Ausgabe 
3.5.1907
 
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1907

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pem Irrlicht nach.

Roman von Alexander Römer.

. Nachdruck verboten.

(Fortsetzung.)

Er fuhr empor. Konnte er nicht noch abreisen in dieser Nacht? Es ging noch ein Eilzug um ein Uhr. Vielleicht waren sie noch da, vielleicht konnte er sie noch retten, seine Liebe muhte doch eine Macht sein, die an ihrem Herzen rüttelte. Er sah sich wirr im Zimmer um nach den Gegenständen, die eingepackt werden mühten, sank aber wieder zurück. Es war eine lieber.-» eilung gewesen, als sie ihm ihr Jawort gab, sie liebte ihn nicht, sie hatte ihn nie geliebt. Durste er sie zurückhalten, wenn sie ihr Glück anderswo zu finden glaubte? Künstlerin wollte sie Weichen Sängerin Kvmmödiantin, wie die Mutter eine bedeutende Künstlerin wurde Sylvia nie. Als ob eine fremde Hand ihm den Schleier von den Augen höbe, so erkannte er plötzlich mit seinem gesunden Verstände Sylvias wirkliche Fähig­keiten und Eigenschaften. Sie war ein schwaches, haltloses Wesen, ein Spielball von Wind und Wellen. Sie sagte sich von ihm los und überließ sich der unheilvollsten Führung, sie ging zu Grunde.

Er dachte nur immer an sie. Noch war kein Gedanke an sich selbst, an seine eigene, trostlose, öde, vergiftete Zukunft in ihm ausgestiegen. Die Stunden verrannen, er achtete ihrer nicht; bet Morgen, ein frostiger, bleicher Märzmorgen mit leichten Schneeschauern brach an, ihn begann zu frösteln. Er warf sich noch eine Stunde auf sein Lager und schlief ermattet ein. Finstere Träume plagten ihn, er stand wieder auf der Augustusl- brücke in Dresden in dem heulenden Sturmwind und hielt er ein zitternder Knabe seines Vaters Mantelzipfel, um ihn vom Sprung in die Tiefe zu retten.

Zu derselben Stunde, während er in diesen schweren Träumen lag, stand Sylvia,- zur Reise gerüstet, bebend auf der Schwelle ihres Mädchenstübchens. Ihr Körper zitterte vor Frost, draußen wirbelten die Schneeflocken am Fenster vorüber, es sah unwirtlich wüst aus in ihrem hübschen Gemach. In Todesangst hatte sie sich angekleidet. Wenn Erna durch das Geräusch erweckt und bei ihr eingetreten wäre, was dann?

Wie eine Verbrecherin flüchtete sie aus dem Hause, wo sie so viel Ljebe erfahren hatte. Heute morgen, in dieser Stunde erst packte sie dieses Gefühl; Die letzten Wochen hatten so viel Auf­regungen gebracht, so viel Anforderungen an sie gestellt, daß sie zu keinem klaren Gedanken gekommen war.

Ihre Kniee wankten, sie zögerte noch immer auf der Schwelle, es war ihr, als müsse sie hineinstürzen zu Erna, ihr alles beichten, wie in früheren, lang versunkenen Tagen, aber die P end ule hob an zum Schlag mit dem altbekannten Ton, die Mutter wartete sie mußten mit dem frühen Zuge fort einer un­bekannten Zukunft entgegen.

Sie riß sich los und wankte die Treppe hinab es war still im Hause, das Gesinde lag noch im Schlaf, der Diener hatte eben die Haustür aufgeschlossen und schlurfte den langen Gang entlang. Sie schlüpfte vorsichtig, von niemand gesehen, hinaus.

Hu! wie eisig und rauh wehte es ihr entgegen, wie un­freundlich war dieser Märzmorgen; der aufgeweichte, halb ge­schmolzene Schnee machte das Gehen schwierig, sie mußte bis zur Wohnung der Mutter hinauf, dort hielt der Wagen.Warum, warum?" rief es auf einmal in ihr. Mer jetzt war kein Rück­wärts mehr möglich, ihr Brief war in Villattes Händen und vor ihr lag ja eine Zukunft voll Glanz und Triumphe.

Auf ihren Mienen spiegelte sich aber jetzt keine HosfnnngÄ- freudigkeit, nur Verstimmung und Pein.

Die Mutter empfing sie mit heftigen Aus'rufen, sie und der Wagen warteten, es war die allerhöchste Zeit, ©te hatte eine furchtbare Angst änsgestanden in dieser letzten Viertelstunde.

Koffer, Taschen, Schachteln, eine endlose Fülle von .Hand­gepäck wurde aufgeladen und erdrückte beinahe die beiden erregten Flüchtlinge. Eine Flucht sie die Erbin, die Braut, der ein liebender Bräutigam, eine glänzende Aussteuer, ein wohl zu­gerüstetes Heim wartete, sie floh hinaus in ungewisse, unbehag­liche Berhälttnsse, einer unbekannten Freiheit zu.

O, laß mich, Mama, einen Blick noch da ist Mama Wall­dorfs Schlafziminer, die Vorhänge dicht geschlossen leb wohl, leb wohl! O, mein Gott, was wird sie sagen!" Sylvia ver­hüllte ihr Gesicht und schluchzte.

Na, höre, Sylvia, solch Getue laß beiseite, du hast es geivvllt, das weißt du, und ich opfere mich. Ich bin halb tot, versichere ich dich, von den Anstrengungen der letzten Tage, ich kann absolut nichts mehr ertragen, ich bedarf der äußersten Schonung."

Sylvia erstickte ihr Schluchzen, ihr war zum Sterben zu Mut sie hatte es gewollt!

11. Kapitel.

Ter Mürzmvnat war auch in Paris rauh >md kalt. Ein eisiger Wind wehte die-breiten Champs Elysöes entlang, die vor­nehmen Pariserinnen saßen, dicht in ihre Pelze gehüllt, in ihren eleganten Equipagen, und die kleinen zierlichen Grisetten, die zu Fuß über das Straßenpflaster hüpften, hatten blau gefrorene Nasen.

Roderich Walldorf tvvhnte in der Rue Byron, nahe beim Arc de l'Etoile. Er hatte es verstanden, viel Geld auszugeben in diesem Winter und sein Leben genossen aus seine Weise.

Was er erwartet, hatte er nicht gefunden, nämlich selbst als großes Genie zu leuchten unter den Genies. Der Dresdener Bankierssohn mit dem ungeheuren Selbstbewußtsein verschwand unter der Menge -der teilweise wirflich bedeutenden Geister.

Auch die Geldmittel, über die er verfügte, imponierten dort nicht, er vermochte es kaum den anderen gleichzutun, wenn er auch sein Budget weit überschritt. Tie Schmeichler und Schma­rotzer, welche sich an seine Fersen hefteten, waren elende Krea­turen, und von seinen Illusionen waren schon viele zerstört.

Immerhin aber hatte er Fühlung mit bedeutenden Menschen, Goldmark, Saint-Saöns, Turgenjew waren Namen, mit denen sich prahlen ließ.

Der russische Dichter mit seiner liebenswürdigen Art sah viele Freinde in seinem Salon und schenkte jedem einzelnen eine freundliche Beachtung. Paul Hendrichs war dort täglicher Gast