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Are öevorsteö ndc dritte Säkularfeier des Gießener Gymnasiums
gibt uns Veranlassung, mit einer Bitte an unseren Leserkreis zu treten, deren Erfüllung jedenfalls allseitig mit Dank ausgenommen werden würde. Wir möchten gern von tüchtigen und originellen Lehrern unseres Gymnasiums aus älterer und neuerer Zeit an dieser Stelle erzählen, und ebenso non ehemaligen Schülern des Gießener Gymnasiums, die es zu hervorragenden Stellungen im öffentlichen Leben gebracht haben, oder die sich durch ihre besonderen Charaktereigenschaften im Gedächtnis ihrer Mitschüler erhalten haben. Auch Anekdoten aller Art an§ dem Gießener Gymnasiuni würden wir mit freundlichem Danke entgegennehmen und so dazu beitragen helfen, die Feier so erinnerungsreich und freudevoll als möglich zu gestalten.
Wir sehen der Einsendung von Beiträgen dieser Art mit Interesse entgegen nnb hoffen insonderheit, daß recht viele einstige Gießener Gymnasiasten gern und freudig dieser Aufforderung entsprechen werden. Jeder, der die Absicht hat, uns mit solchen Beiträgen, und seien sie noch so bescheidener Art, zu erfreuen, möge cs uns gütigst recht bald mitteilen, damit wir wissen, was wir zu erwarten haben.
Anonyme Einsendungen würden unberücksichtigt bleiben. Doch würden wir auf Wunsch die Einsender der Oeffcntlich- keit gegenüber geheim halten.
Die Redaktion
der Gießener Familie »blätter.
Ihr Wunschzettel.
Von B. Herwi. Nachdruck verboten. (Schluß.)
„Gott sei Tank", sie atmet tief auf, erbricht hastig den Brief, dann liest sie:
„Set nicht böse, geliebte Mama, daß ich lange nicht geschrieben, ich war krank, aber Du solltest es erst wissen, wenn alles vorüber, llkun geht es besser. Tu tvolltest meinen Wunschzettel haben, ich sende ihn Dir heut: Stelle mir wie früher den Teller mit Pfefferkuchen, Aepfeln und Nüssen unter den brennenden Tannenbaum, dessen Duft mir lieber ist als alle Blumen der Welt. Nichts, nichts weiter soll an meinem Platze liegen, keine Kleider, keine kostbaren Gaben, ich habe ja alles, durch Eure Güte, nur eins fehlt mir so furchtbar, nur eins wünsche ich mir so sehnsüchtig — nimm mich fort von hier, Mutter, laß mich bei Ttr bleiben, wohin ich doch gehöre, laß es mich wieder empfinden, für immer Tein Kind zu sein. Was habe ich denn getan, daß Du mich auch ferner von Dir weisest? Ich komme mir ja wie verstoßen vor. Ach, Tu weißt es nicht,
was ich entbehrt, wie ich mich schon so lange danach gesehnt habe! Ich will Dir und dem Papa ja gar nicht zur Last fallen, ich will dir helfen, wo ich nur kann, ach erlaube doch, daß ich mit Fritzchen lernen darf, das verstehe ich ja gut, und immer will ich auf ihn aufpassen, wenn Du mit Papa verreist bist, ich will Dich und Papa nie stören, nie, nie, nie, das gelobe ich Dir, nur laß mich nach Hause kommen und bei Dir bleiben, einzige, goldene Mama. Tue es doch um des lieben seligen Papa willen . . , weiter will ich nichts vom Weihnachtsfest, das ist alles, was ich mir wünsche. Deine arme Anita."
Lange sitzt Elma Dörnberg, die beneidete Gattin des großen Künstlers, still in ihrem Zimmer. Ihre heißen Tränen fließen, ihr ganzes' Inneres ist tief aufgewühlt.
Als sie am anbercu Vormittag in des Gatten Zimmer tritt, zittert ihre Stimme.
„Ich habe mit Dir über Weihnachten zu sprechen," beginnt sie . . „es gibt noch allerlei Wünsche zu erfüllen . ."
„Aber, Frau, Tn weißt doch, mir ist alles recht, was Tu tust . . . brauchst Du noch Geld? Nein?"
„Nein, Maximilian, ich danke, ich brauche nur noch Güte und Einsicht. . . bitte, lieg diesen Brief. . ."
„Muß es gleich fein, Schatz? Tu siehst, ich bin beim Coriolan. . ."
„Ja, es muß gleich sein, es erleidet keinen Aufschub."
Sie beobachtet feine Züge, als er liest, sie bleiben kält, unbewegt.
Ter Charakterkopf wiegt sich — beruhigend — hin und her...
„Tas sind die sechzehn Jahre, Elma", sagt er endlich. „Ta bricht das Gefühl durch, schrankenlos, alles überflutend. Echte Sturm- und Trangperiode . . . Du lieber @ött,_ba§ Kind hat doch nichts entbehrt. Tie teure Pension! — Laß sie nur ruhig noch da, es bleibt noch genug zum Lernen . .
„Tas Gefühl bricht durch ... die sechzehn Jahre . . . Tu hast recht, Maxim, aber gerade so ein leidenschaftliches Kind muh 'in diesen Jahren besonders gehütet werben, von Mutteraugen gehütet. Es war ein unbedachtes Versprechen, das ich Dir damals gegeben habe, und doch habe ich es gehalten, lange, lange Zeit, über zehn Fähre . . . Ich habe Dich geliebt, vergöttert, nichts von diesen Gefühlen ist in mir gestorben, ich bin stolzer denn je, Tein Weib zu sein. . .! Ich habe das Recht der Frau, das mir zusieht, auch dann nicht geltend gemacht, wo meine Würde es manchmal verlangt hätte, aber ein anderes, ein heiligeres Recht in mir, das Reckt der Mutter darf ich mir nicht länger verkümmern lassen, darf nicht dulden, daß mein Kind darüber vielleicht zu Grunde geht... Tu mußt es jetzt gestatten, daß Anita bei uns bleibt . . ."
Sie hatte seine Arme umfaßt und sah ihm ernft, flehend ins Auge.
Der Schauspieler sog die Worte, sog die Blicke in sich ein, als ob sie den Teil einer neuen Rolle bildeten^, die er jetzt ergänzen sollte.


