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Des Königs Dienste schicken mich.
Die Staatsdienst all auf mich gehäuft ersticken mich;
r Und kehr ich dann von nutzen heim,
Stehn meine Hausgenossen rings und zwicken mich.
< Genug davon! denn oh.
Des Himmels Fügung macht es so,
Was ist davon zu sagen? oh! ,
Indessen trotz allen Beamtengeistes rangiert sich hei den „schwarzhaarigen" Söhnen des himmlischen Reiches der Landwirt offiziell gleich hinter den Literaten und vor den Kaufleuten und Handwerkern. Die Regierung lätzt es nicht fehlen, den Städtern alljährlich die Wichtigkeit des Ackerbaues, vor Augen zu führen. Der Sohn des Himmels, der Kaiser selber, führt jährlich einmal die Pflugschar, ebenso tut es der höchste Beamte jeder einzelnen Stadt. In Peking ist, wie E. Ruhstrat in seinen „Sittenbildern aus China" schreibt, zu Ehren des Ackerbaues ein eigener Altar errichtet, nicht weit von dem berühmten Tempel des Himmels. In einem Nebengebäude werden die leuchtend gelben Ackergeräte aliisbewahrt, die der Kaiser bei der Zeremonie des Pflügens benutzt. In bezug darauf heißt es schon im <Schi- king in einem wohl mindestens 3000 Jahre alten Liede:
Der Kaiser hat zur Frühlingsopferseicr Mit seiner Hand den Pflug berührt, weswegen? Damit der Himmelsherr, der Hnldverleiher, Verleihe Jahressegen.
Nun sagt den Ackerleuten allen.
Daß sic zum Pfluge greisen, Und gleich darauf mit Wohlgefallen Die Sichel schleifen.
Ein Lied vom „Landwirt" hebt mit den Sorgen an, die ein grotzes Feld erheischt. Das Ackergerät wird aus dem Winterhaus hervorgezogen und geprüft, ob's Fehler hat, die Stiere brüllen im Stalle der Arbeit entgegen, bald wird die Erde den Rost von: Pfluge scheuern. Gar hübsch heißt es denn des weiteren:
Werst den reinen, unvermischten Samen In den Wind, der ihn nach Lust verstreut! Wo ihn auf die stillen Furchen nahmen, Sich die Egg' ihn zu begraben freut.
Bald der Erde fordere Himmelslüfte Anvertrautes Gut mit Schmeicheln ab, Und zur Wiege wandeln sich die Grüfte. Nichts behält den Grund, was man ihm gab.
Die Halme sprießen und tragen markige Körner. Aber das Unkrant macht ihnen zu schaffen, ebenso Ungeziefer — möge man auf der Hnt sein:
Wie vermögt ihr alles abzuwehren?
Rufet an den Geist, in dessen Hnt Unsrer Felder Früchte stehn: verzehren Müssi er das Geschmeiß mit Fenersglut.
Am Schluffe wird dann aufgefordert, von der Ernte etwas für die armen Witwen stehen zu lassen.
In verschiedenen Gedichten wird betont, daß „nur Dorn und Distel wird di er Acker tragen, wenn ihr nicht reutet ihn und reinigt". Im „Lied der Fleitzigm" heißt es:
Steift die Zinken an dem Karst Und den Zahn am Pfluge schärfet! Wo dem Pflug die Scholle barst. Mit dem Karste sie zerwerfet!
Lest vom Acker Schneck und Molch, Daß kein Gift den Trieb beflecke! Ausgerauft sei Wick' und Lolch, Daß die reine Frucht man schmecke!
Wir finden auch Bruchstücke eines Wirtschaftskalenders. In China, dem klassischen Lande der Seidenzucht wundern wir uns nicht, daß es da heißt:
Im Frühling, wenn die Tage zugenommen, i Die Jungfrau faßt ein zierlich Korbgeflecht, Und pflückt die Blätter, die hervorgekommen Am Maulbeerbaum fürs Seidenwurmgefchlecht.
Im Sommer, wenn die Farbkräuter gereift sind, wendet sich die Frau der Färberei zu, im Herbste geht's auf die Jagd, der Fuchs muß seinen Pelz lassen, damit der Fürst im Pelzgewand bei Hofe erscheinen kann, im Winter gilt die Jagd dem wilden Schweine. Dabei hat der Landmann mit dem Ungeziefer seine liebe Not: im Sinti zirpt die Grille auf dem Felde, im Juli singt sie im Chore, int August hört man sie in nächster Nähe des Hauses, sie kommt schließlich bis zur Kchlasstätte. Zum Schluffe heißt es verzweifelt:
Nun flickt, was klaffet! Bessert, was gesprungen. Und jede Spalte stopfet zu am Haus!
Jedoch mit Zauberspruch und Räucherungen Treibt erst die Mäuse für den Winter aus!
In dem Liede „Doppelwirtschaft" wird davor gewarnt, zwei Aecker in verschiedene Räume zu bauen, man werde den neuen über den andern versäumen.
Sollst Du nicht erträumen, i. I I . Was die Sterne Dir sagen, Aus dem Sinne Dir das Ferne schlagen.
Wer zwei Aecker in verschiedenen Fluren bant, erregt den Neid. . .
„Und das Unkraut ist nicht auszurenten"
Wenn Du willst kein Wild erbeuten
Jag' ans zweier Spuren!
Ledig bleibt ein Freier von zwei Bränten.
