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Der Jall' Harneii.
Novelle von Reinhold Ortmann.
Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
„Und tooritnt nicht, mein Fräulein? — Es wäre für Sie eine prächtige Gelegenheit, Ihre« Befähigungsnachweis auf journalistischem Gebiete zu erbringen, so wie wir hier in Amerika die Journalistik nun einmal verstehen. Selbstverständlich erwarte ich von Ihnen nichts Unmögliches. Daß Sie nicht innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden hier erscheinen werden, um mir den Namen des Täters zu offenbaren, weiß ich sehr wohl, und so hoch versteigen sich meine Erwartungen nicht. Aber Sie könnten doch vielleicht das Eine oder das Andere in Erfahrung bringen, was geeignet wäre, wenigstens einen kleinen Lichtschimmer in die Finsternis des mysteriösen Falles zu werfen. Eine junge Dame von eleganter Erscheinung und gewandten Umgangsformen findet an gar manchen Stellen viel leichter Zutritt und Gehör, cils ein Mann, dem man vielleicht obendrein sehr bald den Berufsreporter anmerkt. Wenn Ihnen auch zunächst weiter nichts gelange, als von Miß Garnett vorgelassen zu werden und ihre eigene Ansicht über den gegen sie verübten Anschlag zu hören, so wäre damit immerhin Stoff genug für einen interessanten Artikel gewonnen, und Sie dürfen sicher sein, daß Ihnen meine Zeitung die Arbeit sehr gut honorieren würde. ■— Hätten Sie nicht Lust, den Versuch zu wagend
Noch beim Beginn seiner Rede war Margaret Barrymore fest entschlossen gewesen, die sonderbare Zumutung abzulehnen, aber je weiter er gesprochen, desto nachdenklicher und unsicherer war sie geworden. Ihre Lage war ja in Wirklichkeit noch viel trauriger als sie es dem fremden Manne hatte offenbaren mögen. Trotz aller Sparsamkeit hatte sie während der letzten Monate die winzige Summe, die ihr nach ihres Vaters Tode verblieben war, bis auf einen geringfügigen Rest verbraucht, und wenn sich ihr nicht sehr bald eine Erwerbsquelle erschloß, konnte sie mit ziemlicher Sicherheit den Tag vorausbestimmen, an dem sie völlig mittellos sein würde. Nahe Verwandte, deren Pflicht es gewesen wäre, sich ihrer anzunehmen, hatte sie nicht, und niemals würde ihr Stolz ihr gestattet haben, sich an Bekannte aus glücklicheren Tagen ulm Beistand zu wenden. Die Erwartungen, die sie an die Aufnahme der kleinen novellistischen Arbeiten geknüpft hatte, waren gewissermaßen ihre letzte Hoffnung gewesen, und sie hatte all ihre Kraft zusammennehmen müssen, um dem Redakteur nicht zu zeigen, wie vernichtend sein abfälliges Urteil und seine Warnung vor weiteren zwecklosen Versuchen auf sie gewirkt hatten. Nun bot sich ihr hiev umerwartet die Aussicht auf einen Verdienst, und Mr. Comstocks wohlwollende Art, die unverkennbare Aufrichtigkeit seiner Anteilnahme waren ihr eine gewisse Gewähr, daß es nichts Unchrcnhaftes war, was ihr da migesonnen wurde. Sie hatte sich bereits mit dem Gedanken vertraut gemacht, irgend eine dienende Stellung von der bescheidensten Art anzu- nehmen, um nur vor dem Verhungern geschützt zu sein. Konnte sie es da nicht iinmerhin zuvor auf dem ihr von Mr. Comstock
gezeigten Wege versuchen? Das Vertrauen, das sie in ihre Begabung für den neuen Beruf setzte, war freilich nicht allzu groß, aber wenn man nicht mehr von ihr verlangte als das Einziehen von Erkundigungen, so reichten ihre Talente doch vielleicht aus, den gestellten Anforderungen zu genügen.
„Ja, ich will es versuchen", sagte sie mit tapferem Entschluß, „Aber Sie müssen mit Ihrem Rate behilflich fein, Mr. Comstock, denn ich habe zunächst noch keine Ahnung, wie ich mein« Aufgabe an greifen soll."
„Mit solchem Rat wird Mr. Carter Ihnen besser dien« können als ich Ich bitte Sie, sich unbedenklich seiner Erfahrung und Klugheit anzuvertrauen. Es soll mich freuen, recht bald von einem guten Erfolg Ihrer Bemühungen zu hören."
Der glattrasierte Herr, zu dem Margaret jetzt etwas schüchter« die Augen erhob, scheu durchaus nicht ungehalten, daß ihm da eine so hübsche und liebenswürdige Schülerin zugewies« wurde. Mit artigen Worten stellte er sich dem jungen Mädchen zur Verfügung und lud sie ein, ihm in eines der Sprechzimmer der Redaktion zu folgen, damit er sie über alle von ihm ermittelten Einzelheiten des Falles Garnett unterrichten und ihr einige nützlich Winke geben könne.
2. Kapitel.
Ein mit erlesenem Geschmack aber keineswegs pomphaft auS- gestattetes Empfangszimmer war es, in das man Miß Margaret Barrymore geführt hatte. Es Ivar ihr nich ganz leich geworden, ihre neue Tätigkeit mit einer Lüge zifheginnen, aber Mr. Carter hatte ihr versichrt, daß sie nicht anders als mit Hülfe einer Kriegslist Zutritt zu Miß Garnett erlangen würde.
Während er in den letzten Tagen um das stille, jedem Unberufenen streng verschlossene Haus in der vierzehnten Straße herumgestrichen war, um jeden Bewohner desselben, den der Zufall ihm in den Weg führte, gründlich auszufragen, hatte er unter Anderem auch in Erfahrung gebracht, daß Mr. Morton Rayward, der Neffe des alten Fräuleins, für seine Tante nach einer Gesellschafterin such, die ihr während der voraussichtlich recht langen Dauer ihrer Rekonvaleszenz durch Borlesen, Musizieren und heiteres Geplauder die Zeit verkürzen solle. Unter dem Vorwande, sich um diese Stellung zu bewerben, sollte Miß Barrymore nach dem Rate des Reporters in das Haus zu gelangen suchen, dessen Türen sich ihr niemals geöffnet haben würden, wenn sie sich als die Abgesandte einer Zeitung zu erkennen gegeben hätte. Denn Miß Garnett wünschte durchaus nicht, daß ihr trauriges Geschick für die Neugier des sensationslüsternen Publikums ausgebeutet werde, und wenn sie die Mach dazu besessen hätte, würde sie wahrscheinlich am liebsten jede Erwähnung des Vorkommnisses in den Zeitungen verhindert haben. Was der weibliche Reporter in Erfahrung zu bringen wünschte, konnte also nur durch diplomatische Künste herausgebracht werden, und ohne einigen Aufwand an Lüge und Verstellung durfte sich Margaret keine Hoffnung darauf machen, ihr Ziel zu erreichen.
Der Zufall war ihr insofern zu Hülfe gekommen, als sie sich im Besitz einer vorzüglichen Empfehlung befand, die sie dem alten Fräulein vorlegen konnte, um ihrem Scheingesuch mech


