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erscheinen und würzen durch den Vortrag 'einiger Stücke das Mahl, bei welcher Gelegenheit diese sowohl als auch die Köche, Abwascher, Schenker, Austräger uitb Zapfer erscheinen, um sich von den Güsten das übliche Trinkgeld zu erbitten. Gegen beit Durst wird Braunvier in Töpfen und Gläsern gereicht, die aus bereit gehaltenen Kannen . und Gießkannen neue Füllung empfangen. Sind nun alle gehörig gesättigt, und bei den Bauern dauert dies lange, so beginnt nach einer kleinen Pause der Tanz an mehreren Stellen. Uebertvacht toird derselbe von den „Hochtiden- biddern". Das Gestampfe mit den schweren Stiefeln läßt die Dielen erzittern, und bald ist alles in Schweiß geraten, so daß sich verschiedene Tänzer zeitweilig ihres Ueber- rockes entledigen, während die Mädchen mehrmals ihre Garderobe wechseln. Am fchlimmsten geht es dabei der Braut, die mit jedem Manne tanzen muß, damit die Musiker recht viel Geld herausfchlagen; denn jeder Tänzer zahlt für den „Brauttanz" doppelt. So geht es nun die ganze Nacht hindurch. Wer Hunger und Durst empfindet, muß selbst zugreifen, da er auf eine Einladung vergeblich warten würde. Erst am Morgen begibt sich altes zur Ruhe, bis man sich nach wenigen ©tuitben erquickenden Schlafes an beit Kaffeetischen wieder zusammen findet, um dann bald darauf am Mittag die gewärmten Reste des gestrigen Tages zu verzehren. Wer Nachmittag und Abend sind wieder dem Tanze gewidmet, und alle beteiligen sich daran mit einer Ausdauer, die einer besseren Sache würdig wäre.
Die fremden Gäste haben allmählich die heiteren und staubigen Räume verlassen, jo daß die Dorfbewohner nun unter sich-find und eine solenne Nachfeier veranstalten, wobei gar manches kräftige Wort gesprochen wird. Fetzt schwenken auch Knechte und Mägde, die so lange nur zuschauen konnten, bis zur vollständigen Ermüdung im Tanze herum, während die Bauern bei brennender Pfeife sich an dem gespendeten Bier und Kornschnaps gütlich tun, und noch ost und lange erzählen alle von der schönen „Hochtid".
Heute ist es in den Dörfern in dieser Beziehung ganz anders geworden, so daß sich dort die Familienfeste kaum noch von denen der Städte unterscheiden.
VeNMssehiss,
■ * Das größte G e s ch ä f t sh a u s der Welt. Aus Newyork wird berichtet: Ein Hans, tu deut eine ganze Stadt von 10 000 Einwohnern Unterkunft finden könnte, toird gegenwärtig in dem „Terminal-Building" an der Church Street errichtet. Es soll eilt Geschäftshaus werden, und man nimmt an, daß es von etwa 500 000 Personen den Tag über betreten werden wird. Das Gebäude tvird etlua 70 000 Quadratfuß bedecken und sich 275 Fuß über der Straße erheben. Und dieses „Mastodon" soll ein „schönes Beispiel der italienischen Reuaissancearchitektur" werden, wie ein Newyorker Blatt versichert: von den 23 Stockwerken werden die vier ersten von Granit und Kalkstein, die oberen von Ziegel» und Terrakotta sein. In den großen Hallen wird reichlich Marmordekoration verwendet, wie überhaupt auf schöne Ausstattung großes Gewicht gelegt wird. Einige Zahlen werden einen Begriff geben, mit was für Massen in diesem Hause gerechnet ivird. Das Stahlgerippe dieses Baues wiegt 24 000 Tonnen, das Gesamtgewicht betragt 200 000 Tonnen: über 16 Millionen Ziegel werden hineingebaut; 4500 Tons Terrakotta werden für den Schmuck der Fassade verwendet. Dampfröhren werden 153000 Fuß verlegt, Wasser- und Abzugsleitungen 500 000 Fuß. 5000 Fenster werden mit 120 000 . Quadratfuß Glas be- deckt; 113 englische Meilen Drahtleitung sind für die elektrische Beleuchtung nötig. 39 Personenauszüge besorgen den Verkehr im Hause. Das Gebäude steht in direkter Verbindung mit einer Untergrundbahnstation, sodaß seine Bewohner, ohne das Haus verlassen zu müssen, Reisen zu den fernsten Zielen mittete« können. Natürlich tvird das Gebäude jede nur denkbare Bequemlichkeit erhalten und so wirklich eine kleine Welt für sich bilden.
