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mit dem Namen Strandwicke belegt. Mch weiteren Angaben früherer Forscher kommt sie sehr zerstreut auch im Dünensand von Mecklenburg, Pommern und Westpreutzen vor und wird nach Osten hin immer seltener. Sie vermag den Winter zu überdauern und blüht in den ersten Wochen des SommerN Becker hat nun weitere Nachforschungen über, die Stranderbse angestellt und teilt ihre Ergebnisse mit. Danach wurde die Pftanze zuerst 1862 auf der Halbinsel Hela angetroffen, und die dortigen Eingeborenen machten, was bei ihren durstigen Lebensümständen erklärlich ist, alsbald Versuche mit dem Anbau der Erbse, die aber mißlangen. Es stellte sich nun heraus, daß die Sarnen von Rebhühnern und Tauben, die Pflanzen selbst, so lange sie in frischem Grün prangten, von Ziegen sehr gern gefressen wurden. Die Frucht der Stranderbse hat einen Durchmesser von noch nicht einem halben Zentimeter und ähnelt der Linse. Die Schale dieser Samen ist jedoch so hart, daß alle Versuche, sie zum Keimen zu bringen, vergeblich geblieben sind. Selbst wenn sie wochenlang in Wasser gelegen hatten, zeigten sie nicht die geringste Quellung und sahen vielmehr aus wie leblose Schrotkörner. Becker kam nun auf den sinnreichen Einfall, daß vielleicht der scharfe bewegliche Sand in der Natur dem Keimen der Stranderbse Vorschub leisten möchte, indem er die harte Schale anritzt. Daraufhin machte er künstliche Ritze auf den Samenschalen und hatte nun die Genugtuung, daß diese Erbsen schon am nächsten Tage merklich gequollen waren und nach weiteren fünf Tagen schon Wurzelspitzen zeigten. Es wird nun weiter versucht werden, ob sich mit einiger Geduld die Stranderbse, die übrigens den wissenschaftlichen Namen Pisum maritimum führt, zu einer Nutzpflanze wird erziehen lassen. Leider werden die Aussichten darauf neben beit anderen Schwierigkeiten noch dadurch beeinträchtigt, daß die Stranderbse trotz ihrem nicht gerade häufigen Vorkommen verschiedene Feinde im Tierreich besitzt, nämlich einen Käfer und eine Art von Blattläusen. Sollte der Anbau dennoch in rrnchtbringendem Maße gelingen, so würde er jedenfalls einer der merkwürdigsten landwirtschaftlichen Betriebe in Deutschland sein.
Vermachtes,
* Ein prob ates Mittel. Wie ein Mann sich selbst von der Trunksucht heilte, erzählt Ernest Blum in seinem letzten „Journal d'un BauveviMste", in dem ihn die Krisis der Weinbauern trt Südfrankreich zu Betrachtungen über das Trinken im allgemeinen angeregt hat. Ein Stammgast der Bars, ein vornehmer Herr, empfand eine lebhafte Beschämung darüber, daß er fast jeden Abend schwer betrunken seinem Heim zuwankte und fragte einen Arzt um Rat, wie er von diesem schrecklichen Laster befreit werden könnte. Der Ar^r riet ihm zunächst, er möchte nicht mehr zu seiner Bar gehen, danM er oer Versuchung, die dort in den verschiedensten Gestalten lauerte, nicht anheimfallen könnte. Der vornehme Herr unterwarf sich dieser Vorschrift und ging nicht mehr in seine Bar — aber er ging in eine andere! Dann aber machte er doch einen energischen Versuch; er verzichtete auf die gefährlichen Getränke, die ihm in der Bar kredenzt wurden, und trank nur noch Wein; da aber hatte er bald ein Gefühl, als ivürde er unmodern und fetzte feinett Ruf als eleganter Herr aufs Spiel. Eines Abends, an dem er nicht getrunken hatte, begab es sich nun, daß die Vorsehung einen Klubfreund über seinen Weg führte, der so furchtbar betrunken war, daß zwei Polizisten ihn nur mit aller Mühe aufrecht erhalten konnten und ihn einfach zur Polizeiwache führten. Dieses Schauspiel erweckte seinen Ekel, und er verstand mit einem Mal den guten Einfluß, den man einst in Sparta auf junge Trunkenbolde dadurch ausgeübt hatte, daß man ihnen berauschte Heloten zeigte. Das brachte ihn aus einen Einfall, den man durchaus als genial bezeichnen kann. Er ging zu einem Fabrikanten von Kinematographbildern und ließ von ihm die Szene aufnehmen, die er soeben gesehen hatte und in der er nun die Hauptperson darstellte: man sah ihn, wie er in einem schrecklichen Zustand in zerrissenem und beschmutztem Anzuge dahinschwankte oder vielmehr von zwei Polizisten geschleppt und weitergestoßen wurde! Und wenn er nun zu Hause sitzt und ihn die Lust überkommt, irgend wohin zu gehen und etwas zu trinken, wenn er fühlt, daß der alte Trunkenbold in ihm sich
wieder regt, dann sagt er einfach zu seinem Diener: „Lassen Sie den Kinematographen gehen!" Und das Resultat ist großartig: er geht nicht mehr aus, um seinen wahren oder eingebildeten Durst zu löschen, sondern er setzt sich stoisch hin und trinkt eine Tasse Kamillentee
