuspruch des Geistlichen zu danken hatte, verhehlte sie sich auch keineswegs.

In ihrer beschaulichen Ruhe genoß sic mit unbesagbarem Behagen die Stille des Landlebens, dessen Reize sie noch nie in dem Maße zum Bewußtsein gekommen waren. Weniger denn je begriff sie ihren Gatten, der sich freiwillig in die Enge des Hof- und Stadtlebens begab. .

Zu derselben Zeit, wo Veltlingen Fredine die Jucker schenkte, saß Dagmar in ihrem Schreibzimmer und las kopfschüttelnd einen Brief von ihrer Freundin, der ihr mit merkwiirdiger Dring­lichkeit einen Aufenthalt in der Residenz anriet.

Tie Baronin konnte sich schließlich der unheimlichen Empfin­dung nicht erwehren, die sich ihrer immer mehr bemächtigte, je öfter sie den Brief von Kathi las.Wenn der Arzt nicht dringend gegen dein Reisen ist, so konnn," lautete der Schluß des sonderbaren Schreibens.

Mit einer entschlossenen Bewegung richtete sich Dagmar end­lich empor. Es war doch das Einfachste, sich telephonisch mit dem Professor in Verbindung zu setzen. Dessen Entscheidung mußte sie sich j!a doch unterwerfen. Da der nichts gegen die Fahrt einzuwenden hatte, wurden alle Vorbereitungen dazu ge- ttvffen. Am andern Morgen wollte Dagmar reisen.

Um noch einmal so recht die ländliche Stille und Ruhe zu genießen, ließ die Baronin sich das Abendessen unter den Linden vor der Haustür servieren. Wie schön es hier war! Behaglich blieb sie sauf ihrem Platz, während der Diener lautlos das Ge­schirr wcgräumte.

Tie Luft war still und warm. Leise zirpten die .Heimchen in den Büschen, piepte ab und zu ein Vögelchen int Traum.

Als der Diener ging, rief Dagmar ihm nach, das; Anna zu ihr kommen solle.

Jfawahl, Frau Baronin." Der Mann trat ins Haus.

Dagmar sah ihm nach. Es war doch schon recht dunkel. Kaum bis zum Schloß konnte man sehen. Wie große, schwarze Niesen standen die hohen, alten Linden da. Silbern lag das Mvndlicht lauf ihren Kronen, während unten auf den Wegen alles in tiefe, undurchdringliche Finsternis' gehüllt schien. Kein Strahl drang durch das dichte Laub.

Sinnend schweiften Dagmars Augen zu dem Teich herüber. Auch er l-ag dunkel und unbeweglich da. Wie jein großer, schwarzer Tintenfleck, dachte sie, unwillkürlich über diese Idee lachens

Liangsäm stjeg der Mond endlich scher den Wipfeln der Baums empor. Neugierig spiegelte er fein volles, rundes Antlitz in dem unbewegten Wasser des Teiches, die ganze Um­gebung in seine weichm, silberblauen Schleier lMlend. Dag- W Lunch sich gar nicht losreißen von diesem zauberhaften Aw- Llick. Wie wunderschön Las war!

Annas Kommen störte sie endlich in ihrem Sinnen. Sie begann ihr einige Anweisungen für die Reise zu geben. Doch schon stach bei: crikit Worten zeigte das Mädchen mit scheuem Gesicht nach dem Teich.

Unwillkürlich holgten Dagmars Augen der angegebenen Rich- knstg, stnd Was sch sah, ließ ihr ein leises Grauen den Rücken tzerunterrinnen.

Leichte Nebel schienen plötzlich über dem Wasser zu schweben, die Baronin fühlte ganz deutlich ihre feuchte Kühle. Aber das war es nicht, was sie mit solchem immer stärker werdenden Grausen erfüllte. Wie gebannt starrteit sie und das Mädchen auf diesen grauweißen Dunst, aus dem sich deutlicher und immer deutlicher eine weibliche Gestalt abhob, deren weite, schleppende. Gewänder fast den Spiegel des Teiches berührten.

Angstvoll hielten die beidcit Frauen den Atem au, während ihre Augen unverwandt auf die sonderbare Erscheinung blickten, die sich plötzlich mit einer leichten Drehung herumwendete. Langsam, ganz langsam schwebte sie dem Schloß zu. Deutlich sahen es die beiden Frauen. Und auf einmal war sie fort. . .

Wortlos, wie gelähmt' vor Schreck, stjarrten sie noch immer auf die weitgeöffneten Fenster des Herrenzimmers. War sie dort verschwunden? Anna brach endlich das unheimliche Schweigen.

