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Glaubwürdigkeit zu heben un8 von vornherein jeder etwaigen Regung des Mißtrauens zu begegnen. Sie war ihr von Mr. Vaughan, einem sehr angesehenen Geistlichen, ausgestellt worden, den langjährige freundschaftliche Beziehungen mit ihrem Vater verknüpft hatten, und der auf Margarets Bitte mit Freuden bereit gewesen war, ihrem Charakter und ihren Fähigkeiten auf Grund der bis in ihre Kinderjahre zurückreichenden Bekanntschaft das allerbeste Zeugnis zu erteilen.
Dieses Zeugnis hatte sie neben einem kurzen Bewerbungsschreiben dem Pförtner eingehändigt, von dem sie am Eingang des Hauses empfangen und nach ihrem Begehren gefragt worden war. Wohl zehn Minuten lang hatte sie unten auf Bescheid warten müssen, dann war der ernst blickende wortkarge Mann zurück- gekehrt, um sie in den Enipfangssalon zu führen und sie mit der Erklärung, daß Mr. Rayward bald erscheinen würde, darin allein zu lassen.
Klopfenden Herzens harrte Margaret der kommenden Ereignisse. Seitdem sie nun wirklich dar ersten Schritt auf der neuen Laufbahn getan hatte, glaubte sie noch deutlicher als zuvor zu empfinden, wie wenig sie für dieselbe geeignet sei. Ihr Gewissen machte ihr Vorwürfe wegen des Mißbrauchs, den sie mit der Empfehlung hies würdigen Geistlichen getrieben, und sie fühlte eine tiefe Beschämung bei dem Gedanken, wie wenig sie durch ihr heutiges Verhalten der Versicherung Mr. Vaughans entsprach, das er für di« mnvestechlichL Wahrheitsliebe der Empfohlenen einstehen könne.
Man ließ sie recht lange warten, und nm sich aus andere Gedanken zu bringen, musterte Margaret mit großer Aufmerksamkeit ihre Umgebung. Sie erinnerte sich nicht, jemals ein hübscheres, behaglicheres und traulicheres Heim gesehen zu haben, als es das des ptillionenreicheu Fräulein Garnett war. Und für einen Augenblick kam ihr der Gedanke, wie schön es sein müsse, immer in solcher Umgebung zu leben. Daß dies Haus, in dem jeder Winkel Glück und Friede zu atmen schien, eine Stätte sein sollte, auf der der abscheulichste und verruchteste aller verbrecherischen Pläne gereift und ansgeführt worden war, wollte ihr fast undenkbar erscheine, aber gleichzeitig ging eine Regung tiefsten Mitleids d>urch ihr Herz, als sie daran dachte, welche Empfindungen dste Seele der edlen Frau bewegen mußten, die sich hier beständig von einer fürchterlichen, nnsiMbaren und unfaßbaren Gefahr umlauert sah.
Eine Viertelstunde etwa mochte vergangen sein, als eine der in den Empfangssalon führenden Türm geöffnet wurde, und als raschen Schrittes ein groß gewachsener, schlanker junger Mann über die Schwelle trat.
„Ich bitte urn Verzeihung, mein Fräulein, daß Sie so lange--", begann er, um sich dann plötzlich zu unterbrechen
und, nachdem er Margaret noch ein paar Sekunden lang angesehen, mit dem Ausdruck der größten und unverkennbar sreu- digsten Ueberraschung hinMzufügen: „Aber täusche ich mich wirklich nicht? — Sie sind es, Miß Margaret, mein liebenswürdiger Kamerad aus den unvergeßlichen Sommertagen von Springfields
Das junge Mädchen hatte ihn schon ist demselben Augenblick erkannt, da er im Rahmen der Tür vor ihr aufgetaucht war, mch ein heißes Rot war bis in die Stirn hinauf über ihr Gesicht geflogen. War sie doch auf nichts in der Welt so wenig vorbereitet gewesen als darauf, daß Miß Gcnmetts Neffe derselbe Mr. Morton sein könnte, in dessen fröhlicher Gesellschaft sie die sonnigste und glücklichste Zeitspanne ihres jungen Daseins verlebt hatte. Es waren kamn achtzehn Monate seitdem vergangen, ihr aber war es, als würde sie schon durch eine ganze Ewigkeit von diesen köstlichen und, ach, so rasch verrauschten Sommerwochlen int romantischen Kanada getrennt. Sie war damals mit einer befreundeten Familie zur Erholung nach Springfield, einem lieblich zwischen Sem und Wäldern gelegenen kleinen Orte gegangen, und bei einer weit ausgedehnten einsamen Ruderpartie war sie eines Tages dem jungm Manne begegnet, den sie jetzt unter so veränderten Verhältnissen wieder- sach. " Ein kleiner Ritterdienst, den er ihr mit der freimütigen Galanterie des wohlerzogene!! amerikanischen Gentleman erwiesen, hatte chre Bekanntschaft eingeleitet, und aus der erstell Begegnung hatte sich einer jener harmlosen „Flirts" entspannen, die drübm jenseits des großm Wassers zwischen jungen Leuten verschiedenm Geschlechts nachsichtig geduldet werden, weil sie in ihren Konsequenzen nur seltm damach angetan sind, ihre Herzensruhe ernstlich zu gefährden.
