1907 — Mr. 164
Montag den 4. Movember
Auf der Ligenm Spur.
Kriminalroman von Otto Hoecker-
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Eben ließ Selkenbach die Hände vom Angesicht wieder sinken. .Verstört starrte er mit wirrem Orientierungsblicke um sich. Fast scheu vermied er es, dem ängstlich auf ihn gehefteten Micke seiner Gattin, die offenbar von alledem noch nicht das mindeste begriff, zu begegnen. Doch als seine suchenden Augen die Gestalt der Tochter trafen, blitzte jäh in ihnen ein wütender Hassesblick auf. Er hob die Faust und schüttelte sie in kraftloser Raserei gegen das händeringende Mädchen.
„Mas ist geschehen?" fragte er dann mit wilder Mine. „Man hat mir Meine Verhaftung angekündigt . . . ."
Seine Frau schrie laut auf vor Entsetzen. „Meinen Mann verhaften .... den Geheimrat Selkenbach . . ." Gebrochen sank sie in den nächsten Sessel.
„Gnädige Frau, wir sind nur die Vollstrecker eines uns gewordenen Gcrichtsbefehls", versuchte Kneift zu beschwichtigen. „Eine Verhaftung ist noch lange keine Verurteilung. Ihr Herr Gemahl wird hoffentlich in der Lage sein, sich von den wider ihn erhobenen Anklagen .511 —"
Er konnte nicht aussprechen, denn gleich einer gereizten Löwin fauchte ihn die wieder aufspringende Geheimrätin an. „Das Gericht wird diesen Irrtum bitter büßen müssen! Weiß man denn nicht, was man meinem Mann schuldig ist? Wenn er die Stirn runzelt, so fallen die Kurse und man wagt ihn zu verhaften, wie den erstbesten Proleten... das ist stark!"
„Gnädige Frau, vor dein Gesetz sind wir alle gleich."
„Aber doch nicht mein Mann, der Geheimrat Selkenbach?" entrüstete sich die Dame wieder in den höchsten Tonen .... „und dann der Skandal . . . diese Blamage!" änderte sie unvermittelt ihren Gedankengang. „Morgen habe ich meinen Five- Olclock-Tea . . . Gräfin Moderfeld, die Palastdame Ihrer Majestät, hat sich ansagen lassen . . . auch Graf Mivmann, der Geheim- Wmmerer, hat sein Erscheinen zugesagt . . . und jetzt . .
„Werden die Herrschaften wahrscheinlich absagen lassen", konnte Hansemann trocken eiuzuschalten nicht unterlassen. „Zu meinem Bedauern verbietet unsere beschränkte Zeit ein Beharren mit diesem Gebiet. Es ist der Gnädigen zweifellos bekannt, daß ein äußerst dreister Einbruch in jenem Kässenschrank verübt wurde, wobei eine Anzahl wertvoller Geschmeide, darunter ein vom L.schen Geschäfte, vor mehreren Jahren in Ihrem direkten Auftrage angefertigter Halsschmuck . . . ."
Die Geheimrätin stand zunächst wie Lots Weib. „Mein Brillantschmuck. . . meine Saphire und Rnbinen. . ." Sie wendete sich keuchend an ih!ren Gatten. „Ephraim, ich beschwöre Dich... Du hast sie in dem Schrank hicraufgehoben, weil sie da am sichersten waren . . . und nun--"
„Sie sind fort . . . gestohlen!" entgegnete Selkenbach in mattem Tone Und mit einer Miene, als verlohne es sich nicht um solcher Lappalie sich aufzuregen, wo doch ganz andere Interessen im Spiele standen. .
„Fort — gestohlen, sagst Du, Ephraim?" kreischte die Geheimrätin händeringend auf. „Mein ganzer Schmuck... er ist mein Privateigentum", wendete sie sich schreiend an die Beamten, „im Fall eines Konkurses hat niemand Recht daran . . . alle Schmucksachen gehören zu meinem vorbehaltenen Vermögen. . . sie sind nahezu eine Million Mark wert!"
„Bedauerlicherweise hat der Einbrecher auch vor dem vvrbe- haltenen Vermögen der Gnädigen nicht Halt gemacht", bemerkte Hansemann in seiner kaustischen Weise. Er trat an das vorhin voM Hausherrn aufgeschlossene Fach und öffnete es. Dann zuckte er mit den Achseln. „Wie Sie sehen, ist das Fach leer."
Wie irre war ihm Frau Selkenbach mit den Blicken gefolgt, nun wendete sie sich mit einem Jammerschrei an ihre Tochter/ die verstört inmitten des Zimmers stand und aus deren schönen, stolzen Zügen auch der letzte Blutstropfen gewichen war. „Sie haben -ajuch Deinen Schmuck gestohlen... es ist alles — alles fort!" ächzte sie verzweifelt, um sich die Sekunde darauf zornsprch- hend an ihren völlig niedergebrochenen Gatten zu wenden. „Das wußtest Du. . und Du sagtest nichts. . Du ließest mich ruhig in dem Glauben weiterleben, mein Schmuck sei in Deinem Schranke wohl geborgen. . . und nun muß ich die Schande erleben, daß sie Dich verhasten? Ich werde irre an Dir, Ephraim, Schande und Schmach über Dich, Ephraim."
Ohne ihm Zeit zu einer Erwiederung zu lassen, die indessen auch schwerlich erfolgt wäre, denn der Verhaftete hockte da wie geistesabwesend und starrte blöde vor sich hin, kehrte sich die Wut- sprühende an die Beamten. „Man muß den nichtswürdigen Einbrecher entdecken . . . man muß ihn ohne Gnade und Barmherzigkeit bestrafen... ich muß meinen Schmuck wieder haben. . . er ist mein persönliches Eigentum!" Das letzte stieß sie mit rudernden Armen hervor, jedes ihrer Worte einzeln scharf betonend.
Auch bei der Tochter fand sie weder Gehör noch Verständnis. Diese stand wie in innerem Kampfe begriffen; dann schwankte sie auf ihren Vater zu und brach neben seinen Stuhl wie vernichtet nieder.
„Papa, warum schaust Du mir so schrecklich an!" hauchte sie verstört und hob stehend die Hände zu ihm auf. „Ich schwöre Dir, ich wußte nicht... ich. . . konnte die Tragweite nicht ahnen!"
Doch schon beim ersten Klange ihrer Stimme fuhr der Verhaftete aus seiner Lethargie unvermittelt auf. Wieder blickte der vorige Hassesblick über die Gestalt feiner Tochter. „Du Närrin mit Deinen überspannten Einfällen!" stieß er außer sich vor Wut hervor. „Zu Grunde gerichtet hast Du mich mit Deinen hirntollen Romanideen!" Er lachte schrill auf und raufte sich im Gegensatz dazu mit wilder Gebärde das Haar. Dann stieß er mit der geballten Faust nach ihr und wendete sich lallend an die Beamten: „Sie wollen den Namen des Einbrechers erfahren . . so hören Sie ihn . . . freilich kann ich nicht sagen, ob die verruchte Hand des Burschen selbst den Dietrich gemeistert hat . . . doch er ist der Anstifter. . . oder vielmehr!" schrie er, weinend vor Wut, in seinem maßlosen Hassesausbruche einen unsagbar widerwärtigen Eindruck darbietend . . . „hier ist die eigentliche Urheberin , .!. meine eigene Tochter ... sie ließ den Vater bestehlen —


