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Uetzer das Projekt referierte Professor Walter Reichel von der Technischen Hochschule Cbarlownburg an Hand enres besonders schwierigen Beispiels, des Bahnhofs Jannowrtzbrücke. Das preisgekrönte Projekt sieht laut „B. T." folgende Losung vor: Kur Beförderung der Personen tit die zweite Etage werden Patcrnosterwerke verwendet, für den Fall einer Störung tm Betriebe dieser mechanischen Einrichtungen kann das Publtkum die breiten Treppen, die die Anlage vervollständigen, benutzen. Außerdem wäre es wünschenswert, Personenaufzüge vorzusehen, da sie Patcrnosterwerke für Personell zivar betriebssicher und ungefährlich sirrd, ihre Benutzung durch alte und gebrechliche Personen aber schwierig sei. Damit nicht alle Fahrgäste aus Bequemlichkeit die untere Etage benutzen und dort Uebersüllnng Hervorrufen, istdie zweite Klasse oben, die d ritte Klasse unten angeordnet, auch ans dem Grunde, weil sich im oberen schmalen Teil der Wage,r weniger Sitzplätze anbringen lassen Diese Anordnung hat nur einen Nachteil: da auch einstöckige Wagen (Vorort-Züge Potsdam- Straußberg) über die Strecke, geleitet werden, müßen die „oberen Zehntausend", die die zweite Klasse benutzen, manchmal warten, während das Publikum der dritten Klasse schneller befördert werden würde. Durch eine Preßluftvorrichtung werden bei dem van Heysscben Projekt die oberen Wagentüren währeiid der Fahrr verriegelt: sie können nur geöffnet werden, wenit der Zug am Bahnsteig zum Halten gekommen ist. Auch die Abfahrt des Zuges ist nicht möglich, bevor die oberen Türen verriegelt sind. Als Betriebsmittel kommt bei dem heutigelr Stand der Elektrotechnik nur einphasiger Wechselstrom in Betracht. Der Verfasser deö Projekts empfiehlt auf Gruiid eingehender Untersuchungen vier- achsige Wagen, die bei günstigem Eigengewicht ruhig laufen. Die Züge könnten in 90 Sekunden Abstand folgen, sd daß dre Leistungsfähigkeit der Stadtbahn 3,6 mal so groß als heute sein würde.
Die Vorarbeiten der preußischen Staatsbahnverwaltung sür die Elektrisierung der Stadtbahn sind durch das Ergebnis des Preisausschreibens, tote der Vorsitzende des Vereins deutscher Maschineningenieure, Ministerialdirektor Dr.-Jng. Wichert hervorhob, zweifellos gefördert worden. Hoffentlich hinkt dte Eisenbahnver- walttlng mit der Verwirklichung des großen Projekts der Stadt- bahnelektrisierung den wertvolleir Anregungen berufener Fachvereine nicht zu spät nach.
** Vor 75 Jahren war es in Berlin nicht ganz einfach, eine Anzeige in die Zeitungen entrücken zu lassen. Damals gab es itt der preußischen Hauptstadt außer der Zensur noch den Jntelligenzzwang; jede für die Oeffentlichkeit bestimmte Bekanntmachung aus den Kreiselt der Privatleute mußte zunächst Hie Zensur passieren und dann auch in das „Berliner Jntelli- aeuzblatt" eingerückt werden, dessen Besitzer ftir dieses Privileg ■ jährlich eilte bestimmte Summe an das Große Militär-Waisenhaus in Potsdam äbführeu mußte. Der Zensor waltete in einem Keinen Zimmer im alten Fürstenhause seines Amtes, prüfte genau die zunt Inserieren bestimmten Mitteilungen, versah sie, wenn gegen die Veröffentlichung nichts vorlag, mit seinem, Stempel und kassierte einen Silbergroschen ftir jedes Inserat ein. Daß gestrengen Herrn Zensor aber auch ein Irrtum und Versehen unterlaufen konnte, zeigt ein Streich des später in der Schweiz als politischer Flüchtling gestorbenen Krintinalaktuarius Stein. Als dem höchst unliebsamen Minister Rochus von Mochow der König Friedrich Wilhelm IV. sein Abschiedsgesuch genehmigt hatte, kam Stein aus den Gedanken, die Entlassung im „Intelligenz»- blatt" bekannt zu geben. Er wählte dazu den Teil, in denk sich sonst Trödelanzeigen, Stellengesuche re. befanden, und ver- stand es sehr geschickt, den Zensor zu überlisten, der erst aur nächsten Tage zu seinem Schrecken wahrnahm, was ftir ein Mißgeschick ihm passiert war. Die Berliner lasen nämlich: „Meinen Hausdiener Rvchoto habe ich heute entlassen. Friedrich Wilhelm König." Ganz Berlin lachte, mit Ausnahme des Zensors.
