Ausgabe 
3.5.1907
 
Einzelbild herunterladen

254

das Gericht.

(Forts. Mat):

Glück =d und doch brauche ich als' ob sie unschlüssig' fei, ist

aus ihren natürlichen Angeln in gekünstelte Sphären erhoben ward. Er fühlte zuweilen dunkel seine Ohnmacht, und das Ver- sinken seiner eitlen Selbstbespiegelnngen brachte ihm dann schnei­denden Schmerz.

Vera blieb unbewegt, es schien, als ob sie völlig über allem menschlichen Empfinden stehe und das kleine Wellengekräusel von Liebe und Haß, Neid, Eifersucht und Ehrsucht weit unter ihren Füßen läge. Sie haschte nicht nach dem Erfolg, und er ward ihr so glänzend zuteil. Wo sie auftrat, war sie das leuchtende Gestirn.

So ward Roderich zum kleinen Trabanten um die Zentralsonne, er, der sich lgeträumt, selbst Sonne zu sein. Mitunter in stillen

für Sie zu lassen."

Ihr Leben? Pah, ich verlange Ihr Leben mcht, See werden noch viel von ihm erwarten, in unseren Tagen fordert man teure mörderischen Kämpfe mehr vom Ritter einer Dame aber .SiÄ können mir einen Dienst leisten> wenn Sie wollen."

Sie sprach in ihrem tiefsten Mton, langsant, zaudernd, als

ich sie jedes' Wort abwäge.

Er sprang vvn seinem! Sih empor.

...... GeM)t. _ i

Er beugte sich Wer ihre Hand und bedeckte sie mit Küssen., Verfügen Sie über mich, Vera, lassen Sie mich es einnml beweisen, daß ich Ihr Freund bist. Ich bin imstande, mein Leben

Mondscheinnächten, wenn er voll Gelagen oder irgend einen» Fest wiederkehrte und zu Fuß die breite Avenue der elysäischen Felder hinabschritt, tauchte ihn, noch Sylvias Bild auf, schattenhaft wie eine süße Erinnerung ans der Kinderzeit, wo die Welt so. eng war und die Seele so weit. ... .

Es waren mehrere Tage vergangen, seit er Vera nicht gesehen. Sie hatte sich ihn» entzogen, ihn absichtlich ferngchalten, er arg­wöhnte es lind befand sich in einen, Turstult widerstreitenden Gefühle Sie sollte nicht mit ihm spielen, sie sollte nicht glauben, das; er ihr gefügiger Sklave sei. Er lvvllte sich auftaffen, sich nicht ganz gefangen geben, ihr Trotz bieten und den Meister zeigen.

Heute abend erzwang er sich den Eintritt und sah dann klar..

Sie wohnte in der Nähe des Luxeinbourg, im Quartier Sevsre. Iwan, ihr russischer Diener, saß im Porzinuner. Ja, sie !vav zu Hause, sie hatte schon nach dem Monsieur Roderich gefragt.

So war kein Erzwingen mehr nötig. Er trat »kngemeldetz ein mit dem Vorsatz, kühl und schroff zu sein.

Da lag sie in ihrem Sessel am Kamin, eine mattwsa Ampel erhellte das Gemach und warf ihren Schein über die ruhende Gestalt. Sie sah leidend aus, der rosa Schimmer hauchte em trügerisches Leben über die inarnwrblcichen Züge. Mas war ihr geschehen?

Er eilte auf sie zu, sein Zorn schnwlz dah,n.

"Kommen Sie,teilt Freund, aber seien Sie hübsch ruhig, mein Kopf ist in böser Verfassung heute abend."

Vera, was ist Ihnen, hatten Sie Kummer? Ich war gestern dreimal an Ihrer Tür, vergebens." '

Ihre Mene war zerstreut, sie sah weit über ihn hmweg in die ICCTC ßllft

IGestern?" wiederholte sie.Ich hatte sehr viel zu tun." Und warum denn meine Dienste zurückweisen?" fragte eft Ein tiefes, kurzes Lachen ertönte aus ihren» Munde. _ Ihre Dienste? Monsieur Roderich, es handelte sich gestern nicht um die Fabrikation von Dramen und Opern oder sonstige schöngeistige Dinge; in der heißen Luft, die mich umwehte, wären Ihre Nügcl versengt."

Wofür halten Sie mich, Vera Peftuschka," sagte er bitteü und machte eine Bewegung, uni sich zu erheben.

Sie legte ihre Hand auf seinen Arm.

Schweigen Sie Sie wissen nicht, um was es sich handelt genug davon ich bin von Ihrer Treue, Ihren» guten Willen überzeugt. Ihr Deutschen seid alle treu."

Roderich zuckte die Achseln. Er sand, daß das Lob unter« dieser SammArubrik recht mäßig für ihn ausfalle.

War denn Paul Hendrichs gehärteter im Feuer, um die heiße Strömung der letzten Tage hier zu ertragen?" fragte eh |spött»sckul Ha, Sie sind eifersüchtig, Monsieur

eine Unart, die ich nie in meiner Nähe dulde, so viel en Parenthese im übrigen ist Hendrichs aus ganz anderen« Stofs geformt als Sie Schwärmer, Heißsporn. In seinen Adern fließt orientalisches Blut, er ist Fatalist. Um Hendrichs sorge ich nicht. Sie doch lassen wir das"

Vera, würden Sie denn um mich sorgen?" Er sah ihr entflammt in die Augen, dieses Weib, hochgeboren, stolz, schön -j ihm schwindelte glänzende Visionen standen vor fernen» Buck, | Sie sah seine Erregung und lächelte, ihr seltsames, sphmx-

nie eigen war. ..

denen, die mich lieben, kein

einen Freund."

