Ausgabe 
3.7.1907
 
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1907

Mrrwoch den 3, Juli

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Arm Ken unter der Asche.

Roman von M. P r o ß n i tz (M. Nörcnberg).

Unbefugter Nachdruck wird gerichtlich verfolgt.

(Fortsetzung.)

Wohlgefällig betrachtete Fred ine augenblicklich ihre zierliche, schlanke Figur in dem hohen Spiegel. Wie gut das neue Samt­kleid ihr stand! Freilich war es eine gewagte Sache gewesen, 5it demTizianhaar", wie sie es mit heimlichem Stolz nannte, dieses Helle Braun, das so vorteilhaft zu der blendenden Weise ihres Gesichtes aussah. Keck wallten an der linken Seite die großen Federn ihres nerzgeschmückten Samthutes hernieder.

Zufrieden blickte die Hofdame von neuem in den Spiegel. Wirklich, Lupowskv hatte seine Cache ausgezeichnet gemacht! Wenn der Mensch nur nicht eine so erstaunlich impertinente Manier hätte! Es klang ihr noch in den Ohren, sein anscheinend so devotes:

Sehr wohl, gräfliche Gnaden! Befehlen gnädigste Gräfin die Rechnung zusammen mit den viertausend Mark für die letzten beiden Ballkleider zu bezahlen, oder darf ich die Quittung über die viertausend Mark noch vorher senden?"

Einen Augenblick war sie in berechtigter Entrüstung ob der unverfrorenen Mahnung vollkommen fassungslos gewesen. Tas war doch mehr wie unerhört. Wegen der lumpigen viertausend Mark sich so anzustellen! Tu lieber Gott! Wenn ihre Liefe­ranten sich ebenso hätten, dann würde sie wahrscheinlich doch eines Tages in die fatale Lage kommen, die bisher außerordentlich diskret dargebrachten Huldigungen des Herrn Radach, der seinen Herzoglichen Hofphotographen" lediglich ihrer Fürsprache ver­dankte, nicht mehr so geflissentlich zu übersehen.

Aber die Gräfin war eine viel zu gewandte Schauspielerin, um sich ihren Schreck über die unerwartete Mahnung merken zu lassen, da sie mit Blitzesschnelle überlegte, daß ihr einfach nichts anderes übrig blieb, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Term was. dann werden sollte, wenn der erboste Mensch überall! herum erzählte, er arbeite nicht mehr für die Gräfin Lind- ström, das wäre ihm ein zu unsicheres Geschäft, das mochte der Himmel wissen!

Mit ihrem liebenswürdigsten Lächeln sah Fredine daher den Manu an.

Bester Herr Lupowskv, da ich erst zum fünfzehnten die Ab­rechnung meines Bankiers bekomme, werden Sie sich wohl noch so lange gedulden müssen. Auf die vierzehn Tage wird es auch wohl nicht ankunmen bei einem so kapitalkräftigen Unternehmen wie dem Ihren."

Ter Schneider lächelte geschmeichelt.

>,Durchaus nicht, gräfliche Gnaden! Darf ich dann die An­probe apf den achtzehnten festsetzen?"

FredUie hatte die feinen Augenbrauen betrübt zusammenge- zogen, und, obgleich sie den vorsichtigen Geschäftsmann sehr wohl verstand, harmlos gefragt:

Ja, «aber bester Herr Lupowskv, ivas soll ich denn bis dahin Anziehen? Acht Tage hoffte ich mich noch zur Not in meinem vorjährigen Kleid Herumdrücken zu können, aber länger?"

Bor dem achtzehnten ist es nur wirklich unmöglich, gräflich«; Gnaden," beharrte der Gestrenge.

Nun, dann also am achtzehnten," ergab sich die Gräfin und rauschte Wch einem herablassenden Lächeln an dem devot dienernden Schneider vorüber, zur Tür hinaus. Heimlich aber ballte sie die Hand. Woher in aller Welt sollte sie das Geld nehmen, das sie jetzt nötiger denn je gebrauchte?

Höchst nachdenklich kam sie zu Hause an. Tas wär doch sonnenklar, wurden ihre mehr als mißlichen V-ermögensverhält- nisse bekannt, über welche sie bisher so geschickt das Gegenteil zu verbreiten wußte, so war damit auch die letzte Hoffnung auf eine gute Partie geschwunden.

Gedankenvoll hatte die Gräfin ihre Schokolade gelöffelt,' essen und trinken hält Leib und Seele zusammen, da kam ihr der gute Einfall. Eilig setzte sie sich tot ihren Schreibtisch, und während ihre Hand die krausen, eigentümlich verschlungenen' Buchstaben malte, zog ein zufriedenes Leuchten über ihr Gesicht!

Ter Herr Hofphotograph aber teilte' dersehr verehrten Gräfin" noch selbigen Tages mit, daß es ihm einen ganz besonderen künst-i lerischen Genuß gewähren würde, einige Bilder von ihr auf- nehmen zu dürfen. Damit nun dieverehrte Gräfin" nicht in die Lage komme, längere Zeit gleich anderen Herrschaften bei ihm antichambrieren zu müssen, gestatte er sich den ergebenen Vorschlag, am Sonntag die Aufnahme zu machen, da er an dem Tage sein Atelier geschlossen habe, und also vor jeder unliebsamen geschäft­lichen Störung sicher sei.

Es war eine der vorsichtigen Gewohnheiten Fredinens, daß sic nie in Gegenwart ihrer Dienerschaft Briefe las. Auch als sie dieses Schreiben erhielt, legte sie es ruhig auf den Toiletten­tisch, und erst als die Jungfer, iuetdjc ihr das üppige Haar tu zwei Zöpfe flocht, mit leisemGute Nacht" hinaus ging, beganst sie zu lesen.

Ein eigener Zug glitt dabei über ihr Gesicht. Sie kniff die vollen, roten Lippen zusammen. Ein gewandter Mann, dieser! ehrgeizige S^err Radach.Vor jeder geschäftlichen Störung.".

Fredine erhob sich. Langsam zerriß sie den Brief in kleine Stückchen, dann warf sie ihn in den neben der großen Psyche stehenden Papierchrb. Stolz reckte sie ihr zierliches Figürchen empor, welches das klare Glas so deutlich zurückwarf. _ Und während ihre harten, kalten Augen prüfend in den Spiegel blickten/ schob ihre Rechte langsam den seidenen Pudermantel von den weichen, runden Schultern, tiefer, immer tiefer ...

Ein verführerisches, lockendes Lächeln lag jetzt auf ihrem Ge-, sicht. Ta schüttelte sie plötzlich nachdenklich das Haupt. Das! Wie war Sache des Künstlers. Sie wünschte eine gute Aufnahme!.

Nachdenklich nickte Fredine jetzt vor sich hin, während ihre Hände zufrieden an dem glatten Samt herunier strichen. Was für Erinnerungen dieses Kleid plötzlich heraufbeschwor! Eigent­lich hatte dieser Mdach entschieden gute Allüren, auch waren, ihm getvisse künstlerische Airs nicht abzusprechen, die, weil sie ihnt natürlich waren und durch einen genügendenHinter«, gründ" unterstützt tmirden, keineswegs unsympathisch wirkten. Nun, vielleicht gelang es ihm, den vom Urgroßvater zur Zeit der Freiheitskriege abgelegten Adel wieder aufzunehmen. Freilich