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Und nun gar diese Aufgabe — diesen — cet Homme exalts zu beruhigen.
„O! Wie freute ich mich, als sie eintraten, Monsieur Paul, ich glaube wahrhaftig, der Wahnsinnige hatte mich erwürgt."
Paul klopfte beruhigend der geschwätzigen Alten die Schulter und nötigte sie wieder in ihren Sessel. Vera hatte ihm, — in richtiger Würdigung ihrer Stellvertreterin, ein Verzeichnis der noch auszuführenden Dinge gesandt, und er ordnete jetzt mit klarer Umsicht die Angelegenheiten und versprach Anna Kaduschda, sie morgen früh sicher zum Bahnhof zu geleiten. Sie ging zurück nach Moskau in ihr altes Damenstift, und murmelte in sehnsüchtig singendem Ton vor _ sich hin: „Ach! Wäre ich nur erst da — es ist so weit, so iveit."
18. Kapitel.
Roderich ging wie int Schlafe. Es war ihm, als sei er nicht er selbst, als tobe diese Hölle in der Brust eines andern. Seine Augen sahen nichts ton der Umgebung, er grüßte keinen Menschen, seine Füße bewegten sich mir mechanisch vorwärts.
Der Sirocco wehte heut, der Plagegeist Routs, und erschlaffte die Glieder. Er half dem Aschermittwoch. Atif Roderichs Stint perlten die Schweißtropfen, er sah sich plötzlich um und wußte nicht, wie er hierher gelangt war, auf die Brücke Quattro Capi. Die Sonne brannte und die gelben Wellen des Tiber blitzten unter ihren Strahlen. Die Campagnarden mit ihren mit Ochsen bespannten Karren fuhren langsam. Die mächtigen Tiere, deren schwere Stirnbänder mit großen Sträußen geschmückt waren, hielten die Köpfe gesenkt. Die Treiber lagen lang ausgestreckt unter der schützenden Leinwand. Ein Wunder, daß bei der achtlosen Führung die vielen sich begegiienden Gefährte nicht aneinander gerieten, nni> die auf beiden Seiten schwer mit Ballen und Körben beladenen Esel und Maultiere, denen durch Schweife, Büsche und allerhand bunten Behang die Augen umhüllt ivaren. Aber ein greller Peitschenknall, ein lautes „tzo! ho!" brachte alles ivieder ins Geleise, wo es einmal stockte, und in erstaunlichen Kreuz- und Querwinduugett schlängelte sich das bunte Gewirre neben- uni> durcheinander über die Brücke nach Traste'vere.
Die Peitschenknalle hatten Roderich geweckt, er besann sich, — was war geschehen? Da wälzten sich zu seinen Füßen die Fluten des Tiber, lauflos, träge. Es überkam ihn ein wunderliches Gefühl. Lethe! Lethe! Seüt Leben war verpfuscht. Seine Ideale, seine Illusionen, sie ivaren erloschen, — die Ideale schon lange, die Illusionen heut. Da, ha! Sein Batet hatte es oft gesagt, und er hatte dann so geringschätzig auf bett verständnislosen Alten geblickt, — er war ein Narr. Jetzt hatte der Alte recht. Sollte er nun zurück, pater peccavi sagen, in des Vaters Kontor sich hinsetzen und dort lernen, wie ein Schuljunge?
Ha, ha, ha! Sein grelles Lachen scheuchte das Eselein, das schwerbeladen imt ihm vo rüber trottete, auf, daß es laut sein „dha!" schrie. Der Führer trieb es fluchend mit seinem Stecken. Roderich fuhr mit der Hand über feine Augen und blickte um sich. Das Bild, das sich um ihn ausbreitete, wäre für einen verständnisvollen Beschauer wohl hinreißend gewesen. Da lag es, das antike und mittelalterliche Rom mit seinen alten Architekturen und zersplitterten Türmen, dicht vor ihm der schöne Vestatempel.
Im Dunst verschleiert, wie eine magische Fata Morgana, lag es da. Die schwarzen Zypressen oben von den Trümmern der Kaiserpaläste, über ilyten in der Ferne die Gipfel des Albanergebirges, schauten ernst und feierlich wie strenge Toten- richter auf das sonnenbeglänzte, und doch . geisterhäst nM- schleierte Bild. Die Stille, die träge Langsamkit überall be- drückte das Gemüt. Nur dort, jenseits der Brücke, wo die Häuserreihe des Ghetto mit ihrer bizarren Form, mit den Blumen in Scherben an den Fenstern, der zum Trocknen ans- gehängten Wäsche, den zahllosen Lappen und allerlei Gerät aus dem Fluß aufsteigt, dort regt sich ein ungewöhnliches Leben.
Roderichs Blicke haften auf dem Menschengewühl, Die Klage- töne, welche die Luft durchzittern, erreichen sein Ohr. Er sieht den Menschenknäuel, halb angekleidete Weiber mit wirrem Haar, Männer in schmierigem Kaftan, befielt fettige Außenseite in der Sonne glänzt. Die trüben Wellen des Tiber haben dort etwas ans Land gespült, etwas, das er ansl der Entfernung nicht ztt erkennen vermag. Aber er kann es sich benfen, ein Toter ist es, den sie da aus den Fluten ziehen, — vielleicht ein Lebens müder, beiit zu Mut gewesen, wie ihm heut.
