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Weöer das Kryalten von Altertümern
Von Heinrich Wölfflin -Berlin.*)
Wie kommt es eigentlich? Nie ist eifriger alte Kunst gesammelt worden als in den lebten Jahrzehnten, große Museen sind entstanden, es ist Anstandssache geworden, von Kunstgeschichte etwas zu wissen oder wenigstens die „Stile" unterscheiden zu können, und nie hat doch der allgemeine Geschmack tiefer gestanden als eben in den letzten dreißig oder sünfzig Jahren. Einzelne Menschen von voorzüglicher künstlerischer Kultur gab es, natürlich immer, selbstverständlich, aber von der Durchschnittsempfindnng für ästhetische Dinge wird jetzt geurteilt, sie sei so barbarisch gewesen wie seit tausend Jahren nicht mehr, und das ist keine allzu starke llebertreibung. Woher käme sonst die nackte Häßlichkeit und Oede der damals gc- wachsenen Städte und Stadtquartiere? Woher die trostlose Unwohnlichkeit des bürgerlichen Hanfes, an die sich die Menschen gewöhnt haben wie an etwas Selbstverständliches? Wie rväre es sonst möglich, daß aus dem eigentlichen Fest- und Freudenraum des Hauses die Banalität des „Salons" geworden ist, ein Ort des Schreckens: so gänzlich seelenlos, erkältend bis ins Innerste pflegen diese Räume zu wirken.
Das Wissen von Kunflsachcn hat sehr an Verbreitung gewonnen und man gibt große Summen aus, Kunstaltertümer zu erhalten und in Museen zu zeigen, aber in gleichem Maße scheint stch die Kunst aus dem Leben zurückgezogen zu haben.
Es wäre falsch, hier einzig das Verhältnis von Ursache und Wirkung anzunehmen, aber ein Zusammenhang zwischen dem Allgemeinwerden der historischen Kunstbetrachtung und dem Niedergang der künstlerischen Kultur besteht allerdings. In ungesunder Weise ist die Aufmerksamkeit von der künstlerischen Qualität auf den besonderen „Stil" abgezogen worden. Man pflegt sich nur noch dafür zu interessieren, ob das Stuck gotisch oder barock sei, Louis XIV. oder Louis XV., und die Frage nach dem Gut niid Nichtgut ganz nebensächlich zu behandeln. Bei einem Sammler ist ein derartig einseitiger Gesichtspunkt nicht weiter gefährlich, denn er schadet wenigstens nur ihnr selber, auf dre Produktion aber hat diese künstlerische Halbbildung verwüstend gewirkt. Die Gestaltungskraft wurde von Anfang an in ihrer natürlichen Entwicklung unterbunden, die Muster aus allen Jahrhunderten bedrängten den Sinn, bestimmte historische „Motive" ersetzten die künstlerische Form. Renaissanccgiebel Uber den Fenstern und ein italienisches Kranzgesims machten em Haus ^chön", gleichgültig wie es im übrigen gestaltet wird, und nut Schnecken und gewundenen Füßen wurden „antike" Möbel hergestellt, dre neben echten wie verwilderte Bastarde aussahen, vor denen sich aber in der bürgerlichen Wohnung die schlecht empfundenen und gut durchgeführten Stücke „vom Groß?- .pater her" zurückziehen mußten.
lind das alles hat geschehen können, trotzdem wir unsere Museen und Borbildersammlungen haben, wo lauter erlesene Sachen beisammenstehen. Es scheint doch, daß das Gute nicht so o£ne weiteres für sich selbst spricht. Oder liegt der Fehler im System dieser öffentlichen Schaustellungen? Tatsache ist, daß sie sich als Bildungsanstalten schlecht bewährt haben. Das Motivwissen und die antiquarische Kennerschaft find groß geworden dabei, die künstlerische Bildung nicht. Und das wird so bleiben, solange die Museen nur Magazine sind, wo die Gegenstände, ihrer natürlichen Umgebung beraubt, notwendig falsch wirken.
Steht da irgendwo in einem Bauernhaus ein alter Schrank, kurz und breitschulterig; er sieht so behaglich aus, so wobl ist mm m seinem Winkel, man meint, er müßte schnurren wie eine Katze hinter dem Ofen. Der Schrank wird für ein Museum «worben. Ist es wirklich noch derselbe? In hellem hohem Raum mit Glanzparkett, zusammengeordnet mit anderen schränken, hat er seine Wirkung vollständig verloren. Was in der niedrigen, dämmrigen Stube lebendig und gemütlich war, sieht jetzt tot und grob ans. In der (Situation lag die Stimmung, Nicht im Kasten an sich. Sobald die Situation zerstört ist, hört me Wirkung auf.
, _ Das ist keine neue Weisheit. Einzelne große Museen haben das Prinzip auch praktisch anerkannt und den Ausstellungsgegenständen die Atmosphäre künstlich wieder geschaffen, aus der sie kommen und in der sie allein atmen könneii, und doch wird immer wieder dagegen gesündigt, und in der guten Absicht, zu -.'retten", unendlich viel natürliche Schönheit zerstört. Denn wer ist imstande, den versprengten Stücken von sich aus ihr Milieu zu ergänzen?
, . . Mr das Laienpublikum bedeutet eine falsche Ausstellung telto»e ^lehung äur Augenrobeit. die Folge für das Kunst- Handwerk aber ist eben lene smnlose Verschleppung von Motiven, die nur an einem bestimmten Ort und in einem bestimmten Zusammenhang gut sind, daö dilettantische Hasten an Details und Einzelwitzen und die Entwöhnung von den räumlichen Ges amt Wirkung en. Die kunstgewerblichen „Vorbilder-
ms.
(Redakteur Franz Otto Schmid, Verlag Dr. Gustav Grunan in Bern.)
Der Islam in Afrika.
In einem Vortrag über „Deutschlands' Anteil an der G» ziehnng Afrikas" kommt Missionsdirektor Hennig von der Brüdergemeinde auch ans den Islam zu reden. Er sagt etwa folgendes: Nicht nur das Christentum treibt Mission, auch der Islam keimt eine solche. Der Islam?! Mer ist er nicht im Wsterben? Hat er nicht seine Rolle so gründlich ausgespielt, daß die alten mohamniedanischen Staatengebilde fast überall zu- famnreu gebrochen sind? Während die nwhammedanische Welt zerbröckelt, glimmt in ihr die unheimliche Glut eines stert- erwachteii religiösen Fanatismus, und gerade erst jüngst für den Halbmond gewonnene Gebiete scheinen, wie die Geschichte wiederholt gezeigt hat, das am leichtesten entzündbare Material zu einem Brande abzugeben, der schon wiederholt in der Geschichte der Welt seine verheerenden Wirkungen über die weitesten Gebiete erstreckt hat. Solch junger islamitischer Boden aber ist Afrika, ja gerade auch Teile des Kontinents, die als unsere Kolonieen uns am meisten interessieren. Bor zwei Menschenaltern noch wußten die Negerstaaten der Guineaküste kaum etwas vom Islam, heute habeil die mohammedanischen Hansa, die auf dein Weg des Handels ,Friedlichen" Vorarbeiter des Halbmondes, bereits in Togo die Küste erreicht, und im Hinterland von Kamerun hat die deutsche Kolonialregierung von 1898 —1902 bereits schwere Kämpfe mit mächtigen unb kriegerischen Fulbe-Sultanaken gehabt, staatlichen Neubildungen, bei deren Entstehen die Astst- breitung des Islam mit Feuer und Schwert eine Rolle gespielt hat. In Ostafrika war bis auf den schmalen Küstenstreifen, mit dem die Araber seit alters Handelsverbindungen unterhielten, Jahrhunderte lang kaum etwas tibn mohammedanischem Einfluß zu merken. Da begann von Sansibar aus die langsame, aber immer weiter ins Innere vordringende Invasion des Arabertums, 1820 wurde Tabora gegründet, in den vierziger Jahren waren die Handelsstraßen bis an die großen Seen gelangt. Nicht, daß man das Land für den Islam gewinnen wollte, nein, gerade daß die Eingeborenen Wäschensi, Heiden waren, gab ja das Recht zu den blutigen Sklaveu-Kriegen, die der Fluch Afrikas waren, bis die Ueberwindung des Sklavenhandels das Arabertums überwand und eine deutsche Kolonie schuf. Seitdem tritt der Araber in der Kolonie zurück, Mer fein Erbe —, wenigstens M der Achtung des Afrikaners — haben angetreten die Suaheli,
fammlungen" sind wesentlich schuld an dem Ruin jener ftilt gestaltenden Raumkunst, die in früheren Generationen auch em ganz bescheidenes Zimmerensemble so reizvoll und wohnlich machte.
