Ausgabe 
4.9.1907
 
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durch eine gute Nachtruhe zu stärken. Unser Soldat sowie Diener und Maultiertreiber kampierten, in wollene Decken eingewickelt, vor dem Zelt. Tie Wachen, die sich in jedem N'sala anbieten und die man, obwohl sie überflüssig sind, nicht zurückweisen darf, um sie nicht zu verletzen, postierten sich, mit aufgepflanzten Gewehren, vor unserem Zeltein­gang. Ihre Mausergewehre sind der Steinschloßflinte un­seres Soldaten weit über.

Tie Sonn' erwacht. Mit ihrer Pracht Erfüllt sie die Berge, das Tal.

Diese Verse kamen mir in den Sinn, als ich am nächsten Morgen, etwa um 51/2 Uhr, aus meinem Zelt heraustrat und meine Blicke schweifen ließ über die herrlich beleuchtete Gegend. Während am westlichen Horizont, am Ende einer großen, von nur wenigen und kleinen Bodenerhebungen unterbrochenen Ebene der Ozean sichtbar war, ragten ihm gegenüber, im östlichen Gesichtskreis, die Vorläufer des Atlasgebirges heraus, von denen ein Gipfel, verschwommen nur sichtbar, mit Schnee bedeckt ist. Vor mir schlängelte sich den Hügel hinunter, und von da noch bis bald zum Flusse hin sichtbar, unser Weg. Man darf sich aber, wenn ich vonWeg" spreche, nicht etwa eine Straße in der bei uns üblichen Breite und Verfassung vorstellen. Wohl verbinden mehrere Straßen Tanger und Fez, doch dies sind von tiefen Furchen zerrissene Pfade von nur etwa einem Fuß Breite. Unsere Leute beginnen mit dem Abschlagen des Zeltes und dem Beladen unseres Maultieres. Etwa ein Dutzend Spröss­linge unserer N'sala schauen aufmerksam zu. Küaben und Mädchen unterscheiden sich in der Kleidung nur wenig; doch tragen die kleinen Töchter des Landes auch hier das Haar lang und meist auch eine Kopfbedeckung, wenn es auch nur ein Tuch ist. Dagegen haben die Knaben ihre Haare fast durchweg ganz kurz geschnitten; mancher von ihnen aber trägt einen, ja dieser oder jener sogar zwei Zöpfe, als Zeichen dafür, daß sie als Nachkommen des Propheten Mohammed gelten! Damit sind sie Scheriffen. Dies kommt etwa unserem Adel gleich, doch ist es keineswegs selten, daß ein Scheriff höchst ungeordnete Arbeiten verrichtet. Diener, Postkourier oder Straßenkehrer ist.

Gegen halb acht Uhr sind wir endlich zum Aufbrechen bereit und es gelingt uns, den Fluß zu überschreiten, der nun infolge der Ebbe einen etwa i/2 Meter niedrigen Stand hat. Im großen und ganzen ist das landschaftliche Bild heute das gleiche Ivie tags zuvor: Wiesen, Felder, teils augebaut, teils noch in Bearbeitung vermittels primi­tiver Geräte, sandige Hochplateaus, dann wieder fruchtbarere Ebenen. Tie Gegend ist ganz abwechslungsreich. Gegen 12 Uhr rasteten wir zum Frühstück in einem Olivenhain, dem ersten größeren, der uns zu Gesicht kam. Nach einer halben Stunde ging es wieder weiter, stundenlang in sengen­der Sonne. Tie Hitze verbrannte mich im wahren Sinne des Wortes, so daß die Haut in Stücken vom Gesicht fiel. Ich wurde braun. Ter Hautwechsel ging selbstverständlich ganz allmählich von statten. Noch heute leide ich hier in Fez unter der Gewalt der marokkanischen März sonne an der Häutung", die ziemlich schmerzhaft ist.

Ulad Mussa, die für die kommende Nacht in Aussicht genommene N'sala, erreichten wir kurz nach 5 Uhr. Das Aufschlagen des Zeltes, Füttern und Tränken der erschöpf- ten Tiere und die Vorbereitungen zu unserem Nachtessen und dessen Einnahme nahmen reichlich zwei Stunden in Anspruch, nach bereit Verlauf wir uns zur Ruhe begaben. Man wolle sich nun eine Nacht in einem marokkanischen Zelte nicht gerade zauberisch schön vorstellen. Wenn ich mich erinnere, mit welcher Begeisterung ich als Knabe beim Sol- daten-Spielen einZelt" aufschlug, in noch so primitiver Form, und am liebsten nicht mehr herausgegangen märe, so erschien mir damals der Gedanke, eine Nacht unter einem Zelte zu verbringen, als das Ideal aller Träume. Wie viel anders hier! Nicht allein die furchtbare Uusauber^it des Platzes, auf dein man sich sein Zelt errichtet, viel mehr als diese widern bestimmte kleine Lebewesen an, deren Name schon genügt, empfindlichen Lenken Schauder einzu- flößeu. Glücklicherweise merkte ich von dem Vorhanden- seiu dieser Geschöpfe des Satans bei meinem gesunden .Schlaf nicht allzu viel, da wir den Boden unseres Zeltes mit dichten Strohmatten belegt hatten. An eine rechte Ruhe läßt sich dennoch nicht denken. Tas Heulen der das Zelt umkreisenden Hunde, das Schreien der Esel, Kamele und Maultiere und das Wiehern der Pferde, all das ist

wahrlich nicht geeignet, den Schlaf zu fördern. Schließlich aber, wenn man sich etwas daran gewöhnt hat, sinkt man doch in eine Art Halbschlummer.