Bäder, Touristik und Reiser«.
** Dur ch s Ja m m e r t a l! Erschrick nicht, schöne Leserin! Gähne nicht lieber Leser! Durchs Jammertal in dieser maigrünen Zeit? Hinauf auf die Höhen mochtest du wohl wandern und mitjauchzen in den Jubelruf alles neuerwachten. Doch schnüre dein Ränzel und versuche es einmal, du wirst es mir nachher Dank wissen: eine herrlichere Tagestour kann ich dir nicht empfehlen. Beruflich verhindert, vermagst du vielleicht nicht dem allgemeinen Strom nach den südlichen Bergriesen zu folgen. Schnüre dein Ränzel, das Gute liegt so nah'; du wirst auch bei minimalem Sinn für Naturreize das alles en miuiature finden, was so viele in die Fremde schweifen läßt: Sanft ansteigende Hange, Urtoaldpartien, plätschernde, silberklare Forellenbäche, grüne Matten, groteske, himmelhohe, alpine Felsenriesen, ein Wandeln wie durch die Säulen eines weiten Domes, inmitten altertümlicher Bonmgruppen, kuhwarme Milch, kredenzt von der schönen Müllerin und für dich, verehrter Forscher, eilte Flora ohnegleichen in den seltensten Spezies, Hirschzunge und gelben Fingerhut. Die hochverehrten Damen brauchen nicht mehr zu fürchten, Toilettenstücke mt den Zweigen und Felszacken hängen lassen zu müssen; der Taunusklub hat für einen bequemen und schattigen Weg gesorgt.
Von Diez (Lahnbahn) aus gelangst du in einer halben Stunde nach Zollhaus. Auch wenn du kein Freund von Kleinbahnidhllen bist, so mußt du dich doch hier bequemen, die Bimmelbahn bis Katzenelnbogen zu benutzen: beute Pedale werden bei der 21 Kilometer langen Tour durch das Tal selbst noch reichliche Uebuug finden. Doch für eine solche Tour mußt du dich vorher stärken. Auf der Veranda des Hotels Bremser, beschattet von der altertümlichen Bnrg der einst so mächtigen Grafen von Katzenelnbogen, sitzt's sich so lauschig, da schmeckt der Rheimvein so gut, da ist man so leicht geneigt, die exquisite Küche von Madame Bremser zu bewundern und mag sticht fort. Doch auf! Auf der Mittelmühle erwartet dich eine kurze Rast mit Hansmaitnskost und. Kuhkäse. Nach 2 Stunden stehst du überrascht auf Kloster Arnstein am Ziele deiner Wanderung und schaust in das wildromantische Lahntal, nach Altmeister Goethe, in seinen schönsten Teil. Bon Obernhof aus trügt dich der Zug tu die heimatlichen Penaten. Hepp.
