Ausgabe 
5.1.1907
 
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Nahen bemerkt und war in den Eingang KU der Laube ge- I tl-CfCTL

Wie sie dort hoch aufgerichtet stand in ihrem grauen Kleide von einfachstem Stoff und Schnitt, das ihre große, kräftige Figur beinahe gewöhnlich erscheinen ließ, die dunk­len, schon stark melierten .Haare fest um den Kopf geschmiegt, die groben Züge dadurch scharf markierend, ging ein .hauch von Kälte von ihr aus, ernüchternd und erstarrend zugleich. Hedwig von Tressenberg hatte augenscheinlich nie ein Herz besessen. Die Linien ihres Mundes zeigten Härte und un­beugsamen Hochmut. Sie richtete die hellblauen großen Klugen durchdringend auf das Antlitz des Sohnes.

Nun, da bist du ja!" sagte sie kühl und überließ ihm die Rechte, welche er flüchtig an die Lipven führte.

Ohne das Fehlen ihres Gatten und Bakers auch nur mit einem Wort zu erwähnen, nahmen die Drei an dem in der geräumigen Laube gedeckten Tische das Abendbrot ein. Joachim wechselte mit der Mutter gleichgültige Worte über seine nahe bevorstehende Abreise und die neue Woh­nung in feiner Garnison, deren Einrichtung er dem Vater mühsam abgerungen hatte.

Marga saß mit gesenkten Lidern. Sie beteiligte sich mit keinem Wort an der spärlich sickernden Unterhaltung, aber als der Bruder nach Beendigung der Mahlzeit seinen Stuhl mit einem energischen Ruck vom Tische weg tiefer in das Dämmer der Laube schob, fuhr sie erschrocken zusammen.

Tie Mutter musterte sie scharf.

Ich glaube gar, du wirst nervös!" bemerkte sie miß­billigend,was ist das überhaupt für eine Art und Weise, wie eine Trauerweide dazusitzen? Du hast doch wahrhaftig keinen Grund dazu."

Das junge Mädchen wurde rot.

>Ich habe Kopfschmerzen!" stotterte sie eingeschüchtert.

Natürlich", Frau von Tressenberg nickte mit dem Kopf, als sei ihr diese Mitteilung nicht überraschend,wenn man den ganzen Tag dasitzt und brennt und malt, ist das kein Wunder. Du tätest besser, tüchtig in der Wirtschaft mit anzugreifen oder dir mal den großen Korb Flickwäsche vor­zunehmen, anstatt die Zeit mit derartigen Tändeleien zu vertrödeln, die ebenso unnütz, als kostspielig sind. Wo das Geld dazu herkommt, wird nicht gefragt. So seid Ihr stlle."

Sie trommelte mit den Fingern auf den Tisch und warf einen Seitenblick auf den Sohn, der leise durch die Zähne pfiff.

Großer Gott, Mutters sagte er dann, als Marga ver­gebens nach einer Verteidigung zu suchen schien,stehts denn wirklich so miserabel um unsere Finanzen? Und habt Ihr die Marga vielleicht eigens deshalb in die teure schwei­zer Pension gesandt, damit sie einmal mit Anstand betteln gehen kann oder sich als Mädchen für alles beim Gerichts­sekretär so und so zu benehmen weiß? Denn dazu muß es ja über kurz oder lang kommen, wenn man dich und den Vater sprechen hört."

In Frau von Tressenbergs Stimme lag etwas feind­seliges, als sie gelassen einwarf:

Ich sprach zu deiner Schwester, Joachim. Du tätest besser, dich um deine Angelegenbeiten zu kümmern nicht dich in Sachen zu mischen, die du nicht zu beurteilen ver­magst, am wenigsten in solcher Weise."

Der junge Osfizier blieb stumm auf den mütterlichen Tadel hin. Frau von Tressenberg aber griff nach dem Schlüsselkörbchen neben ihrem Teller und aufstehend wandte sie sich an die Locht«::

Du kommst mit mir, Marga. Ich habe mit der Mam­sell zu besprechen, was Friedrich morgen aus der Stadt mitzubringen hat. Und der Küchenzettel für morgen ist auch noch zu bestimmen, da kannst du deinen Kops gleich etwas anstrengen, die Schmerzen werden ihm dann schon ver­gehen."

Das junge Mädchen erhob sich gehorsam, um der Mutter zu folgen.

Vorher aber trat sie schnell neben den Stuhl des Bruders und neigte sich zu denr regungslos Dasitzenden.

Gute Nacht, Joachim!" flüsterte sie und er hörte die Tränen in ihrer Stimme. Es rührte ihn, aber wozu brauchte sie das eigentlich zu wissen?

Es ist wahrhaftig nicht der Tränen wert!" sagte er mit hartem Auflachen,um so einer Lappalie willen sich die Augen zu verderben. Gewöhne dir das ab, Schwester!"

