Ausgabe 
4.10.1907
 
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§37

infolge von Familientraditionen und ans persönlicher Nei­gung sofort bei zwei studentischen .Verbindungen eintraten, auf der Burgruine Gleiberg; in einem der unterirdischen Räume wurde ein mächtiges Feuer entzündet und der Präses,Jarl" genannt, eröffnete mit dem Zeichen seiner Würde, demMjöllnier", das letzte Wikingerthing. Die Leiden nicht erschienenen Mitglieder wurden als Abtrünnige feierlichst aus dem Bunde ausgestoßen und zuletzt der Bund, nach Ansprache durch den Präses, für aufgelöst erklärt.

Diese Rede, die für das Wesen des ganzen Bundes charakteristisch ist, und zugleich zeigt, auf welcher idealen Höhe dieser Schülerverein stand, geben wir hier in extenso wieder:

Ter 14. Januar 1882 und 22. März 1884 sind die beiden Grenzen, innerhalb deren der Wikingerbund sich entwickelte. Am erstgenannten Tage wurde er von 5 Genossen begründet und am 22. März 1884 von 10 Genossen aus Burgruine Gleiberg aufgelöst.

An: 14.1.1882 traten 5 Genossen zur Gründung eines literar. Kränzcqens" zusammen. Beowulf- hat das Verdienst, der Vater desBundes" zu sein, da er die erste Anregung zur Bereinigung gab. Die junge Schöpfung aber trug schon in den ersten Tagen ihrer Existenz den Charakter, der sie später auszeichnete, ich meine L:e Grundverschiedenheit der Anlage, der Lebensanschauungen, des Charakters, des Geistes der Elemente, aus welchen sich der Bund während seiner zweijährigen Dauer zusammensetzte. Gleich ui der ersten Sitzung machten sich die Gegensätze bemerklich, die spater noch oft lind heftig genug auseinanderprallcn sollten. Aber heute, wo ein objektives Urteil möglich ist, darf ich es aussprechen, Lag die Reibung dieser Gegensätze gerade die Kraft war, die das bescyeideneKränzchen" zum stolzenBunde" ausbildete. Sie ver- hinderteit die Einseitigkeit der Bestrebungen, welche nur zu leicht ftch entwickeln kann in einem Verein mit wissenschaftlicher Tendenz. Sie. bewirkten die Anspannung und Einsetzung aller geistigen Kräfte und förderten die Klarheit und Vertiefung des Denkens und der Anschauungen. Völlig verderblich hätten sie auch nimmer­mehr werden können, denn es gab ein Correktiv, die Unterord­nung unter die leitende Idee und ihren Ausdruck, das Gesetz. In den ersten Wochen des Bestehens war freilich diese Idee noch nicht vollkömmeil zum Bewußtsein gelangt, und cs bestand. iciit Gesetzbuch. Und wirklich hätte jene Disharmonie der An­lagen und des Charakters in dieser Zeit beinahe der Sache ein frühes Ende bereitet. Tie Kampfe, die es kostete, die Szenen, welche cs gab, bis die partilülaristischen Tendenzen in einer i einzigen zusammenschmolzen, brauche ich hier nicht zu schildern, die Chronik gibt ein getreues Bild derselben.

Eiil volles Jahr aber war nötig, um den Bund einheitlich uild stark hinzustellen. Mit diesem Jahre war der Abschleifungs- vrozeß vollendet, ein allgemeiner Geist hatte sich durchgebildet, dem auch alle neu hinzukommenden Elemente sich willig unter- ; ordneten. Und gerade am 14. Januar, am Stiftnngstage, wurde : diesem Geiste auch. eine Form gegeben in demBark". Alle Erfahrungen, die bis dahin, zu Nutz und Frommen des Ganzen, für ein gesichertes Bestehen des Bundes, gemacht worden waren, sie wurden darin niedergclcgt. Ter Balk gab ein für allemal die Grenzen an, innerhalb welcher unser Streben sich bewegen sollte,, ohne diesem, das seiner Natur nach ein freies, unein­geschränktes sein soll, uicdcrdrückcnde Fesseln anzulegen. Eine gewisse Schranke aber muß dem Geist gezogen werden; das welterhaltende Prinzip ist ein ordnendes, auch der Komet, der ins Unendliche fliegt, hat seine Bahn und Zeit.

