1907
BBf
Auf der eigenen Spur.
Kriminalroman von Otto H o e ck c r-
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Tann fühlte er sich beim Arm gefaßt: wie er sich umwendete, war es der Arzt, der ihn mit verstohlenem Wink nach dein Nebenzimmer rief.
„Was hat's denn gegeben?" empfing ihn dort der Hausarzt mit ernstem Kopfschütteln. „Sie haben sich doch nicht mit dem Frauchen gestritten — nichts für ungut, Herr Eilenburg, doch der ganze Vorgang scheint von einer heftigen seelischen Erschütterung herzurühren .... mtb das ist nicht gut, zumal bei den obwaltenden Umständen."
„Obwaltenden Umständen? Wie soll ich das nehmen . . . Um was handelt es sich?"
„Um was? Na, um ein Großes oder ztvei Kleine", scherzte der Arzt, der sich an des anderen verblüfftem Gesichtsausdruck ersichtlich tveidete. Tann, als Eilenburg immer noch verständnislos blieb, schlug er ihm mit jener jovialen Vertraulichkeit, wie sie den meisten langjährigen Hausärzten eigen zu fein Pflegt, auf die Schulter. „Aber bester Herr Eilenburg, das müssen Sie doch wissen."
„Nichts lucift ich, War nichts!" brauste nun der Fuhrherr auf, als sähe er sich gefoppt. „Was ist denn eigentlich los? Hol' der Deubel Ihre Geheimniskrämerei, Doktor!"
Ter Arzt blieb gelassen: er setzte sich gemächlich, während Eilenburg gleich einem angeschosscnen Eber im Raume nmher- raste. „Sollte Ihre liebe Frau Ihnen das süße Geheimnis, wie sich die Romanschveiber immer so zuckcrbäckcrig auszu- drücken belieben, nicht schon in die geräumigen Ohrmuscheln geflüstert haben?"
Nun verstand Eilenburg endlich; unter einem hastigen Atemzug trat er au den Arzt heran und starrte ihm ins Gesicht. „Doktor, verstehe ich Sie recht?" fragte er, nur schwer im Staude, der mächtigen Baßstimme Mäßigung zu verleihen. „Sie denken. Sie glauben — meine Frau könnte. . . Sie machen mir Hoffnung auf... . auf einen Sohn —"
„Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort," zitierte der Arzt belustigt, „es kann auch eine Erbin sein. Darüber wollen luir uns nicht weiter den Kopf zerbrechen, denn trügt mich nicht alles, so wird sich ein gewisser Freund und Gönner zu Weihnachten die mit Recht so beliebten Einpopeialieder eiu- übeu."
, , Ein Freudenlaut entrang sich den LiPPeil des Fuhrherrn: dieser packte den Arzt so kräftig bei der Schulter, daß er einen schwachen Ausruf nicht unterdrücken konnte. „Mensch, mordeir Sie mich gefälligst nicht!" protestierte er, unterbrach sich aber, mitten int Wort und eilte dein Fuhrherrn nach, denn dieser war gerade im Begriffe, mit weitgestreckten Schritten nach dem Schlafzimmer zurückzueilen.
„Na, seien Sie so gut! Dageblieben!" rief der Arzt, indem er ihn glücklich noch beim Rockzipfel erwischte und fest
hielt. „Nehmen Sie doch Vernunft an, Herr Eilenburg. Ihre! Fran hat jetzt die allergrößte Schonung nötig — absolute Ruhe, verstehen Sie mich . . . nicht einmal häufiges Nachihrseheir. . in ihrem Zustande sind solche Nervenzufälle sehr bedenklich.^ Sie verstehen mich. Mau geht mit solchen jungen Frauchen' besser um, wie mit rohen Eiern . . . und brummt dafür in! den Pferdeställen, muß der Grimm heraus." Er drohte schalkhaft mit dem Finger.
„Wo denken Sie hin", entgegnete Eilenburg, der wunderbar gelassen blieb. „Das erste böse Wort soll noch kommen, das meine Frau von mir hört. Sie ist nur zart. Doch ich werde sie pflegen und dafür sorgen, daß ihr jegliche Störung fern bleibt." Sein Blick fiel auf Hermine, die schon seit einer Weile auf der Türschwelle stand und nun mahnend den Finger an die Lippen legte.
„Sie ist eingeschlafen!" flüsterte sie den Männern zu. „Ganz still, bitte!"
Behutsam trat der Arzt in die Schlafstube: als er bald darauf wieder zu dem uiigednldig Harrenden zurückkehrte, nickte er ihm befriedigt zu. „Die Sache läßt sich gut an, besser als ich dachte. Dieser Schlaf kommt sehr gelegen; man fühlt schon die Schweißbläschen auf der Stirn. Wie gesagt, keine Störung während der kommenden Nacht — und morgen wird alles wieder in der schönsten Ordnung sein."
Als der Arzt sich empfohlen, erbot sich Hermine, noch ein Stündchen zur, Pflege zurnckzubleiben und anch zum Abend wieder zu kommen, um bei der Freundin Nachts über zu wachen'. Doch davon wollte der Fuhrherr nichts wissen.
„Herzlichen Dank, Sie meine«'8' gewiß recht gut," versetzte er. „Doch ich will schon bei meiner kleinen Frau aus- harren. Sie haben es wohl gehört, !vas der Arzt vorhin gemeint hat?" fragte er zögernd.
Das Mädchen errötete flüchtig und nickte ihm dann lächelnd zu. „Ich dachte mir's gleich, als ich Marie sah," gestand sie.
„Ich Dummkopf!" platzte nun Eilenburg heraus. „Da lebt man in den Tag hinein und merkt das Wichtigste nicht. . . Doch warum hat sie mir nichts gesagt, kein Sterbenswörtchen — warum mir?"
Und wie er das noch sprach, da verdüsterten sich feinte Mienen unheimlich und sein Auge starrte erschrocken mit verglastem Ausdruck ins Leere. „Allmächtiger", kam es heiser über feine Lippen, während die Linke gegen das stockende Herz fuhr. „Wenn fie's nicht zu sagen wagte — wenn — wenn —"
Er vollendete nicht. Toch Hermine, die schon im Ausbruch begriffen gewesen, erriet seinen Gedankengang und trat mit bittend ausgestreckter Hand auf ihn zu. „So sollen Sie sich nicht quälen, Herr Eilenburg. Sie dürfen es auch nicht. Das hat Marie nicht verdient. Unbedacht mag sie gehandelt haben, niemals aber schlecht; dafür kenne ich sie zu lange."
Als der Fuhrherr immer noch mit Kopfschütteln, in den Augen quälenden Zweifel, vor Hermine stehen blieb, rief diese: „Sic sollten sich schämen, Herr Eilenburg, verstehen Sie mich? Es gibt Tinge, die man feiner Fran einfach nicht zutrauen darf! Tas merken Sic sich fein. Wenn Sie sich da nicht