Und seine Gedanken wandern plötzlich in eine neue Richtung. Was 6ietet_ das Leben? Nichts des Lebens! Wertes. Wie hoch hat er sich einst gedünkt und wie reich—- Chimä.ve —
kaum eitlen rechten, das Herz und die Seele füllenden Genuß weiß er zu verzeichnen in der Strecke, die da hinter ihm! liegt — es ist alles Humbug, Humbug.
Er schreitet über die Brücke zurück und am Tiberufer die Via Fimuare entlang. Den Toten, den der Tiber ans Ufer gespült, haben sie drinnen in einem ihrer feuchten, dumpfig est Häuser geborgen, es ist wohl ein Ghettobewohner gewesen — runzlige, unheimliche, schmutzige Gestalten sitzen vor den Türen umher, sangen auf ihren in Mühsal gesenkten Häuptern den kargen Sonnenstrahl auf, der in die enge Straße bringt. Roderich, den verweichlichten Roderich faßt der Ekel, ihm wird sehr übel und schlecht. Er schreitet rascher vorwärts.
Da taucht der düstere Palast der Cenei vor ihm auf, —- die Orte haben ihre Physiognomien, wie die Menschen — r-'chts! Santa Maria del Piauto, links die Synagoge, aus der die Gesänge der Inden tönen: Roderichs Augen fallen auf die Inschrift an der Ecke. Piazza del Pianto, Platz des Weinens — und zum erstenmal erfaßt ihn ein Gefühl des Jammers mit die Menschheit. Nicht bloß fein armes, jämmerliches Ich, Tausende leiden, kämpfen, erliegen wie er, und er — Hunderte würden ihm sagen: „Was fehlt dir beim ? Tu hast ja noch alles, was das Leben schmückt, noch Geld und Gut und Gesundheit."
Er entflieht den düsteren Stätten — ja, was fehlt ihm? Ml es, was der Mensch bedarf zum Leben, und was Geld und Gut nicht geben können, Selbstachtung, Mut, Lust, Interessen« Liebe zu irgend etwas, Liebe zu irgend jemand. Zum Ekel flau ist ihm der Becher geworden, alle Gluten sind erloschest — Asche! Asche!
Seine Füße wanken, er ist todmüde, er hat nicht daran gedacht, einen Fiaker zu nehmen,- in seinem Wollen, in feinem! Gehirn ist etwas zerbrochen.
Ta steht er plötzlich wieder auf der spanischen Treppe und Angioliim hängt sich an seinen Arm. „O! Jl bello sorestiere!"•
Er schüttelt sie ranh ab, so daß der Kleinen die Tränest in den schwarzen Augen stehen, und oben wirst er sich 511ml Tod erschöpft auf eine Bank. Es kreist stlles ist ihist und um ihn.
Aus Trinita ai Monti tönt der Vespergesang, die Nonnest singen mit Orgelbegleitung. Die Kirchtüre ist nur angelehnh er kann sich nicht Rechenschaft davon geben, warum es ihst dahin zieht. Er schleppt sich noch die paar Schritte hinübest und tritt in die Kirche. Da bringen fnieen alle die jungen« in weiße Schleier und blaue Gewänder geHeibeten Zöglinge der Schwestern zum Saers-Coeur, die Nonnen zwischen ihnen; er lehnt am Eingang, den Kopf au die Steinmauer gedrückt und schließt die Augen.
Sie singen eine Menbelssohnsche Komposition, er kennt fiel — längst vergangene Zeiten werden ihm wach, — das Vaterhaus^ fein Zimmer, fein Flügel, die Ruhmeskränze in der Ecke. Hu! wie sie raschelten, die dürren Blätter, in jener Nacht, als Sylvias heiße Küsse noch auf feinen Lippen brannten. Wäre er damals geblieben — wie stünde es jetzt? Vorbei! Vorbei!
Der Gesang ist verstummt, nur die Orgel spielt noch. Eist leises Rauschen, ein Trippeln von kleinen Mißen 7- paarweise« von den Nonnen geleitet, schreiten die Mädchen hinaus, kantest junge, rosige Gesichter mit gesenkten Augen und ehrbaren Mienen« in betten die sprühende Lebenslust für den Moment künstlich gedämpft ist. .
Die Kirchtürflügel sind weit geoflnet worden, das flammende Abendrot flutet herein, die jugendlichen Mädcheuköpse erscheinest in flüssiges Gold getaucht.
Roderich erhebt sich schwerfällig aus fernem Winkel, seine: Augen erfassen das Bild nur äußerlich. Jetzt zuckt er zusammen, zwischen den letzten Nonnen gehen Sylvia und ihre Mutter, die widerliche Physiognomie des Conte Bocealeone wird hinter ihnen sichtbar.
(Fortsetzung folgt.)
Aie Laudwirischaft im Schilling.
Der Schiking ist das älteste Liederbuch der Chinesen. Der große Weise Konfutius, der so weise war, daß heute noch rund 30 000 Nachkommen von ihm vorhanden sind, was man sonst von keinem Weisen der Welt sagen kann, hat diese Lieder vor 21/2 Jahrtausenden gesammelt. Es sind sehr hübsche Sachen darunter, hat das Buch unter den Deutschen doch sogar schott zwei Uebersetzer gefunden, Friedrich Rückert, ben Vers- und Sprachgewaltigen, und L. v. Strauß. Bezeichnend für dies älteste Liederbuch der Chinesen, die zu ihrem Unheil zu früh im Bureaukratts- mns erstarrten, ist das Vorkommen von Versen, in betten geplagte Beamte ihrem ruheliebenden Herzen Luft machten. Da heißt es in einem solchen Gedichte:


