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TÄ Postillon, welcher, auf dem Handpferd reitend, den vorderen Wagen lenkte, muß wohl nicht ganz nüchtern gewesen sein, denn als uns oben auf der Straße nicht weit Don Dudenhofen eüte Chaise begegnete, wich der Wagen nicht weit genug aus, er faßte die Chaise und setzte sie auf den nächsten Chausseestem- hanfeu. Tie Wagen hielten. Es war dunkel. Einige von uns stiegen ab, um zu sehen, ob das Fuhrwerk nicht zu Schaden gekommen. Mein Semestergenosse, genannt Anians, aber trat an die Chaise, hielt seine Hand in dieselbe und sagte mit dröhnender Stimme: Dias Geld her oder das Leben! Eine weinerliche Friauenstimme ertönte aus dem Innern: 'S i n 5 wir dann in den Abruzzen? Ein schallendes Gelächter belehrte sie, daß es sich um einen allerdings nicht sehr zarten Stn- dentenulk handelte. Wir waren aber recht froh, als wer wahrnahmen, daß unser Wagen keinen großen Schaden angerichtet hatten. Wir halfen die Chaise wieder auf 'die Chaussee bringen und trennten uns von den Insassen als gute Freunde.
Daß das fünfte Semester meinen Studien nicht sehr günstig war, wird mir wohl jeder glauben. Ich hatte wohl die Kollegien besucht, aber die Schätze der Weisheit waren noch nicht mein. Das fröhliche Leben der Studentenzeit mußte nun ernster Vorbereitung zum Examen weichen. Es wurde mir diese nicht ganz leicht gemacht, denn die Kneipe war neuerdings in den unserem Hause gegenübergelegenen Möhlschen Garten verlegt worden, und ich konnte von meinem Fenster aus den Verkehr meiner Ver- bindungsgenossen nach uns von der Kneipe sehr wohl beobachten. Ich hatte von den jüngeren Leuten einige sehr lieb gewonnen, und gar manchmal konnte ich den Lockrufen meiner Freunde nicht widerstehen, auch außerhalb der mir gestatteten Teilnahme an der Samstagskneipe, einige frohe Stunden mit ihnen zu verleben.
Auch war ich zu sehr mit der burschenschaftlichen Sache verwachsen, als daß ich mich den auf diese bezüglichen Angelegenheiten hätte entziehen können. So habe ich natürlich den zu Beginn des Wintersemesters stattfindenden großen Kommers eifrig mitgemacht, ■ zumal meine Heidelberger Freunde, die durch Hase auch mit den dort studierenden Kartellgenossen in Verbindung traten, mit diesen zum Kdmmerse eintrafen. Sodann nahm ich lebhaften Teil an der Bewegung, infolge deren auch andere als Kvrpsleute, nämlich Germanen, Wingolfiten und Nichtcouleurstudenten zu „Entrepreneuren", wie damals die BalMmmissäre genannt wurden, von dem Vorstand auf den Klubbällen bestimmt wurden. Infolge der hierdurch aufs neue entstandenen Rempeleien war ich genötigt, einen früheren Heidelberger Renanen auf Pistolen zu fordern. Ich war nur ein mittelmäßiger Fechter, weil mein Handgelenk etwas schwach war, aber auf Pistolen war ich dank der Verwandtschaft mit Büchsenmacher D. gut eingeübt. Dennoch war mir es nicht nur meiner Eltern wegen lieb, daß die Mensur nicht zum Austtag kam. Trotz des strengsten Stillschweigens unsererseits kam nämlich die Sache zur Kenntnis des Universitätsrichters. Infolge davon mußten wir bei Meidung der Relegation das Ehrenwort geben, von dem Duell abznsrehen.
Ebenso konnte ich, obwohl schon im siebenten Semester, m einem Semestergenossen E. die Bitte nicht abschlagen, ihm bei einer Pistolenmensur mit einem auswärtigen Kvrpsmann als Kartell- träger und Sekundant zur Seite zu stehen. Die Forderung ging puf 15 Schritte Distanz mit gezogenen Pistolen, bei einmaligem Kügelwechsel. Glücklicherweise verlief das Duell unblutig.
Auch einer Säbelmensur zwischen einem mir nahestehendem Bundesbruder und einem bekannten Fechter der Teutonen, W., wäre ich uM alles nicht ferngeblieben, infolge deren! dem Letzteren die Njase derLünge nach gespalten wurde.
Eines Erholnngsausflugs zu Ostern 1856 erwähne ich, der begleitenden, teils tragikomischen, teils drolligen UmWnde halber, sowie zum Beweis dafür, daß der Ernst des drohenden Examens mir den Humor noch nicht verdorben hatte.
Ich sprach oben von meinem Freunde, den wirf Strudel Nannten, und de« in seiner Stellung als Hosverwalter auf dem' Gute des Herrn von Nordeck zu Rabenau eine wahre VölSw-- wanderung unserer Leute dorthin veranlaßt hatte. Er gewährte den Besuchern die weitestgehende Gastfreundschaft und sorgte, daß sie weder Durst litten, noch auch sonstiger guter Unterhaltung im L o n d o r f e r Kasino, dessen sttllschiveigends anerkannter Leiter er war, entbehrten. Er hatte mich zum Ostern? asinop b a l l eingeladen, und da ich lange genug gearbeitet zu haben glaubte, und mein Vater eine abweichende Meinung wegen seiner Abwesenheit nicht geltend zu machen in der Lage war, so leistete ich mit einem jüngeren Bekannten der Einladung gerne Folge. 'Ich wohnte bei unserem Gastgeber. Am Bftttgen nach meiner Hinkunft traf ich ihn in der Lektüre eines eben angelangten Briefes begriffen. .Er schien Mir etwps deprimiert, und da ich dies Ian ihm gar nicht gewöhnt war, so fragte ich ihn, was los fei. Er reichte mir schweigend den Brief, der liebevolle Vorwürfe eine« Dame in gebildeter Sprache und Schrift wegen des langen Schweigens ihres geliebten Carl und die Mitteilung enthielt, daß sie an diesem Tage bet 'Lollar vorüberreisä und sie ihn sicher «an der Bahn zu treffen hoffe. Nun wußte in Londorf jedermiann, daß er der französischen Erzieherin der Kinder des Gutsherrn, Frl. Clentence, den Hof mjctoje und abends sollte .« init ihr den MM eröffnen. Das war cs aber nicht
allein. Er zeigte mir noch verschiedene andere Liebesbriefe verschiedener Mädchen und von verschiedenen Orten, voll der zärtlichsten Ergüsse, sodaß ich ganz starr war. „Aber Mensch, wie kannst du das übers Herz bringen?", rief ich. Ein melancholisches Lächeln war die Antwort. Abends auf dem Balle, der nebenbei bemerkt in einer niedrigen Wirtsstube, bei Talglichtbeleuchtung, sAtthabte, aber die ganze Honoratiorenschaft von Londorf 'und der Umgegend zum fröhlichsten Tun vereinte, hatte er nur Augen für seine Clemence. Anderit morgens kam ich dazu, wie er einem hübschen Mädchen eine Liebeserklärung machte und bald darauf erhielt ich die Nachricht, daß er sich mit der Rentmeisterstochter verlobt habe. Die soll dann ihre Ge- schlechtsgenvssinnen km ihm gerächt haben. Beide sind längst gestorben.
Ich und mein Bekannter ließen uns noch einen Tag halten, kamen dann abends zu spät zur Bahn nach Lollar und mußten nun auch die übrigen zwei Stunden Weg zu Fuß zurücklegen.
