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zum Nentier gemacht Hat; mich, der ich das Won längst verdient Latte! Ein Esel, wer in solchem Fall noch weiter arbeitet!"
Ich verabschiedete mich von dem Manne und habe ihn seitdem nicht wiedergesehen. Aber ich hörte, daß er mit seinen achtzigtausend Mark fertig geworden und dann nach einigen Schwindeleien genötigt gewesen sei, Europa zu verlassen. Nun ist er wohl nicht .mehr so zufrieden, wie damals.
Der andere, der mir an jenem Tage die ganz gleiche Antwort gab, war ein Droschkenkutscher, mit welchem ich nach dem Bahnhofe fuhr. Ich kannte den Mann — nicht etwa wegen häufigen Droschkenfahrens, sondern weil er mein Nachbar war. Als ich ihn fragte, wie es ihm ginge, sagte er: „O, ich bin zufrieden, so lang mein Buzi gesund ist!" Buzi war sein Roß, welches, so lange es noch bei der Feldartillerie gestanden, Bucephalus geheißen hatte, aber von den Soldaten immer nur Buzi genannt worden war. Ich hatte stets meine Freude an dem Manne, weil ich schon öfter über den Zaun meines Gartens hinweg gesehen hatte, wie gutherzig und liebevoll er sein Pferd behandelte. Jedesmal grüßt mich der Mann; und jedesmal, wenn ich ihm begegne, freue ich mich über den immer noch frischen Trab des Buzi, der keine Peitsche braucht.
So können Leute in ziemlich verschiedenen Situationen gleich zufrieden sein. Man kann zufrieden sein in einer recht bescheidenen Lebenslage; ebenso wie man in einer glänzenden Lage unzufrieden sein kann. Das kommt auf die Art des Menschen und seine Gewöhnung, mu
Die Zufriedenheit kann auch sehr verschiedenen Wert haben je nach ihrer Wirkung auf das Tun und Treiben des Menschen. Zufriedenheit kann ihren Grund in Stumpfsinn, aber auch in Seelengröße haben.
Es kommt eben darauf an, warum und womit man zu-
Wer mit einem Zustande zufrieden ist, den er verbessern könnte, aber nicht zu verbessern unternimmt, weil er träge und gedankenlos ist: dessen Zufriedenheit ist Stumpfsinn oder Gleichgültigkeit. Er verdient nichts Besseres.
Wer aber mit einein Zustande zufrieden ist, der, nach der Anschauung vernünftig denkender Menschen, zurzeit nicht abzuändern und zu verbessern ist: der hat die richtige Zufriedenheit. So kann Zufriedenheit ein Ergebnis schlechter, aber auch guter Eigenschaften des Menschen sein. Wenn man gesund ist, wenn man seine Arbeitskraft besitzt und einigerinaßen lohnende Verwendung für dieselbe, wenn man keine Verluste teurer Angehöriger, kein unverdient erlittenes Unrecht zu beklagen hat: dann hat man alle Ursache, mit den äußeren Lebenszuständen zufrieden zu sein. Unzufrieden kann auch der Edelste '(in solcher Lage) sein — aber nur mit sich selbst, mit seine:: Leistungen.
Es ist bezeichnend für unsere Zeit, daß sehr viel Unzufriedenheit absichtlich in breiten Schichten des Volkes genährt wird: von Zeitschriften, von Büchern, von Rednern in Versammlungen und Vereinen. Diese Pflege der Unzufriedenheit ist ein Werkzeug der Parteipolitik; und wenn sie dazu führt, daß. ungenügende Zustände wirklich verbessert werden, kann sie auch nicht gescholten werden. Wenn Aber von gewissenlosen Volksverhetzern eine Unzufriedenheit mit Zuständen, welche gar icicht oder nur sehr langsam zu verbessern sind, künstlich geschürt wird: so ist das ein Verbrechen an denjenigen, die inan unzufrieden macht, denen man die Freude am Leben nimmt, ohne ihnen in absehbarer Zeit Besseres bieteic zu können.
Diese Saat der Unzuftiedeicheit stndet in der Gegenwart einen ihr zuträglichen Boden. Denn es ist manches aus dem Wesen der breitesten Volksschichten verschwunden, was ftüher die Menschen auch mit einer bescheidenen Lebenslage recht zufrieden sein ließ.
