Ausgabe 
4.11.1907
 
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Laut aufschluchzend suchte ihm Leonie mit flehender Gebärde die Lippen zu schließen.Du irrst, Papa, ich schwüre bei allem, was mir heilig . . . Andreas ist nicht schuldig und ich bin es auch nicht. . . mein Himmel, es war ja so fr'*- ' ausgedacht. . . Andreas sollte Dir das Geraubte wiederbrm. . . daun würdest Du uns Deine Einwilligung nicht länger Dvt. igen so hofften wir. Aber was Du denkst, das ist so schrecklich so fürchterlich niederdrückend . . . wie kannst Du es nur ausdeuken, daß Deine Leonie sich an Dir versündigen konnte... ich habe Dich doch lieb, das weißt Du auch, Papa!"

Schweig!" unterbrach sie der Verhaftete voll bitteren In­grimms.Wüßte ich nicht, daß lediglich ein Einfall, wie ihn nur Deine überreizte Phantasie ersinnen kann, die Katastrophe hcrauf- beschworen hat, so würde ich Dir fluchen... so sieh, was Du augerichtet hast!"

Aber was nur was nur, Papa!" schluchzte die Fassungs­lose auf.Es ist ja nicht möglich, wie kann cs im Ernst etwas geben, was Du fürchten müßtest. . . Du, der rechtlichste und stolzeste Mann, der vertraute Berater der Könige und Fürsten . ."

Das verstehst Du nicht!" unterbrach sie ihr Vater schroff. Jeder Mensch hat Feinde, und je höher er steht, desto wütenderer Haß verfolgt ihn." Bereits hob er den Kopf zuversichtlicher und ein verächtliches Lächeln begann seine scharfgeschnittenen Lippen zu umspielen.Es ist noch nichts verloren... ich werde diesen infamen Anschlag meiner Widersacher gegen meine geschäftliche und persönliche Ehre nicht nur zu parieren, sondern auch zu ver­gelten wissen."

Das wünsche ich gleichfalls", mischte sich Hansemann trocken wieder in die Unterredung.Einstweilen würde cs mich interes­sieren, Näheres über die von Ihnen vermutete Art und Weise des Einbruches zu erfahren."

Doch der alle Schranken der Vorsicht überspringende blinde Wutanfall war te dem Verhafteten bereits überwunden, eben war er wieder voll und ganz der kühl überlegende, verschlagene Spekulant. Er winkte seiner noch immer zitternd sich an ihn schmiegenden Tochter aufmunternd zu und wendete sich dann an den Rat.Pah, lassen Sie sich nicht kümmern, was mir in der Aufwallung entschlüpft ist. Das sind leere Vermutungen. Meine Tochter ist ein Kind des Reichtuins und romantisch veranlagt. Sie hat sich mit einem jungen Habenichts, der ihr das Köpfchen zu betören verstand, hinter meinem Rücken eingelassen, sie wollte eine Verlobung diurchsehen und drohte mir, mich zwingen zu wollen, falls ich nicht einwilligte."

Ich glaube den Namen Ihres Verehrers zu kennen", wendete sich Hansemann schnell an das langsam sich erhebende Mädchen. Es handelt s ich jedenfalls um Herrn Andreas Witte, einen jungen Maler . . . wir unterhielten uns übrigens rwch gestern über ihn", fuhr er, zudem Verhafteten gewendet, fort, als Leonie sich unter einem kurzen, jähen Zusammenzucken schweigend sich von ihm Kbwendcte.

Doch Selkenbach war nicht mitteilsamer; im Gegenteil prägte sich in seinen hinfälligen Zügen der gewöhnlich in diesen vor­herrschende Hochmut aus.Hat man Ihnen den Auftrag erteilt, die Familienangelegenheiten dieses Hauses zu erforschen?" fragte _ er mit schneidendem Hohn.Ich wiederhole Ihnen, ich nehme an dem Einbruch weiter kein Interesse. Zerbrechen Sie sich in der Sache nach dem Urheber meinethalben die Köpfe, wenn es Ihnen so beliebt meine Lippen bleiben von jetzt an versiegelt, das merken Sie sich!"

Damit ist aber nicht gedient!" begehrte seine Frau auf, die inzwischen in stummer Verzweiflung immer von neuem wieder den ausgeraubten Tressor betastet hatte, als hoffte Sie, die un- . sichtbar gewordenen Pretiosen müßten sich wiederfinden.Der schändliche Verbrecher muß sich finden lassen . . . man muß ihn erwischen und mir meinen Schmuck zurückgeben!"

Wir werden sicherlich nichts unversucht lassen, Licht in diese Wirrnis zu bringen!" entgegnete Hansemann bedeutsam.

Wir werden einen unserer Beamten, Kvmmissar Thvmmen, Mer zurücklassen und Sie später persönlich nochmals behelligen müssen, da unsere Amtspflicht die Vornahme einer Haussuchung gebietet", unterrichtete Rat Küeist die Geheimrätin.

Diese schien einer Ohnmacht nahe.Ist es möglich dieser neue Affront", hauchte sie mit hochrotem Gesicht,ist"

die einzige Möglichkeit für die Gnädige, wieder zu den Brillanten zu gelangen", fiel Hansenmun tröstend ein.Wir werden übrigens alle nur mögliche Rücksicht walten lassen."

