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Spott auf die Untugenderr der Diettstmädchen.
(Nach einem fliegenden Blatt von 1652.)
Wenn in unseren Tagen die würdigen Hausfrauen im „Kränzchen" sich versammeln, dauert es erfahrungsgemäß nicht allzulange, bis die Dienstbotenfrage „aufs Tapet" kommt. Bewegliche Klagen kann man hören, herzzerreißende, Seufzer: Ach wie anders wars doch in der „guten alten Zeit". Und die wird glücklich gepriesen, die durch ein Dienstmädchen von der alten Art gefcgnct ist. In Stadt und Land hört man immer wieder die alte Klage: Die Gesichter wechseln, aber die Fehler bleiben dieselben. Das scheint zu stimmen, nicht nur für die heutige Zeit, sondern auch für die oft so gerühmte „gute alte Zeit". Die Wahrheit dieses Wortes, das allenthalben zur Redensart geworden ist, wird auf vielen Gebieten mehr und mehr angezweifelt und von den Historikern ins Reich der Fabel verwiesen. Auch auf dem Gebiete der Dienstbotenfrage scheint es nicht anders zu sein. Vor mir liegt „Die Welt in Bildern" (Orbis p i c t u s) von D r. C h r. G. H o 11 i n g e r. Dieses Werk, das viel des Interessanten ans alter Zeit bietet, bringt unter obigem Titel ein Spottgedicht mit erklärendem Bild. Das Bild ist sehr interessant. Es führt uns aus einen Markt. Im Vordergründe sieht man die Beschließerin in prächtigeni Gewand mit der Köchin in eifrigem Gespräch. Sie sind so verliest, daß letztere nicht gewahr wird, wie ein Pudel ihr ein Stück Fleisch aus dem Korbe stibitzt. Am Brunnen läßt sich das Hausmädchen poussieren; Amor schaut aus einem Fenster oberhalb des Brunnens und hat eben seinen Pfeil auf die Jungfer abgeschossen; der Pfeil dringt ihr gerade ins Herz. Auch die „Kindsmagd" zeigt uns das Bild, wie sie vor einem Hause fitzt und über einer „interessanten" Unterhaltung die Aufsicht über das ihr mribertraute Kind vernachlässigt, und die Bauermnagd mit dem Zuber ans dem Kopfe, hoch anfgeschürzt, hält auch ein Plauderstündchen. Einige Jungen lausen aus den Häusern und bringen Stühle, daß die „Damen" Mägde es sich auf dem Plaudermarkt bequem machen können. Auch sonst sieht man in allen Ecken die Mägde plandernd beisammenstehen. Das Bild wird deutlich durch nachstehendes Gedicht. Wie alle Karikaturen übertreibt auch diese; aber ein wahres Korn muß es doch auch für die damalige Zeit enthalten. Darum fei das alte Spottgedicht der Vergessenheit entrissen, den Hausfrauen zum Trost, den Mägden zur Lehre und Mahnung, den Andern zur Kurzweil.
Neuer Ratschluß der Dienstmädchen:
Verzeih' mir, Jungser Magd, wenn dir dies nicht behagt, Ich sag' dir, was du tu’ft, tu du nicht, was ich sag'.
Ich weiß nicht, hat ich jüngst im Traum nur gesehen, Ties weiß ich, daß ich sah beisammen dorten stehen. Fünf Jungfern, die man sonst im Lande Mägde nennt. Den Vogel man gar leicht an dem Gesänge kennt.
Das dritthalb Gänsepaar trug gute Zähn' im Maul; Zur Arbeit waren sie, zum Plaudern gar nicht faul. Hört, was ich hab gehört. Ich zeig' nichts Falsches an. Bei Jovis Zipfelmütz' ich das beteuern kann.
