„Nichts prächtiger, als wenn die Hessen-Darmstädtischen Grenadiers auf die Wache zogen, denn diese bestanden in ausgesuchten, großen und schönen Leuten, vor welchen die Franzosen sich freilich schämen mußten. Ucberhaupt war zwischen ihnen und den Hessen in allen Stücken ein Unterschied wie zwischen Sag- und Nacht."
Nun ging es über Klein-Heubach am Main durch Bayern, wo sich bei Fürth die Reichsarmee zusammensand. Das Gießener Regiment kam beim dortigen Lager ins erste Treffen, was nach damaliger Auffassung stets als eine Auszeichnung galt. Bei dem Aufbruche aus dem Lager und dem Zuge nach Thüringen kam es zur Avantgarde, die Prinz Georg befehligte. Ein Heer von 30 000 Mann Franzosen hatte sich unter Prinz Soubise bereits zwischen Unstrut und Saale gesammelt, zu dem noch 20 000 Mann Reichstruppen unter Prinz von Hildburghausen stießen. Hefter den Oberbesehl konnte man sich nicht einigen; der eitle, unerfahrene Prinz von Soubise wollte sich keineswegs dem älteren, erprobten Führer der Reichsarmee unter- ordnen. Der Tatenscheu der Franzosen hielt der Eifer der Reichstruppen das Widerspiel. Aehnlich dem Zwiespalt der Anführer sah es bei den Truppen aus. Die Reichsvölker sahen sich überall durch die Franzosen beeinträchtigt, da diese nicht nur alles, was an Lebensmitteln für Menschen und Tiere in den durchzogenen Landschaften vorhanden war, Wegnahmen, sondern auch die für sie bestimmte Zufuhren durch List und Gewalt an sich zu bringen Wußten. Die Franzosen wußten auch, daß alle protestantischen Glieder der Reichsarmee den Krieg mit höchstem Unwillen führten, und im Herzen auf der Seite des Feindes standen. So herrschten Unzufriedenheit und Mißtrauen von den Oberfeldherrn herab bis zu den untersten Kriegern.
Da faßten die beiden feindlichen Feldherrn, überrascht von der Kleinheit des preußischen Heeres, und vielleicht beschämt, daß sie einer solchen Minderheit von 20000 Mann bisher überall das Feld geräumt hatten, den kühnen Entschluß, aus der Verteidigung zum Angriff überzugehen, die Preußen von Norden her zu umgehen, und sich von Osten her zwischen das Lager des Königs und die Saale zu schieben.
Was half es, daß der hessische Prinz von dem Plane abriet? Er erkannte die gesicherte Stellung der Preußen, die im Osten ein Sumpf schützte, im Nordosten aber der Janus- und Pölzerhügel eine sichere Deckung und einen gut zu verbergenden Aufmarsch bot. „Der einzige hervorragende Führer war Prinz Georg von Hessen; er war aus der Kriegsschule Friedrichs des Großen und hatte in seinem Heere gedient. Zwar stand er bei der vereinten Armee in großem Ansehen, aber er hatte das Oberkommando nicht und wurde nicht gehört, als er dem Prinzen von Hildburghausen abriet, am 5. November die Preußen anzugreifen", läßt sich eilt Geschichtsschreiber des siebenjährigen Krieges vernehmen.
Tie Bewohner Thüringens waren gut „Fritzisch" gestimmt und brachten den Preußen die Nachrichten über die Bewegungen ihrer Gegner. Sein Fernrohr vor dem Ange beobachtete König Friedrich seit der ersten Morgenstunde vom Söller des Roßbacher Herrenhauses durch eine Oeff- nung des Daches — er hatte die Ziegelsteine herausnehmen lassen — das Vorhaben der Feinde. Da hatte er noch lange Zeit, bis diese den großen Bogen int Norden durchmarschiert hatten, da ja feine Truppen nur die halbe östliche Seite der Sehne des Bogens zurückzulegen hatten. Gemütlich dinierte er nachmittags um 1 Uhr und gab den Befehl zum Aufbruch eine Stunde später. Noch setzte ahnungslos die Reiterei der Verbündeten ihren Marsch frort, als schon vom Jcmushügel die unversehens aufge- sahrenen preußischen Batterien ihre Geschosse entgegen^ sandten und hinter ihr in der Deckung sprengten unter dem 36jährigen General von Seydlitz 32 Schwadronen in zwei Gliedern herbei. Den Säbel in der Faust, mit verhängten Zügeln sausen sie tote der „Blitz" heran. Durch den stürmischen Anprall sehen sich die feindlichen Schwadronen völlig überrascht eingetoickelt, umgestoßen. Von Seyd