Marga!" klang es scharf vom Hause her. Das Mäd­

chen zuckte zusammen und riß hastig ihre Hand aus der des Bruders.

Sie hörte nicht mehr sein herzlichesGute Nacht, Marga!" Naschen Schrittes eilte sie davon.

Joachim sah ihr nach, bis sie zwischen den Büschen verschwand und als nun der junge Dichter erschien, um den Tisch abzuräumen, verließ auch er die Laube.

Ruhelos durchwanderte er noch lange den Park, durch den schon das große Sterben der Natur ging. Feine weiße Nebelschleier webten über den Rasenflächen und wanden sich gespenstisch zwischen den Baumzweigen, von denen feucht und schwer das welke Laub nieoersank. Durch die kühle, modrige Luft klang das langgezogene Geheul eines Hundes, in ein klägliches Winseln übergehend und sich wie­der zum lauten Klageton steigernd, dann sandte die Dorf­straße den Schall von Pferdehufen hinüber, der Freiherr kehrte nach Hause zurück.

Niemand schien den jungen Offizier zu vermissen, nie­mand rief ihn.

Und den Einsamen überkam unter dem schützenden Dunkel der Nacht eine große Traurigkeit. Er war in der Heimat, er hatte Eltern und Geschwister und war doch verlassener, als nur irgend ein Heimatloser es je gewesen. Und was hatte er getan, das zu verdienen?

Eine grenzenlose Bitterkeit erstickte alle Weichheit in seiner Seele. Er fühlte den Wunsch in sich nach etwas schlechtem, nach einer Gesinnung, die hohnlachend alle edleren Gefühle, jedes Streben, jede Sehnsucht bei fette schiebt und im Taumel des Genusses ihre höchste Befrie­digung findet. Sorglos, leichtsinnig in den Tag hmein- leben, das war das einzig richtige. So sollte seine Zu- kuitft aussehen. Sie alle hatteu's nicht anders gewollt,

III.

Die großen, gelben Bogen, auf denen der Rittmeister Kronau die Verlobung seiner Nichte Hanna mit dem Re­gierungsassessor Oskar Gerhardt anzeigte, flatterten durch die Welt. Einer davon fand auch seinen Weg in die große Festungsstadt, welche in ihren Mauern außer einem Infan­terie- und einem Husarenregiment auch ein Fetdartillerie- regiment barg.

Walter von Poseck stand gerade im Begriff, auszu- aehen, als der Postbote ihm das große, ominöse Kuvert äushändigte. Ain Fenster, durch welches das weißliche, glanzlose Licht eines trüben Herbsttages dämmerte, ent­faltete er den Doppelbogen. Längst mußte er die tuenden Zeilen gelesen haben, aber immer noch stierte er auf ogs Blatt. Aus seinem hübschen, offenen Gesicht war der Froh­sinn gewichen, es war fahl geworden.

Seine Hand hatte sich fast unwillkürlich auf dem Fenster­brett geballt. So stand er minutenlang. Es kam ihm vor, als sei er soeben um eine große Hoffnung ärmer geworden. Und es war doch nie eine Hoffnung gewesen. Der vermögens­lose Leutnant und ein armes Mädchen! Aber manchmal hatte er auf ein Wunder gehofft, auf das große Los, eine fabelhafte Erbschaft und damit die Möglichkeit, sich rhren Besch zu erringen. Nun heiratete sie einen andern, seinen besten Freund. Ein qualvoller Schmerz beklemmte ihm die Brust. Mechanisch legte er das verhängnisvolle Blatt zusammen und steckte es zu sich. .

Tann griff er nach seiner Mütze und verließ ferne tm Parterre des großen Mietshauses belegene Wohnung. Ein kalter Wind blies ihm draußen entgegen. Regenschwere Wolken dräuten am Himmel, im Westen leuchtete es gelb zwischen dem dunklen Gewölk, hinter dem die Sonne unterging.

Ter Offizier schritt, fröstelnd den Mantelkragen hoch­schlagend, die breite Straße entlang und bog bann in dce ausgedehnten Promenadenanlagen ein. Unter feinen Füßen raschelte das welke Herbstlaub.

. Im raschen Vorwärtsgehen erreichte er die vornehme Promenadenstraße. Bei einem in Rohbau ausgeführten Hause, das wie alle Häuser der Straße einen kleinen Vor­garten aufwies, hob sich sein suchender Blick zu dem ersten Stockwerk empor, wo hinter blütenweißen Vorhängen etn mildes, blasses Frauenantlitz ihm entgegen nickte.

Dort wohnte feine Mutter.

Frau Justizrat Poseck besaß niemanden auf der Welt, den sie so liebte, wie ihren Sohn, den einzigen, der ihr von vier Kindern geblieben war., Er verehrte dafür dte gütige, sanfte Frau wie eine Heilige,