Es ging auf der Höhe eilt schneidender Nord-Wind, der uns durchblies, lalls hätten wir keine Kleider an. Bis aufs Mark durchfroren kamen wir endlich spät in der Nacht nach Gießen.. Tas Haus meines Bekannten war verschlossen. Ich lud ihn ein, mit mir zu gehen. Allein auch in unserm Hause blieb die Tür geschlossen trotz allen Lärms, den wir machten. Nun wohnte bei uns int Erdgeschoß eine Frau Kirchenrat D. mit ihrer würdigen Tochter. Sie waren verreist und alle Läden geschlossen. Wir untersuchten eingehend die Läden und fanden endlich einen, der etwas lose war, umd, o Freude, zufällig waren auch die oberen schmalen Fensterriegel nicht verriegelt. Ich war damals noch schmächtig und gewandt und brachte es fertig, oben durch das Fensterkreuz zu turnen, öffnete dann den unteren Flügel und ließ meinen Kämeraden hinein. ~ _
Nun waren wir glücklich unter Dach, aber was weiter? Zum Glück waren die Zimmer nur nach dem Gang verschloßen dagegen unter sich offen. Es war vollständig finster und keiner hatte Feuerzeug. Ich kannte aber die Einrichtung und tappte mich, meinen Kämeraden tut Schlepptau, durch die Stube, bis tot« in das Schlafzimmer kamen. Wir fanden nicht nur die Betten, sondern auch die darin befindlichen Kleidungsstücke, welche die Damen nächtlicher Weile zum Schutze gegen die Kälte zu tragen und welche in Gießener Mundart „Nachtjoppel" genannt zu werden pflegen. Sie waren uns ein wenig weit, erfüllten aber in Verbindung mit den molligen Setten, vollständig ihren Zweck, unseren Körpern wieder die nötige Wärme zu verschaffen. Wir schliefen mit dem besten Gewissen ein und ich meines Teils habe nie besser geschlafen als in deut Bett der verehrten Frau Kircheiwat. Heutzutage wüiÄe der Staatsanwalt «ach de« Formet: „Eln- dringeit in eine fremde Wohnung wider den,zu vermutenden Willen in Vereinigung mehrerer!" eine Gefängmchtrafe von mtnoeftenSi acht Tagen haben beantragen müssen. Zu meinem Gluck gab es damals weder Reichsstrafgesetzbuch noch Reichsgerichtsentscyei- dungen. Als wir morgens ziemlich spät aufwachten, iahen wir in dem durch die Fensterläden fallenden Zwielicht, da« wir beide rosageblninte Jacken an hatten. Meinen Kämeraden schemt es auch an dem Kopse gefroren zu haben, denn er hatte außerdem die weiße Nachthaube dsr Tante Torchen auf dem Kopfe, die ihn mit seinem glatten Gesicht und lockigem Haar tote em ganz nettes Mädchen erscheinen ließen. „
Es galt nun, den verschlossenen Gemächern zu entwrnmen. Tas war nicht schwer. Wir legten uns in unterem neuen Kostüm in das Fenster, durch welches wir hereingekommen touren. Sie nächste Person, die ins Haus kam, rapportierte das Ge,Haute de« Dame, die in Abwesenheit meiner Eltern dem Hausyalte Vorstand und die auch die Schlüssel zur Wohnung in Verwahrung hatte. Diese soll beinahe in Ohnmacht gefallen fern, konnte sich aber schließlich dem Humor der Situation nicht entziehen und hat auch bei Rückkehr der Eltern diese mit dem Abenteuer des angeblich den Exameusstudien obliegenden Sohnes nicht beunruhigt.
(Schluß folgt.)
Geschlschtsvsrm'Leil in der Sprache.
Frl. Käthe Schirmacher macht den Sexualismus in der Sprache zum Gegenstand eines Aufsatzes, der im „Mutterschutz (oran- fnrt a. M., I. D. Sauerländer) erschienen ist und trotz seiner einseitigen Färbung immerhin einen neuen Gedanken entwickelt und darum Beachtung verdient. „
Die Verfasserin weist darauf hin, daß unsere Sprache ganz durchtränkt sei von Geschlechtsvorurteil. Sie sei vorwiegend eine Männerschöpfung, verbildet durch eenen „MaskuliNismus , der, ivie auf andern Gebieten, so auch hier, dem Manne die herrschende, die edle, schöne, die erste Rolle zuerteile. Man fei an die Üblichen Sprichwörter, Bilder, Urteile usw. derart gewöhnt, daßman kritiklos hiunehme, ja daß selbst Frauen sich diesem ihr Geschlecyt herabsetzenden Sprachgebrauch fügen So seien die Sprichwörter aller Völker in ihrer überwiegenden Mehrzahl frauenfeindlich oder frauenbeleidigend. ,. ™ ...
Ein höheres Lob als die Worte: „Es lvar ein Mann! aebe es heute in der Sprache nicht und „Seid Männer!" heiße Mut und Festigkeit zeigen, fest und stark sein. Soll das Femininum lobeuden Sinn enthalten, so müsse ein Beiwort hinzugesetzt werden, z B. edles Weib, schönes Weib usw.; ohne einen solchen Zusatz