Die Menschen sitzen jetzt tu den Städten eng aneinander. Sie haben, soweit sie in gewerblichen Berufen beschäftigt sind, nicht mehr jene natürliche Ungezwungenheit, die sic bei einfacheren Volks- zuständen hatten. Arbeit und Erwerb einerseits, das Genußleben andrerseits sind hastiger und ärmer an innerer Befriedigung geworden. Das Leben ist weniger einfach, weniger natürlich. Der Mensch der Gegenwart ist aufgeklärter, wissender, als der Mensch der Bergangerrheit war. Und so viel Gutes aus der zunehmenden Volksaufklärung erwachsen ist, so sehr man auch wünschen muß, daß sie immer zunehme: gewisse kleine Schatten- seiten hat sie doch. Sie hat jene fromme Ergebung vermindert; jene Ergebung in die Fügungen einer Vorsehung, welche einst Menschen in den armseligsten Lebenslagen viel häufiger zufrieden sein ließ, als man es jetzt findet. Die harmlose Fröhlichkeit, die den Mmschen früher begleitete, ist seltener geworden, weil unser Arbeitsleben zu hastig geworden ist. Kurz — der Boden, auf dem Zicfriedenheit wachsen soll, ist nicht mehr derselbe, wie ehedem. Man hat sich angewöhnt, mehr zu klagen, weil man den Mund weiter aufncacheii darf. Und man denkt dabei nicht darüber nach, ob wirftich mehr Grund zur Klage vor- hairdeu ist. ______________
Km Kose vorr Lissuko-r.
Von allen Ländern Europas liegt wohl Portugal am weitesten ab von den großen Heerstraßen des Touristenverkehrs. Das gilt namentlich inbezug auf uns Deutsche, die mir doch zu den wanderlustigsten aller Völker gehören. Die Zahl der Deutschen,
die Spanien auffuchen, steigt von Jahr zu Jahr; man muß nun einmal die Kathedrale von Toledo, den Escurial und die Alhambra gesehen haben. Aber nach dem Nachbarreiche Portugal setzen nur die wenigsten die Fahrt fort. Höchstens, daß sie auf dem Seeweg nach dem Mittelmeere und nach dem Orient, mehr gezwungenerweise als freiwillig, in Lissabon eine kurze Station machen. Dann sind wir fteilich Überrascht und entzückt von der Schönheit eines Landes, das ihnen bis dahin nicht viel mehr als ein etwas vager geographischer und politischer Begriff war.
Wie es dem Lande Portugal, wie es seiner Hauptstadt ergeht, so ergeht es auch seinem Hofe. Es ist ja unter den Monarchen Europas der Brauch geworden, viel umherzureisen und sich untereinander in regelmäßigen Zeitabständen zu besuchen. Selten führt jedoch einen von ihnen der Weg nach dein Königsschlosse von Lissabon. Wie es in diesem Königsschlosse aussieht, wie das Leben am portugiesischen Hofe sich am Alltage und bei Festen und Feiern gestaltet, das schildert uns ein französischer, mit bett, Verhältnissen wohlvertrauter Schriftsteller, der Graf be Colle- ville, in einem hübschen Buche, das den Titel „Carlos I. intime" trägt. Im Mittelpunkte der Schilderuttg des Werkes, steht,, wie sein Name andeutet, König Carlos I, und, neben ihm, seine Gemahlin, die Königin Amülie, eine Französin von Geburt, die älteste Schwester des Herzogs von Orleans, des bourbouischen Thronprätendenten. Und es ist gerade im jetzigen Augenblicke, da die Prinzessin Klententine von Koburg die Augen für,immer geschlossen hat, interessant, von dem Grafen de Colleville zu hören, daß es diese kluge Fürstin war, die den Grundstein zu der Ehe des Königs Dom Earlos und der Königin AmÄie legte. Das konnte die Prinzessin Klementine um so leichter, als sie selbst eine geborene Prinzessin von Orleans, die letzte Tochter des Königs Ludwig Philipp der Franzosen war, während sie durch ihre Heirat zum Hause Koburg zählte, das auf dem Throne von Portugal sitzt, seitdem der