Im Schiking befinden fich noch manche andere Gedichte, die auf die Landwirtschaft Bezug haben. Da wird der Stifter des Ackerbaus gepriesen, ein Lied handelt von der schlimmen Zeit der Dürre, dann kommen Erntelieder, aus denen man ersieht, daß ein Stier znm Danke geopfert wird. Im Frühjahr, wenn die Saat dem Boden anvertraut wird, opfert man Eier, Räncher- werk nnb dergleichen den Geistern des Feldes, der Hügel,' Quellen und Winde. Vielleicht kommen wir später zur passenden Zeit ans einiges ans dem Schiking zurück. G. Bdkpp.
Manokescu und seine Memoiren*)
Nachdruck verboten.
Ter durch seine kriminalpsychologischen Schriften bekannte Dresdner Staatsanwalt Dr. Erich Wulsfen hat soeben eine hochinteressante Untersuchung auf kriminalpsychologischem Gebiet beendet; und zwar hat er die weitverbreiteten Memoiren des ehemaligen Juwelendiebs Georges Manolescn tmch der Richtung hin einer scharfsinnigen Prüfung unterzogen, daß er sie mit dem Inhalte der Manolescn in Oesterreich, in der Schweiz und in Teutschland behandelnden Polizei- nnb Gerichtsäkteir verglichen, die ihm zu seinen wissenschaftlichen Zwecken seitens der Behörden bereitwilligst zur Verfügung gestellt worden sind. Das Ergebnis hat Dr. Wulffen zum Gegenstände einer fesselnden Darstellung gemacht, welche an Interesse den beiden Memoiren- bänden zum mindesten nicht nachsteht und die deren Inhalt durch neues überraschendes Material bereichert. In wissenschaftlicher Beziehung, vom Standpunkte der Ktiminnlpsychologie und Psychopathologie, hat aber zugleich der staatsanwaltlichc! Autor Maiiolescns Verbrcchcrcharakter und pathologischen Zu-, stand in einer so erschöpfenden und überzeugenden Weise seziert und analysiert, daß diese Arbeit flir unsere Kriminalisten als ein mustergültiges Beispiel von Gründlichkeit und Vertiefung, gelten kann. Stil und Darstellung dieser Stndie sind dabei aber so allgemeinverständlich gehalten, daß auch dem Laien der innere Organismus eines verbrecherischen und pathologischen; Charakters in einer in der kriminalistischen Literatur bisher unerreichten Form verständlich gemacht wird, wie ja Tr. Wulfsens Bestrebungen — wir erinnern an seine Studien über „Dir Räuber", „Nora" u. a. — hauptsächlich auf gemeinverständliche wissenschaftliche Aufklärungen über kriminalpsychologischc Fragen hinausgehen.
Aus den uns vom Verlag zur Verfügung gestellten Aus-, hängebogen bringen wir nachstehend einen die Wulffensche Studio charakterisierenden Abschnitt.
Um nochmals Mauolescos wahre Bedeutung hinsichtlich Intelligenz, Psychologie und Pathologie in das richtige Licht zu setzen, ist 'wiederholt darauf hinznweisen, daß die Ursprünglichkeit und Naturwüchsigkeit seines Verbrechertums, ans welchen auch seine Triebartigkeit flieht, ihn über andere Verbrechen seiner Art weit hiiiausheben. Hierin ist also seine wahre Bedeutiing zu suchen. Es sind weniger die einzelnen Verbrechen, welche ev verübt und die einzelnen Abenteuer, welche er besteht, die ihn durch ihre Eigenart auszeichnen Gleichartige Abenteuer und Verbrechen, oft sogar nist größerem und dauernderem Erfolge, finden wir auch bei anderen Verbrechern seiner Art. Aber eine solche Häufung derartiger Verbrechen und Abenteuer in nnunter- brochcner, über 15 Jahre erstreckter Folge unter Vergeudung der Lebenskraft findet sich ganz selten. Diese inigeheur-e Summe von Nervenleistung, welche diese Diebstähle, Liebesabenteuer, Spiek- verluste und Freiheitsstrafen in schnellster Auseinandersolge dar-. stellen, macht, wenn man sich dieser Wertvergleichung bedienen; will, die Bedeutung von Mauolescos Wesen aus.
Nach meiner Ueberzeuguug hat Manalesco seine verbrecherische Laufbahn in der Hauptsache deshalb aufgegeben, weil er fühlte, daß er die körperliche Gewandtheit zum Diebstahlq mit fehlem gebrochenen Arme nicht mehr besaß und den An- strenguitgen der Freiheitsstrafe sich auch sonst. nicht mehr gewachsen fühlte. Unter der jahrlangen Gefängniskost chatte auch sein in der Freiheit so sehr verwöhnter Magen erheblich gelitten. Diese Umstände bestimmten ihn, sich nach einem ehrlichen Erwerbe umzuseheii. Es ist also nicht die abschreckende Wirkung der Strafe, sondern die nüchterne Einsicht, daß er zum Juwelen- iinb Hoteldieb nicht mehr die Fähigkeiten besaß, die ihm zur „Wiedergeburt", wie er es euphemistisch bezeichnet, verholfen hat.
Er ist 'in seinem Innern unwandelbar. Ueber beit Verlust seines Armes schreibt er mir: „La perle de mvn bras droit me chagrine beancoup; Mais je ne m'empvisone Pas le restani de ma paisible Vie Pär des innutiles regrets; la Pertc qne j'ai satt etmit de celles qne rien au Monde, l'armes vu dösespoir, pourrait
*) Georges Manolescn nnb seine Memoiren. Kriminalpsycho- logische Studie von Staatsanwalt Dr. E. Wulfsen-Dresden. Mit zahlreichen Porträts und Faksimiles, Verlag Dr. P. Langenscheidt, Groj^Lichterfclde-Ost. Preis 2 ML, gebl. 3 Ml.


