— 387 •**
BoMkrmdttches aus dem Kreise Gießen.
Die „Hessischen Blätter f ü r Volkskunde" (BandVI- Heit 1) bringen solgende kleine Mitteilungen aus der Feder des A b g. Köhler-Langsdorf, die in oberhessischen Kreise«: Vieler Interesse erwecken dürsten.
Volkskundliche Nachlese aus Langsdorf und nm Langsdorf herum.
Es ist meine Meinung, daß die Volkskunde mehr wie jede andere Wissenschaft der Mil hülfe auch der Ungebildeten und der sog. Halbgebildeten insbesondere nicht entbehren könne, Diese untersten und mittleren Schichten der Bevölkerung sind es, die treuer als die oberen und obersten altes Volksgut in Sprache, Sitten und Gebräuchen bewahrt haben. Mag es auch nur verstümmelt unter ihnen weiterleben und dauern, dem wissenschaftlich ausgerüsteten Forscher, dem aber dabei ein feines Gefühl für die Regungen der Volksseele innewohnen nmß, ist es zumeist möglich, es lebensvoll zurückzugestalten.--
Nachfolgende kleine Beiträge, die ich bei Gelegenheit ergänzen möchte, habe ich so fast ohne Suchen gefunden. Sie erscheinen hier unbeschwert von wissenschaftlicher Kommentierung, und sollen in diesen Blättern nur einfach verzeichnet stehen zur freie«: Verfügung aller, die irgei:d Interesse an ihnen nehme«:, hier aufbewahrt, gleichsam wie i«: einem Archiv, für die wissenschaftliche Volkskunde.
Ich möchte wünschen, daß viele mit volkskundlichen Beiträgen aus der Heimat nur folger: möchten:
1. Abzählreim. So spricht die Großmutter zu Bettenha u s e«:, wenn sie an de«: Fingerchen des kleine«: Kiirdleins abzählt, aushörend mit den: 5. (kleinen) Fingerlein:
„Pinkenählche
Schlug sein Zeltche
Heben: Rhein,
Wu die vier Canallje sei::. Vier Canallje backe Brudt, Schmeiß' die ahle Bauer«: dicht.
«Von hier ab ganz Alte Frau giirg in' Garten, hochdeutsch) Wollte Ivelsche Hinkel lacken:
Gibbig, gabbig, gu«:,
Wir woll'n dem kleine«: Kindelei«:
Sein Fingerlein abtun.
2. Die Schlottenhäger (siehe „Hess. Blätter für Volkskunde", Band I, S. 137 ff.).
Der zu Nön uenroth an: 26. März 1819 geborene, zu Langsdorf wohichafte Gastwnt Marti«: Trapp machte über das einstige „Schlottenhaagen" zu Noimenroth folgende Angaben:
a) Die Schlottenhäger wurden ernennt alljährig auf ersten Ostertag, und zwar immer auf der Frohniviefe «:ahe beim Dorfe.
b) An diesem Tag wurde«: sämtliche Schüler zu Nonnenroth am oberen Ende dieser Wiese i«: langer Reihe aufgestellt, die Gesichter nach den: untere«: Ende der Wiese gerichtet. , Es wäre«: „die drei erste Lent", «vie Trapp sagt, Kirchenvorstände und Gemeinderäte, die solche Aufstellung zi« bewirken hatte«:.
e) Dann stellten die „alte«: Männer" unten in der Wiese sich auf, und einer vo«: ihne«: gab der barfüßigen Schar mit seinen: Zylinderhute eine«: Win? zu wildem Wettlauf die Wiese herab. Dem: diese ehrbaren Männer «nutzten im Sonntagsstaat erscheinen, das «vürdige Haupt mit «nächtigein Zylinder geschmückt.
ä) Auf den gegebene«: Wink setzte die gesamte Schuljugend sich i«: rasende«: Sauf, und je nach ihren: Eintreffe«: am Ziel erhielte«: die Bube«: folgende Aemter und Titel:
1. Ober-Scholtheß (Ober-Schultheiß),
2. Unter-Scholtheß,
3. Schlottenhääger,
4. Rächer,
5. Pack-an,
6. Kncheufreffer,
7. Schollenhipper,
8. u. f. sind «ücht mehr bekannt.
Der letzte hieß „Veast" (das bedeutet „Stinker", daher das Wort „Stink-Veast", d. i. stinkige Lunte).
e) Der Wettlauf hieß das „Veast-Lausen".
f) Am „letzte«: Ostertag" wurde ei«: von: Bürgermeister näher bezeichnetes Weidestück (es war immer dies eine) von den obigen Würdenträger«: mit Hegwische«: rings umsteckt, und mitte«: in der Wiese drin wurde aus hoher Stange der dickste dieser Wische „ausgehitzt".
Dieses Weidestück durste vor Pfingsten nicht beweidet werde«:.
g) An bei: drei Pfingsttage«: wurde „geschlottet". Die „Schlotte" hatte diefe Gestalt: .................(--===. Sie war aus einen: Stück
Buchenholz gefertigt. Nur die Bube«: aus der Schülerzahl durste«: „geschlottet" werden, aber auch solche, die «na«: zu überwältige«: sich getraute.
h) Wen«: einer gefchlottet werden sollte, so faßte auf bei: Ruf des Schlottenhäägers der „Pack-ai:" den arme«: Sünder und ries dem „Rüther" die Frage zu:
»Schlottmooß,
Monnmooß, Gerschtestrerch: Wäi vill soll ich em geawive?"
