Ausgabe 
4.2.1907
 
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viel Schwierigkeiten, jedoch nur, weil er möglichst schnell zum Ziele gelangen wollte. Er sehnte sich fort aus der verdorbenen ekelhaften Luft, in der er dem schmierigen, pathetischen Lehrer gegenübersitzen mußte, au? der Nähe des verliebten, jungen Weibes, das ihn mit gierigen Blicken umlauerte.

Es widerte ihn an für ihn existierte überhaupt jetzt nur noch eine Frau Hanna Gerhardt.

Sie war ja wieder so lieb und vertraulich zu ihm wie früher. Wie einem Kinde war auch ihr das Schmollen auf die Dauer langweilig geworden und sie verkehrte jetzt in einem herzlichen, immer gleich unbefangenen Tone mit '.hm, der beruhigend auf sein wildes, stürmisches Begehren ein­wirkte. Nun war sie bereits seit drei Wochen mit ihrem Manne in der Schweiz, aber in Balldorf, tun das dies Jahr die Manöver des 6. Armeekorps stattfanden, würde er sie wieder sehen. Es war ja nicht ganz angenehm, dem Ritt­meister Kronau in den Weg laufen zu müssen, aber da es auf höheren Befehl geschah, war nichts daran zu ändern.

Eilt leises Klopfen an der Tür ließ ihn emporfahren. Ehe er nochHerein!" rufen konnte, öffnete sich die Tür und eine hübsche, brünette Frau trat über die Schwelle. Heute, wo sie sich sauber und nett angezogen hatte, fiel es dem Offizier zum ersten Male auf, daß Frau Kreß die Abstamni- ung aus gutem Hanse nicht verleugnete. Trotzdem legte sich ein eisiger Hochmut förmlich erstarrend über seine Züge. Was wollte die Frau von ihm?

Sie kam seiner Frage zuvor.

Ich bringe Ihnen die Bücher, Herr Baron, die mein Mann gestern nicht gleich fand, die russischen Lieder sie werden Ihnen gefallen."

Er maß sie mit kaltem, verächtlichem Blick.

Wozu bemühen Sie sich selbst, Frau Kreß? Es wäre noch Zeit gewesen, tvenn ich sie mir übermorgen selbst mit­genommen hätte, ich kamt sie ivohl doch noch nicht lesen."

Die Frau sah ihn mit leidenschaftlichen dunklen Augen an.

Warum behandeln Sie mich so schlecht, Herr Baron?" fragte sie erregt,ich bin doch ebenso wie Sie aus guter, alt­adeliger Familie. Was für ein Leben hätte ich haben können, ich wäre heut vielleicht Frau Gräfin, wenn ich mich nicht von meinem Mann hätte betören lassen."

Nun, Sie waren wohl reichlich verliebt in ihn, ba, Sie sich von ihm haben entführen lassen!" sagte Joachim mit einem Hohn, der eine fliegende Röte über das magere, feingeschnittene Gesicht der Frau jagte.

Ich war blutjung und ganz unerfahren!" murmelte sie, -er versprach mir goldene Berge. Er hat nichts gehalten, i-ch hasse ihn."

Ein spöttisches Lächeln zeigte sich in dem Gesicht des Of­fiziers.

Soll mich das vielleicht interessieren, Fran Kreß?" fragte er mit mühsam verhaltener Ungeduld,Sie ersparen mir wohl weitere Gestätchnisse?"

Und er wandte sich ab zum Zeichen, daß er die Unterredung für beendet halte.

Da lag die Frau auf dem Fußboden plötzlich vor ihm, um­klammerte seine Knie und stammelte fassungslos:

Ich erspare Sie Ihnen nicht Sie sollens wissen. Ich liebe Sie, Herr Baron seien Sie doch nicht so erbarmungslos, so hart bin ich denn nicht hübsch genug, Ihnen zu gefallen? Ich möchte Sie lieben, wie keine andere Frau, ich möchte alles für Sie tun."

Joachim stieß einen Laut des Widerwilleics ans und trat von der Knieenden hinweg. Ein Ekel, wie er ihn noch nie gefühlt, stieg in seiner Kehle auf. Er wies nach der Tür.

Sie spielen die Bedauernswerte, Frau Kreß!" sagte er hart und verächtlich,nun, ich meine, Ihr Mann ist der Be­dauernswertere von Ihnen beiden. Entfernen Sie sich jetzt ;i ich wünsche. Sie nie wieder in meiner Wohnung zu sehen."

Die Frau hatte sich von den Knien erhoben. Ihr ganzes hübsches, brünettes Gesicht.glühte. Sie war wirklich schön in dem Moment und sie ab btefen jungen, kalten Offizier auch nicht so leichten Kaufes verloren. Sie wollte es eben versuchen, ihn durch Tränen zu rühren, als im Flur draußen die Stimme des Burschen erklang, der mit einem Einlaß Begchrendeit unterhandelte. .(Ein Säbel klirrte. Der Freiherr war mit wenigen Schritten an id^r Tür und riß sie weit auf:

Also adieu, Frau Kreß!" sagte er mit nicht mißznverste-

hender Handbewegung,bestellen Sie Ihrem Manne unterdes meinen Tank. Ah", unterbrach er sich,Herr Rittmeister- bitte, daß Sie näher treten."

