Ar. 147
1907
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Auf der eigenen Spur.
Kriminalroman von Otto Hoecker- (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Die gleichfalls noch vorhandenen Bilder aus Newhork und London waren älteren Datums: sie rührten aus jener Zeit, da Gustav Schuhmacher zuerst den folgenschweren Schritt gewagt; sein ehrliches Handwerk an den Nagel zu hängen, um reiche Gönner für einige technische Erfindungen zu suchen — halbfertige Entwürfe, welche bei fortdauerndem, unausgesetztem Stu- diuin und unausgesetzten Weiterversuchen sich vielleicht bezahlt gemacht haben würde, für die einen Markt zu suchen aber von vornherein ein so aussichtsloses, wie verfrühtes Unterfangen gewesen war. Natürlich war der Enttäuschte bettelarm und mit geknickten Schwingen wieder heimgekömmen und hatte als einzige Ausbeute aus den fremden Ländern nur einige voreilige für illustrierte Zeitungen berechnete Photographien mitgebracht, die in der selbstbewußt stolzen Pose des erfolgreichen Erfinders gedacht waren. Auch auf ihnen fehlte die Renommiernarbe nicht.
Kritisch betrachtete Walden die Bildnisse. Endlich traf er seine Auswahl, so aus der Newyorker Zeit des Jugendgespielen eine Aufnahme, welche ihn mit einem Schnurrbarte darstellte. Während die am Themsestrand entstandene Gustavs Züge wieder bartlos verewigte. Einige flüchtige Handbewegungen genügten, um die schon vorher ausgefüllten amtlichen Messungsstreifen mit der gummierten Rnndseite an die Bildkarten zu kleben. Mit einem tiefen, wie befreit anmutenden Atemzuge schob Walden alsdann die derart präparierten Photographien in die Rocktasche.
Dann zauderte er wieder sekundenlang, Ivie von einem neuen Einfall beherrscht. Ein Blick in das Nebenzimmer belehrte ihn, daß Frau Ottilie völlig in ihre Beschäftigung vertieft tum. _ Da tauchte Walden die Hände nochmals in die Kasette und wühlte nach Bildern des Jugendkameraden; erst! als er das letzte herausgefischt und seinen Fund gleichfalls in der Tasche geborgen hatte, schloß er den Kasten und trug ihn hurtig zu der jungeu Frau, die eben über einen Kvffer gebeugt dastand.
„So, ich habe mir die Bilder genommen .... hier, vergessen Sie nicht, den Kasten mit einzupacken, denn mit ihm schleppen Sie intimer ein Stückchen Heimat herum!"
Eben konnte Walden sogar scherzen; seine Stimmung hatte sich überhaupt zusehends gehoben. Er verlegte sich sogar aufs Witzemachen, wobei er freilich bei der in einem Strudel überstürzter Geschäftigkeit befindlichen jungen Frau nur mäßigen Erfolg erzielte. Doch der Detektiv ließ sich das nicht verdrießen. Er legte selbst tüchtig Hand mit an, beteiligte sich tticht nur beim Einpacken, sondern war der vielbeschäftigten Frau auch beim Umkleiden der neugierig staunenden Kinder behilflich, die es gar nicht begreifen konnten, daß sie mitten in der Woche ihre schönen Sonntagskleider angezvgen erhielten.
Nachdem glücklich die Koffer gepackt waren, besann sich Frau Ottilie darauf, ihren Flurnachbarn, mit denen sie nach Art kleiner Leute gute Beziehungen unterhalten hatte, Lebewohl zu sagen. Jedoch Waldest Wet ab.
„Wir haben keine Zeit mehr zu verlieren!" versetzte er dringlich. „Was kümmert es auch schließlich die Leute, wohin bas Schickfal Sie entführt. Ich will rasch eine Droschke besorgen — oder besser, Sie kommen gleich mit beit! Kindern mit, dann erregt Ihr Fortgehen gar kein Aufsehen — und nun voran. Es ist ohnehin allerhöchster Omnibus geworden, wollen wir noch rechtzeitig zum Bahnhof kommen."
Fran Schuhmacher war mit allem einverstanden; sie befand sich in einer Art wachen Traumes, die einer halben Betäubung gleichkam. Die Vorstellung, daß sie plötzlich aus ihrer Häuslichkeit, dem Einerlei der Alltagspflichten und Sorgen heraus und dem Glück entgegenfahren sollte — hinaus' in die meite Ferne bis ans andere Ende der Welt, bestürzte sie noch immer bis zur Fassungslosigkeit und machte sie int Denken und Empfinden schwerfälliger, als es wohl sonst in ihrer Art lag. Dabei machte ihr die leicht erklärliche Unruhe der Kinder, deren neugieriges Fragen viel zu schaffen und verhinderte sie völlig an ruhiger Sammlung.
Wie traumbetört sah sie sich die kleine Wohnung verlassen/ in welcher sie in immer abgestumpfterer Resignation durch Jahre dahiugclebt. Auf der Treppe begegnete ihnen die eine Flurnach- barin, welcher Walden gelassen erklärte, daß die Familie dem nach einem- anderen Wirkungskreise übergesiedelten Gatten und Baier Nachfolge und nicht mehr zurückkehren werde; er habe die Ordnung der Verhältnisse und die Sorge um- die Wohnung übernommen. Zu alledem vermochte die völlig benommene junge Frau nur zu iticEen; sie kühlte ihre Hände geschüttelt, zu ihren Ohren drangen freundlich teilnehmende Abschiedsworte — nnd dann sah sie sich tu großer Erleichterung in einer Droschke sitzen und schaute zwei Dienstmännern zu, wie diese hurtig die geparkten Koffer auf das Wagenverdeck türmten.
Eine halbe Stunde später stand Walden auf dem Fernsteig des Bahnhofs Zoologischer Garten und sah dem immer schnelle« ausfahrenden Kölner Schnellzuge nach, in welchem er Frau Schuhmacher nnd bereit beiden Kinder untergebracht wußte. Seine Züge erschienen undurchdringlich wie immer, nur noch bleicher als sonst und von seiner Stirn perlten Helle Schweißtropfen, wie die Anstrengung sie einem Komödianten nach Durchführung einer besonders anstrengenden Rolle erpressen mag,
7. Kapitel. I1'
Inzwischen hatte Rat Hansemann von deut Revierleutnant die denkbar befriedigendste Auskunft über den Fuhrherrn Eilenburg erhalten; dieser galt als einer der angesehendsten und seines rechtlichen Charakters wegen allgemein beliebten Einwohner des Stadtviertels. «
„Bis zur Verurteilung seines Sohnes bekleidete Eilenburg alle nur erdenklichen Ehrenämter. Er war Bezirksvorsteher und Schiedsmaun, gehörte sogar Jahre hindurch der Stadtverordneten- versammlnng an. Als daun die Geschichte mit seinem Sohne dazwischen kam, legte er sämtliche Ehrenämter nieder und war zu bereit Beibehaltung durch keinen Zuspruch zu bewegen, ^ch selbst war vergeblich bemüht, ihn wenigstens unserer Stammtisch^ runde zu erhalten. Er ist ein sehr stolzer, ehrgeiziger Charakter und von der unverdienten Schande hart betroffen worden. Er


