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Mit ein paar Sätzen sprang er jetzt die Treppen hinauf, öffnete mit dem Drücker, den er stets bei sich trug, die Entreetür und trat, ohne anzuklopfen, in das Zimmer seiner Mutter. Die Justizrätin saß auf ihrem erhöhten Fensterplatz, den eine mit Blattpflanzen besetzte Holzgalerie von dem übrigen Zimmer schied.
Im grünen Kachelofen knisterte des kühlen Herbsttages wegen ein lustiges Feuer und sein Schein huschte Sonnenstrahlen gleich durch das altmodisch behaglich, emgsrichtete Zimmer.
Walter beugte sich über die schmale Hand der Mutter und berührte sie mit den Lippen.
(Fortsetzung folgt.)
Ein Mrief vom I.npeKlor Krästg.
Ein Brief des köstlichen „Entspekters Bräsig", und zwar ein bisher ungedruckter Brief, ist sicherlich etwas Interessantes und Erheiterndes. Dieser Brief findet sich in dem von uns bereits gewürdigten, von Prosessor Gaedertz im Dieterichschen Berlage in Leipzig erschienenen Reuter -Kalender für 1907. Professor Gädertz bemerkt zum besseren Verständnis einleitend:
„Die im Herbst 1861 veröffentlichte Sammlung von Erzählungen „Schnurr-Murr" enthält die überaus belustigenden „Abendteuer des Entspekter Bräsig". Der in die Berliner Stadtvogtei gesperrte und vor den Polizeipräsidenten geführte Bräsig berust sich auf Fritz Reuter: „Mein bester Freund in Bramborg ist ein Gewisser", ■— und ich nenne den Namen — „ein alter Mitkollege von mir, der sich im zurückgezogenen ökonomischen Zustand mit Schriften befleißigt, indem daß er davon seine Nahrung sucht." Doch der Präsident weiß, daß dieser Gewisse gelessen hat und als Bürge nicht gelten kann. „Gott soll mich bewahren, nehmen Sie's nicht übel", entgegnet Bräsig, „aber tote kann einer einem fünfzigjährigen Menschen es an der Nase unsehen, was er in seinem neunzehnten Jahre for Schauder- haftigkeiten begangen hat?" — Der schließlich als unverdächtig legitimtette Inspektor tritt seine Heimreise an und kommt auch, tote, er sich ausdrückt, „durch die kleine, aber ungebildete Stadt Woldegk". — Damit hatte er sich in die Nesseln gelegt. Denn alsbald, nach dem Erscheinen von „Schnurr-Murr", brachte das „Woldegker,Wochenblatt" einen Protest: „Wenn Reuter den Entspekter Bräsig auf seiner Jrrsahrt von Berlin zurück über Woldegk nach Hauuerwiem über unfern Ort sagen läßt, es sei eine kleine, aber ungebildete Stadt, so mag dies wohl vom Autor nicht ganz ernstlich gemeint und nur nach Bräsigscher Art gescholten sein. — Die obigen Leistungen" — in einer vorangehenden Nottz war von einem Konzert des Gesangvereins die Rede — „geben dafür Zeugnis, daß es mit der Bildung hier doch nicht ganz ohne ist, und wenn wir noch erwähnen, daß schon seit meh.eren Jahren die, Separation der städtischen Feldmark zur allgemeinen Zufriedenheit ausgeführt ist, daß wir seit längerer Zeit eine Telegraphenstation zur Benutzung besitzen, und seit kurzem eine Borschußanstalt ins Leben trat, so sind wir mit diesen Einrichtungen der neuen Zeit gegen manche Städte des Landes voraus und, können somit den Vorwurf als ungerechtfertigt zurückweisen. Auch darf nicht unerwähnt bleiben, daß wir noch ein anderes Licht der Aufklärung werden leuchten lassen, da es nämlich schon im Gange ist, daß wir Straßenbeleuchtung erhalten." — Ist das nicht ein köstlicher Beitrag aus der guten alten Zeit? Nun, später hat sich der „immeritierte Entspekter" von den „Abenteuern" bis zur „Stromtid" ja so trefflich entwickelt, daß er auch Wohl den guten, durch ihre Straßenbeleuchtung aufgeklärten Woldegkern kaum noch Grund zur Klage und zum Prozeß gegeben hat. Für alle Fälle wappnete Bräsig sich mit einer ergötzlichen Abwehr. In des Dichters Nachlaß sanden sich zwei textlich abweichende Manuskripte: die interessanteren Varianten glaube ich als Anmerkungen bieten zu dürfen."