* Ein herzloser Spötter befaßt sich üt einem Pariser Blatte mit dem Toilettenlnxns d er Damen. Danach werden die in Amerika begrilndeten Hochsch'.llen der Mode auch in Europa festen Fuß fassen, und ein ganzes Heer von Toilettenkünstlerinnen werden in diesen Instituten ausgebildet werden. Man hat sich diese Modeschulen ähnlich vorzustellen wie die Konservatorien der Schauspielkunst oder Musik mit alljährlichen Wettbewerben und Preisverteilunaen. Die Rue de la Paix, auf der heute die großen Pariser Modesalons liegen, wird die vielen Schneidergeschäfte nicht mehr fassen können, und endlos wird sich über die Seine herüber, über die Tuilerien hin ein ganzes Stadtviertel des Luxus und der Eleganz erstrecken. Die Preise werden märchenhaft fein; ein einfaches Kostiim 1000 Fr., ein billiger Hnt 500 Fr. Die Beschäftigung aller eleganten Damen wird nur noch in An- und Ausziehen bestehen. Heute kleidet man sich ja schon vormittags zweimal um und nachmittags dreimal. Da iist es! denn nur noch ein Schritt, daß man nicht den ganzen Abend int Theater in einer Toilette sitzen will, sondern sich in mehreren. Kostümen zeigen muß. Nach jedem Akte ziehen sich die Damen nm; die Länge der Pausen und die höchste Vervollkommnung der Technik des Anziehens gestatten das. Selbstverständlich ist es auch, daß man, wenn man an einem Abend mehrere Gesellschaften besucht, bei jedem Fest in einer anderen Toilette erscheint. Zu jeder Toilette gehört natürlich eine vollständige Garnitur von Unterröcken, Strümpfen, Schirmen, Hüten usw. Man hat zu jedem Kleid sogar zwei bis drei Hüte, die man am besten bei de'r Spazierfahrt öfters wechselt. Zn diesem Behnfe hat die Modedame von morgen eine Auswahl von Hüten unter dem Sitz ihres Wagens, so daß sie nach der jeweiligen Stimmung und Laune bei jedem Besuch, den sie macht, in einem andern Hute erscheinen kann. Das Innere des Wagens ist mit allem Komfort eines Bondoirs ausgestattet,' mit Spiegeln, Necessaires, Puder, Schminke usw., eilt Einfall, in dem die Pariserin der Zukunft allerdings nur ihre Ahnen der Rokokozeit nachahmt. Kurzum, nach der felsenfesten Ueber- zeuguug unseres ahnungsreichen Franzosen, werden die Extravaganzen der Mode noch viel toller nnd übertriebener werden, und bald wird die Zeit kommen, da die „Herren der Schöpfung" sehnsüchtig an die gute alte Zeit zurückdenken werden, da eine Dame sich mit zehn Hüten nnd drei Toiletten an einem Tage begnügte.
* Bauernregeln für den Monat Juli: Hundstage hell und klar, zeigen an ein gutes Jahr; werden Regen sie bereiten, kommen nicht die besten Zeiten. Reißt die Spinne ihr Retz entzwei, kommt ein Regen bald herbei. Im Juli muß vor Hitze braten, was im September soll geraten. Peter und Paul recht klar, gibt ein gutes Jahr. Wird der Juli trocken sein, kannst du hoffen auf guten Wein. Wer nicht geht mit dem Rechen, wenn die Fliegen und Bremsen stechen, muß im Winter gehn mit dem Strohseil und fragen:,, Hat jemand Heu feil?" Wie das Wetter am Siebenbrüdertag (10,), so soll es sieben Wochen bleiben. Wenn am Annatag (26.) die Ameisen aufwersen, so soll ein strenger Winter folgen. Wechselt im Juli stets Regen und Sonnenschein, so wird im nächsten Jahr die Ernte reichlich sein.
Literarisches.
— Zell, Dr. Th., Straußcnpolitik. (Neue Tier-t fabeln.) Verlag des „Kosmos!", Gesellschaft der Naturfreunde, (Geschäftsstelle: Frankh'sche Verlagshandlung) Stuttgart. Preis. 1 Mk. — Als vor drei Jahren Dr. Zell sein Buch herausgab „Ist das Tier unvernünftig?", erregten die darin ausgesprochenen neuen und eigenartigen Ansichten Aufsehen und erfuhren aus Gelehrtenkreiseil teilweise sehr heftige Angriffe. Dr. Zell hat seither weiter sich bestrebt, die manchem unbegreiflich erscheinenden Handlungen der Tiere aus natürlichen Ursachen abzuleiten. Rücksichtslos wird dabei mit alteingewnrzelten Vorurteilen aufgeräumt und der herrschenden Meinung entgegengetreten, die entweder in den Tieren nur vernunftlose Reflexmaschinen erblicken will, ober an ihre seelischen Funktionen den menschlichen Maßstab anlegt. Ob Dr. Zell über die „angebliche Nervosität mancher Tiere" plaudert oder die Fragen untersucht: „Schämen sich die Tiere?" „Sind Tiere der Verstellung fähig?" „Gibt es Tiere, die sich spiegeln?" rc.: stets weiß er den Leser zu fesseln und anzuregen.
Logogriph.
Mit i hält's schwer, es zu erweichen, Mit r kann es kein Mensch erreichen.
Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung des Scherzrätsels in voriger Nummer r Brüderschaft.
Redaktion: Ernst Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schsn UniversttätS-Buch- und Strindrucksret. R, Langs, Gießen,