Die Entwicklung, welche der Bund von diesem Zeitpunkt an nahm, verdient eine nähere Charakterisierung und zwar ist zu unterscheiden zwischen literarischer Tätigkeit und gesellschaft­lichem Leben. Was erstere anbetrisst, so machte sich gleich nach der neuen Organisation ein wesentlicher Fortschritt bemerk­bar ; cs trat entschieden bei den Einzelnen das Bestreben zutage, im Thing etwas zu leisten, was auch höheren Anforderungen entspräche, Anforderungen, welche auf wissenschaftlichem Wert, künst­lerischer Fertigkeit und ästhetischer Durchbildung begründet sind. In der ersten Hälfte des Jahres sind freilich diese Fortschritte noch nicht zu bemerken, aber die Keime dazu lassen sich immerhin wahrnehmen. An Versuchen, ein selbständiges Urteil sich zu bilden, und dieses im Thing auch zu verfechten, fehlte es nicht; ich erinnere nur an die Aufsätze Volkers:Sind Nathan der Weise und Shylok Juden?"Was müssen wir der Kunst bei ihrem Studium cntgegenbriNgen?" undDas Ideal der dra­matischen Kunst". Auch was das Lesen, die Lektüre betrifft, so ist ein Fortschritt zum Besseren schon hier unverkennbar; die Braut von Messina",Emilia Galotti" undKönig Lear" waren, in einzelnen Rollen wenigstens, gegen früher recht an­nehmbare Leistungen. Auch auf dem Gebiete der Rezitation wurde bereits künstlerischer Vortrag angestrebt (VolkersBraut von Corinth" undErlkönig").

Vom pflichtmäßigen Aufsatz wurde um diese Zeit, nämlich Ausgang Sommer 1883, abgesehen, überhaupt, und dies ist

die wichtige Neuerung, der Schwerpunkt des literarischen Wirkens ganz, rn das Thing verlegt. Das Thing sollte ein Forum sein- Wo jede Ansicht, die nur für das Ganze von Interesse sein konnte, vorgetragen und nach allen Seiten erwogen und beurteilt werden sollte. AvCt' Vortrag oder mehr die referatartige Bearbeitung rrgcnd einer wichtigen Frage trat daher an die Stelle des Auf- satzes; und..zwar schlossen sich die betreffenden Themata immer an dre Lektüre an. Diese Art der Behandlung aber hatte drei wichtige, eng Miteinander verbundene Folgen. Einmal wurde die Mitteilung der Gedanken dadurch eine unmittelbare und' bnrunt viel interessanter und fördernder. Zweitens gewann die inl)(utliu)e ^ßirfuttQ ber Dramen bebeutenb, bei eine eintnol angeregte Frage immer von Ncnem zum Nachdenken über den Ideengehalt und die psychologische Zeichnung der Charaktere auf- ford.erte; und drittens wurde eine lebhafte, anregende Dis­kussion im Thing, wenn nicht erst geschaffen, so doch gefördert und erst fruchtbar gemacht. Tie Bedeutung einer solchen Dis­kussion aber in Keinem Kreise darf nicht unterschätzt werden. Sie ist es, welche immer neue Nahrung dem Geiste zusühit, immer neue und erweiterte Gesichtspunkte auftiit, und so zu einer all­gemeinen begrifflichen und sachlichen Durchbildung bedeutend beiträgt. Alle vom Herbst an gehaltenen Vortrage bezw. Referate erfüllten nun diesen ihren Zweck; ich führe nur an:Hexen und Hexenglaube" (V.),Schuld und Sühne in Macbeth" (Rr.),Die Sprache Schillers" (B.),Idee, des Faust" (93.) und andere.