* Der Zar i st einer der reichsten M ä nn er der Welt, wenn nicht der reichste, lieber die Quelle seines Reichi- tums gibt ein jüngst in Petersburg erschienener und prompt mit Beschlag belegter „Bolkskalender" interessante Aufschlüsse. Man unterscheidet drei Arten von Einkünften des Zaren. Zunächst kommt die Zivilliste, die für eine so gewaltige Bevölkerung, wie sie das russische Reich aufweist, gar nicht einmal so sehr groß ist: sie beläuft sich auf rund 30 Millionen Mark und wird ausschließlich zur Deckung der Ausgaben des Hofes verwandt. Dw Zarin und die Zarin-Mütter erhalten ein Jahrgeld von le 400 000 Mk; für jeden Sohn eines Zaren ist eilte Jahres- ^üauage von,80 000 Mk. festgesetzt; diese Abfindung beziehen die Prinzen jedoch nur bis zum 21. Lebensjahre. Der Groß
sürst-Thronfolger hat Anspruch auf ein Jahrgeld von 2 Millionen Mark. Aber diese Apanagen sind nur der kleinste Teil der Einkünfte der Zarm-Familie. Sehr viel größer find die der zweiten Kategorie, die von den sogenannten „kaiserlichen Domänen" herrühren: es sind dies ehemalige Kirchengüter, die jetzt der ganzen kaiserlichen Familie gehören, aber vom Zaren' verwaltet werden. Diese „Domänen" unifassen etwa zehn Mill. Hektar Land, wovon nur ein Drittel Ackerland ist, während die beiden übrigen Drittel mit Wald bedeckt sind; der Flächenraum dieser Krongüter ist größer als der Irlands. Die Domänen produzieren Bau- und Brennholz, das auf den Märkten der ganzen Welt gehandelt wird, die besten Weine Rußlands, 1500 Tonnen Zucker pro Jahr usw.; sie halten 1500 Mühlen, 1000 Fischereien, 100 Flußwerften in Bewegung. Der Zar allein hat aus diesen Krongütern ein Einkommen von 40 Millionen Mark im Jahr. Die dritte und größte Einkommenkategorie aber hat ihren Ursprung in den sogenannten „Kabinettsbesitzungen", die misschließlich dem Zaren, insofern er regierender Fürst ist, gehören: es handelt sich um Länderstrecken, die etwa 70 Millionen Hektar Land umfassen, also fast so groß sind wie ganz Frankreich; sie liegen zum größten Teil in Sibirien und bergen in ihrem Schoß die größten Gold-, Silber-, Platin-, Kupfer- und Eifeubergwerke, die in Rußland in Betrieb sind. Sehr viele andere solcher Minen können neu erschlossen werden, wenn der Zar noch mehr Geld braucht. Das Vermögen, das der Zar als Privatmann besitzt, ist bei diesem Ueberschlag nicht in Rechnung gestellt.
LsteraNZfehes.
— Bo m Markte der Seelen. Entdeckungsfahrten einer sozialen Frau (Olive Ehr. Malvery) im Lande Armut. R. Voigt- landers Verlag, Leipzig. — Olive Ehr. Malven; ist eilte in Eng-; land pls Vortragsküustleriu bekannte Dame der großen Welt. Um so größeres Aufsehen erregte es, als sie dieses Buch Herausgabe welches. Wie ein Bericht der englischen Presse sagt, die Fenster des Parlaments-Palastes erzittern ließ. Der Drang, den Menschen und Dingen ans den Grund zu sehen, trieb das kaum 20jähr. junge Mädchen, neben ihrem Leben iit bett Salons, ein anderes „in dem Laude Armut" zu führen. Wie sie, die gefeierte Künstlerin und große Dame, unter unsäglichen Entbehrungen, mit Gefährdung ihrer Gesundheit, als Schenk- oder Fabrirmädcheu, als Straßensängerin, Schneiderin, Gemüsehändlerin usw. sich unter das arbeitende Volk begab, wie sie in freiwilliger Obdachlosigkeit auf dm Sthaßen und in den Nachtasylen Londons in die Tiefest des Lebens hinnnterstieg, das erzählt sie schlicht, wahr und ergreifend in ihrem Buche. Tie vorliegende deutsche Ausgabe ist vollauf berechtigt; eine so wertvolle soziale Studie ist kaum noch geschrieben worden. Die Erlebnisse der Miß Malvery gehören zum Bilde unserer Zeit und der Welt. Tenn mögen auch vielleicht nirgend in der Welt so entsetzliche Zustande herrschen, wie in der alten Fünf-Millionenstadt an der Themse — aber gibt es Aehnliches nicht auch anderswo? Aber jeder Mensch und jeder Stand kann es mit sich selbst abmachen, ob er sich getroffen fühlt: niemand außerhalb Englands wird von Miß Malvery beschuldigt, niemand angegriffen: sie erzählt von London — und was sagt sie! Die Uebersetzung ist ausgezeichnet und der Preis des Buches wefentlich niedriger als der der Originalausgabe: 2 Mk.
Scherzrätfel.
Als neugebackener Rekrut, Die erste Nacht in der Kaserne, Verlor ich allen Lebensmut lind sehnte mich nur in die Ferne.*)
Die fremden Menschen rings umher, Das sind nun deine „ersten beiden". Daran gewöhnt ich mich nur schwer, Doch traf mich bald ein größ'res Leiden:
Sie holten mich beim Kerzenschein
Nachts ans dem Beit, trotz Flehn und Bitten, Und lachend weihten sie mich ein Mit jenem fürchterlichen „Dritten".
Das war zwar keine Seligkeit,
Doch weil wir für „eins-zwei" nun galten, So haben wir seit jener Zeit
Das Ganze treulich uns gehalten. L
*) Schönes Muttersöhnchen! — Anmerkung des Setzers.
Auflösung des Magischen Quadrats in voriger Nummer:
I
B
I
8
B
0
L
A
I
L
K
A
8
A
A
R
Redaktion: Ernst Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen UniversitätS-Buch- und Steindruckerei, ist. Lange, Gieße»-