A. Die Beschließerin:
„Mir hat der neue Sinn, o Mägde, wohl gefallen. Daß ihr nicht länger wollt im Dienste wallen, Daß ihr den Frauen trotzt. Gottlob, daß es einmal Noch kommen ist dahin, daß es bestellt so kahl. Daß sich um eine Magd 10 Frauen wollen schlagen, Und alle Gassen durch nach einer müssen fragen. Jetzt hat sich umgewandt das Blättlein, weil so teuer Tie Mägde; eine Frau gilt nur 6 Pfennig heuer. Zwei Nickel eine Magd. Wer wollte nun nicht sagen, Daß Mägde gold'ne Schuh', die Frauen solche tragen. Die nur von Silber sind. Ich stimme nut ench ein. Ich bin zwar feine Magd, ich will genennet fein, Nur Jungfer, bin es auch. Frau möcht' ich gerne heißen, Sind Frauen doch jetzt Herr. Wer wollt' es denn verweisen Mir, daß ich auch was werd'? Das traf mir eben ein.
Will meine Frau, daß ich ihr soll zu Willen sein, Das Haus versehen wohl, sie muß bei meinem Eide, Viel stolzer noch als sie, in einem schönem Kleide Mich ziehen lassen auf. Und wenn ich Bier und Wein Forttrage, muß es ihr auch nicht zuwider fein.
Wollt' sie das leiden nicht: ich kann für mich wohl sitzen, Mich nähren und nm's Geld im Winkel wirken Spitzen. Ich frage nichts nach ihr und ihrem Bettellohn, Sagt sie ein cinzig's Wort, so wand're ich davon."
B. Die Kindermagd:
„Ich auch, ich halt es mit, bitt nirgends hin verschworen; Ich bin für eine Magd alleine nicht geboren.
Die Mägd' jetzt Zucker sind, die Frauen täglich's Brot. Hab ich an einer satt, so fresse mtch der Tod;
Zwölf Dienst in einem Ziel, das ist mir keine Schande; Ein Dutzend Frauen sind für eine Magd im Lande.
Will eine mich, sie kann mich haben anders nicht, Als daß sie mtr den ganzen Wiegelohn verspricht, Wenn sie in Wochen Hegt und will im Bette kindeln.
Doch sag' ich ihr zuvor, ich mag mir an den Windeln Tie Händ' besudeln nicht, und wenn was auf die Bank Ter kleine Unflat macht; es möchte den Gestank Sonst riechen jedermann. Ich lasse sie es wischen; Ich habe nicht gelernt, nach krummen Eiern sischen. Ich kann mit Kindern auch nicht fahren säuberlich; Darum darf meine Fran gar nicht entrüsten sich, Wenn etwa ich das Kind zusamt deut Bad ausschütte Und es zum Krüppel mach'; ein Narr wär', der es litte, Solls sie viel poltern wollt'; dann ich ihr Grobheit sag, ch lies bei Nacht davon, wenn es nicht wäre Tag."
0. Die Köchin:
„Ja du hast meinen Sinn. Mir kommen diese Schwänke Schon oft im Traume vor. Ich lache, wenn ich denke, Wie meine letzte Frau, der ungeschickte Troll, Ter gar nicht kochen könnt', als sie mi chmachle toll, Den Korb von mir bekam. Ich bin so wohlfeil nimmer. Wir Mägde machen jetzt die schlimmen Frauen frommer, Acht Gulden ober zehn, der Lohn ist viel zu schlecht; Es müssen Taler sein; sonst ich nicht dienen möcht'.
Doch dingen laß ich mich allein mit dem Bedinge:
Wenn ich das Fleisch nur halb vom Brunnen wiederbringe, (Weil etwa mir ein Hund ein Stück im Plaudern nahm) Und wenn es noch halbroh zu Tisch und Schüssel kam, Verbrannt, verdorben ist, wenn Krüg' und Töpfe brechen, Tas Zinn verkrüppelt wird, so soll die Fran noch sprechen; Hab Tank, du liebe Magd, du hast gar recht getan.
