Ausgabe 
4.5.1907
 
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Paul lachte.

Wollen Sie meine Schlüssel? Hier sind sie es ist be­quemer und mir angenehmer, wenn Sie die Schlösser nicht er­brechen walten Sie Ihres Amts in meiner Abwesenheit meine Gegenwart ist ja ganz unnötig. Und hier meine Person" er erhob sich, kehrte seine Taschen um lachte, daß seine weißen Zähne blitzten, und sagte dann in einem spöttisch gut­mütigen Ton:Wir Deutschen sind ehrliche Menschen, gar keine Mörder und Verschwörer."

Monseur Chadot schäumte innerlich Lor Wut; es sand sich wirklich nichts, gar nichts, und dieser Keine mit den klugen funkelnden Augen verspottete ihn, führte ihn an der Nase herum. Es waren da Papiere verbrannt tvorden, ganz sicher, aber was ließ sich daraus beweisen? Mit Kratzsüßen, Entschuldigungen, höflichen Reden empfahlen sich die Herren, und Roderich sank wie gebrochen zusammen, als sie sich entfernt hatten.

(Fortsetzung folgt.).

Paul hielt kaltblütig das Schüreisen in der Hand und streß die verbrennenden Papiere zwischen die «Holzscheite.

Wolltest dir sie etwa unter einer Tarnkappe verbergen, oder was gedachtest du sonst zu tun? Ich glaube übrigen», du wirst öffnen müssen, hörst du, man klopft am Nebenzimmer ah, dort ist dein Haupteingarrg, um so besser! An nom de la toi eh bien, wir sind bereit, meine Herren Roderich, du tätest gut, etwas Blut in deine Wangen zurückzufnhren und dreh zu dem gebührenden stolzen Erstaunen aufzuschwiugen. Dre Herren Franzosen sind übrigens unter allen Umständen hostich.

Paul hatte während dieser Rede den Koffer wieder verschlossen und den Schlüssel in des noch immer fassungslosen Roderich Tasche versenkt, er saß, als ob nichts vorgesallen sei, rauchend vor dem Kamin und trieb Roderich an, zu öffnen. Unter all dem Wust und Ehaos seiner Empsindungen packte diesen doch dre kaltblütige Geistesgegenwart des andern. Der Mensch hatte Husch- blut hi den Wern, ihn brachte nichts in Aufregung.

Er ging jetzt zu öffnen, und es gelang ihm auch, sich ein wenig zu beherrschen. Immerhin entdeckte der höflich ein- treteude und mit eineminfamen" Gesichtsbusdruck tvre Paul nachher es lachend bezeichnete sich entschuldigende und seine Vollmacht und Erklärungen gebende Beamte, Monsieur Chadot, noch die Spuren eines scheuen, verstörten Wesens bei dem hünenhaften Prrrssien jeder Deutsche war ihm ein Prusften.

Roderich versuchte, seine gewohnte hochfahrende Art, die ihm im Schrecken der letzten Minuten ganz abhanden gekommen war, wiederzugewinnen, er sah die Vollmacht des Beamten ein, ve^ neigte sich stumm mit einem sarkastischen Lächeln, das aber noch etwas gezwungen um die bleichen Lippen zuckte, und nbev- lieferte seine sämtlichen Schlüssel. . , . .

Dem Franzosen Ivar sein Amt hier, wo es vielleicht eilten Deutschen zu fangen galt, gar nicht unangenehm; er und seins Leute entledigten sich ihrer Aufgabe so gründlich wie möglich. Kein Winkel, kein Möbel blieb ununtersucht. Paul saß mit übergeschlageucn Beinen und rauchte, der Franzose sah ihn grimmig an, man war einander vorgestellt, und Monsieur Chadot I belehrte ihn, daß er auch beauftragt sei, in seiner Wohnung denselben Akt vorznuchmeii. So leid es ihm tue aber

den Fall erträglich zu machen."

Was führt dich denn so Wichtiges her?"

Hm eine Frage. Hat Vera Petruschka dir Papiere übergeben?" , , ,

Roderich hatte seinen Ueberrock abgeworfen und den Hut auf einen Stuhl geschleudert. Er sah schroff und hochfahrend auf den dreisten Frager $erab._

Eine sonderbare Frage," sagte er,die dir wohl schwer-- ! lich ein Kavalier beantworten wird."

Hendrichs machte eine Geste, als wolle er alle Phrasen I und Kleinigkeiten beiseite schieben.

Kavalier," wiederholte er unwirsch.Es handelt sich hier um sehr ernste Dinge Vera ist abgereist."

Vera ist abgereist?" Roderich taumelte zurück. Wie war das möglich? Ohne ihn zu benachrichtigen steckte Paul da- | hinter, hatte er eine Jntrigue gespielt? Sie war ihm zuzutrauen.

Paul sah ihn scharf an.

So weißt du das also nicht hm wir haben, übrigens ! wahrscheinlich keine Zeit zu verlieren. Du bist ja völlig un­wissend, Vera hat dich jedenfalls nicht zum Vertrauteu gemacht; ich habe aber gegründete Ursache, zu Vermittelt, daß eine Haus­suchung bei allen Freunden der gefährlichen russischen Dame, zu denen man auch dich zählen dürfte, vvrgenommeit wird."

Roderich stand starr. Das Zimmer drehte sich mit ihm im Kreise.

