Ausgabe 
3.7.1907
 
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Eine brandenvitrgische Bauernhochzeit vor 50 Jahren.

Von W. Wölkerling.

Seitdem das Eisenbahnnetz immer mehr an Ausdeh­nung zunimmt und Städte und Dörfer in den fernsten Winkeln miteinander verbindet, hat sich damit Hand in Hand die fortschreitende Kültur dort Eingang verschafft, so daß sich die ftüheren Unterschiede allmählich ausgleichen, Die urwüchsigen, kräftigen Bauerngestalten immer seltener werden und mit ihnen die verschiedenen Sitten und Fa­milienbräuche mehr der Vergessenheit anheimfallen.

Heute besucht der Sohn des Bauern das Gymnasium oderdie hohe Schule" der nächsten Stadt und fungiert dann, sobald er mit dem Einjährigen-Zeugnis ausgestattet ist, als Volontär auf einem Gute, versucht sich vielleicht auch als Inspektor und hört sich dann, wenn er das väter­liche Erbteil übernommen hat, gern Gutsbesitzer titulieren. Pflug und Egge überläßt er seinen Leuten, die von ihm nur beaufsichtigt werden, sonst aber bietet ihm beim Quar­talwechsel das Abschneiden der Zinsscheine von des Vaters erworbenen Wertpapieren eine angenehme Beschäftigung und Abwechselung, wenn er nicht diese Arbeit auch schon seinem Bankier überlassen hat.

In srüheren Zeiten griff der älteste Sohn des Bauern tapfer zu und ging den übrigen Knechten mit gutem Bei­spiel stets voran. Hatte derselbe das' heiratsfähige Alter erreicht, fo wurde Umschau nach einer für ihn und seinem Stande passenden Frau gehalten, die meistens aus demselben Dorfe war; nur in seltneren Fällen und dies gewöhnlich aus materiellen Gründen wich man von der feststehenden Regel ab. Dann dauerte die Wahl oft lange. Führte die­selbe aber endlich zu einem festen Entschluß, so übernahm ein Bruder, Onkel oder ein sonstiger Verwandter des Freiers das kühne Wagnis, den Heiratsvermittler zu spielen. Fehlte es jedoch der Familie an einem solchen Sendboten, sy nahm man zum Dorsschneider seine Zuflucht, der gegen klingende Münze bei den Eltern der Auserwählten seine Werbung vortrug. Wurde der Antrag mit stillem Lächeln ausgenommen, so war damit schon etwas erreicht; doch wechselten noch viele Wenn und Aber miteinander, ehe zu weiteren Verhandlungen geschritten wurde. Vor allen Dingen mußte auf beiden Seiten vollständiger Aufschluß über die Vermögensverhältnisse und über die zu erwartende Mitgift gegeben werden. Sagten die Bedingungen zu, und war auch das väterliche Gut beiderseits in Augenschein genommen, so fand dann bald darauf'dieVerlöwms" (Ver­lobung) statt. Von Neigung und Liebe zwischen Braut und Bräutigam konnte daher wohl oft nicht viel die Rede sein; für den Bauern galt ein straffer Geldbeutel mehr als ein harmonisches Verhältnis zwischen Mann und Weib.

Die Hochzeit ließ auch nicht lange aus sich warten. Zu derselben tvurde gewöhnlich das ganze Dorf geladen, und auch aus der nächsten Stadt zog man Kaufleute und Handwerker gern dazu. Die Einladungen überbrachten die Brüder des Brautpaares oder die beiden nächsten männ­lichen Anverwandten persönlich.

An ihren großfchirmigen Sammetmützen, denn zu Hüten hatten die Bauern sich damals noch nicht emporgeschwungen, prangten bunte Bänder mit knallroten künstlichen Blumen, während um die rechte Schulter eine Schärpe gelegt war, die an der linken Hüfte ein kunstvoll gebundener Knoten zusammenhielt. Selbst bei den Pferden, die natürlich keine Hufeisen trugen, hatte man die Mähne mit allerlei Flitter­werk durchflochten. So erschienen dieHochtidenbidder" hoch zu Roß an der Haustür und begehrten durch Klopfen Einlaß. Die Hausfrau öffnete, holte dann eine Mulde voll Hafer und hielt diesen den wiehernden Rappen vor, wah­rend welcher Zeit die Reiter ihre Einladung in gereimter Form vortrugen. Zur Stärkung reichte man ihnen ein GlasRotspohn" (Rotwein) oder in Ermangelung dessen einen Römer Branntwein. In späterer Zeit erschienen die Hochzeitbitter" nur noch zu Fuß, hätten aber trotzdem bei der Straßenjugend kerneswegs an Anziehungskraft ver­loren.

Im Dorfe rüstet sich inzwischen alles zur Feier. Im Hochzeitshause sind ein Rind, ein Schwein und einige Hammel geschlachtet, um als leckere Braten auf dem Tische zu prangen. Der Backofen wird immer wieder aufgeheizt; denn der Gäste sind gar viel, und ihr Appetit aufBodder- Und Pottkoken" (Blech- und Napfkuchen) in den drei Tagen so lange dauerte die Feier, ist erstaunlich groß.