Nun geben wir Onkel Bräsig selbst das Wort:
Hauuerwiem, den 21. Novembruari.
Wo so? -y Ich Hütte die Stadt Woldegk angesaßt? — Woans hätte ich tljr- angefaßt? ■— Hatte ich ihr angefaßt in ihr, bürgerliches Verhältnis? — Hätte ich ihr eine kleine un- gebildte Stadt benannt? — Nein! was sich in meine schriftliche Abendteuer befindlich findet, beruht sich auf eine passierte Geschichte, und der richtige Urheber davon und verantwortlicher Rezensent» ist Lewi Moses, was der selige Vater von Moses Löwenthalen war. —
Dieser, Lewi Moses handelte dunnzumalen mit kurz Waren — was die Herrn Söhne süud un natürlich mit Wull — un kommt denn, auchemals nah Fred land, woselbst sie ihm meins- wegen nächtlich sein Planlaken inzwei sneiden, worüber er* *) sich
*) worüber er denn mit dem dasigen Magistrat corporierte, und da sagten denn die geheimen Hofraths und die andern Hofraths zu ihm: so was . . . passieren. Da sagte aber Lewi Moses: „Herrn geheime und andere Hofräthe, bün ich doch gewesen in Wöhren, bün ich doch gewesen in Woldegk, und es ist ’ne kleine ungebildete Stadt, un nu komm ich hier nach Fredland, und sie schneiden mir entzwei das Planlaken, und sie haben doch ein gelehrtes Gümnasium."
natürlich bei damaligen Herrn Hofräthe besweren wird, und als ihm die sagen, so was wäre in der Richtigkeit und könnte passieren, denn sie in Fredland wären eine gebildte Stadt und hätten ein Gümnasium — Sehn Sie, da stellt sich dieser Lewi Moses vor den Herrn Hosräthen in der Höhe und sagt: „Bin ich doch gewesen in Woldegk und is ’ne kleine ungebildte Stadt un hat nid) kein Gümnasium un hat mir nicht das Planlaken inzwei geschnitten!" —
, Habe ich damit also den Woldegkern beleidigen wollen? Nein! — Ich habe ihnen über den gewöhnlichen Standpunkt erheben wollen, ich habe ihnen in das volle Bewußtsein versetzen wollen, ohne daß sie sich mit ein weitläuftig Gümnasium besießen.
Gestern krige ich nu also eine gehorsamste Zusendung mit die ganze Woldegker Empfindlichkeit von einem Jnconitus, welcher sich nicht benennt, den ich aber auch inconito kenne, denn er is ein Gewisser, — und ich habe dasselbe von Korting, was en Swester-Sohu von mir is, abschreiben lassen, und es lautet folgendermaßen:
Geehrtester Herr,
In Woldegk hat man Ihnen auf das Grausamste angegriffen, ich sende Ihnen anbei den betrefflichen Paddegrasen von dem hiesigen Wochenblatt. — Nu antworten Sie, aber streisig!
Ihr
gehorsamster
Jnconitus.
Bramborg, den 20. Nov. 1861.
Woans soll ich diese Eröfsnung ansehu? — Man hat mir bloß in Woldegk mistverstanden. — Glaubt dieser Brambörger gewisser Jnconitus, daß die Woldegker sich außer die Fredläuder auch noch die Brambörger als Augenspiegel nehmen sollen? — Oh Bramborg, schäme dir! — Hast du Trotto-Ors? Hast du ’ne zukünstige Gasbeleuchtung mit natürliche Flammen? Hast du ’ne Separatschon?**) Weiß einer in ganz Bramborg, ob er zusammen separieren oder auseinander parzellieren soll? — Ja, en Telegrafen und ’ne bare Vorschuß-Verbrüderung haben sie; aber telegrafieren laß ich mir mein lebsdag nid) wieder, wegen Fritzing Vvlkshagen und Jöching Lehudors — und Vorschuß? —! Mir schießt kein Deuwel vor, und aus solche natschonalen Vortheile, da hust ich und prust ich. — Sie sollten sich lieber Pseisenpurrer anschaffen, die Brambörger!