Gefährlichen russischen Dame," wiederholte er;sprichst du Von Vera?"

Ja von Vera Petruschka und daher frage ich dich noch einmal, hast du Papiere Veras in Händen, die ihr zu gefährlich schienen, um sie im eigenen Verwahrsam zu behalten?"

Papiere? Familienpapiere," stamimelte Roderich bleich.

Ja Familienpapiere," meinte Paul sarkastisch.Mein guter Roderich, du bist merkwürdig naiv! Mer wo wo hast du sie verborgen?"

Paul sah sich im Zimmer um und drängend auf Roderich.

Halt," rief dieser, der sich zu sammeln begann, und sein Ton war herrisch und empört,was mir auvertraut ist,. das hüte ich"

Mensch, sei nicht unsinnig, laß doch um Gotteswillen deine törichten Illusionen und all den Bombast fahren angesichts wirklicher Gefahr! Was' in Veras Vergangenheit liegt, wissen wir wohl beide nicht, aber daß sie hier mit heißem Eisen operierte, ist ficher. Bei Entdeckung eines neuen nihilistischen Komplotts in Petersburg; es soll sich wieder um einen Anschlag gegen das Leben des Zaren handeln ä hat die Spur bis hierher nach

Paris und bis in den eleganten Salon der schönen Russin ge­führt. Sie ist fort, bei ihr in ihrer Wohnung sand sich nichts Kvmprimittierendes möglicherweise bei dir, was dann sie und dich ans Messer liefern würde."

Roderich zitterte jetzt, seine Füße wankten, er sank vernichtet in einen Stuhl.

Schwächling!" murmelte Paul halblaut; er horchte mit dem Ohr an der Tür auf ein Geräusch und Stimmengewirr unten im Flur. Daun sprang er mit einem Satz zurück.

Tie Schlüssel!" rief er.Ich müßte mich sehr irren, wenn ich nicht die schnarrende Stimme des Monsieur Chadot, des Beamten, der heute nachmittag in Veras Wohnung die Haus­suchung leitete, erkannt. Wo wo sind die Papiere?"

Dort in dem Kosser, links nach unten" Roderich lieferte bebend den Schlüssel aus, er war wie gelähmt, er spielte durchaus keine Heldeiirolle in diesem Augenblick.

Mit unglaublicher Geschicklichkeit und Geschwindigkeit schloß Paul auf, stöberte unter den Effekten im Kvsfcr und faßte endlich das Paket Familienpapiere.

Tas ,st deine Handschrift"

Ja, ja ich glaube wirklich, da kommt jemand."

Die Flamme im Kamin loderte hell auf, Pani hatte das

Paket hineingeschleudert.

Halt, halt! Bist du toll, Paul Veras Eigentum, nur ja ... I -'-I R-de-i« «**. «r >°°° E W*

Der Portier unten sagte ihm, daß ein Herr in fernem denken, S» Merlegen Zimmer auf ihn warte. Oben war er sehr überrascht, Pank Hendrichs zu finden. Er hatte sich wie zu längerem verweilen eingerichtet, das Feuer im Kamin neu entzündet, und saß be­haglich, seine Zigarre rauchend, vor der hellen Flamme.

Nun, das ist ein glücklicher Zufall," meinte Roderich, ihn begrüßend,ich komme heute ganz ausnahmsweise zur Bürger- stnnde heim, du hättest sonst lauge auf mich warten können.

Freilich," entgegnete Hendrichs mit seiner stoiscyen Ruhr. Ich war auch darauf gefaßt, hier vielleicht die Nacht zu ver­bringen. Wie du siehst, tras ich Vorkehrungen, um mir es für

lich, ha, ha, ha! Wird sich wohl daran gewöhnest müssen, daß ich'ihm den Rang abgelaufeu."

Der Wind pfiff draußen rauh und scharf, Roderich fwstelle, es kam ein Gefühl wie Ernüchterung über ihn, er winkte einen Fiaker herbei und warf sich hinein. ,

Es vergingen mehrere Tage, er sah Vera nicht wieder. Sie sei krank, müsse das Bett hüten, hieß cs, so ost er vor­sprach und nach ihr fragte. Sie war an dem Abends als er sie zuletzt sah, freilich wirklich leidend gewesen. Aucy Paul Hendrichs sah er in diesen Tagen nicht. ,

Roderich war, so sehr er es auch vor stch irlbst verbergen wollte, unbehaglich zu Mut, er suchte seinen eigenen Gedankeii zu entfliehen und kostete die Freuden, welche Jne Metropole bot, bis zur Neige. Mer die Stunden beim eeft .undkult- uarischen Genüssen in Gesellschaft flotter Gelahrten mt Palais Royal, die Abende im Bal Mabitte ober im Hippodrom hinter­ließen ihm nur einen wüsten Kopf und eine große -eere in feinem Innern. Zu ernster Arbeit kam er gar nicht mehr. E-r sand keine Muße, auch keinen Sporn dazu war er ein Künstler? Ihm war mitunter sehr elend zu Mut.

Endlich, wohl eine Woche, nachdem er Vera zuletzt geiehm, ging er eines Abends früher heim in sein Quartier, mit der rechtschaffenen Absicht, einmal Briese nach Hauw _äii schreimn, N»as er lauge versäumt. Auch von dort waren leit geraumer