** Der Bodensee. Es gibt unter den vielen und schönest Seen der Alpenländer keinen, der sich und seine Umgebung in Bezug auf landschaftliche Reize, kulturhistorische und verkehrspolitische Bedeutung und klimatische und geologische Eigentümlichkeiten mit dem Bodensee vergleichen könnte. Und es gibt zurzeit keine Publikation, die über diesen herrlichen See und seine früchteschweren Ufer inhaltsreicher und interessanter berichtet als das 2. Aprilheft der Deutsche» Alpenzeitung, das als Sondernummer „Der Bodensee" soeben erschienen ist. Aus der großen Anzahl der Textbeiträge, die mit künstlerischen Illustrationen, Zeichnungen und Gemälden, geradezu verschwenderisch -ansgestattet sind, nennen wir besonders: Am Bodensee von Ernst Viktor Tvbler, eine stimmungsvolle Schilderung des ganzen Bodenseegebietes in klangvollen, flüssigen Jamben. Neben Stimmungsbildern feinster Auffassung enthält das Sonderheft außerdem fesselnde Beiträge über Luftschiffahrt, Obst- und Weinbau, Fischerei, Burgruinen und Schlosser des Bodenseegebietes, Klima, Segelsport, Dampfschiffahrt, Geologie usw. Die Beilage „Verkehr und Sport" bringt unter den Kleinen Nachrichten reichhaltiges Material über die Berkehrseinrichtunaen des Bodensees und seiner Uferstaaten. Von auffallender Schönheit sind die sechs Kunstblätter: die übrige illustrative Ausstattung der Sondernummer ist reich und geschmackvoll. Der Einzelpreis dieses Bestes beträgt 1.50 Mk.; das vierteljährliche Abonnement (sechs.
efte) auf die Deutsche Alpenzeitung kostet 3.50 Mk.
Literarisches.
— „Arena." Rudolf Presbers Monatsschrift begann mit dem Aprilhest ihren zweiten Jahrgang. Mit der „Arena" ist der Typus der enlischen und amerikanischen Monatsrevnen ist Deutschland eingesührt worden. Das fremde Vorbild war mit deutschem Geist erfüllt. Das erste Heft des neuen Jahves zeig? in gefälliger Form eine glückliche Kombination von Interessantem und Unterhaltendem. Schwere Kost wechselt mit leichterer. Dir Politik wird mehr betont, und der Herausgeber selbst tritt kräftiger hervor. „Der Männermord", die erste der Geschichten von den törichten Jungfrauen, wird allen Freunden des Autors von „Leutchen, die ich lieb gewonnen" und „Kindern imb jungen Hunden" heitere Stunden bereiten. Daneben eine. Novelle des Wieners Rudolf Lothar. Von den Artikeln müssest besonders hervorgehoben werden: Prof. Dr. Weygandt: „Ibsens Figuren in der Sprechstunde beim Nervenarzt (eilte sehr interessante Untersuchung in Dialogfvrm!), Die Notschilds Vvst Futurus und Tierbabys von Adolf Heilborn. Am Schluß des Heftes kommt von jetzt an stets Rudolf Presber in einer „Kleinen Chronik" zu Worte, in der er tu seiner launigen Art de omnibus rebus et quibusdam aliis plaudert. Ans deut Aprilhest sei zum Schluß eine Stelle entnommen. Rudolf Presber schreibt über den verstorbenen italienischen Lyriker Carducci und weist darauf hin, wie wenige von den großen Toten wohl Mehr wüßten, als den Namen. Dann fährt er fort: „Die Namen sind allein das Bleibende auf den Grabsteinen wie tut Geplauder der Weltstadtmenschen. „Sie kennen Hölderlin?" — „Ich werd' Hölderlin nicht kennen." — „Darf ick um eine Zeile von ihm bitten?" — Verlegenes Schweigen, Wie immw, wenn du taktlos warft, . . .
Magisches Duadrat,
Nachdruck verboten.
—___--In die Felder uebeitstehendeu Quadrates sind
die Buchstaben AA B EE GG IUI BRR TT --------------- derart einzutragen, daß die wagerechten und senkrechten Reihen gleichlautend Folgendes bedeuten:
1. Wünscht sich mancher Jüngling. ______________ 2. Ein Gesangsstück.
3, Schweizerischen Gebirgsstock.
----------L— 4, Ist beim Backer zu finden.
Auflösung in nächster Nummer, Auflösung des Logogriphs in voriger Nummerr Strom, Stroh.
Redakttonr Ernst Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen,


