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Aber Sylvia hört sie nicht mehr. Sie hat schon Hut und Umhang genommen und ist die Treppe hinuntergegangen.
„Poveriua!" murmelt die gutmütige Kleine, „er ist gewiß ihr Liebster gewesen."
Sylvia fliegt jetzt die kleine Straße hinunter, sie kennt ja das Hans, in dem er wohnt. Die Tür steht offen, schwatzende, neugierige Gruppen füllen den Flnr. Sie achtet ans niemand, und niemand achtet auf sie. (Sins1, zwei Treppen, da steht sein Name an der Tür, auch die Tür ist nur angelehut, und drinnen keine Menschcnseele. Aber daneben — das Gemach ist halb dunkel, sie hört ein Stöhnen, einen schweren Atem, — es flimmert vor ihren Augen — bewegen sich da nicht Gestalten — geräuschlos, gespenstisch. Sie weiß nicht mehr, was sie tut, sie stürzt vorwärts, in das unheimliche, dämmerige Gemach hinein, jetzt sieht sie eine Gestalt auf einem Lager hingestreckt, sie faßt die Bettkante, die Decke, die Linnen, sie beugt sich vor — „Roderich! Roderich!"
Es ist nur noch ein wimmernder Wehlaut, der sich aus ihrer Kehle drängt, sie erfaßt eine fieberheiße Hand, nnb ihr Haupt sinkt auf das Kissen des Todwunden. Der öffnet die schon geschlossenen Augen, und tastet irre mit der Hand nach dem Lockenhaupt an seiner Seite. Dann richtet er sich auf mit einer neubelebten Krast.
„Sylvia!" Das Wort kommt lant und vernehmlich aus der röchelnden Brust. „Sylvia! Du — du bist da." Er sinkt zurück, kraftlos, unfähig zunr Leben.
Sie flüstert an seinem Ohr, sie hat die Arme um seinen Hals geschlungen, sie küßt seine Stirn, seinen Mund, der erkältende Hauch des Todes legt sich schon darüber, sie weiß es nicht, sie fühlt es nicht, sie denkt nichts, als daß sie bei ihm ist, den sie nie aufgehört hat zu lieben.
Und wie Musik der himmlischen Sphären klingt ihm ihre Stimme — abgebrochene Worte fallen noch von seinen Lippen.
„Begnadigung — zu spät zum Glück, zunr Leben — die Unselige Tat — Sylvia — könnte ich — jetzt —, o! Ich Ivars es nicht wert — zu leben —"
Sie richtet sich auf, ihre Augen sehen seine Züge Heller, sie hat sich an das Dunkel gewöhnt, zwei Gestalten, die am Lager standen, sind leise hinausgegangen, ihr kommt das Be- wußtseiil der Wirklichkeit zurück. Er stirbt — sie hat ihn ge- funben, nur um ihn sterben zu sehen. Und vor ihr steht das Bild, das sie so lange festgehalten und so oft geträumt — sie auf dem Gipfel des Ruhmes, er zu ihren Füßen. Jetzt liegt er da zu ihren Füßen, stammelt mit sterbender Zunge Liebe — wie sind sie beide so arm, so arm geworden, bis sie sich fanden.
„Roderich! Ich sterbe mit dir — laß uns zusammen hinübergehen — v! welch eine Wonne zu sterben!"
Seine erkaltende Hand tastet nach ihrem Scheitel.
„Nicht sterben — leben —" haucht er, „sterben ist furchtbar, wenn eigene Hand — den Faden abschnitt — da — meine letzten Worte — an dich — meine letzten Gedanken — für dich."
Sie biegt den Kopf bergend in seinen Kissen nnd schluchzt. Zeit und Wirklichkeit sind für sie versunken. Da berührt jemand ihre Schulter. Sie taumelt empor, sie wendet ihr verheertes Gesicht dem Störer zu, Paul Hendrichs steht hinter ihr.
„Kommen Sie," sagt er, „es ist vorüber."
Und als sie sich jäh ausrichtet, sieht sie den zweiten! fremden Mann am «nbern Ende des Lagers stehen und sich über den still und starr Daliegenden beugen. — der Arzt — der den Stillstand des Herzschlags konstatiert.
Paul faßt sie in seine Arme und trägt sie Won dem Toten fort, ihre Füße tragen sie auch nicht — „sterben — o, sterben—" Murmelt sie halb irr.
„Armes Kind!" sagt Paul leise — „also ihn haben Sie geliebt. Wie erfuhren Sie es?"
Er hat sie auf das Sofa im ersten Zimmer gebracht, sie Hält die Hände int Schoß gefaltet und starrt vor sich hin,
„Ich weiß es nicht," sagt sie, „er ist tot."
Paul sieht in tiefem Mitleid auf sie herab, ihn hat lange nicht etwas so ergriffen, als diese Szene am Totenbett. Welch ein Rätsel — die beiden Menschen, denen zu ihrer Bereinigung glles bequem lag — weit, weit von einander gingen sie in die Irre, um sich so — zu spät — zu finden.
Sie sitzt so regungslos, er wagt sie nicht zu stören, er flüstert noch mit dem Arzt, der fortgehen will, und die Zeit verstreicht. Vater und Schwester des Toten werden jeden Augenblick erwartet. Sie finden ihn nun nicht mehr am Leben.
Wenn sie aber Sylvia hier finden — gerade in dieser Stunde - wird" es nicht für beide Teile zu viel?