litz geführt „geht alles, Kürassiere, Dragoner, Husaren wie die Furien in den Feind hinein". In 25 Minuten waren die 52 Schwadronen der Feinde in voller Flucht, und überließen ihre Infanterie ihrem Schicksale. Noch im Aufmarsch begriffen, kommt den Regimentern der Strom der bereits geschlagenen und meist in regelloser Flucht begriffenen französischen Truppen entgegen. Die preußische Infanterie unternahm einen geschickten Angriff, ehe noch die Infanterie der Verbündeten Zeit gefunden hatte, sich gefechtsmäßig zu entwickeln. Das Kaiserlich Würzburgische und das hessische Infanterie-Regiment hielten bis zuletzt Stand. Sie führten das Feuergefecht solange, bis von allen Seiten der andringende Feind zum Rückzug nötigte. Als sie von allen int Weichen begriffenen Regimentern total isoliert waren, verläßt als letztes Regiment unter Führung des Oberstleutnants von Hoffmann das Gießener Regiment das Schlachtfeld und übernimmt die Nachhut der geschlagenen Armee. Ein alter Chronist sagt: „Das Regiment ist nirgends davon geloffen, und kein einziger Pnrsche davon hat das Gewehr toeggeschmifsen, wie sonst gar viele in der Reichsarmee getan haben. Nach der Bataille hat es die Arriergarde in vollkommener Contenance gemacht, und sich vorzüglich vor der ganzen Reichsarmee bezeuget." Prinz Georg, der an dem Tage in hervorragender Weise seine Pflicht tat, und wiederholt versuchte, die fliehende Infanterie der Reichsarmee zum Stehen zu bringen, dem ein Pferd unter dem Leibe erschossen wurde, äußerte sich über die Haltung des Regiments in ehrendster Weise. Der Verlust bestand in 53 Mann. War ihm auch nicht vergönnt an dem Ruhme des Tages teilzunehmen, so konnte es von sich sagen, daß es in hervorragendem Maße seine Pflicht getan hatte.
Bei den Beratungen der „Reichsgeneralität", die später in Würzburg stattfanden, gewann Prinz Georg die Ueberzeugung, daß die tiefen Schäden der Wehrverfassung unheilbar waren. Er verließ tief verstimmt die Reichsarmee und kehrte nach Hessen zurück. Das Regiment aber nahm noch an verschiedenen Bataillen teil und kehrte nach Schluß des siebenjährigen Krieges nach sechsjähriger Abwesenheit in der Stärke von 27 Offizieren und noch 506 Mann in feine Garnison Gießen zurück.
Die Emanzipation der türkischen Frauen.
Der moderne Geist der europäischen Kultur hat wohl im ganzen ottomanischen Reiche auf keinem anderen Gebiete so tief eingreifende und umwälzende Fortschritte gemacht, als im Bereich des türkischen Franenlebens. Dies ist um so bedeutungsvoller, als die jede Reform hemmende, starr am Alten festhaltende Sittenlehre des Islam gerade tn der Stellung der Frau, wie sie der Prophet festgesetzt, ihren stärksten Halt fand und mit despotischer Strenge au der Heberlieferung festhielt. Nun aber ist, wie in einem Brief aus Konstantinopel in der von Prof. Hinneberg herausgegebenen „Internat. Wochenschrift für Wissenschaft, Kunst und Technik" mitgeteilt wird, eine völlige Wandlung eingetreten. Ueberall, im öffentlichen gesellschaftlichen Leben, im privaten Familienleben und im engeren intimeren Verhältnis des Ehelebens der Frau sieht man seit den letzten fünfzehn oder zwanzig Jahren auffallende Spuren der westeuropäischen Gesittung und des Fortschrittes. Das traditionelle abgeschlossene Leben im Harem läßt natürlich noch viel zu wünschen übrig, ist jedoch nicht mehr so isoliert, so monoton, so ausschließlich auf Jntriguen und Liebeshändel beschränkt, wie ehedem. Das gilt nicht nur für die höheren Gesellschaftskreise, wo Muße und Reichtum geeignete Mittel zur Ausbildung und Entwicklung verschaffen, sondern auch die weniger bemittelten, bescheideneren Schichten des Effendi-Daseins. Der mächtige, alle Schranken durchbrechende Kulturgeift, der in den letzten zwei Jahrzehnten alles in der Türkei berührt hat, hat eben auch der Frau neue Ideale gezeigt und sie aus dem lethargisch träumerischen Haremsleben aufgerüttelt. Dies« Frauenemanzipation hat fich in der Türkei fast unbemerkt vollzogen. Die Osmanlis waren soviel mit wichtigen, politischen Staatsangelegenheiten beschäftigt, daß sie dem Seelenleben ihrer Frauen keine Aufmerksamkeit widmeten.


