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schlossen, alle Hebel tn Bewegung zu setzen, damit er der Nach­folger Klichms ward, und im übrigen konnte Dagmar unbesorgt sein. Er würde die Dehors zu wahren wissen. Ein harter Zug ging über sein Gesicht. Und als er sich jetzt erhob, da geschah cs mit dem unerschütterlichen Vorsatz, sein Ziel mit allen Mitteln zu verfolgen. Der Ehrgeiz hatte ihn mehr denn je gepackt.

Ich werde mich also noch heute zum Dienst melden," meinte er leichthin.Ich hoffe, dic-ß es dir recht ist," setzte er nach einer kleinen Pause, in welcher er vergeblich auf Antwort gewartet hatte, hinzu, in dem uneingestandenen Bestreben, Dagmar nicht zu erzürnen. Sie sah ihn an. Eine stille Bitte lag in ihren Augen.

Du wirst meinetwegen nicht deine Karriere aufgeben wollen?" klang es zaghaft zu ihm hin.

Veltlingen tat, als ob er das für Scherz hielte.

Nein, mein Herz. Du weißt ja, wieviel mir an der einfluß­reichen Stellung liegt."

Sehr zufrieden begab er sich ii; sein Zimmer. Noch an dem­selben Tage ging ein Schreiben an den Herzog ab. Ein zweiter Brief teilte der Gräfin Lindström mit, daß ihr Wink dem sie allezeit hochverehrenden Kammerherrn wie immer, so auch dieses- Mal, Befehl sei.

Die Antwort des Herzogs ließ nicht lange auf sich warten. Acht Tag,? später reiste der Baron ab, nachdein er Dagmar zuvor, als Entschädigung für ihrZuhausebleiben", wie er scher­zend sagte, die fthnlichst gewünschte Gemeindediakonissin bewil­ligt hatte.

Der Abschied der beiden Gatten war kühl, aber nicht un­freundlich gewesen. Zu ihrem Befinden sah Dagmar Belt- lingen mit einer gewissen Bangigkeit scheiden. Sie konnte sich diese Unruhe gar nicht erklären, aber wie sie auch hin und her sann^ das unbehagliche Empfinden blieb.

Sie war daher doppelt froh, daß der Pastor diesesmal früher als sonst kam. Die Nachricht von dem Geschenk ihres Gatten gab ihnen einen willkommenen Unterhaltungsstoff, auch hatte Dagmar wegen der Diakonissin in der nächsten Zeit soviel zu bedenken imb zu über­legen, daß ihr zum Grübeln und Sinnen keine Zeit blieb.

So, mit dieser angenehmen Zerstreuung, verflossen ihr die Tage schneller und weniger trübe, als sie gefürchtet hatte. Pünkt­lich erhielt sie zweimal wöchentlich Nachricht von Veltlingen, der ihr unter anderem auch mittcilte, daß Uchdorf endgültig aus dem Dienst geschieden sei, um seine Güter zu bewirtschaften. Daß Magnus auf dem besten Weg zu sein schien, den ersehnten Posten zu erhalten, freute sie seinetwegen doch. Was seine endgültige Ernennung noch immer verzögerte, gab er freilich nicht an. Dag­mar war augenblicklich auch viel zu viel von den kleinen Sorgen ihrer Leute in Anspruch genommen, um darüber nachzusinnen.

Veltlingen genoß unterdessen mit vollen Zügen die Freuden des Hvflebeus, das seine Gattin, tote er mit Vorliebe erzählte, aus so hocherfreulicher Ursache jetzt entbehren mußte.

Erst recht kein Grund für ihn, der Lindström so wütend die Cour zu schneiden," hatte Sprenger schon bald nach der Rückkehr des Kammerhesrrn bissig bemerkt. Damals hatten die andern darüber gelacht, aber bald .hörte das Lachen darüber auf. Tenn laut und leise entrüstete sich ein jeder über die unverhüllten Huldigungen, die der Kammerherr der Gräfin Lindström dar-? brachte.

Er war am Nachmittag eines ziemlich heißen Augusttages, als Fredins vor ihrem großen Ankleidespiegel stehend, mit zuftie- denen Blicken ihre zierliche Gestalt überflog, die in dem leichten, geblümten Seidenkleid wirklich wie ein echtes Rokokofigürchen aussatz. Sie lächelte siegesbewußt, während sie die blitzenden Ringe auf ihre Finger schob. Ungeduldig sah sie dabei zur Uhr. Wie der Zeiger s chlich!

Ob dem guten Radach die Zeit ebenso langsam vergehen mag?" dachte sie spöttisch. Um vier trank er bei ihr eine Tasse Kaffee.Leider habe sie heute nicht länger Zeit für einen guten Freund," stand in ben gewohnten krausen Lettern auf dem stark parfümierten Billett, welches sie am Morgen dem HerrnHof­photographeu" durch ihren Lakaien sandte, der auch an Veltlingen ein Briefchen abgeoen mußte, in dem dieser für fünf Uhr zu dem gewohnten. Teestündchen eingeladen wurde.

So zierlich wie sonst waren die Buchstaben freilich nicht ge­malt, denn es ging in fliegender Eile. Aber die Gräfin tröstete sich leicht darüber. Kommen würde Veltlingen trotzdem.

Und er kam, kam früher als Fredine ihn erwartet hatte. Er kam schon um vier. Anfangs war die Hofdame ein wenig verlegen. Was sollte werden, wenn Radach hier mit dem Kammerherrn zusammentraf? Sie kannte zur Genüge die Emp­findlichkeit des ersteren, der außerordentlich zur Eifersucht neigte

und daher anderweitigen Herrenbesuch sicher mit scheelen Blicken betrachten würde.