Es war nie von Liebe zwischen ihnen gesprochen worden, und nie hatte Mr. Morton die Rücksichten außer AD gelassm, die ihm durch die Schutzlosigkeit und das Vertrauen des jungen Mädchens auserlegt wurden. Bei ihrem ersten Zusammmtrefsm hatten sie art die Förmlichkeit einer Vorstellung überhaupt uW
gedacht, und als sie sich — vielleicht nicht ganz ohne beiderseitiges Zutun — an einem der nächsten Tage aus dem nämlichen weltabgeschiedenen kleinen See wiedergeseheu, hattm sie einander nur ihre Vornamen genannt. Es war eine übermütige Laune Margarets gewesen, daß sie sich ihrem Stand unb ihrem Familiennamen nach nnbekannt bleiben wollten. Sie hatte das viel hübscher und romantischer gefmtben, viel mehr im Charakter des Sommermärchens, als das sie ben ganzen kleinen Roman betrachtete. Und (hier junge Mann war lustig auf ihren Wunsch eingegangen, weil er nicht im mindesten- zweifelte, daß er eines Tages ja doch erfahren würde, wer sie sei. So tonren sie ein paar Wochen hindurch fast täglich beisammen gewesen, hatten gerudert, gefischt und die einsamen kanadischen Wälder durchstreift, ohne daß irgend jemand sich um sie gekümmert hätte. Und von allem erdenklichen hatten sie dabei geplaudert, nur nicht von der Zuneigung, die in ihren jungen Herzen ausgekeimt und erblüht war, ehe sie sich dessen versehen. Wenn es ja einmal so ausgesehen hatte, als ob Morton nahe daran fei, das eut- fcheidungsschwere Wort auszusprechen oder am Ende gar seinen hübschen weiblichen Kameraden kurzerhand in die Arme zu schließen, so hatte Margarets Geschicklichkeit die Gefahr immer noch zur rechten Zeit glücklich beschworen, und in ihren Erinnerungen an die Tage von Springfield war nichts, dessen sie sich heute auch nur leise hätte zu schämen brauchen.
Dafür freilich, wie es gekommen wäre, wenn der schöne Sommertraum noch ein wenig länger gewährt hätte, würde sie Wohl kaum zu bürgen vermocht haben. Denn am Ende war sie doch auch ein junges gesundes Menschenkind mit warnt pulsierendem Blute gewesen.
Aber die kleine Idylle hatte ein jähes Ende gefunden, als Margaret eines Tages telegraphisch zu ihrem ernstlich erkrankten Vater zurückberufen worden war, so schnell hatte sie abreisen müssen, daß ihr keine Zeit geblieben war, sich von ihrem Kameraden zu verabschieden. Er hatte sie wohl eine Woche lang vergeblich an dem Platze erwartet, wo sie einander zu treffen pflegten, und da er ihren Familiennamen noch immer nicht erfahren hatte, ja, nicht einmal darüber unterrichtet war, daß sie in Springfield gewohnt hatte, so waren seine Nachforschungen nach ihrem Verblech vergeblich geblieben, und er war schließlich betrübten Herzens abgereist, ohne jede Hoffnung, sie noch einmal wiederzusehen.
Daß sie eittander aber in bett achtzehn Monaten seit ihrer letzten Begegnung noch nicht vergessen hatten, dafür legte ihr Benehmen bei diesem u nerwarteten Zusammentreffen in Miß Garnetts Empfangssalon das unzweideutigste Zeugnis ab. Morton Raywards unverhohlene Freude und Margaret Barrymores liebliches Erröten führten eine sehr verständliche Sprache, und für ein paar Minuten vergaßen sie beibe, was für ein Anlaß es war, der sie hier zusammengeführt hatte.
„Weshalb in aller WW sind Sie damals ohne Gruß und Lebewohl aus meinem Gesichtskreis entschwunden, Miß Margaret?" fragte der junge Mann. „Sie ahnen Wohl kaum, wie traurig ich darüber gewesen bin unb wie lange ich nach Ihn eit gesucht habe."
(Fortsetzung folgt)
JilsrredmHeit. *)
Vor ein Paar Jähren ist es mir begegnet, daß mir zwei Leute, die ich auf der Straße traf, hintereinander die ganz gleiche Antwort gaben, als ich sie fragte, wie es ihnen gehe. Sie sagten mir beide: Ich bin zufrieden.
Es ist schon verwunderlich, wenn man heutzutage von zwet Leuten innerhalb einer Viertelstunde hört, daß sie zufrieden seien; heutzutage, wo die meisten Menschen unzuftieden sind. Wer noch wunderlicher ist es, daß von zwei Leuten, die dasselbe sagen, doch jeder etwas ganz anderes meinen kann.
Der erste, der mir damals sagte, er fei zufrieden, war ein junger kräftiger Mann von blühendem Aeußeren. Er hatte zwei Jahre lang studiert oder vielmehr so getan, als ob er studierte; dann war ihm, ein Vierteljahr vor jener letzten Begegttung, ganz unerwartet eine Erbschaft von achtzigtausetch Mark zu^efallcu. Hierauf hatte er das Studium, dem er schon früher nicht von Herzen zugetan war, an den Nagel gehängt und war Bummler geworden. Da er vordem in recht beschränkten Verhältnissen gelebt hatte, war's ihm nun recht Sehnlich zu Mut und ich begriff, daß er sagte, er sei zufrieden. w .
Ich begriff es; aber es gefiel mir nicht. Mir gefiel der ganze Mensch nicht Er sagte das so ungemein selbstgefällig, als wenn er ausdrücken wollte: „Ich bin zufrieden, nachdem der Zufall mich
*) Wir entnehmen obigen hübschen Artikel als Probe aus dem empfehlenswerten Buch „Lebenskunst" von Prof. Dr. Mar Haus hoser (Verlag von Otto Maier i« Ravensburg).


