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Jetzt, wo man sich einer vollendeten Tatsache gegenüber steht, begrüßen die besonnenen, liberalen Kreise sie als eine willkommene Erscheinung. Den orthodox gesinnten, religiös-fanatischen Anbetern des Islam aber ist sie ein verdammungswürdiges Gräuel. Leider hat die orthodoxreligiöse, jedem Fortschritt abholde Partei unter den Effen- dis eine große Mehrheit. Ihr gehören auch die meisten höchsten Staatswürdenträger sowie die Vertreter des mosli- mischen Priestertums, den mächtigen Scheikh-ul-Jslam inbegriffen, an. Ein bitterer Kampf ist nunmehr entbrannt zwischen den um ihre Rechte und Freiheiten ringenden Frauen und der fanatischen Partei der Alttürken, die mit hartnäckigster Zähigkeit an den rechtgläubigen Ueberliefe- rungen ihrer Vorväter hängen. Wer allem Anscheine nach sind die Frauen, die in diesem Ringen ganz auf sich selbst angewiesen sind, fest entschlossen, nicht nachzugeben. Um ihren modernen Emanzipationsbestrebungen wirksamen Einhalt zu tun, hat der Scheikh-rrl-Jslam vor einiger Zeit ausführliche und strenge Verordnungen an die Priester und Gemeindevorsteher erlassen, damit diese die umfangreichsten Maßregeln zur Erhaltung der unverfälschten orthodoxen Sittenlehre des Islams unter den Frauen ergreifen und mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln, mit Mahnung, Predigt und auch Kerker, die pflichtvergessenen Abtrünnigen zu sich bringen. Bis jetzt jedoch haben all diese Gewaltmaßregeln nichts geholfen. Die Türkinnen fahren fort, den Sitten und Gebräuchen des Westens sich anzuschließen. Schon ihre äußere Tracht, wenn man sie mit der vor etwa 20 Jahren vergleicht, ist auffallend. Der Schleier fällt allmählich fort oder ist, wo er noch getroffen wird, so durchsichtig, daß man die Farbe der Haare, die Umrisse des Gesichtes und das Augenfunkeln deutlich sehen kann. Das Oberkleid ist jetzt sehr häufig nach europäischen Muster zugeschnitten und weist nicht selten einen Gürtel um die Taille auf. Eine andere nicht minder auffallende Tatsache ist der freiere öffentliche Verkehr der Türkinnen mit Männern. Man sieht jetzt schon häufig in der Oeffentlichkeit Frauen von Herren ihrer Bekanntschaft, nicht von Eunuchen begleitet. Zwar wagen sie sich noch nicht in die Theater oder Kaffeehäuser, doch sieht man sie während des Festmonats Ramazan schon in ganzen Scharen bei dem beliebten Schattenspiel des Karagöz. Auch ärztlichen Untersuchungen unterwerfen sie sich jetzt bereitwillig. Die Erziehung der Türkinnen ist noch immer sehr mangelhaft; es fehlt an Mädchenschulen, und nur die Töchter derreichen Türken, die eigene Erzieherinnen haben, erhalten eine europäische Bildung. Wenn aber türkische Frauen zu einer höheren Bildung gelangen, so entfalten sie reiche Geistesgaben und weisen beachtenswerte Leistungen in der Beherrschung von Sprachen, in Musik und Zeichnung auf. So ist die Tochter Nuri-Beys, des ersten Sekretärs im Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten, Zeineb Hanum, eine allgemein bekannte Dichterin, unter den Tonkünstlerir haben Wagner und Bach bei den Türkinnen begeisterte Anhängerschaft gefunden.
VeVmLßÄhtes.
*DiescharfenAugen der König in. Auch Königinnen haben mit Dienstboten ihre liebe Not; eine amüsante Geschichte, die von der Königin Margherita aus Rom berichtet wird, ist dafür ein bezeichnendes Beispiel. Vor etwa sechs Jahren fiel der Königin auf der Straße eine Dame auf, die ein Kleid trug, das der Königin gar sonderbar bekannt vorkam. Als sie später im Palaste Nachforschungen an- stelleu ließ, stellte sich heraus, daß dies Kleid ihr eigenes war; sie hatte es kürzlich abgelegt und hurtig hatte die Kammerzofe die Gelegenheit ergriffen, das Gewand zu Geld zu machen. Die Königin war damit sehr wenig einverstanden, das Mädchen wurde entlassen und eine neue engagiert. Die war sehr fleißig, sehr geschickt, sehr aufmerksam, kurzum ein Wesen, wie sie nur in der Geschichte des Dienstboten-, standes vorkommen; die Königin war höchlichst zufrieden und betrachtete sie als „das Juwel der Dienstboten". Da aber geschah etwas Unerwartetes. Es war vor kurzem; wieder einmal fuhr die Königin durch die Straßen der einigen Stadt und wieder fiel ihr eine Dame aus, die ein elegantes Kostüm trug, das der Königin bekannt vorkam. Diesmal war sie nicht lange erstaunt, als sie in den Palast kam, ließ sie ihre Garderobe revidieren und dabei zeigte es sich,
daß „das Juwel eines Dienstboten" eigentlich auf einen ganz anderen Titel berechtigte Ansprüche hatte. Die ganzen Jahre über hatte sie einen schwunghafte;! Handel mit den Kleidern der Königin getrieben und sich dabei den leidlichen Nebenverdienst von jährlich 20 000 Mk. zu verschaffen gewußt. Aber sie tvar vorsichtiger zu Werke gegangen, als ihre Vorgängerin, ihre Geschäfte geschaheü immer nur unter der wohlerwogenen Bedingnng, daß die Kleider niemals in Italien getragen werden dürften. Eine unvorsichtige Dame aus Buffalo aber brachte es nicht über sich, solange zu warten, sie legte das Kleid an, ein Blick der Königin nnd das Geheimnis war am Tage.