. Der bedeutendste Fortschritt aber ist aus dem Gebiete der Lektüre, des Tramenlesens- zu verzeichnen. Welch ein Abstand zwischen der Lektüre derBraut von Messina" am 17. Februar 1883 und der desselben Stückes im März 1884! Tort Ziel-und Planlosigkeit, keine Ahnung einer künstlerischen Idee, kein Ver­such zu wirkungsvoller Konzentration der Kräfte, hier sichere Berechnung, Streben nach künstlerischer Abrundung und Aus­bildung der Rollen, bewußte Einheit und Zusammengreifen der Kräfte.Wilhelm Tell" ist wohl das erste Drama, welches in dem letzteren Sinne gelesen wurde; aber fteilich gebührt das volle Verdienst hieran nicht uns allein, wir wurden erst durch

einen von außen hiuzukominenden Faktor gleichsam daraus hin- gewiesen; dieser Faktor war die Mitwirkung der bekannten drei Damen von denHöhen im Westen". Diese Damen faßten ihre Aufgabe künstlerisch auf (ich gebrauche absichtlich diesen Aus­druck, weil er ben besten Gegensatz zu der früheren Auffassung bietet). Wir waren daher moralisch verpflichtet, dasselbe zu tun, d. h. unsere beste Kraft einzusetzen, und auf diese Weise kam eine Lektüre zustande, aus die wir, die damaligen Verhält­nisse in Betracht gezogen, stolz fein dürfen. Tic Lektüre von Teil",Maria Stuart",Tasso",Jungfrau von Orleans" und Braut von Messina" gestaltete sich zu einem wirklichen Genuß.

Aber dasWeiberihing", wie diese gemischten Things zu­erst spottweise genannt wurden, bot noch einen Vorteil, bet tiefer lag. Jedes geistige Können gründet sich auf die Ge­winnung eines selbständigen Urteils. Das Urteilsvermögen abcp ist wieder abhängig von dem mehr oder weniger weiten Gesichts­kreis der geistigen Betätigung. Je größer und.mannigfaltiger das Gebiet ist, auf welchem Wir die geistige Mast, in. diesem Falle den Verstand, können spielen lassen, desto mehr ist die Mög­lichkeit vorhanden, durch Vergleichung (denn das ist ja die Tätig­keit des Verstandes) wirklicher oder für uns dafür angesehener Tatsachen, Sicherheit und umfassenden Blick im Urteil zu er­werben. Eine solche Bedeutung nun konnten auch dieWciber- things" für uns gewinnen, hätten wir nur auch das Unsrige dazugetan. Wir waren Schüler und plagten uns täglich da- mft, Tatsachen und allgemein gütige Begriffe in unserem Schädel zu bergen, zum großen Teil als totes, unfruchtbares Kapital; als Wikinger aber wollten Wir nicht nur für unfern Schädel, sondern auch für die Kultivierung unseres Geistes etwas tun, wie ich cs oben darlegtc, für unser Urteil; ein größerer Spielraum aber dazu wurde uns auf jeden Fall geboten, Wenn wir, als ein einen literarischen Verein bildendes Ganze, _ in eine dem Schülerweseli möglichst fernliegende Sphäre versetzt wurden. Und dieses Glück wurde uns im Weiberthing, Wie überhaupt im Verkehr mit der Familie unseres Genossen Volker zuteil. Ganz neue Elemente traten uns hier entgegen, neue Anregungen wurden uns geboten: in ästhetischer, ethischer und rein wissenschaftlicher Beziehung konnten wir lernen und haben es auch sicher getan. Wie ganz anders wurden uns diepcrauen- rollen der Dramen vorgeführt! Welch konkretere Diskupionen gab es, bei welchen wir weibliches Denken und weibliche J-We fchauungeu erkennen konnten! Ganz zu schweigeil von der For^ dernng in gesellschaftlicher Hinsicht; ich meine hwr Ge,ellschaft als Ausdruck der notwendigen Bezichungeii der Mensckfcn zu einander, a ls eine Form, in welcher der Geist, der sütlichö Wert eines Menschen sich offenbart Jedes edlere Weib aber drückt in seiner bloßen Erscheinung schon eine allgemem^niensch- liche, sittliche Idee aus, cs ist gleichsam fein eigener Spiegel; beim Manne geben ihn die Taten.

(Schluß folgt.)