Prinz Ferdinand von Koburg, des Königs Carlos Großvater, der Königin Maria II. da Gloria als König-Gemahl angetraut wurde und auf diese Art die alte Dynastie Braganza im Stamme der Wettiner aufging. Die Ehe ist sehr glücklich geworden — trotz einiger kleiner Seitensprünge des Königs, so fügt Graf de Colleville mit dem nachsichtigen Lächeln des galanten Franzosen hinzu. Und wer je König Carlos von Angesicht zu Angesicht sah, oder wer ihn auch bloß seinen Bildern nach kennt, auf den macht er den überzeugenden Eindruck, daß die Gemütlichkeit der stärkste Zug seines Wesens ist. Trotzdem Carlos 1. erst 43 Jahre alt ist, hält er unter allen Herrschern unserer Tage einen Rekord: den der Körperfülle. Er ist von erstaunlicher Beleibtheit, in dieser Beziehung also genau das Gegenteil seines spanischen Nachbarn, Don Alfonsos XIIi. Die staatsmännischen Fähigkeiten des Königs Carlos sollen hier nicht untersucht werden; es genüge, zu sagen, daß man ihm die Anerkennung nicht vorenthalten kann, stets der Verfassung die Treue gehalten zu haben, die er ihr einst gelobte. An den europäischen Höfen ist es freilich kein Geheimnis, daß die Königin ihren Gatten nicht nur an äußerlicher Größe um eines halben Hauptes Sänge überragt. Sie ist eine Frau von klarem Geiste mtb ausgeprägter Willenskraft. Hat sie sich immer — wir wollen es dem Grafen de Colleville glauben — von jeder Einmischung in politische Dinge ferngehalteu, so leistet sie, mnso- mehr auf dem Gebiete öfsenllichen Wohltuns. Sie hat nicht nur Krankenhäuser und Lungenheilstätten ins Leben gerufen und überwacht deren Tätigkeit gewissenhaft, sie hat sich sogar selbst in der praktischen Medizin unterrichten lassen und versteht von der Heilkunde gewiß ebensoviel wie mancher portugiesische Dr. med. von Beruf.
Auf Schritt und Tritt begegnet man in und um Lissabon den Zeugen der vergangenen Größe des Reiches, dessen Macht sich einstmals bis weit über die Meere erstreckte. So steht auch der pomphafte Apparat des königlichen Hofes in einem gewißen Mißverhältnisse zu seiner Bedeutung — und auch zu der ewigen! Finanznot des Landes, die den König Carlos gezwungen hat, auf einen Teil seiner Civilliste zu verzichten. Da gibt es einen Oberhofmeister und einen Obermundschenk, einen Oberhaus- hofmeister, Oberwaffenmeister, Oberjägermeister, Oberbannerträge«, Oberzeremonienmeister, Obergestütiileister, Oberstallmeister und Oberreisemarschall, einen Kapitän der königlichen Garde, einen Großkaplan, Oberschatzmeister, je einen Wasfenkönig von Portugal, Algarvieir u nd von Indien, und Dutzende von sogenannten Ehren-Großofsizieren der Krone und von Kammerherren, zu denen noch eine kleine Armee von Adjutanteii und Ordonnanz-Ofsderen hinzukommt. Alle tragen stolze adlige Namen, und nirgends ist wohl die Titelsucht so stark toie an den Ufern,des Tew. Allerdings darf man die Stammbäume dieser Herzöge, Marquis und Grafen nicht Allzu genau untersuchen; man würde sonst finden, daß die Mehrheit von ihnen auf eine sehr kurze Geschichte zurnck- blickt uiid ihre nahm Borfahren häufig noch biedere Bürgersleute waren. Da in den Kassen ständige Ebbe herrscht, so werden eben Verdienste um den Staat und das regierende Haus seit langem vorzugsweise mit äußeren Ehren belohnt, mit Orden und Adels krönen, die den Ehrenden nicht viel kosten und dem Geehrten trotzdem Freude machen.
Lissabon hat drei königliche Paläste. Der, den der König j Carlos bewohnt, der Palast des RecessktadeS, Ikg* au Ende des | westlichen Viertels der Stad- und war srüyer die. Re'i'e.-z d«s.


