Ausgabe 
5.7.1907
 
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Wie beschämt neigte sie ein wenig den zierlichen Kbps, sodaß die dicken Straußenfedern fast ihr rosiges Ohr verhüllten.

Mein Himmel, liebster Baron, ich bescheide mich ja. Aber," ein leichter, beinah erstaunter Seufzer,wie man sich doch irren kann. So diachte ich, beispielsweise, anfänglich, es sei heute der erste diesjährige Schlittschuhlanfversuch Ihrer Fräulein Braut. Km hörte ich aber vorhin, daß der Rittmeister von Uchdorf von der rühmlichst bekannten Gewandtheit der Baroneß sprach. Sie lief also doch schon öfter in diesem Winter?"

Raffinierter und geschickter hätte Fredine den Pfeil der Eifer­sucht gar nicht abschießen können, wußte sie doch ebensogut wie Beltlingen, daß Dagmar am heutigen Tage zum erstenmal die blanken Stahlläufc in diesem Winter angelegt hatte.

Mit wahrem Hochgenuß sah die Gräfin, wie gut fie ins Schwarze getroffen hatte. Tenn ivenn Beltlingen sich auch alle erdenkliche Mühe gab, von dem Sturm nichts merken zu lassen, den ihre Bemerkungen in ihm erregten, so war das bei einer so scharfen Beobachterin, wie Fredine sie in diesem Augenblick abgab, ein vergebliches Bemühen, obgleich es seinen krampfhaften Anstrengungen gelang, ihr mit leidlicher Haltung ein kurzes: Uchdorf hatte vermutlich schon in Kameradenkreisen von Tagmars Kunst gehört" entgegen zu setzen.

Im Herzen triumphierend, anscheinend jedoch höchst 'unbe­fangen, trat die Gräfin unauffällig zurück, grade in dem Augen­blick, als Tlagmar und Uchdorf, mitten im schnellsten Lauf, wie angewachsen vor der Tribüne stehen blieben. Schon von Weitem z rief der Herzog gespannt:

Nun, Baroneß, wie geht es? Werden Sie uns jetzt ein kleines Extravergnügen bereiten?"

Wenn Hoheit meine, für dieses Jahr ungeübten Leistungen gnädigst nachsichtig beurteilen wollen!"

Wie von einem Peitschenhieb getroffen war Beltlingen bei Dagmars Worten zusammeugezuckt. Da bestätigte sie ihm- ja ahnungslos das, was die Lindström ihm vorhin weit mehr durch ihr Lächeln als durch die Worte anzudeuten wagte.

Wie Schuppen fiel es ihm von den Augen. Natürlich, so war es! Uchdorfs wegen wollte Dagmar nicht am Preislaufen teilnehmen. Darum weigerte sie sich. Glied um Glied fügte die geschäftige Eifersucht an die Sette von Beweisen, welche er jetzt für seinen Verdacht zu haben meinte. Mit zornigen Blicken sah er auf das Paar, dessen geschicktes Laufen allerdings einen herr­lichen Anblick bot

Tas wiar ein Schweben und Gleiten, ein Suchen und Haschen, wie es gewandter und graziöser nicht gedacht werden konnte. Und dabei wurden alle die zahllosen Drehungen und Schleifen so .exakt und mit solcher spielenden Leichtigkeit ausgeführt, daß mehr als einmal ein lautes Bravo des Herzogs erschallte.

Zu jeder anderen Zeit würde Beltlingen sich höchst wohlgefällig an den bewundernden Bemerkungen über Dagmar gesonnt haben, augenscheinlich saß jedoch der Stachel der Eifersucht viel zu tief in seinem mißtrauischen Gemüt. Langsam, sehr langsam fühlte er, endlich seine Selbstbeherrschung wiederkehren, -aber die eifer­süchtigen Bernnitung-en zogen doch noch ab und an durch seine Seele.

Ausblickend gewahrte er plötzlich Foedines spöttische Augen, die sie lauernd -auf ihn gerichtet hatte. Ta glaubte er auf einmal alles zu verstehen. Wh, wie konnte er nur so töricht sein, etwas auf die Reden der Lindström zu geben. Die Freude hätte ev ihr nicht machen sollen! Ein Glück, daß Dagmar nichts von dieser eifersüchtigen Regung ahnte. Aber die war jetzt vorbei, endgültig vorbei. Siegesgewiß hob er den Kvps, aber eine feine Falte war doch noch auf seiner Stirn.

Wie versteckte Eifersucht," dachte Fredine triumphierend, wäh- rend sie sich mit verdoppelter Herzlichkeit an Jolanthe wandte. In dem gleichen Augenblick brach ein wphrer Beifallssturm über die beiden Schlittschuhläufer herein.

Am begeistertsten zeigte sich der Herzog, der kein Ende finden koimte, Dagmar immer von neuem seiner staunenden Bewunderung zu versichern, sehr zum Mißfallen des Grafen Rehnen, der höchst. unzeremoniell eüoas vonunvorsichtigem Enthusiasmus" in seinen herabhängenden Schnurrbart brummte. Aergerlich stampfte er neben seiner Gattin die Tribünentreppe herunter, gls sich die hohen Hevrschtaften endlich nach Hause begeben hatten.

Etwa eine Stunde, später kehrte Beltlingen mit seiner Braut von der Spazierfahrt zurück, welche sie auf Tagmars Bitten noch Unternommen hatten. Es dämmerte bereits stark, als der Baron «cdlich den Befehl zur Heimfahrt gegeben Hatte, auf welchen Franz schon längst schnsüchttg lauerte.

Es war doch eigentlich «in ganz verkehrter Einfall von der Gnädigen, bloß weil die Schlittenbahn so schön war, noch stunden-- Wtg durch den dichtverschneitenschweigenden" Wald zu fahren. Er

begriff einfach gar nicht, was sie an derglitzernden Schneepracht" fand. Ihm itfar es höchst langweilig, steif wie ein Ladestock neben Heinrich auf den: Bock sitzen zu müssen. Und von dem. was sich die Herrschaften erzählten, verstand er auf einmal auch nichts mehr. Tiefes vermaledeite Englisch! Wenn's noch italienisch gewesen wäre. Das hatte er damals bei Prinzen Contarini weg­gekriegt, ebenso wiv das Französische, aber englisch? Da half kein -Ohrenspitzen. Das sah er aber doch mit einem halben Blick, daß sein Herr den pelzgefütterten Handschuh von der schlanken, Weißen Hand der Baroneß streifte, um sie dann lange und in­brünstig an die Lippen zu ziehen.

Freilich konnte Franz nicht wissen, daß dies nur der Ausdruck des Dankes für Dagmars Bemerkung war, wie peinlich ihr das Schlittschuhlaufen vorhin gewesen sei und wieviel schöner sie diese gemütliche Waldfahrt zn zweien fände.

Hab' Tank, Dagmar, für dieses gute Wort," hatte der Baron leidenschaftlich entgegnet, während seine Lippen sich immer wieder auf ihre edelgeformten Hände preßten.Nur noch acht Tage Gottlob, daß es nicht länger ist . . ."

Einen Augenblick hatte Tiagmar unwillkürlich das Gefühl, sie möchte sich in die äußerste Ecke des Schlittens verkriechen. Sie fürchtete sich plötzlich vor der Glut, die sie aus Beltlingens Worten anwehte, aber dann hatte sie sich gefaßt. Sauft erwiderte sie den Truck seiner Hand, duldete sie, daß er näher zu ihr- hinrückte, indem er seinen Arm stützend in ihren Rücken legte.