O 'Gott, Friau Baronin, die graue Frau!" Leise und scheu tönten die Worte zu Dagmar hin.Das bedeutet ein Unglück, Frau Baronin sollten doch lieber morgen nicht reisen."

Unsinn," verwies Dagmar die Erregte energisch, aber ihr war gar nicht so ruhig zu Mut, wie sie sich den Anschein zu geben suchte, Nannte sie doch nur zu gut die unheilvolle Be­deutung, welche die Leute dem Erscheinen der grünen Frau bei- legten.

Matt und abgespannt erwachte die Baronin frühzeitig nach schlecht verbrachter Nacht. Als sie dann aufgestanden war, trug es auch grade nicht zu ihrer Beruhigung bei, daß die Dienst­boten alle mit Gesichtern umherliefen, als ob jeden Augenblick ein Unglück hereinbrechen müßte.

Mit aller Energie versuchte sie sich die nebelhafte Er­scheinung aus dem Sin.n zu schlagen. Es war ein vergebliches Bemühen.

Djas unheimliche Gefühl drohenden Unheils blieb . .;

Aus der Studentenzeit.

Er nnerungen eines a!ten Gießeners.

(Schluß.)

Auch die edle Frau Musika tat diesen Studien noch in meinem letzten Semester nicht unbedentenden Abtrag.

Jherings, durch und durch musikalisch und ent ausge­zeichneter Klavierspieler, war der tätige Urheber eines nicht geahnten Aufschwunges der darniederlie- genden musikalischen Verhältnisse Gießens. Er stellte; sich an die Spitze des Konzertvereins und brachte cs da hm, daß Künstler ersten Ranges zu den Konzerten berufen wuröcm führte Kammermusikabende ein und fand dabei nach und^nach die freudige Unterstützung des gebildeten Publikums der «tadt Gießen. , . .. ,

Ende August sollte das zweite m lttelrheini, che Musikfest in Darmstadt stattfinden. Jhering im Verein mit Prof. Gustav Baur, bem verstorbenen Präsidenten unseres pkad emis che n G es an g v er eins, veranlaßte, daß dieser zu dem Fest eingeladen wurde.. , .

Schon vorher hatte mich der Veretn mehr in Anfpruch ge­nommen, als meinem Vater lieb war. Ende, des Wintersemesters 1855/56 chatten wir ein Cäcilienfest zum 100jährigen Geburtstage Mozarts veranstaltet, das sich allerdings mehr durch Gemüt­lichkeit als durch musikalische Leistungen auszeichnete. Bon Mainz waren uns nun nicht lange vorher zwei -sangesichwestern zu­gegangen, die trotz ihrer Jugend infolge ihrer kräftigen «ttm-; men und hervorragenden musikalischen Begabung bald feste stutzen des Sopran unb'beg Alt geworden waren. So frisch wie tyre Stimmen war auch ihr ganzes Wesen, und es konnte nicht fehlen, daß sie etwas mehr Leben in den weiblichen Teil des Vereins brachten, in welchem bis dahin einige ältere Damen den Ton! anzugeben als ihr Vorrecht in Anspruch genommen Hatten.

Allgemeines Vergnügen erregte es, als die SchweWrn uns. verkündeten, daß sie heute auf Mozarts IMjährigem Geburts--, tag ein kleines Brüderchen beLmmen hätten.

Diese sympathischen Erscheinungen waren vielleicht mit dch Veranlassung, daß ich. auch im Sommer 1856, mehr wie, es. sonst der Fall gewesen sein würde, an der Tätigkeit des Berems und seinen Veranstaltungen teilnahm. So erinnere ich mich eines sehr schönen Ausflugs der Vereins im Sommer 1856 auf die Badenüurg, von welchem wir erst in der Morgeudämmerung zurüa-, kehrten. Und nun kam die Kunde, daß wir an dem bevorstehenden! Musikfest in Darmstadt teilnehmen sollten.

Es handelte sich vornehmlich um die Aufführung des Handlichen! Messias. Da gatt es zu üben und zu Wen, 'wenn, wirj bei dieser mch Ehren bestehen sollten. , ,

Tüotz 'väterlicher Einwendungen und ttotz der Nahe der vorstehenden Fakultätsprüsung zog ich denn auch mit unseren? Verein Ende August gelt Darmstadt und habe dort so herrliche Eindrücke empfangen, daß ich sie um alle Examina der Welt in ineiner Erinnerung nicht missen möchte.

Wir waren Wer hundert, der NlchmMe Teil^eM MUWtM