Darauf bestimmte der „Räther" dieAnzahl der zu verabreichende«: Streiche.
i) Der Ober-Scholtheß war der Oberanführer, er ordnete alles an: ob Emer „geschlottet" werde::, ob Einer „Schollenhippen" sollte u. dgl. ««:.
k) Mädchen, die mit kuchengeiülltei: Taschen auf die Wiese kamen, wurde«: auf Befehl des Ober-Scholtheß von: „Pack-an" gefaßt und ihrer Vorräte beraubt.
1) All diesem Beginnen aber ging ein Zug der Schlottenhääger durch Dorf und Wiese«: voraus.
Der „Veast" ging hinterher. Meist «var es der Herne, arme Dorsbub. Er ging hinterher und mußte zusehen, daß keiner zurückbleibe. Beim letztemnal, im Jahre 1829, da war dies der kleine und arme Marti«: Trapp, des Ortsdieners Sohn, den: «vir diese letzte Kunde verdanken.
Der Herne Schelm, auf dem Kopse trug er einen mächtigen Zylinderhut, ein lang nachschleifender blauer Frack mit gelben Meffingknöpfe«: und ein mächtiggroßer, mit silberne«: Knopf gezierter Schultheißenstock vervollständigten de«: trefflichen Anzug, lieber Schultern, Rücken und Brust trug er seines Amtes eigentliches Auszeichen: ein Lederband mit Meffingneffel«: und mit roten und allerlei farbigen Bändern geziert.
m) Bevor aber der Zug an: 1. Pfingsttag begann, zogen sie zu«n Bürgermeister. Dieser stellte eine Anweisung auf die Ge- meindekaffe ans, und die ganze Gesellschaft nah««: 45 Kreuzer als Belohnung für die vorhin erwähnte Weidenhegung in Empfang.
Um das Jahr 1830 wurde das Schlottenhaagen zu Nonneu- roth durch bei: Lehrer Nürnberger abgestellt.
3. Der blaue«: Farbe «vurbe früher in B e t t e n h a u s e «r und i«: Langsdorf wunderbare Heilkraft zugeschrieben:
a) Wenn jemand krank wurde, so durste er nicht anders als unter einer Bettdecke vo«: blau-gedruckter Leinwand liegen: anderes Zeug (Kattune und andersfarbiges) „zieht Miß" (Schlagflüffe, Krämpfe re.) nach sich.
b) Wenn jemand sich gestoßen oder sonstwie Beulen davon- getrage«: hatte, so müßte die verletzte Stelle mit einer blauen Schürze gedrückt (massiert) werden.
c) Gegen Halsweh wurde «vähre«:d der Nacht der Hals mit einen: blaue«: Strumpf, und zivar mit den: Strumpfe vom linken Bein umwunden.*)
*) Derselbe Glaube wird uns für die Gegend vo«: Echzell in der Wetterau bezeugt: Auf entzündete Stellen und Geschwülste wird eine neue, blaugefärbte, leinene Schürze gebunden. Auch die Kamillensäckchen macht n:a>: dort aus blauen: Seinen. Weitere Belege für die Vorstellung der Heilkraft der blauen Farbe gibt Rochholz, Deutscher Glaube und Brauch II, 275; vgl. auch K. Bartsch, Sagen, Märchen und Gebräuche aus Mecklenburg II, 435, Nr. 2016. Nach Wuttke, Der deutsche Volksaberglaube 3 § 537 schützt man in Mecklenburg die Kinder von Bräune durch einen um bei: Hals gebundenen blauen Wollfaden, nach § 581 bindet man in Thüringen das Türschloß der Wochenstube mit einen: blauen Schürze nband zu. sD. R.s
Landwirtschaft am Meeresftrand.
Zu den bekanntesten Pflanzen unseres Seestrandes gehört der Strandhafer, der eine ganz außerordentlich große Bedeutung für die Festlegung der Dünen gewonnen hat. Wenn es mit der Zeit sicher gelingen wird, sämtliche Dünen unserer Nehrungen uttd Küsten, nachdem sie im Verlauf der Jahrhunderte manches Unheil ungerichtet und manches Haus und sogar ganze Dörfer verschlungen haben, zum endgültigen Stillstand zu bringen, so wird das nicht zum wenigsten den ausgezeichneten Eigenschaften des Strandhafers zu verdanken sein. Im übrigen hat der Strandhafer mit Bezug auf feine Verwertung mit den: eigentlichen Hafer recht wenig zu tun. Er gehört auch nicht zu dessen Gattung Arena, sondern zu einer besonderen Gattung Ely- mus mit dem Artnameu arenaris, der seinen Wohnort auf Sandboden anzeigt. Nur in außerordentlich armen Gegenden, z. B. in Island, hat man versucht, mit dem Strandhafer auch eine Art von Landwirtschaft zu treiben und seine Samenkörner als Ersatz für Getreide zu gebrauchen. Mehr einwandfrei ist schon die Verwertung junger Halme des Strandhafers als Futter für Rinder und Schafe. Nun hat aber der Strandhafer noch einen Genossen in einer Strauderbse, aus der sich vielleicht etwas mehr machen ließe und die überhaupt ein interessantes Gewächs zu sein scheint. Der Landwirtschaftsoberlehrer G. Becker entdeckte auf der Nehrung von Hela vor einiger Zeit eine Pflanze aus der Familie der Leguminosen, die er bisher noch niemals gesehen und auch auf vielen Wanderungen am Strand der Ostsee und auf den Dünen der Kurischen Nehrung noch nirgends getroffen hatte. Er fand sie in botanischen Werken allerdings mit ihrem Standort bei Hela verzeichnet, aber


