Ausgabe 
4.1.1907
 
Einzelbild herunterladen

6

lachte ihrem Bräutigam, der erfreut aufgesprungen war, neckisch zu.

Das heiße Blut stieg ihm ins Gesicht. Er legte den Arm Um sie und so traten sie in das sogenannte Gartenzimmer. Dort drückte er sie an sich und bedeckte ihren Mund mit Kissen.

Mein süßes Mädchen!" flüsterte er innig,hast du mich denn wirklich lieb?"

Aber natürlich, Schatz!" gab sie rasch zurück und die Dämmerung des Zimmers verbarg ihr leichtes, ungeduldiges Stirnrunzeln.

So küsse mich einmal!" bat er,du mich!"

Sie streckte sich auf den Fußspitzen und schüchtern wie ein Hauch berührte sie mit ihren Lippen die seinen. Dann zog sie ihn rasch in das anstoßende Zimmer. Dort stand der herrliche Blüthnersche Flügel schräg im Gemachs so daß der scheidende Tagesglanz ihn noch mit verblassenden rötlichen Lichtern traf. Die Fenster, nach der Veranda zugehend, waren iveit geöffnet und der herbstliche Geruch vermodernden Laubes und feuchter Erde drang aus dem Park herauf.

Hanna setzte sich an den Flügel, schlug ein rötliches Heft, das auf dem Pult gelehnt hatte, ditf und dann klang ihre wunderbar geschulte schöne Sopranstimme glockenhell durch das dämmerige Zimmer. Sie sang eins derRosen­lieder" von Philipp von Eulenburg:Seine Lippen sind die Rosen rot, seine Küsse bringen Dornennot." Sie lächelte ein wenig spöttisch bei diesen Worten. Was müßten das für Küsse sein, die ihrer egoistischen Natur Dornennot zu bereiten vermöchten? Wohl ahnte sie den schlummern­den Funken in ihrer Seele, aber sie wußte auch, Oskar Ger­hardt würde der nicht feilt, der die lodernde Flamme dar­aus entfachen konnte. Sie ärgerte sich fast, ihm gerade ein Liebeslied vorgesungen zu haben.

Eilig klappte sie das Heft za und sprang auf. Sie war trotz feines zärtlichen Bittens nicht zu bewegen, noch etwas zu singen. Sie entschuldigte sich mit einer plötzlichen Abspannung, die sie überfallen.

Gerhardt hatte zartfühlendes Verständnis dafür. So schwer es ihm ward, bestellte er bald darauf seine Pferde. Hanna hielt ihn nicht zurück. Nach einer halben Stunde rollte sein Wagen aus dem Tore.

Ueber das Gutshaus von Balldorf senkte sich die Nacht und nächtliches Schweigen. Das fensterreiche Gebäude lag düster in schlafender Ruhe, nur ein Fenster, nach der Park­seite zu, schimmerte in schwacher Helle. Dort lag Hanna auf ihrem von blanseidenen Vorhängen umrauschten Bett.

Das zitternde Licht einer opalfarbenen Ampel gab dem Gemach eine unklare Dämmerung. Hanna pflegte sonst im Dunklen zu schlafen, heut empfand sie ein an Furcht grenzen­des Unbehagen vor den Schatten der Nacht. Ob dieses Gefühl der Aufregung eines Verlobungstages naturgemäß entspringen mochte? Sie hatte oft gehört von Menschen, die das Glück nicht schlafen ließ. War sie eigentlich glücklich? Sie dachte an ihren Verlobten. An seine Küsse, seine zärt­lichen Worte. Aber keine bräutliche Seligkeit ließ sie erbeben. Oskar Gerhardt gefiel ihr zwar besser, als ihr bis jetzt ein anderer gefallen hatte--ihr Gedankengang stockte. Aus

dem Dämmer vor ihr drängte sich ein schlanker, blonder Offizier dazwischen und sah sie aus ehrlichen braunen Augen an. Ihr Herzschlag begann schneller zu schlagen. Sie richtete sich halb auf. Ob das ivohl Liebe gewesen war? Sie war noch sehr jung damals, kaum siebzehn Jahre, aber sie hatte doch redlich mit dem hübschen Artillerieoffizier kokettiert. Auch geträumt hatte sie, törichte Träume von einem leiden­schaftlichen, jauchzenden Glück in bescheidenem Rahuien.

Du lieber Gott, hätte ihr das ivirklich einmal begehrens­wert erscheinen können? Sie warf sich in die Kissen zurück. Ihr Herz ging wieder in ruhigem Gleichmaß. Ein mit­leidiges Lächeln überflog ihre schönen Züge. Sie begriff sich heut nicht mehr. Sie hatte sich sehr geändert. Sie besaß jetzt ein kühles Herz. Das schützte vor allen Dummheiten. Sie drückte den Kopf befriedigt tiefer in die weichen Kissen.