Tie aufgehende Sonne sah uns andern Morgens bereits wieder auf beit Beinen. Alkassar, das Endziel nuferes dritten Tages, ist wohl weiter als die übliche Marschzeit von neun Stunden entfernt und es ist deshalb möglichst früher Aufbruch von Nöten, zumal in der grellen Mittags­sonne unsere Pferde immer erschlaffen und nur vermittels der Reitpeitsche und Sporen int richtigen Tempo gehalten werden können. Es war dieser Tag einer der anstrengendsten und zugleich eintönigsten unserer Reise. Erst gegen i/26 Uhr des Nachmittags ritten wir ein, nachdem wir Alkassar vom Rande der großen Tiefebene aus, in der es liegt, wohl eine Stunde früher zum ersten Male gesehen hatten. Es macht aus der Ferne keinen ungünstigen Eindruck. Tas lang- gezogeue, weiße Häusermeer, überragt von einigen Miua- rets, von Moscheen und einer Anzahl Dattelpalmen, das Ganze von einem Kranz von Gärten umgeben, hebt sich von dem Horizont, an dem mehrere hohe Berge sichtbar sind, recht malerisch ab. Oestlich von der Stadt, unfern der Stelle, wo das Schlachtfeld sich befindet, auf welchem int Jahre 1578 die Macht der Portugiesen endgültig gebrochen wurde, lagert eine verhältnismäßig größere M'halla (eine Abteilung Sultanstruppen), jedenfalls aus Anlaß der Nähe Raisuli's in nicht allzuweiter Entfernung. Wo er sich zurzeit aufhält, weiß man mit Bestimmtheit nicht, doch rechnet man noch immer mit seinem plötzlich wieder erfol­genden Auftauchen.

Zwar befinden sich in Alkassar mehrere Fondaks, in denen uns Gelegenheit geboten wäre, zu überttachteu. Wir zogen es aber vor, auch diesmal wieder im Zelte zu ver­bleiben, denn es wird besondere Sauberkeit dort auch nicht herrschen. Wir brauchten diesen Entschluß auch nicht zu be­reuen, denn es war, da wir unter dem Geheul von Hunden usw. fast gar nicht zu leiden hatten, eine ganz geruhsame Nacht. Während des Ausschlagens unseres Zeltes hatten wir beiden Europäer in Begleitung unseres Maultiertreibers einen kleinen Gang nach der Stadt unternommen. Große, halb vertrocknete Schlammassen, beredte Zeugen der jüng­sten Regenperiode, sowie riesige Kehrichthaufen, die einen Teil der von uns passierten Straßen durchziehen und den ganzen südlichen Teil der Stadt gleich einem Wall um­schließen, strömten einen so unangenehmenDuft" aus, daß wir von den Sehenswürdigkeiten Alkassar's balddie Nase voll hatten" und uns wieder nach unserem Lager znrück- zogeu.

Ten üblichen Verlauf nahm auch unser vierter Reisetag. Der Weg bis zu dem etwa 20 Minuten hinter Alkassar sließendeu Flusse el Kus führte durch Gärten voll schönster Orangenbäume, die gerade mit Früchten überladen waren. Diese sind in Anbetracht der guten Ernte sehr billig und für einen Hassani (die arab. 50 Cts.-Münze, etwa 26 Psg.) erhielten wir, vom Baum gepflückt, 22 der köstlichsten Orangen, die uns bei unserem Mittagessen vor­trefflich mundeten. Ter Fluß, Uad el Kus, der trotz ziem­lich erheblicher Breite an der Uebergangsstelle kaum einen halben Meter tief ist, machte uns beim Ueb erschrecken glück­licherweise weiter keine Schwierigkeiten. Sobald wir das andere Ufer erreicht haben, sehen wir uns auf gut bewässer­tem Lande von ganz ungewöhnlicher Fruchtbarkeit. Tas Ge­treide steht ganz vorzüglich und so weit das Auge nach Westen hin, den Fluß entlang, reicht, sind ebenso gute Felder zu bemerken.

In Alkassar ist heute, am Sonntag, Markt. Sehen wir doch aus dem Wege buntes Leben und Treiben. Aus den umliegenden Ortschaften strömen viele Menschen uns ent­gegen, die, unseren Weg kreuzend, in der Stadt ihre Erzeug­nisse zum Verkauf stellen wollen, Hühner, Grünfutter, Brennholz usw. usw.

Bald nimmt die Gegend wieder andere Gestalt an und unser Weg führt uns über mehrere sandige und steinige Anhöhen, am Rande von Abhängen und Schluchten vorüber. Tie Sonne meint es anfangs weniger schlümn mit uns und hält sich den ganzen Vormittag hinter Wolken versteckt, um gegen ein Uhr, da wir uns nach einem Ruheplätze um­sehen, zum Mittagessen, mit doppelter Macht hervorzu­brechen. Sie verläßt uns den ganzen Nachmittag nicht und macht uns den recht einförmigen Weg nach Schimacha, unserem heutigen Lagerplatz, gar sauer. Zudem zeigen auch unsere Pserde nach den drei Reisetagen Müdigkeit. Oft