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Menschenfeöm, die lügen.
Roman von H. Ehrhardt, Versasseriir von „Mittellose Mädchen". Nachdnick verboten.
(Fortsetzung.)
Starrsinn war der Hauptzng itzres Charakters. Und in diesem Starrsinn hatte auch der Vater des jetzigen Majorats- tzerrn sich ein Wend gefreit, an das ihn nichts gefesselt, als eine flüchtige, schnell verrauschende Leidenschaft. Von einer Reise nach Frankreich hatte er sie heiwgebracht. Sie ivar die echte Französin, heißblütig, obe-flächlich bis znm Leichtsinn, von Vergnügen zu Vergnügen jagend, und rechtzeitig löste der Tod eine Ede, die leicht hatte zu einem Drama werden können. Und ihr, der verachteten, leichtsinnigen Französin, glich, ein merkivürdiges Spiet der Natur, der Enkelsohn, der Zweitgeborene seines Vaters, Zug um Zug. Dieselbe schlanke, geschmeidige Gestalt mit den schmalen Händen und Füßen, der kleine, schöngcforinte Kopf, dessen tiefschwarz glänzendes Haar so auffallend mit der gelblichen Blässe des Gesichts kon- trnslierte und in dem die dichten Brauen über der Nasenwurzel fast zusammenstießen. Seine Augen von hellem Braun, schwärz umsäumt, verrieten ein heißes Herz, während der hochmütige Zug um den Mund etwas erkältendes hatte. Nach außen hin >var er eine stille, verschlossene Natur, den drückenden Verhältnissen entsprechend, die seine Jugend begleitet hatten. Niemand von den Seiiien hatte begriffen, warum ihn verlangte, die geistigen Fähigkeiten in sich in andere Bahnen zu lenken, als in den eintönigen Kommisdienst militärischen Lebens. Nur der alte Gymnasialdirektor, in dessen Familie er neun Jahre lang wie ein eigenes Lind gehalten worben war, hatte ihm zmu Abschied teilnehmend gesagt:
„Ich hatte mir anderes für Ihre Zukiinft gedacht, Joachim, aber der Wille der Eltern soll den Kindern heilig fein. Und, mein Sohn, ich meine auch, daß jeder Beruf befriedigen kann, wenn nian das Bewußtsein in sieh trägt, ihn voll rind ganz auszusüllen. Und ich bin überzeugt, daß Sie das tun werden, Joachim! Und somit Gott befohlen."
Er hatte geweint — damals. Jetzt in der Erinnerung kräuselten sich seine Lippen verächtlich. Besser, er dachte nicht weiter.
Raschen Schrittes verließ er das Zimmer, um in den Garten zu geben, wo man an diesen schönen Herbsttagen zeitig' das Abendbrot einzunehmen pflegte. Als er aus der Turmpforte trat, kam ihm auf dem Gartenwege ein schlankes, blondes Mädchen entgegen, seine einzige Schwester Marga von Tressenberg. Sie ähnelte ihm gar nicht. Sie war mit ihrem krausen, hellblonden Haar und den blühenden Farben ihres hübschen Gesichts der Typus des deutschen Mädchens, das auf dem Lande groß geworden ist. Nur in den blauen
Augen, die sich jetzt forschend auf das ernste Gesicht des Bruders hefteten, schlummerte ein Ausdruck, der nicht zu ihrem blühenden, gesunden Aeußeren paßte, etwas müdes, wie in den Augen von Menschen, die sich widerstandslos einem traurigen Schicksale ergeben.
„Du hattest etwas mit dem Vater, Joachim?" fragte sie eindringlich und schob ihren kräftigen Arm in den des Bruders. „Er ist wütend sortgeritten und kommt zum Abendbrot nicht heim und Mutter sitzt ganz verärgert da — sag, was gab's zwischen Euch? Etwas ernstliches?"
Joachims Augen hafteten am Boden, als sei ihm daS welkende, braune Laub unter seinen Füßen von größerer Wichtigkeit, als die Beantwortung der schw esterlich eil Frage. Und sehr leichthin sagte er:
„Du siehst Gespenster, Marga! Wer weiß, über was sich der Alte geärgert hat. Daß ich von ihm eine größere Zulage rausschlagen wollte, darüber brauchte er "sich ja nicht zu grämen, denn er hat sie mir nicht gegeben, ergo, keinen Grund zum Zorn und sonst — daß wir uns nicht vor Liebe aufsresseu, weißt du ja. Ist auch nicht nötig."
Sein leichtsinniger Ton legte sich erkältend auf Margas sorgendes Schwesterherz. Ihre Stimme entbehrte der vorherigen Wärme, als sie nun hiuwarf:
„Tu scheinst überhaupt keine Liebe zu beanspruchen — wenigstens gibst du dir gerade keine Mühe, dir welche zu erringen."
Um die Lippen des Offiziers zuckte es, er machte eine Bewegung, als wolle er den Arm der Schwester, der sich ihm entzog, festhalten, aber dann unterließ er es doch.
„Liebe ist Unsinn!" erklärte er schroff, „ein unnötiger Gefühlsballast, auch eine von den Ketten, welche das Leben den Menschen an die Füße hängt, wenn sie töricht genug sind, sich das gefallen zu lassen. Was habe ich bis jetzt gehabt von Eltern-, von Geschwisterliebe? Die eine hat mich zu einer glücklosen Zukunft verurteilt, die andere ist nicht fähig gewesen, das zu verhindern."
Er biß sich auf die Lippen.
„Wozu rede ich noch darüber? Ihr seid ja doch alle überzeugt davon, daß ein Offizier bei den blauen Husaren mit 150 Mark monatlicher Zulage ein beneidenswerter Kerl sein muß."
Die blühenden Wangen des Mädchens hatten sich entfärbt, sie sah mit einem seltsamen Blick nach der Laube hin, der sie sich näherten.
„Ich glaube dir ja, Joachim", murmelte sie, „es muß schwer- sein, etwas aufzugeben, ivorauf man sein ganzes Hoffen gebaut hat. Aber du bist doch wenigstens frei." Sie atmete tief auf. „Frei!" wiederholte sie und es klang wie ein Aufschrei.
Tem Bruder griff es aus Herz. Er hätte gern einen tieferen Blick in ihr Inneres getan auf den verräterischen Ruf ihres jungen Herzens hin, aber die Mutter hatte ihr