(Fortsetzung folgt.)

AieKLerMenmeißer" in der ä teren Zeit der K-eßener Kochltzuln.

(Original-Artikel derGieß. Fam.-Bl.)

Ter heutige Student muß als fleißig gelten gegenüber seinem Kommilitonen in früherer Zeit. An dem mangel- hasten Kollegbesuch waren ost die Professoren selbst schuld; mußte doch ein landgräflicher Befehl von 1666 die Säu­migen an ihre Pflicht mahnen und V2 Rthlr. Strafe an­drohen für jede Stunde, die der Professorschwänzte". Die Pedellen hatten eine Liste zu führenob neglectas horas" (toegett der versäumten Stunden). Und diese Straf­gelder figurierten in dem Einnahmeverzeichnis desoeco- nomus". Das Borbild der Dozenten wirkte auf die Hörer. Allzusehr war der frühere Student mit Kollegien gerade nicht belastet; wurde doch nur Montags, Dienstags, Don­nerstags und Freitags gelesen. So blieb dem Studenten, selbst wenn er auch, nichtschwänzte", Zeit genug, sich denfreien Künsten" zu widmen.

In der rauflustigen Zeit, in der der Student nicht ohne Waffen ansging, und Streitigkeiten auf der Straße mit blutigem Ausgang att der Tagesordnung waren, spielte das Erlernen der F e ch t k u n st eine Hauptrolle. Gleich bei Eröffnung der Universität wurden auch Fechtmc ist er amtlich bestellt. Sie bezogen freie Wohnung, 5 Malter Korn, und 4 Klafter Holz. Bald mußten die d e u t s ch e n den französischen Fechtmeistern weichen; möglich, daß diese ihre Kunst besser verstanden. Sie hatten dieStu- diosos im Fechten, Schwingen der Fahnen und Piken" zu lehren.

Die Franzosen brachten in der Regel noch einen Bor- fechter mit, dem die Aussicht eröffnet wurde, später in die Stelle eines Fechtmeisters aufzurücken. Da die anfangs bewilligten Naturalbezüge zum Auskommen doch zu wenig waren, so wurden dem Fechtmeister außer dem Honorar ein Fixum von 60 Talern bewilligt. Im 18. Jahrhundert wurden wieder deutsche Fechtmeister angenommen. Der Fechtmeister Kreußler bezog 100 fl. aus der Kriegskasse und durfte ein monatliches Honorar von V/2 Taler von jedem Kursisten erheben. Er hatte auch das Voltigieren am hölzernen Pferde zu lehren. Da der Fechtmeister keine Rücksicht nahm auf die gleichzeitig liegenden Vorlesungen, so waren diese in der Regel schlecht besucht, sodaß der Professor oftohngelesen" nach Hause gehen konnte. Daß dem Fechtmeister behördlicherseits 1720 eine Weisung zu­gehen mußte,die Studenten nicht zuviel zu besuchen", beweist, daß er seine Werbungen für feine Kunst sehr ge­schäftlich betrieben hat.

Die Erlernung der edlen Tanzkunst war für den früheren Studenten nicht minder erwünscht wie heute, wenn er auch seine Kunst nicht auf öffentlichen Bällen, sondern höchstens auf einem Hausball zeigen konnte. Die Ankün­digung einesFastnachtsballes" oderLudwigsballes" (ans 25. August) finden wir erst um 1790 nach Eröffnung des Busch"schen (Steins) Garten augezeigt. Immerhin scheint schon früher die Anstellung eines Universitäts-Tanz­meisters Bedürfnis gewesen zu sein; wenigstens war schon 1700 ein solcher amtlich bestellt. Er war dem Fecht­meister gleich gestellt und bezog wie dieser 100 fl. aus der Kriegskasse. Er durfte gleichfalls V/2 Taler monat­liches Honorar von seinen Kursusteilnehmern erheben, über­nahm aber mit ferner Anstellung die Verpflichtung, die Kadetten kostenfrei" zu unterrichten. Die ersten Lehrer fier Tanzkunst waren auch Franzosen, die sich oft noch einen Vortärtzer hielten. Nachdem man mit den Franzosen schlechte Erfahrung genracht hatte, waren wieder deutsche! Tanzlehrer tätig. Auch suchten daneben Studenten ihre Einkünfte zu erhöhen, indem sie Privatkrrrse im Tanzen eröffneten, was ihnen jedoch wegenstörenden Eingriffs in die Gerechtsame anderer" untersagt wurde. Neben dem! Universitäts-Tanzmeister finden wir 1807 in Gießen noch tätig einen mit Großherzoglicher Genehmigung privi­legierten französischen Tanzlehrer. Er zeigt an:Otto Serrurier, welcher die Tanzkunst in allen Teilen von Jugend aus in Frankreich zweckmäßig erlernt hat, und ehemals unter dem Reichskammergericht zu Wetzlar, sowie