Endlich bricht der Hochzeitsmorgen an. Es Ist ein

Freitag im Sommer, da nur dieser Tag Glück und Segen bringt. Das Dors hat sein Sonntagskleid angelegt. Alle Arbeit ruht, und die Steige an beiden Seiten des Dammes sind mit weißem Gand bestreut. An dem Torweg des Hoch­zeitshauses prangt eine Girlande mit Eichenlaub und unter derselben begrüßt ein umkränztes Schild die ankommenden Gäste mit einem:Herzlich willkommen!" Schonerscheinen diese. Alle werden mit einem Tusch von der Musikkapelle empfangen, bei der eine kreischende Klarinette die Haupt­rolle spielt. Der Hochzeitsvater begrüßt die Angekommenen mit einem kräftigen Händedruck und der Frage:Na, wo geiht denn?" Als alte Bekannte führt er sie in seinOllen- deel" (Altenteil), wo auch gleich das übliche Geschenk ab­gegeben wird. Von jeher scheinen Lampen und lackierte Blecheimer bevorzugt gewesen zu fein, da sie stets in mehreren Exemplaren vertreten waren. Um die Frühstücksstunde kom­men die Dorfbewohner. Den Anfang machen die Frauen in ihren weiten seidenen Kleidern. Die Rechte hielt auf einem bemalten Teller ein Stück Butter, während die andere Hand das Gesangbuch nebst besticktem Taschentuch und Ros- marinstrauch trägt. Das Huhn für die Brühsuppe wurde schon am Tage vorher gespendet. Die Bauern tragen lang- schößige, schwarze Röcke, seidene Halstücher und geschwärzte Stiefel. In dem oberen Knopfloch haben Löffel, Messe, und Gabel, welche Gegenstände sich jeder Gast zum Mahle selbst mit&ringen muß, Platz gefunden.

Als Frühtrunk bietet man Kaffee aus großen blechernen oder irdenen Kämt en, wozu geschnittener Küchen in einer Backmulde herumgereicht wird, und jeder Gast nimmt sich gleich so viel, wie er zu genießen gedenkt, wobei es dann häufig vorgekommen sein mag, daß die Augen größer waren als der Magen.

Vom nahen Kirchturme ertönt die neunte Stunde, und alles rüstet sich zurTraue". Den Anfang machen die jungen Mädchen. Alle haben weiße Kleider angelegt und ihr Haar mit großen Blumensträußen geschmückt, die ge­wöhnlich aus gefülltem Mohn, Reseda und Levkojen ge­bunden sind. Sie ordnen sich zu einem Zuge und ziehe:, mit klingendem Spiele fort, um dieBrut" (Braut) zu holen, mit der sie bann, geführt von denBrautjungfern", nach kurzer Zeit nach dem Hochzeitshause zurückkehren.

Es laden die Kirchenglocken zumKirchgang" ein. Man geht im geschlossenen Zuge. Voran ziehen 6 bis 8 Musiker, die sonst die Nadel, den Pechdraht oder das Schiffchen am Webstuhl führen. Ihnen folgen dieHochtidenbidder" als Leiter des Ganzen. Den Mittelpunkt bildet natürlich das Brautpaar, dem sich die Brautjungfern und die übrigen Gäste anschließen. Zum Schluß kommen die Mädchen und Knechte. Bald sind alle in der Kirche. Männer und Frauen sitzen getrennt. Der Organist präludiert, und dar­auf ertönt der Gesang:In allen meinen Taten"; doch kommts bei den Säugern dabei weniger auf Takt und Harmonie an. Das Brautpaar steht vor dem geschmückten, erleuchteten Altar und wird besonders von den Frauen scharf beobachtet, ob die Braut ihrem zukünftigen Gemahl auch auf den Fuß tritt, damit sie später das Regiment im Hause führt. DerPastur" hält eine ergreisende Rede, in der er besonders auf die Wichtigkeit dieses Tages hm- weist. Reichlich fließen bei allen die Tränen, und durch häufiges Kvpfnicken bestätigen die Andächtigen die Richtig­keit der Worte des Pfarrers. Es folgen die Trauungs- Zeremonie und der Ringwechsel und zum Schluß der aritonische Segen aus des Priesters Mund. Der Zug be­gibt sich nun unter einem lustigen Marsch nach dem Hoch­zeitshause zurück; doch find die Knechte beimKrog" (Krug) geblieben, um sich dort zu stärken, bis sie endlich auf Bitten der mit der Musik zu ihnen wiedergekomrnenen Mädchen sich anschicken, denselben zu folgen. Plötzlich aber machen sie Halt, und die Schnapsflasche kreist; doch die Großmagd umtanzt die Gruppe mehrmals und nötigt sie dadurch zum Weitergehen.

Das Mahl wird inzwischen aufgetragen, und jeder beeilt sich, mit seinen Eßinstrumenten einen möglichst vor­teilhaften Platz zu erringen. Man ißt in Stuben und auf Scheunendielen. Den ersten Gang bildet eine kräftige Hühnersuppe mit Mehlklößen, auf die von den Essern als beliebte Speise besonders Jagd gemacht wird. Daran schließt sich Milchreis mit dem obligaten Zucker und Zimmet. Das eigentliche Hauptgericht ist der Schmorbraten mit einer nicht zu dicken Sauce und recht viel Kartoffeln. Auch a« Unterhaltung fehlt es beim Essen nicht. Die Musikanten