Mittwoch den Z>- Juni
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Dem Irrlicht nach.
Roman von Alexander Römer.
Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
TaL goldene Abendlicht umstrahlt auch Sylvias Scheitel, der schwarze, um ihr Haupt geschlungene Schleier macht ihr Gesicht noch magerer und schmaler; Roderichs' Augen sehen sie Verzerrt. ,,, . , „ .
Sylvia! Sylvia! JNr schwarzen Nonnenschleter, eine Bet- schlvester, und hinter ihr der Wüstling, der auf seine Beute lauert! Hier, in dem schönen Italien Patzt das vortrefflich zusammen. „ ,
Wieder will sich das Hohnlachen der Verzweiflung auf seine Lippen drängen, die Kirchenmauern halten es zurück.
Sylvia! Sylvia! Tie süße, lebensprühende Sylvia, die sich einst in leidenschaftlicher Hingabe in seine Arme warf, die ist ja auch längst hot — voll ihm, von ihm gemordet. Jählings, als kündete die Posaune des jüngsten Gerichts ihm sein Urteil, überkommt ihn das Bewußtsein seiner Schuld, dessen, was er an ihr gesündigt in seiner Selbstherrlichkeit nnd seinem ■ Egoismus. Diese da ist ja nur ihr Schattenbild — gräßlich, gräßlich! Und wie sie, so ist auch er nur noch eine, Ruine, ein jammervoller Rest des ehemaligen Roderich, der die Welt mit seinem Ruhm erfüllen wollte. So werft man doch zu den Toten, lver des Lebens schon verlustig ist. Er schaut noch einmal hinaus in die unvergleichliche Farbenpracht, der Himmel ist wie ein Glutmeer, aus dem die riesige Peterskuppel empov- taucht, links von ihr die Engelsburg.
Für wen alle diese Schönheit, diese Wunder der Schöpfung? Für das armselige Menschengeschlecht? Seine Lippen murmeln noch: Sylvia. Könnte er sie finden, an sich reißen, was soll auch sie noch in der Welt — nur weiter verderbeil. Stand« sie hier an seiner Seite, sie schauten zusanimeit noch einmal htneiii in diese Pracht — zum letztenmal aber sie sind geschieden, getrennt für Zeit und Ewigkeit, denit er hat sie gemordet. ' . ~ .
Langsam geht er nach Hause. Seine Wirtin, Donna Teresa, bewillkommnet ihn auf dem Flur. Ah! Der Signor ist auch Müde, er sieht schlecht aus, sehr schlecht. Er ift ein nobler Mieter, ein guter Zahler, aber sonst wenig sympatico, tut orso
Sie hat so freundlich geknixt, er hat es gar nicht beachtet.
Da steigt er hinauf mit dem schweren, schweren Tritt, es hallt "ordentlich auf den Steinquadern. „Zum letztenmal, zum letztenmal," singt es noch immer in Roderichs Ohr,
19. Kapitel.
Es ist kalt geivvrden, der Februar entwickelt noch rauhe Winde. In dem Kami» des kleinen Salons in der Bia Gre- goriana flackert ein Feuer, die Holzscheite knacken und knistern.
Sylvia sitzt, die F-üße auf den Kvminsims gestutzt, und sitcht ün dem mäßigen Wärmestrahl, der sich entwickelt, ihre er
starrten Glieder aufzutauen. Tie Mutter ist in die Fastcift predigt gegangen, sie ist jetzt imMer in den Kirchen.
Sylvia hat erklärt, zu erkältet zu sein, um hin ausgehen . zu können. Ihr ist beängstigend traurig zu Mut, das Netz schlingt sich immer fester tun sie. Wohin? Wohin? DtL verzweifeltsten Plätte haben sich schon in ihrem Gehirn gekreuzt. Was für eilt Ausweg bleibt ihr? Der Tod. Mit Schaudern hat sie sich dsas schon verschiedeneMal wiederholt — sterben — ihrem' jungen, wertlosen Leben ein Ende machet Ist es noch Lebenstrieb, twch Lebenslust, was sie davor so. Meit macht? Ist es größere Sünde als den Conte zu heft raten? Den Manu, den sie haßt, verabscheut?
Wenn sie dem vor Gottes Angesicht Treue gelobt, ist daS nicht größere Sünde? Und auf der Erde, wo ist da sonst noch eine Stätte für sie? So grübelt sie düster und trostlos und zittert dabei wie Espenlaub. Es ist ihr unmöglich, sich heutj morgen zu erwärmen. ' -
Ta stürmt Filvmena ins Zimmer mit den lebhaftesten Gefierdeu, und einem spudelndeu Wortschwall auf den Lippen^
„Ah! Signorina! Una tragädia!"
Sylvia versteht anfangs nichts von dem sich überstürzenden Gerede, was — was ist eigentlich geschehen? Es liegt einep im Sterben, ein Fremder, ein Deutscher? Wo? Wer?
„Si Signorina! Aber still! Um Gottes willen — es ist bei der Zia Teresa, der Schwester meiner Mutter, da unten in der Babuina, und die Zia meint, daß er sich selbst ein Leid an--, getan hat, der schöne, reiche Herr — aber es darfs niemand wissen — seit zwei Tagen liegt er schon schwer stöhnend und leidend — geschossen hat er sich, aber nicht richtig ge- ivoffettH ,
Sylvia ist aufgesprungen, ihre Augen starren lveit geöffnet das Mädchen an, sie packt ihren Arnr, daß die Kleine aufschrett, „Filomena! wer? wer? Bon wem sprichst du?" „Dio mio! Signorina, es ist doch nicht gar ein Freund, oder Verwandter von Ihnen, aber — er war niemals hier. Sie zn besuchen, — es war ein großer, schöner Deutscher,, er fuhr immer mit der stolzen, russischen Eccellenza, die. tm Palazzo Ruspoli wohnt." ,
Sylvia stößt einen Schrei aus, emeu so markerschütternden, verzweifelnden Schrei, daß der kleinen Filonwna redselige Zunge
Sylvia ist rückwärts getaumelt und liegt eine Sekuiwe totenbleich in ihrem Stuhl. Filomena will hinauseüen, ihre Mutter rufen, da kommt Sylvia zur Besinnung. ,
Schweig," sagt sie hart und streng, wie lonft tue ihr Ton ist, und der kleine Krauskopf steht ganz verwirrt vor ihr, „Du sagst selbst, niemand darfs wissen," fahrt sie fort, „so. ag auch meüier Mutter nichts wenn sie zuruckkehrt. Ich — ich will hiugehen und Nachsehen, es ist — ern Bekanntes, ein Landsmann von mir."
Wie unnatürlich ruhig sie das sagt, tu cmcni fieuettt, fremden Ton; der kleinen Filomena lvird ängstlich zu Mut.
„Gehen Sie nicht hin, Signorina, gehen Sie nicht Hits, er ist gewiß schon tot."


