Ausgabe 
3.6.1907
 
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Moufag den 3. Juui

M. 80

1907

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Dem Irrlicht nach.

Roman von Alexander Römer.

Nachdruck verboten.

(Fortsetzung.)

Und Bem Petruschka war verheiratet? Alle die Zeit durch? Und sie liebte ihren Gatten? Ha, ha, ha!"

Ja, ja, ja," die Sttte wiegte den Kohs hm und her, wie nach deut Takt einer Musik.Einen 2h® war sie verheiratet, da siel der schöne Alexei Gregoriewitsch feint Zaren in Un­gnade, und wurde nach Sibirien geschickt. Nach Sibirien, hat DaS ist gräßlich, und ich dachte damals, Bern Petruschka werde Kerben in ihrem großen Leid. Aber sie lebte o! sie ist eine große Seele, die Vera, sie lebte. Wir gingen ins Ausland, nach Paris aber in Paris war es schlimm. Vera war furchtbar ich schlief keine Nacht vor Angst, ich glaubte intimer, die Dynamitbvmben sprengten uns allesamt in die Luft."

Eine Nihilistin!" rief Roderich unb sprang empor.

Still, still! Dvn Roderigo, ich bitte Sie, das ist lange vorüber. O, ja, damals, damals, da haßte sie dm Zaren, und sie wäre das Weib gewesen, ihir mit eigenen Händen zu erwürgen. Aber die Verwandten, der Oheimi die Vettern und Alexeis' Sippe, sie rührten sich alle, und Vera, sie setzte HimMel und Erde in Bewegung. Sie haben ihn weich gemacht, den Zaren, zuletzt haben sie ihn doch weich gemacht, und heute labend ist Alexei in Palermo bei seiner Vera ach! Don Roderigo, war das ein Gkück, seit sie es wußte. Sie freuen sich doch auch, Roderigo?"

Sie sprach in einem eintönigen, singenden, näselnden Ton, Und alle Teufel tanzten in Roderichs' Gehirn. Geäfft als Narr, als eitler, selbstsüchtiger Narr taxiert und behandelt von ihr von ihr! Es gibt Dinge, welche um den Verstand bringe«, wenn man überhaupt einen zu verlieren hat.

Er knitterte den Brief in seiner Hand, er schleuderte ihn von sich, ungelesen Schlange! Circe! Schändliche Ver- derberiu!

Und er war bitmnt, dumm, grenzenlos dumm gewesen.

Nicht sein Herz, seine Eitelkeit, alles, was seinem bisherigen Lebeir Halt und Sporn gegebetl, erlitt in dieser Stunde eilten Todesstoß. Sein Lebensnerv ward ihm zerschnitten. Er hatte ja nichts anderes kultiviert als seine eitlen Träume, seine ehrgeizigen Jllusiotren. Höllengeister tobten in ihm.

Er raffte sich auf und wollte gehen, da fiel feilt Blick auf lerne männliche Gestalt, die vor ihm staitd. Er erkannte sie sticht gleich, es' lag wie ein blutiger Schleier vor seinen Augen. Es war Paul Hendrichs. Der «ahm' ruhig den zur Erde ge­schleuderten Brief auf und sagte:

Verzeih, Roderich, ich wußte nicht, das; ich dich hier treffen würde, ich glaubte, daß du wenigstens gestern unterrichtet worden wärest. Dir solltest aber doch diesen Brief lesen."

Willst du mich höhnett?" schrie Roderich wild,uttd du r- du hast alles' gewußt?" Eine grenzenlose Wut, ein grimmer Haß auf den Schulgefährten malte sich ist Roderichs Zügen,

Faites le lui compvendre," sagte Anna Kaduschda wei­nerlich,j'ai peur, il est coMm'e une böte feroce,"

Fasse dich, sstoderich, und gib den Leuten hier keinSchau-i spiel, wenn mein Rat irgend etwas über dich vermag," raunte Paul.Du warst unbegreiflich blind. Uebrigens kann ich dir verraten, daß du Mancher Gefahr noch glücklich entronnen bist. Auch ich war nie Veras Vertrauter, aber mir blieb doch vieles nicht verborgen. Sie war ein außergewöhnliches Weib, int! höchsten Grade interessant, aber daß sie gefährlich konspirierte, verriet sich doch schon in Paris, und daß sie ein schwer- wiegendes' Geheimnis barg, mußte jedem Unbefangnen Aar werden. Wir Deutschen paßten ihr als Deckmäntel für das sich allmählich füllende Pulverfaß, Wir waren treuherzig und ehrlich, du aus solider Familie, mit Kredit- und Empfehlungs­briefen ausgerüstet, das gab ihrer Person einen harmlosen Charakter. Ich Merkte den Braten und ließ es sie ahnen.. Sie wußte, daß ich ihr nicht blind ergeben war, so sehr ich sie auch bewunderte, dich warnte ich öfter"

Warntest du hättest mir die Wahrheit aufdecken sollen." Roderich drang so drohend auf den rtlhigen Erklärer ein, daß dieser ihn mit stolzer Geberde zurückwies.

Ruhig! Keinen Schritt weiter, du weißt, mit mir ist nicht zu spaßen. Du bist deiner ©inne nicht mächtig im Augenblick, du solltest dich in der freien Luft erst abkühlen. Ich konnte dir keine Wahrheit geben, die ich nicht wußte, Vera hatte leinest. Vertrauten. Nur wer frei von Leidenschaft war, ahnte, was sich zutrug."

Roderich schüttelte jetzt Fieberftost, seine Zähne schlugest klappernd aufeinander, er stieß Paul rauh zurück und stürzte wie ein Rasender die Treppen hinab.

Paul staitd noch eine Weile regungslos und schüttelte den Kopf. Er trat ans Fenster und sah, wie Roderich schwankenden Schrittes über den Platz ging. Es hatte ihn schwer gepackt an seiner verwundbarsten Stelle, seiner Eitelkeit. Er hatte ein ähnliches Ende vvrausgesehen, wenn er auch nicht ge­wußt, welches, aber so wie er Bem kattnte und beurteilte, würde sie sich in dieser Sache kaum schuldig fühlen. Der eine große Zweck, die Befreiung ihres' Gatten, der am Tage nach der Hochzeit durch den grausamen Spruch eines absoluten Herrschers von ihrer Seite gerissen war, war es also ge- wesen, der ihre Seele allein gefüllt hatte, alles, was ihr in den Weg kam, mußte ihr mit zu diesem Zwecke dienen. Nur ein so in seinem Ich aufgehender Mensch wie Roderich war im­stande, bei Veras Wesen ian Liebe und LiebeSerhöhuug zu denken. Sie hatte manch liebesMal über Roderichs göttliche Selbstherrlichkeit gespottet, oft genug in seiner Gegenwart: Ro­derich sah auch betritt nur eine ihm schmeichelnde Bezeichnung. Solchen Menschen ist nicht zu helfen.

Anna Kaduschda stand neben ihm uttd redete in ihrer klagenden Weise auf ihn ein. Paul war ihr Stab und Trost, da die grausame Vera sie hilfloses Geschöpf in diesem Wirr­warr zurückgelassen hatte. Ihr armer, schwacher Köpf war ganz schwindlig, sie wußte nichts mehr votr den zahlreiche» Aufträgen, die sie ausführen sollte.