— Von Beter Roseggers Schristen, Volksausgabe, III. Serie in 80 Lieferungen ä 35 Psg. (L. Slaackmaun, Leipzig) gingen ttnS die Lieferungen 59—€6 zu. Tiefe Lieferungen enthalten die Fortsetzung und den Schluß des 8. Bandes „Sonnenschein". „Co lange Gott mir mein Himmelreich bewahrt, soll es in meinen Büchern keine Kopshängerei geben, sondern möglichst viel Freude und Sonnenschein." Diesem Rosegger-Vorsatz gemäß ist dieser Band angelegt, nur versteht sich, daß cs darin auch Schatten gibt, wie sie in einem lebenSlapferen und lebenstveiscn Manne natürlich ist, bildet die Grundstimmung der fein und liebenswürdig erzählten Geschichten, deren stofflicher Inhalt meist dem Leben der steierischen Bauern entnommen und tief aus der Seele des Volkes geschöpft ist.
— Eine von zu vielen. Roman von Liesbet Dill. Geheftet M. 4.—, (Stuttgart, Deutsche Verlags-Anstalt.) — Die „Eine von zu vielen", die der Titel des Buches meint, ist ein junges Mädchen aus völlig mittelloser Osfiziersfamilie, das nach dem Tode der Ellern ins Leben hinaus muß, um sich sein Brot zu suchen, nud die „zu vielen" sind die auch heute noch nur allzu zahlreichen weiblichen Wesen, die sich ihren Unterhalt selbst erwerben wollen, ohne etwas Rechtes und Bestimmtes gelernt zu haben. Es wird ivenig zeitgenössische Romane geben, die mit gleicher Sicherheit und Anschaulichkeit eine so große Zahl der verschiedensten Häuslichkeitei« und häuslichen Schicksale schilderte. Wie der Farbenreichtum und die Lebenswahrheit dieser immer wechselnden Bilder uns die Monotonie dcs so ost iviederkehreuden Refrains: „Als untauglich entlassen" vergessen machen, so nehmen sie zwar auch den ernsten Mahnungen, die das Buch enthält, alles trocken Lehrhalte, prägen sie aber "dafür nur desto nachdrücklicher ein. Alles Theoretisieren, jedes bloß doktrinäre Mitredenwollen zur heutigen Frauen- bewegmig liegt der Verfasserin fern; desto nachdrücklicher wirkt die Predigt, die sie uns aus dem Mund des Lebens selbst vernehmen läßt... So wird der Roman, der schon bei seinem ersten Erscheinen in „Uber Land und Meer" Interesse und Teilnahme der Leser wachrief, auch in Buchform starke Wirkung üben.
Goldene Worte.
Wehe dem, der zu sterben geht, Und keinem Liebe geschenkt hat, Den« Becher, der zu Scherben geht Und keinen Durstigen getränkt hat. Rückert.
Dort, wo der Weltgeist in stiller Größe ivaltet, immer neue Wunder schaffend, am Donner des schäumenden Wasserfalles oder beim Glanze jener leuchtenden Systeme, oie über uns sich kreuzen, findet der ivahre Mensch seine heiligsten Stunden.
Gottfried Keller.
Rätsel.
Ein Tier, für uns von großem Werte, Das nicht sehr zierlich ist gebaut, Schon oft mit dumpfem Klang dich lehrte Des Rätsclwortes ersten Laut.
Es schließet bann, mir zum Behagen, Sich würdig au die Silbe zivei.
Ten Tagedieben freudig schlagen Die Herzen, wenn es heißt; Herbei;
Das dritte, ich nenn’ es mit Freude, Ist eine Frucht bald groß bald klein. Auf Bäumen wächst sie, an Gestände, Besonders an dem schönen Rhein.
Gar edle, würz’ge Düste wehen Mich an im vollen Dreigespann, Es wissen alle Küchenfeen, Daß man es mcht entbehren kann.
A. Ammann.
Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung des Rätsels in voriger Nummer: Poesie.
Redaktion: P. W i t t k o. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl 'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.


