Montag den 4r Aeöruar
1907
t
NM
s
SU
J
W
Menschenleöen, die lügen.
Roman von H. E h r h a r d t, Verfasserin von „Mittellose Mädchen"
Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
Stuf Hannas beschwörendes Zureden, die Einwilligung der Eltern durch einen VerzweiflungSschritt zu erzwingen, hatte sie angstvolle Abwehr,
Sie war zu ehrlich, zu pflichtgetrcu, um hinter deut Rücken der Ellern Verrat an ihnen zti üben. Tas setzte sie der Freundin in einem langen Briefe auseinander. Und dann leistete sie sich eine einzige Heimlichkeit — sie schrieb an Ernst Kronau. Es ivar ein rührend unbeholfener Mädchcn- bricf, voll schüchterner Innigkeit — alles in allem ein einziges Tanken dafür, das) er sie hatte als seine Frau einem unklar ersehnten Glücke zusührcn, sie ihrer trostlosen Umgebung halte entreißen wollen.
Ernst Kronau war so ergriffen über den Brief, wie. noch nie iit seinem Leben. Er, der gereiste Mann, schämte sich vor dem jungen, arglos vertrauenden Geschöpf, das in seiner Bescheidenheit gar nicht daran dachte, wie viel mehr er der Tankende sein müsse, weil so viel Jugend und Schönheit sich ,rillig in seine Arme hatte schmiegen wollen. Er schämte sich nun auch seiner Berechnung, die zuerst ausschlaggebend für seinen Antrag gewesen war. Er hätte jetzt freudig auf jede Mitgift verzichtet, seine eigenen Ansprüche zurück- geschraubt, nm sie sein eigen nennen zu können. Trotzdem er jede Hoffnung auf ihren Besitz hatte aufgebcn müssen, begann er doch sein Leben einfacheren Verhältnissen zuzuführen, immer von dem Gedanken begleitet, daß er cs Marga zu Liebe tue.
Sille guten Eigenschaften in ihm erwachten in der» Gefühl für das schlanke blonde Mädchen mit dem klaren un* schuldigen Blich, das ihm die Achtung vor ihrem gaiizcn Geschlecht zurückgegeben hatte. Selbst das verbitterte, traurige Mesen seiner Schwester erschien ihm jetzt in anderem Licht. Bis dahin hatte er nicht recht darair geglaubt, daß sic den Wcrrat ihres Bräutigams, der vier Wochen vor der Hochzeit mit irgend einer obskuren kleinen Sängerin auf und davongegangen war, wirklich nie hatte verwinden können. Er hatte „Launenhaftigkeit" und „Ueberspanntheit" genannt, was doch nichts anderes war, als die zähe Liebe der Frau, die ja stets den Ntann am meisten liebt, nm deffentwillen sie ihres Herzens Golgatha durchlitten hat. Jetzt tat sic ihm auf ein« mal leid. Gewiß, sie hatte cs recht gut gehabt bei ihm, keine Sorge um den leiblichen Unterhalt, aber das, was das Leben der Frau ausmacht, ihr Glück, das war ihr nicht geworden. Sie war wie ein vom Winde geknickter Baum, der
nie Früchte getragen. Selbst ihm, dem Bruder, war sie nicht unentbehrlich gewesen, im Gegenteil, ihr Trauerweiden- gesickt hatte ihn oft in seinem sorglosen Genießen gestört. Nun wurde er nachsichtig gegen sie, rücksichtsvoll.
Sie bemerkte cs mit täglich wachsendem Erstaunen. Und so groß ihr Entsetzen, ihre verbitterte Abwehr gegen die „junge Frau", den unerwarteten Eindringling in ihre alt verbrieften Rechte, zuerst gewesen, jetzt schlich sich oft ein warmes zärtliches Gefühl in ihr Herz gegen diejenige, welche die Wacht besessen, einen so günstigen Einfluß auf ihren Bruder anszuüben. Ihre Betrübnis über die Anssichtslosig- feit dieser Heirat war aufrichtig. Immer deutlicher erstand das Bild des jungen schönen blonden Mädchens vor ihren Augen, wie sie in schüchterner Freude die Schwelle des Balldorfer Gutshalises überschritten hatte. Sie sah den feierlichen Ernst in dem rosigen Antlitz, die Tränen in den blauen klaren Augen, als sie in der kleinen Dorfkirche Hanua's Trauung beigewohnt hatte.
Sie wäre gut zu ihr gewesen, zärtlich imb vertrauend — jetzt wrißte Adele das sicher, und eine wahrhaft mütterliche Regung vertrieb die letzte Bitterkeit aus ihrer Seele. Bruder und Schwester fanden sich vollständig. Er weigte sie in alles ein und sie ivar freudigen Herzens bereit, ihm bei dem neuen Leben der Arbeit und der Pflichterfüllung, das er aus pekuniären Gründen nnb aus Liebe zu Marga beginnen ivollte, zu unterstützen. Und weil sie sah, daß es ihn beglückte, so unterstützte sie auch seine nie sterbende Hoffnung, daß doch noch einmal eine junge, blonde geliebte Frau einziehen würde auf Balldorf.
XIV.
Joachim v. Tressenberg saß in der Abendstunde eines Augusitagcs an seinem Schreibtisch und rechnete. Es war kurz vor dem Manöver und er brauchte so manches dazu, lauter Ausgaben, die mit seiner Zulage nicht zusammen- stimmten. Immer düsterer wurde sein Antlitz, je höher die Summe für die notwendigen Anschaffungen anwuchs. Er sah keinen Ausweg vor sich. Tas Geld mußte er haben, also blieb ihm kein anderer Weg, als jemanden anzupumpen» Vielleicht half ihnr doch jetzt der kleine Graf Scherrentin, der sich in letzter Zeit etwas mehr an ihn angeschlossen hatte, wie er überhaupt in den Augen seiner Kameraden im Werte gestiegen war, seit er die Vorgesetzten für sich hatte. Seine hochmütige Zurückhaltung war dieselbe geblieben, aber äußerlich hatte er sich verändert. Er sah sehr schlecht ans. Er war auffallend mager geworden und die Augen lagen ihm tief und dunkel umschattet in den Höhlen, wie bei einem von schwerer Krankheit Erstandenen.
Er überarbeitete sich, die russische Sprache machte ihm