As vorgestern bün ich in Bramborg un denk, sollst doch was verzehren, sollst dir ein Pseisenpurrer kaufen: ick) geh also in das vornehmste Geschäft bei dem alten Herrn Hofliweranten, gleich an die Eck: „Einen Pseisenpurrer", sag’ ich — „„Den hätten wir nid)"", sagt ein junger Mann zu mir. — Ich gehe also in das Haus neben an, da wohnt der neue Herr Hof- liwerant: „Einen gewöhnlichen Pseisenpurrer", sag. ich. — „„Hätten wir nid)"", sagt er. — Nun geh’ ich in eine Handlung, was sich ’ne Kunsthandlung beuent; da müßten sie ihm haben, das wäre ihre versluchte Schuldigkeit, in ’ne ornliche Kunsthandlung müssen sie allens haben. ■— Ich frag’ also. —i „„Hätten wir nid)"", sagte der Kunsthändler. ■— „Herr!" sag' ich, und war nun schon falsch, „Herr, einen gewöhnlichen Pipen- purrer." — „„Hätten wir nid)!"" — Na, denk ick), denn hat er möglicher Wis' von der theuersten Sorte, mit gelbe und blaue Parlen, sicht dir möglich and) sor en uugebildten Menschen an, und leg’ ihm zwei meckleubörgsche, richtige Schillings auf den Disch. — Hat ihn auch nid)! — Möglich, daß ihn der große Kaufmann an’n Mark gleich an die Eck hat. — Ich geh also hin, abersten schon hellschen falsch. — „Einen Pipenpurrer!" sag’ ich. — „„Mit Pfeisenräumern ist vollständig geräumt"", sagt einer von die jungen Herrns. ■— Nu war ich aber in die helle Wut: „So!" sag' ich, „Eiserbahn wollen Sie haben, den preußischen Zollverein wollen Sie haben, überseeische Geschäfte wollen Sie machen, un Sei hemmen nid) einmal en Pipenpurrer!" — Dünn ward ich*) mit höfliche Redensarten aus die Tür begleitet; aber als ick) auf die Straße kam, da traf ich Einen, einen Meister, einen Zimmerling: „„Hätten Sie einen?" fragte er. — „Nein, ich hätte keinen." — „„Denn gehn Sie nach Pache- lynen"", sagt der, „„der hätte welche"". — Ich tats. — Pachelyn war en mürklicher Kunsthändler, was sein Kommih war, war ein gebildeter Mensch, er schenkte mir einen, — nähmlich einen Pipenpurrer.
Aber nu, indem daß ich ihn gekrigt habe, sage ich int conträren Gegentheil: „Oh Woldegk, du willst mit die Brambörger concorriren? Mit die Brambörger? und noch dazu in der Kunst? Fräulein Schröder is gewiß en lütt nüdsich Mäten, habe nichts uich dorgegen, und Herr Königsberg — ä la boukör! — mag jo ok woll sin — dat heit kein jung Maten,
**) Oh, da fitten sie, die ollen Knawen mit die langen blagert Röck un judizieren, ob sie auseinander separieren oder zusammen parzellieren wollen. Dieses is mich lächerlich, und ich sag’ das anno 1861. Hauuerwiem. Bräsig.
*) Da sieben mich zwei junge, liebe, nette Leute unter denk
Arme und brachten mir alten Mann sanft auf die Straße. Dq ftunn ick) nu, en Pseisenpurrer müßte ich haben, der letzte Rest von meine Hoffnung war noch Pachelyn: — ick) gung zu Pachelyn en und krigte ihn, nähmlich den Pseisenpurrer — denn Pachelyn is ein mürklicher Kunsthändler.