Ein eigentümliches Gefühl überkam sie dabei, wie ein leiser, magnetischer Sttvm glitt es durch ihren Körper. Sonderbar ge­hoben fühlte sie sich plötzlich von der Leidenschaft, die Magnus für sie zu empfinden schien, und mit dem Bewußtsein, dieser! seiner Leidenschaft, kam ihr gleichzeitig jäh und überraschend: das Gefühl der Macht, die sie über diesen Mann ausüben konnte/ wenn sie wollt«. Urplötzlich war das Weib in ihr erwacht!

Es lockte und drängte sie förmlich, zu erprobe::, ob das, was! da ebenso blitzschnell vor ihr austauchte, nur in ihrer Phantasie bestand oder nicht. Und aus diesen: Gedanken heraus sagte sie plötzlich mit einer ihr sonst fremde:: Kvketterie:

Bitte, Magnus, der Wind ist so scharf. Wir wollen deck Schirm ausspannen," und als der Karnmerherr sofort dienstbe­flissen den Schirin öffnete, hielt sie ihn sehr geschickt so, daß weder der-Kutscher noch Diener! bemerken tonnten, wie sie sich schenr- bar vor den: Wind duckend, ihr lächelndes Antlitz zu ihrem Verlobten hinbog:Ah, hier ist gut sein."

Statt aller Antwort zog Beltlingen sie ganz nahe' zn sich heran. Heiß und dürstend preßten sich seine welken Lippen auf ihren Mund in stummer und doch so beredter Sprache. Wie betäubt schloß Tagmjar sekundenlang die Augen, erschauernd seine Küsse duldend.

Ter Kammerherr war in glänzender Laune. Zwar mißfiel ihm ein wenig, daß seine B-rsiut ihn bat, sie für den Rest des Tages zu entschuldigen, sie müsse sich durchaus für morgen ruhe,:, das schelmische Lächeln und der! willig dargebotene Mund versöhnten ihn jedoch rasch wieder. Höchst befriedigt lehnte er sich in den Schlitten zurück, der ihn pfeilgeschwind nach Hause brachte.

Nachdenklich stieg währenddessen die Baroneß zu ihrer Woh­nung empor, wo Anna ihr geschäftig die Sachen abnahm. Sie berichtete, daß Fpau von Borgwardt dagewesen sei und ein Paket zurückgelassen hcrbe. Auch hätte sie einige Worte auf einen Zettel geschrieben. Es läge alles iauf dem Schreibtisch.

Dagmar nickte gleichmütig. Das würde sie nachher ansehen. Jetzt war sie zu müde dazu. Schweigend ließ sie sich in den weißen, flauschigen Morgenrock hüllen. Wie -behaglich das war! Sie kuschelte sich unwillkürlich tiefer in den bequemen Amerikaner, der gleich den: Teetischchen vor den: Kamin stand, in welchem ein! Helles Hvlzfeuer knisterte und flammte.

Träumerisch sah Dagmar in dis rote Glut, während die Jungfer, geräuschlos eine Platte mit Sandwiches, Biskuit, Butter und Gelee, nebst einem Kvrb mit kandierten Früchte:: auf das ziemliche Tischchen stellte, von dem der frisch bereitete Tee gav verführerisch hevüberduftete.

Soll ich eingießen?"

Tie Baroneß nickte.

>,Und bann können Sie gehen."

Leise entfernte sich das Mädchen.

Noch immer saß Djagmar und schabte, ohne sich zu rühren, in die wte Glut. Ein leichtes Lächeln spielte um ihre Lippen. Sie dachte !an die Schlittenfahrt . . . Und wieder spürte sie dieses sonderbare Triumphgefühl, Has sie Vvvhin wie einen leisen, prickeln- den Reiz empfunden hatte. Sie richtete sich plötzlich ungestüm m:f. Ein ganz neuer, eigewarttger Ausdruck lag auf ihren sonst sh Allen, ruhigen Zügen.

(Fortsetzung folgt.)