Wollt aber sie aus mich zu schelten fangen an, Mich nennen dies und das, und ich ließ wiederschallen Tie Titel, dürste ihr das Echo nicht mißfallen.
Dem Feuer und dem Herd mag ich nicht gern mich nähern: Es macht ein rauh' Gesicht; dort mag des Hauses Tochter steheu» Tenn die verkauft ihr Geld, uns arme Mägd' allem Tas glatte Angesicht. Wir müssen schöne sein."
D. Das Hausmädchen:
„Ich tritt auch in die Zunft; ich kann die Frauen putzen- Trotz' ihnen; ich will sie, sie sollen mir nicht trotzen. Wie, wenn sich gar einmal verkehrte so die Sach', Daß Mägde gingen vor und Frauen hintennach.
Ich zwar halt' diese Weis'. Wenn ich werd' ausgeseudet- So hab' ich eher nicht nach Hause mich gewendet, Bis meine Herrin selbst mich einzuholen ging.
Jüngst siel es mir noch ein, das wär' ein seines Ding, Wenn wir uns ließen d.ort lang aus der Gaß' erblicken. Und auf den Plandermarkt, das: sie uns müßten schicken; Uns Müden, einen Stuhl. Ties sag ich aber auch: Tic Arbeit und viel tun ist gar nicht mein Gebrauch. Die Frau, die mag das Hans selbst kehren, waschen, fegen, Mich sehen lassen zu, in' Schoß die Hände legen;
Nicht gerne trag ich Holz zur Küche, weil die Span' Mich ritzen in die Arm, die sehen dann nicht schön. Will morgens meine Fran die Stube warm und rein, So steh' sie selber ans u.nd kehr' und heize ein."
E. Die Bauernmagd:
„Ich bin auch dabei. Es ist wie in der Stadt Im Dorfe teure Zeit, an Mägden dünne Saat. Die Bäuerin mag dazu sau'r sehn oder süße, Ich kann, gefällt's ihr nicht, mich machen auf die Füße, Und meiner Wege geh'». Jawohl, das ist für sie: Ich laß sie auch den Stall versehen und das Vieh.
Wie dünkt euch, schick' ich mich zu euch, ihr Schwestern vier?"
So sagten diese fünf, in aller Mägde Namen.
Tie Bösen sind gemeint, die frommen und die zahmen Behüte Gott vor Leid; denn derer Und nicht viel.
Jetzt wollen sie die Sach' in ein Dekret verfassen, Zu Metz und Magdeburg ein Mandat stellen lassen, Inhalts, es sollen nun die Mägde Frauen sein, Tie Frauen aber Mägd'. O Juno, sieh darein, Tu höchste Himmelsfraii, und laß dich das erbarmen! Verlassen sind sogar die Frauen, ach die Armen! Ihr Rachegötter, ihr! Rächt diesen Frevel recht, $ebt- jeder solchen Magd ’nen guten starken Knecht, Ter sie des Werktags zwei-, *beS Sonntags dreimal puffe, Bis sie halb tot um Hilf zu Gottes Mutter rufe.
So riet ich, würde los, im Fall ich würd' gefragt, Der Mann das böke Pferd, die Fran die böse Magd. A. K.
* Zweistöckige Wagen auf der Berliner Stadt- ba h n. Ein für das Berliner Verkehrswesen überaus interefsankes Preisausschreiben hatte der Verein deutscher Maschineningenieure erlassen, dessen Ergebnis in der letzten Sitzung des Vereins veröffentlicht wurde. Es handelt sich um die Erlangung von Entwürfen für zweistöckige Wagen, die nach Elektrisierung der Berliner Stadtbahn in Frage kommen könnten. Den Preis in Höhe von 6000 Mk. erhielt bte Arbeit des Eifeubahnbauiuspektors I. W. van Heys, Vorstandes der Maschinenuispektion in Kassel.