Sind Sie bereit, Herr Geheimrat?" wendete sich Kneift sich höflich an den Verhafteten.Wir haben einen Wagen mit­gebracht."

Selkenbach nickte nur.Völlig bereit", sagte er anscheinend ergebungsvoll. Er zog selbst die Klingel und als bald darauf

der Hausmeister mit sehr erstauntem, mitleidigen Gesicht herbei­gedienert kam, bedeutete er ihm kurz, Ueberrock und Hut herbei­zubringen.

Ich werde die Nacht dort zu bringen müssen ?" wendete er sich fragend an die Rate, und als Kneist bedeutungsvoll nickte, bedeutete der Scheidende den Hausmeister, ihm Kleidung, Wäsche und die nötigen Toilettenartikel nach dem Untersuchungsgefängnis nachzubringen.

Der würdige Mann knickte schreckhaft zusammen und vergaß ganz auf das gewohnte untertänige Dienern.

Ich gehe, um wiederzukommen. Man hat mich zu verdäch­tigen gewagt . . . man kennt Ephraim Selkenbach noch nicht ganz! Ich ckerde die Machenschaften meiner Feinde durchkreuzen und man wird mir den heutigen Schimpf abbittcn das mögen Sie dem Personal sagen, Josef", bedeutete er dem Hausmeister.

Dieser kant aus dem Schluckeu gamicht heraus.Gewiß,. sicherlich, Herr Geheimrat... ich bekomme noch den Lohn. . . hm, von diesem Monat und heute haben wir den Letzten..."

Ein verächtliches Lächeln umspielte die Lippen des gestürzten x Mannes.Beruhigen Sie sich mir, Josef, meine Unterschrift ist auch vou der Untersuchuugszelle immer noch Millionen wert . meine Gattin wird die nötigen Anweisungen treffen."

An der Tür trat Selkenbachs bitterlich schluchzende Tochter auf ihn zu.Lieber, guter Papa", rief sie stockend.Sage mir nur ein Wort der Verzeihung . . . o Gott, könnte ich mein junges Leben für Dich hingeben . . . ich wollte

Das ist wieder eine Phrase meine Liebe", unterbrach sie ihr Vater brüsk, indem er ihre flehend ihm entgegengestreckten Hände überfah.Du hast mir mit Deinem überspannten Wirr­kopf eine niedliche Suppe cingebrockt. . . würde man sich nicht hüten, den Geheimrat Ephraim Selkenbach ernstlich anzutastcn, weil man gute Gründe dafür hat . . . mtd tröstete mich natürlich nicht auch das Bewußtsein meiner Unschuld", setzte-er mit einem schnellen Blick auf die Beamten hinzu,so würdest Du für den Ruin unseres stolzen Hauses verantwortlich sein."

' Dann ging er ohne ein weiteres Wort, den grauen Seiden­hut tief in die Stirn gedrückt, geflissentlich bemüht, die gewohnte selbstbewußte Haltung durchzusetzen, aus dem Zimmer; nicht anders, als ob die sich ihm anschließenden Beamten zu seinem Stab gehörten und er sich anschickte, zu irgend welcher gleichgültigen Börfenkonferenz auszufahren.

Es war iMn jedoch anzumerken, wie er erleichtert ausat­mete, als er endlich die prunkende Freitreppe passiert, das schloß­ähnliche Portal durchschritten und vor den neugierigen zudringlichen Blicken der eigenen Dienerschaft Zuflucht in dem rasch davonrollen- deu Wagen gesunden hatte.

(Fortsetzung folgt.)

Kirr Gießener Wegunent in der Schlacht bei Moßbach.

Zum 150. Gedenktage (5. November 1907). (Original-Artikel derGieß. Fam.-Bl.").

Trotz der schmachvollen Flucht der Reichsarmee blieb der Tag von Roßbach ein deutscher Ehrentag: von dem preußischen Ruhm fiel nach dem Worte des Freiherrn von Stein ein Abglanz sogar auf die besiegten Verbündeten, besonders auf das Hessen-Darmstädter Regiment, das unter dem Prinzen Georg bis zuletzt auf dem Schlachtfelde aus­hielt und in bester Ordnung den Rückzug der Infanterie deckle.

Nachdem der Reichstag in Regensburg die Aufstellung einer Reichsexekutionsarmee beschlossen hatte, bestimmte der damalige Landgraf von Hessen das (16771821) in Gießen liegende Regiment, das jetzige 3. Großh. Hess. Infanterie- Regiment Nr. 117 (Mainz), zum Ausmarsch. Das Regi­ment rückte am 2. Juni 1757 aus Gießen in der Stärke von 32 Offizieren und 900 Mann aus. Reichlich war die Bagage bemessen. 119 Pferde wurden mitgenommen, und bei der kleinen Montierung fehlten auch ein Paarfalsche Waden" nicht. In Frankfurt a. M. sammelten sich die Truppen des Oberrheinischen Kreises, und der Befehlshaber Prinz boit Stolberg musterte das Regiment und meldete von ihm, daß es imallerschönsten Stande und Verfassung^ sei. Dies Lob wird bestätigt durch die Tatsache, daß aus' dem Regiment die Offiziere und Unteroffiziere heraus­genommen wurden, um 14 Tage lang die übrigen Regi­menter zudrillen". Ein Urteil eines Zeitgenossen lautet: