Ausgabe 
4.9.1907
 
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Tu weißt, ich liebe Dich, Elma", sagte er nun mit Pathos . . .Wohl fürchte ich, daß unser schönes Leben zu Zweren dadurch beeinflußt, ja beeinträchtigt werden wird . . .. aber ich habe ohnehin vergeblich nachgefonnen, womit ich Dich diesmal besonders erfreuen kann. In dreier segendringenden Weihnachtszeit, die unsere Brust mit sanften Regungen durchflutet, will ich Dir meine Einwilli- gung geben, nun denn, rufe Anita zurück!"

.. , Publikum hätte wahnsinnig applaudiert, wenn er drese Worte auf der Bühne gesprochen hätte.

So war es nur ein dankbares Weib, das an seiner Brust lag und Liebesworte stammelte und Versprechungen, denen er gütig sein Ohr lieh.

*

Ter unruhigste, aber auch der schönste Tag im Jahre war angebrochen . . . anfangs neblich und dunkel, aber immer mehr und mehr rang sich die kalte Wintersonne lnn- durch. und beleuchtete ein buntes, lebhaftes Bild der Ge­schäftigkeit, des Drängens und Hastens der Menge, die, von Erwartirng getrieben, von Freude erfüllt, noch die letzten Pflichten erledigte, bis der Abend anbrach, die feierlichen Stunden, eingeläutet vom Gloüenklang, begannen mit Ge­bet und Gesang, der sich auf Jahrtausende zurückbezieht.

Spät war Anita eingetroffen.

So hatte die Mutter es telegraphisch gewünscht.

Wohl hatte das Fräuleir? Hartmann ein längeres Schreiben erhalten, aber es war nur für die Vorsteherin selbst bestimmt.

Stürmische Begrüßung, großer Jubel in Fritzchens Kin­derstube. Dann hatte Anita das schneebespritzte Jäckchen, das weiche Pelzmützchen abgelegt. . . im kleinen Koffer hatte sie gekramt, allerlei Geschenke für das Brüderchen, allerlei Stickereien für die Eltern herausgeholt, ... so un­ruhig war sie, so erregt, die Mama hatte noch gar nicht recht nut ihr gesprochen, nnd im Fremdenstübchen durste sre sich nicht umziehen, das war verschlossen ... so feier­lich war alles im Hause, so weihnachtlich . . .

Endlich hallte die Glocke durchs Haus. Dornberg hatte selbst den Baum angezündet . . . Fritzchen stürmte voran, dre andern folgten ruhiger . . .

Eine Schulmappe!" schrie er.Hurra, und eine Festung . . . Danke, danke . . . wie ist das schön!" Er hing am Halse des Vaters.

.Anita, blaß von einem zum andern sehend wär an ihrem Platze stehen geblieben.

Da stand der Teller vor ihr mit den Süßigkeiten, darüber brannte der Baum, eben fiel ein Tropfen flüssiges Wachs herab, gerade auf des Mädchens kleine Hand, die in die Zweige gefaßt.

Aber glühender waren die Tropfen, die ihren Augen entflossen. Der Platz um den Teller wirklich leer... so hatte sie sich's ja gewünscht, aber es war ihr im kleinen Herzen doch so weh, so unaussprechlich weh.

Ta fühlte sie sich von zivei weichen Armen umfangen. . »Komm, Lrebling," fügte die Mutter,so ganz leer sollst Tu doch nicht ausgehen, ich habe Dir noch an einem anderen Plätzchen aufgebaut."

Und schnell zog sie das Kind hinaus, den Korridor entlang . . .

Tann öffnete sie die Tür des bisherigen Fremdenzim­mers . . . Lichterglanz strahlte ihnen entgegen.

Ein Bäumchen stand auf dem Tisch vor dem hellgeblüm­ten Diwan.... gleiche Gardinen hingen von den Fenstern herab ... ein Schreibtischchen in der Ecke, mit vielen Kin­dererinnerungen, mit dem Bilde des Vaters, Bücher aus dem Tisch, ein Schränkchen mit weit geöffneten Türen, rosagebundene Wäsche, seine Kleidchen enthaltend.

Anita stand starr mit weit geöffneten Augen.

Ties soll Dein kleines Reich sein, mein Herzenskind . . hier sollst du bleiben, solange es Dir gefällt dicht neben dem Brüderchen. . Und Papa ist ganz damit einverstanden und hat alles mit mir besorgt, wir wollen ja, daß unser Töchterchen sich recht wohl zu Hause fühlt. . ."

Mutter", schluchzte das überraschte Mädchen,Mutter, du gute, geliebte Herzensmutter, wie soll ich dir danken..."

Sie lag der erschütterten Frau zu Füßen und weinte und lachte und küßte ihre Hände und Arme und Kleid . . . . ,,,7 yer große Künstler war dazu gekommen. Liebe­volle Worte wollte er an das Mädchen richten, aber be­

zwungen von dem unbeschreiblichen Ausdruck der Dankes- empfrndungen trat er beiseite und schwieg.

Es war, als schimmerte eine Träne in seinem Auge.

Man Kl Ken nach Marokko.

Aus dem Reisetagebuche eines Gießeners. Nachdruck verboten.

(Fortsetzung.)

M . Frz, 25. März 1907. Die letzten Tage unseres Tangerer Aufenthaltes vergingen unter Erledigung der noch zu machenden Einkäufe und Besorgungen. So zog sich unser Aufenthalt, getreu dem arabischen:schwai, schwai", zu deutsch etwalangsam voran", immer hinaus und schließlich wurde oer 14. März endgültig als Tag des Aufbruches fest­gesetzt. Unser Freund und Landsmann, der schon genannte, aus Remscheid gebürtige Herr M., begleitete uns mit noch eurem anderen Deutschen, etwa eine Stunde weit, bis wir unsere kleine Karawane, die vorausgegangen war, eingeholt hatten, mit welcher wir dann unseren Weg allein fortsetzren. Unser Maultiertreiber hatte uns zum Transport unseres Zeltes, unserer beiden Feldbetten, des Handgepäcks und unserer Kochgerätschaften re. eines»seiner Maultiere über­lassen. So bestand unsere Karawane nur aus uns zwei Euro­päern, dem uns begleitenden Soldaten, unserem Diener und dem das Maultier treibendenmalem". Unserem Diener, der die Reise gleich dem Maultiertreiber zu Fuß zurücklegt, hatte sich mein Bruder von Fez mitgebracht, wo er auch den Soldaten, von welchem jeder im Innern des Landes reisender Europäer begleitet sein muß, von der Regierung sich gemietet hatte (für einen Duro 2.50 Mk. täglichen Sold). Gleich unserem Soldaten ritten auch wir beiden Europäer zu Pferde; das meinige hatten wir kurz vor unserer Abreise in Tanger für 250 Pes. Alf., etwa 200 Mk., gekauft.

Solange wir uns in der Nähe von Tanger befanden, war der auf dem Weg von hier bis Fez herrschende Verkehr noch ziemlich lebhaft. Alle Augenblicke begegnen uns größere oder kleinere Trupps von Weibern, die alle möglichen Ver- kaufsgegenstände nach Tanger zum Markte tragen oder von dort mit ihrem Einkauf zurückkehren. Sie tragen ihre Lasten meist auf dem Rücken, bisweilen auch auf dem Kopf und viele führen einen ihrer kleinen Sprößlinge mit sich. Manche Frau trügt ihr Kind in einem am Körper befestigten Gurt auf dem Rücken. Oft schleppt Frau Mama auch noch ein oder zwei ältere Kinder an der Hand. Die vom oder zum Markte kommenden Männer treiben meist Esel oder Maultiere, bisweilen auch Pferde, vor sich her, die schwer bepackt sind. Zum Markte werden zahlreiche Hühner be­fördert, die zw je 4 bis 5 mit den Füßen aneinandergebunden, an der Leine geführt werden oder in große kegelförmige Körbe untergebracht sind, die von Eseln oder Pferden ge­tragen werden.

Vor uns liegt (der Akbat el Hamra, zu deutsch roter Berg, der seinen Namen dem von Eisenoxyd rot gefärveen Kalk­stein verdankt. In etwa zwei Stunden ist er -mühsam über­stiegen. Der seither durchrittene Küstenstrich, in dem sich kühlende Seeluft noch angenehm bemerkbar macht, ist ver­hältnismäßig fruchtbar und das Getreide steht ziemlich günstig. Nur sehr wenige Bäume sieht man, ein paar ver­kümmerte Korkeichen oder Pinien, öfter dagegen Hecken von Agaven und Kakteen, wohl zwei Meter hoch und höher, die bisweilen am Abhänge eines Berges eine Ortschaft um­grenzen.

Wir gelangen an einen Fluß, dessen Ueberschreitung für diesen Tag noch vorgesehen war; jedoch ist er infolge der Flut unpassierbar nnd wir müssen wieder umkehren zur Nachtruhe. Glücklicherweise ist eine N'sala (von der Re­gierung vorgeschriebener Lagerplatz) nicht allzufern. Der Platz, auf dem wir unser Zelt aufschlagen, liegt in der Mitte eines kleinen Torfes und hat etwa 200 Meter Durchmesser. Hütten der Dorfbewohner umziehen ihn, der auf der Höhe eines kleinen Hügels liegt, fast kreisförmig. Unser Maultier ist rasch entladen und wälzt sich, wie es alle Maultiere tun, wenn sie von ihrer Last befreit sind, im Grase, ivo unsere Pferde an Pflöcken mit den Vorderfüßen angekoppelt sind. In einer Viertelstunde ist der Aufbau und die Einrichtung unseres Zeltes vollendet, und als bald nach 6 Uhr die Dunkelheit hereinbrach, hatten wir uns schon an einem aus den mitgenommenen Vorräten schnell hergestellten Abend­essen gestärkt. Tie Strapazen hatten uns ziemlich müde gemacht und es galt, sich für den kommenden Tag auch