Sie sah ihm forschend,

artiges Lächeln. . ,,

Sagte ich es nicht, Sie smd Schwärmer, Heißsporn>*- Ich bin Ihr Freund, Vera, Ihr unbedingt ergebener Freund,"-

Roderichs Herz schlug wild, er wagte nicht mehr zu sagen.

Drängen Sie sich nicht allzu eifrig dazu, mein Freund zu sein," entgegnete sie in einem schwermütigen Ton, der ihr sonst ,Man sagte mir in meiner Heimat, ich brächte

und führte Roderich ein. Aber auch hier gelang es ihm nicht, sein Licht hervorleuchten zu lassen. Trotz der Mwtinien^n Freund- lichkeit des Wirts lag Rodertchs Drama:Die Nihilisten , noch immer ungelesen in des Dichters Pult und die Strömungen in dem bunt gewürfelten Kreise berührten seine hochfliegenden Pläne kaum. Auch an eine Förderung seiner Oper war mcht zu denken, Goldmark nnd Saint-Saöns hatten genug mit sich selbst ,u tun, Zeit für andere hatte überhaupt niemand. Dennoch blieb er alle die Monate hindurch gefesselt. Die einmal kurze Zeit hindurch aufgetanchte Sehnsucht nach der Heimat war bald wieder verblaßt. Wäre Sylvia frei geblieben vielleicht aber auch ihr Bild ward hier in den Schatten gedrängt durch

Roderich hatte eine junge Russin kennen gelernt in Tur gen- I ftws Salon, eine viel umworbene, blendende Schönheit von freiem, I emanzipiertem Wesen. Vera Petruschka war ein königliches Weib. Sie stand allein, ihre Eltern waren tot, ihr Geist war dazu angetan, diese unbeschränkte Freiheit zu lieben und zu ertragen. Sie lebte mit einer armen alten Verwandten, welche taub und schwerfällig war und ihr nur als Anstandsdame diente, auf die sie weiter niemals Rücksicht nahm!. Sie faßte das Leben von neuen Gesichtspunkten auf, gab eine Fülle großer. Gedanken aus sie schrecküe vvr nichts zurück, zog überall die äußersten Konsequenzen. Roderich hatte eine solche Frau noch nie gesehen.

Sie war nicht wählerisch in ihrem Umgang, sie verkehrte piek mit ihren Landsleuten; Roderich wäret» oft schon ganz schäbige Individuen begegnet in ihrem Vorzimmer. Mit Paul Hendrichs arbeitete sie gemeinschaftlich an einem philosophischen Werk. Sie I Lite auch einen Roman veröffentlicht, der Aufsehen erregte in {fjxer Heimat, weil er viele von den dortigen Zuständen scharf I beleuchtete; eine deutsche Redaktion mochte Bedenken getragen I haben, ihn drucken zu lassen. Er sollte von philosophischen Ideen | durchtränkt fein. . , ... r I

Roderich sah sie zuerst in Turgenjews Salon, wie sie neben Paul Hendrichs stand; wie oft beneidete er hier den früher über die Achsel angesehenen Schulgefährten. Sie trug ein schwarzes Sammetkleid mit langer Schleppe, und ein kostbareiS Brillant­kollier um den vollen weißen Hals'. JkM Büste war herrlich. Sie trug das dunkle, volle Haar in weichen Wellen am Hinter- köpf aufgesteckt, von einem Brilkantstern gehalten. Ihre Augen blickten stolz, nnd das scharf geschnittene, klassisch reine Profil hob sich im Kerzenlicht hell ab von der dunklen Lorbeerwand, an der sie lehnte. Ihr Teint war weiß .wie Alabaster, und der Wechsel in ihren Zügen machte das Antlitz unsäglich reizvoll. Sie redete in einer tiefen Altstimme, welche seltenen Vollklang hatte und meist alle anderen Laute um sich verstummen machte.

Roderich war sich ganz linkisch norgefomitten, als Paul Heii- drichs ihn vorstellte. Er fühlte, wie ihr stolzes Ange über ihn hin slcmimte und war wütend auf sich selbst, daß ihm nichts be- sonders Geistreiches entfiel ,

Ein Deutscher?" hatte sie gesagt.Ah, ich liebe die Deutschen, sie sind die geborenen Grübler und Philosophen."

Dann war sein Blick dem ihren begegnet, und es war tote Feuer durch seine Adern geströmt. Seitdem hatte er unaufhörlich Anstrengungen gemacht, ihr näher zu treten, und es war ihm bis zu einem gewissen Grade gelungen. Er hatte unangemeldeten Zutritt, spielte auf ihrem Flügel und wiegte mit seiner Musik, die sie Schäferträume nannte und er hatte ein Liszt oder Wagner zu werden vermeint sie in Selbstvergessen, wenn ihr Geist ermattet war von den Aufgaben, die sie ihm zumutete.

Bera Petruschka war ein wechselvolles', schier unergründliches Wesen, bereit Sprüngen er nicht allemal zu folgen vermochte. Wenn er sich einbildete, in ihre Seele geschaut zu haben, war sie ihm lange entschlüpft und äffte ihn mit verblüffenden Para­doxen. Er hatte Zeiten, wo sie ihn zu« Verzweiflung trieb und er selbst sich als ein Spielball ihrer Launen fühlte, dann ver­mochte ober wollte er wieder diese Stunden nicht entbehren, allein mit ihr, wo sie ihn zu dem höchsten Streben, zu den ehrgeizigsten Träumen aufstachelte. Er brachte aber nichts zustande in diesem Leben voll Taumel und Aufregung, in dem! seine Natur mehr denn je