Aber wir konservieren ja auch ganze architektonische Orga- Ulsmen, Kirchen und Profanbanten in ihrer vollen Existenz! Gewiß, aber die Forderung bleibt dieselbe: das größte Gebäude 'st kein Ganzes ohne feine räumliche llmgebung. Das Erhalten emer Architektur, die tu einem künstlerischen Zeitalter aus einer bestimmten Situation heraus und kür eine bestimmte Ansicht gebaut worden ist, hat seinen ästhetischen Wert nur bann, wenn eben auch diese räumlichen Bedingungen dieselben bleiben. Wird ein Erkerhauscheii, das in einem Winkel stand, in die ?t"cht einer neuen großen Straße hineingezogen, so kann «ich seine Wirkung so verkehren, daß aus dem Sinn Unsinn wird. Das weiß ledcrmann. Aber auch ein Tor, das freigelegt wird, hat damit das Wesentliche seines Charakters verloren. Es wird immer noch eindrucksvoller sein als eine bloße Tafel: „Hier stand—-", aber künstlerisch ist es eine Halbheit.
Man soll sich das eingestehen, auch wenn man zugeben muß, daß die Verhältnisse für ein künstlerisch lebendiges Konser- vicren hier wesentlich schwieriger liegen als bei bloßen Möbeln. Der Sinn für die größeren Zusammenhänge hat auch hier erst wieder geweckt werden müssen. Auch hier hat der künstlerische Dilettantismus die längste Zeit sein Genügen am Einzelnen gefunden, als ob das was Rechtes wäre, da ein Türmchen zu erhalten, und dort eine kleine Fassade ohne ihre Situation. In vielen Fällen sind aber die Schwierigkeiten für Wahrung des originalen, Raumeindrucks nicht unüberwindlich. Man kann zu feiten eines alten Tores neue Fahrbahnen schaffen und diese Fahrbahiien so überbauen, daß trotzdem wieder ein geschlossenes Bild entsteht, und wenn der Geist der Stadtverwaltung nicht gar zu amerikanisch ist, so könnte manches Plätzchen und mancher Einsprung au der Straße gerettet werden, an dem eine alte Architekturwirkung hängt, ohne daß der Verkehr Schaden litte.
Man denkt aber überhaupt vielzuviel bloß an Fassaden und Tore, lüenit man von der Erhaltung alter Städtebilder St. Es gibt Raumschönheiten ohne besondere architektonische ilduug, die ebenso geschont fern wollen. Darin liegt ja eben der Zauber altertümlich gebliebeiier Orte: die große Menge von charaktervollen «Situationen, die Mannigfaltigkeit der Motive in Wegsührung und Platzbildung, die gegenüber der Nichtssagenden Monotonie moderner Stadtanlagen der Seele so viel Nahrung geben.
lieber solche Dinge handelt klug und anschaulich das neuefte Buch von Schultze-Naumburg Städtebau, das allen Freunden des Heimalfchutzes aufs eiiidringlichste empfohlen fei.