»Daß Walter Poseck auch gerade Oskars bester Freund sein muß!"

Das war so ungefähr ihr letzter Gedanke. Wenige

Sekunden später schlief sie den tiefen traumlosen Schlaf un­bekümmerter Jugend.

II.

In der flachen fruchtbaren Gegend Oberschlesiens liegt der große, aus den drei Rittergütern Loßwitz, Wabern und Berndan bestehende Besitz, der sich seit undenklichen Zeiten in den Händen der Freiherren von Tressenberg befindet. Der jeweilige Besitzer pflegte das geräumige alte Schloß in Loß- ivitz zu beivohnen. Es war ein feudaler Backsteinbau, von zivei vorspringenden viereckigen Türmen flankiert, an deren Mauern sich Kletterrosen emporrankten, mit breiten aber niedrigen Fenstern und düsteren, hohen Zimmern.

In einem Zimmer nach der Hofseite zu, saß an einem warmen Septembertage, von der untergehenden Sonne noch voll beleuchtet, ein älterer, stark ergrauter Herr mit einem durch buschige Brauen sehr finster erscheinenden roten Gesicht in einem schon etwas defekten Korbsessel. Der Schreibtisch vor ihm war mit Wirtschaftsbüchern, Geschäftsbriefen und verschiedenen Päckchen, wohl Getreide und Samenproben enthaltend, in regellosem Durcheinander bedeckt. Jeder Luxus­gegenstand daraiif fehlte. Ueberhaupt war das ganze Zimmer puritanisch einfach möbliert.

In Einem gewissen Kontrast zu der fast ärmlichen Um» gebung stand die elegante Erscheinung eines jungen Mannes, welcher vor dem alten Herrn am Schreibtisch lehnte und düster vor sich hinstarrte. Zwischen den beiden schien soeben eine längere Auseinandersetzung stattgefunden zu haben, die keinen Teil befriedigt haben mochte. Der Besitzer von Loßlvitz denn der alte im Lehnstuhl war der Majoratsherr Georg Werner von Tressenberg nahm nun noch einmal Wort:

Mehr gebe ich dir keinenfalls, Joachim, es verleitet nur zuin Leichtsinn!" sagte er unnötig schroff.Ich dächte, hundertfünfzig Mark wäre Geld genug. Schränke dich ein, stecke etwas zurück mit deinen kostspieligen Passionen und laß dir nicht etwa einfallen, Schulden zu machen. Du kennst mich du hast bei mir auf keine Nachsicht zu rechnen keinen Pfennig bezahle ich davon und solltest du auch deshalb um Vie Ecke gehen."

Der junge Mann lächelte bitter.

Warum hast du mich erst dazu gezwungen, Offizier zu werden?" entgegnete er, den großen Blick fest auf das verbissene Gesicht des Alten gerichtet,du kanntest doch gut genug die Gefahren und die Versuchungen des Osfizierslebens und wenn man, wie ich, sich zu entschädigen hat für eine zerstörte Zukunft"

Er brach ab, als sei ihm etwas in die Kehle gekommen, was ihn am Weitersprechen hinderte. Dann fuhr er leiden­schaftlich aus:

Warum hast du mich nicht studieren lassen, Vater? Du hättest es nicht zu bereuen gehabt!"

Es lag eine wuchtige Anklage in den wenigen Worten. Und der Freiherr schien das zu fühlen. Brüsk erhob er sich.

Spare alle Worte!" sagte er eisig und griff nach der verblichenen Jagdmütze auf dem Schreibtisch,ich ivill davon nichts mehr hören. Anstatt mir zu danken, daß ich dich bei einem der vornehmsten Regimenter untergebracht habe, kann ich noch Vorwürfe von dem liebenswürdigen Herrn Sohn anhören. Sehr schön, wirklich! Dazu bist du also her- gekommen? Nun, da dispensiere ich dich in Zukunft von deinen Besuchen."

Vater!" schrie der junge Offizier auf und seine ein wenig frauenhafte Hand klammerte sich fester an die Schreib-, tischkante,was berechtigt dich zu solcher Härte? Ich habe mich dir stets willenlos untergeordnet, aber um feine Zukunft kämpft schließlich jeder Mensch. Weiß Gott, ich habe schlecht genug darum gekämpft!"

Auch seine Stimme durchklang jetzt momentan schneiden­der Hohn.

Du verlangst, daß ich standesgemäß auftreten soll, aber die Mittel dazu willst du mir nicht geben. Du wirfst mir kostspielige Passionen vor! Soll das heißen, daß ich mir nicht einmal in einem guten Buche Ersatz für meine geliebte