Und sie durfte es doch nicht mit ihm verderben! Diesem ein­zigen, reichen Freier, den sie augenblicklich besaß. Fredine war eine viel zu kälte und berechnende Natur, um sich nicht klar zu machen, daß sie die Gunst dieses einzigen, ernsthaften Anbeters unter keinen Umständen verscherzen durfte. Tenn was dann aus ihr werden sollte, wenn sie nicht endlich einmal alle ihre Rech­nungen bezahlte, Rechnungen, die nachgrade kein kleines Ver­mögen ausmachten, das wußte sie selber nicht.

(Fortsetzung folgt.)

Kus der Studentenzeit.

Er nnerungen eines alten Gießeners.

(Fortsetzung.)

VI. Die letzten Seme st e r.

Bereits im Sommersemester 1854 hatte ich bei Wassersch-- leben Kollegien gehört. Dieser verdankte seine Berufung nach Gießen, die 1852 erfolgte, seiner Schrift über die Pseudo-Schibo- rischeil Deren taten. Er las über Deutsches Privatrecht und Kirchen­recht. Obwohl er frei vortrug, bekamen wir von ihm ein sehr gutes Heft, sodaß wir aus diesem unsere ganze Examenweis- 6eit schöpfen konnten. T,a er aber bei seinen Vorlesungen stets die neueste Literatur berücksichtigte, mußte man sich vor dem Examen ibtod) über etwaige spätere Abänderungen informieren. Wasserschleben war ein großer, stattlicher Mann und fein Vortrag tadellos. Beides konnte man von Deurer, der die Pandekten in Wwechslung mit I Hering und ferner Zivilprozeß las, gerade nicht ffagen. Es war aber ein tüchtiger und wohlwollender Lehrer. Tas letztere galt übrigens von allen unfereit Lehrern, nicht zuletzt von Kanzler Birnbaum, welcher Kriminalrecht und Kriminal­prozeß las. Er war zu meiner Zeit bereits ein älterer Herr und strotzte von Gelehrsanikeit. Er diktierte einen bestimmten Abschnitt und brachte dann zu demselben in freiem Vortrag eine Fülle von Material' über die Streiftagen und die verschiedenen An­sichten der Rechtslehrer, wog deren Ansichten gegeneinander ab, pflegte aber seine eigne Ansicht nur andeutungsweise auszu- sprechen:Vergleiche aber Birnbaum" da und da, ober: Blume im Grunde". Er dürfte aber recht fehr gar ziemlich recht haben, wenn er fragt.

In der schriftlichen Prüfung gab er dementsprechend immer drei Fragen: die einfache, dem Heft entsprechende, die über die Streitfragen und die dritte über die Literatur. Wer alle drei beantwortete, bekam einen Einer.

Bon meinen Lehrern muß ich noch Levita, Privatdozent/ erwähnen, bei dem ich Kriminalrecht hörte. Er war ein zier­licher Mainzer, int Aeußeren und in der Rede einfach und klar als Lehrer. Es tojar m. E. ein Verlusts .daß er Deutschland verließ,, seine Fähigkeiten in den Dienst des Pariser Barreau's stellte.

Für unsere Germania war das Sommersemester 1855 ein bewegtes: Die beiderseitigen Bestrebungen zwischen den Korps und uns eilt besseres Verhältnis zu schaffen, zunächst wenigstens einmal zur Anerkennung der Existenzberechtigung der GerMNnia und zu der sehr wünschenswerten Ein­schränkung der Rempeleien, die auch zu einigen Men­suren führten, der Abschluß des erstrebten Kartells mit der Sen enfer Germania gelegentlich des Stiftungsfestes in Jenia, die Anbahnung eines solchen mit der Breslauer Arminia. Alles dies nahm die Tätigkeit unserer Burschen­schaft in nicht geringem Maße in Anspruch.

Unsere Abgesandten B. und P. kamen von Jena zurück, stolz auf ihrett Erfolg nicht minder aber auch auf die hohen Würden undO r d e n, deren sie sich seitens des H er z o g sT h u s XXVIII. von Lichtenhain wegen ausgezeichneter Trinke f e st i g k e i t zu erfreuen hatten.

Ter Schluß des Semesters brachte zu unterem vierten Stif­tungsfeste bett Abschluß des Kartells mit der Bres­lau er Arminia.

An bellt Kvmmerse, diesmal in Gießen, nahmen mehrere Jenenser Germanen und sieben Arminen, darunter der später als Straßburger Professor des Staatsrechts berühmt ge- gewordene L ab and, Teil, und aus Heidelberg kam Freund Hase mit allen Schwanen.

Es war einer der glänzendsten Kvmmerse, die unsere Ger­mania verlebt hat. Am Tage darauf fand ein Ausflug nach Wetzlar statt. Von einem herrlichen Sommertag begünstigt, fuhren wir nach dem Katerfrühstück auf zwei großen vierspännigen Leiterwagen dorthin. Im Schützengarten unter freiem Himmel hielten wir angestaunt von der Wetzlarer Jugend eine solenne Kneipe ab, an welcher and) eine Anzahl Wetzlarer Freunde, insbesondere die Einjährigeir des dort garnifonierenden Jäger­bataillons teilnahmen. Es war fchon spät, als wir den Heim­weg antraten. Tie ganze Wetzlarer Jugend und viele Alte um­standen uns, als wir auf dem Tomplatz die Wagen bestiegen. Ein befreundeter Apotheker brannte, während wir die Anhöhe! hinter Wetzlar hinauffuhven, ein Feuerwerk ab, tote es toedep Wetzlar noch Gießen in jener Zeit gesehen hat.