Mul ist zum erstenmal in seinem Leben verlegen, ratlos,
verwirrt. Roderichs Wirtin hat, als die Tat geschehen und ihr Mieter schwer verwundet in seinem Zimmer gesunden ivarb, zu ihm gesandt, lueit sie ihn öfter mit Roderich gesehen.
Er hat seitdem furchtbare Tage mit dem Unglücklichen verlebt.
Die unsichere Hand, tvelche gefehlt und nicht sicher getroffen, hatte ihm Zeit gelassen, nachzudenken über sein Leben, über seine Tat, qualvolles Leiden des Körpers gesellte sich zu den Stacheln der Reue. Hier half auch keine Philosophie über das Elend des verpfuschten Menschentums hinweg.
Paul hat sofort Villatte benachrichtigt, der die Telegramms nach Dresden abskndte; Erna und der Vater können heute Morgen mit dem Expreßzug eintreffen, Villatte ist zur Bahn gegangen.
„Kommen Sie," sagt Paul jetzt noch einmal, „fassen Sie sich, Sylvia, es war schön, daß Sie ihn noch lebend sahen> Sie wurden ihm zum barmherzigen Engel. Jetzt will ich Sie zu Ihrer Mutter führen."
„Zu meiner Mutter?" Sylvia fährt wild auf, das Leben, ihr Leben wacht ihr tvieder auf. „O, nicht zur Mutter," ruft sie, „lassen Sie mich sterben, o, lassen Sie mich sterben!"
Paul, der große Meuschenkenner, versteht sie und ih« Empfinden, ihre Augen funkeln so unheimlich in irrem Licht, durch seinen Köpf ziehen allerlei Gedanken. Wie ist sie aus den Schlingen, die sie umsponnen haben, zu lösen? Diese Mutter mit ihren Rechten ist das Schliuuuste.
Tie bei ihm ganz ungewöhnliche Anteilnahme an diesem fremden Leben hat ihn beinahe vergessen lassen, was bevorsteht/
Ta hört er leise Stimmen vor der Tür, sie wird geöffnet,: ein alter Herr mit weißem Haar und eine schlanke Mädchens gestalt treten über die Schwelle.
Er eilt ihnen entgegen, er müß sie vorbereiten, sie hoffen! ja den Sohn und Bruder noch lebend anzutreffen. Villatte steht hinter ihnen mit blafseui, verstörtem Gesicht. Ihm ist die schreckliche Aufgabe geworden, das Traurigste schon zu be-. richten.
„Fassen Sie sich, gehen Sie noch nicht hinein, vor einer! Viertelstunde —“ sagt Paul stockend, — ihn jammert der alte, gebrochene Mann.
„Er ist tot," ergänzt der Klommerzieurat, „mein Roderich, mein Einziger, tot — ich wußte es." Er bricht zusammen! unter der Wucht der Gewißheit; Villatte und Erna stützen ihn,: Paul schiebt einen Sessel herbei.
Sylvia hat sich aufgerichtet, als die drei eingetreten sind/ Sie faßt an ihren Kopf, ist dies alles Traum — wüster, chaotischer Traum — sie starrt hinüber zu der Gruppe, die ihrer nicht achtet, sie hebt langsane die Füße wie im Schlaf und tut ein paar Schritte vorwärts.
„Erna!"
(Fortsetzung folgt.)
Km Anchliugsfcst in Schwkhmgett war — so schreibt uns ein Festteilnehmer — das Stichwort für die diesjährige Generalversammlung des Verbandes der Kunstfreunde in den Ländern am Rhein, die am 26. Mai in Mannheim abgehalten wurde, in der Stadt, die nach wechselvollen Geschicken, nach fast völliger Zerstörung zu üppiger Blüte sich entfaltet hat.
Das Gebiet, auf dem sich die eigentliche Stadt ansbreitelp bildet einen spitzen Winkel zwischen Rhein und Neckar. Diesem! günstigen Umstande und der vorteilhaften zeiriralen Sage in Wests deutschland hat die Stadt den mächtigen Aufschwung, die Ent-, stehung gewaltiger Fabriken, großer Hafenanlagen und des Freis Hafens zu verdanke». Mau sieyt der Stadt ihre Wohlhabenheit an, man empfindet cs aber auch sehr angenehni, daß die Bewohner! dieses bedeutenden Jndustrieplatzes nicht im Materialismus aufs gehen, sondern in richtiger Weise große Summen für die Vers schönerung der Stadt und s r geistige Interessen opfern.
Mannheim wurde 1720 kurpfälzische Residenz und blieb es 58 Jahre. Die prachtliebenden Kurfürsten lebten in prunkvoller Ueppigkeit, zogen Künstler und Gelehrte von anderen Höfen an1 sich. Noch manches schöne Denkmal aus jener Zeit, namentlich das Schloß selbst, ziert die Stadt. Aber die Neuzeit hat iHv das Gepräge aufgedrückt. Wie die Mannheimer im Schulwesen!' Reformen praktisch durchführen, so haben sie zur Errichtung öffeuts kicher Bauten, zu denen ihnen die Mittel teils von freigebigen! Bürgern zur Verfügung gestellt sind, erste Künstler herangezogem
Nördlich vom Schlosse breitet sich die regelmäßig gebautes Stadt aus, halbkreisförmig von breiten Ringstraßen umgeben,! westlich durch Rhein und Hafenanlagen begrenzt. IM Ostest schließt sich das vornehme Villenviertel an, zu dem der am Kaiferring gelegene schöne Friedrichsplatz und dessen Berlänges rung, die Augusta-Anlage, sozusagen den Eingang bilden. ,DeL Friedrichsplatz weckt unser ganzes Interesse wegen seiner schönest


