Ausgabe 
3.4.1907
 
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chm andächtig zu. Am Schluffe gabs em allgemeines^ Bravo, in welches ich, obwohl Dunkelmann, kräftig einstimmte.

Daun war der Student Fendt, welcher ebenfalls auf dem Brand aufrührerische Reden ansVolk" hielt und andere, die ich nicht mehr nennen kann.

Man nmß übrigens nicht denken, daß dieDunkelmänner" gegen den Fortschritt gewesen seien. Auch nach ihnen sollte die Stimme des Volkes durch das Parlament den Aus­schlag geben. Ich begleitete meinen Vater in verschiedene Volksversammlungen. Deren Verlauf war, je nach der Farbe und der Majorität der Teilnehmer, für uns sehr verschiedenartig.

So ioar eine Volksversammlung nach Garbenteich aus­geschrieben. Das war damals das größte Lumpennest in der ganzen Umgebung von Gießen. ,

Die Einberufung war vom demokratischen Berent ausgegangen ir«o dieDunkelmänner" konnten sich wohl denken, daß sie dort große Erfolge nicht erzielen würden. Dennoch gingen mein Vater und einige pinbcre von dem konstitutionellen Verein hin. Ich durfte meinen B-ater begleiten.

Nachdem ein Gießener Demokrat eine blutdürstige Rede ge­halten, meldete sich Professor Dr. Köllner zum Wort. (5r bestieg die niedrige Rednerbühne und begann zu reden. Er sprach ein wenig durch die Nase und das mochte den Leuten ebensowenig gefallen, wie seine Worte. Dann plötzlich hieß esherabber, herabber mit em." Der Zuruf wurde von verschiedenen Seiten wiederholt, und als Köllner blieb und weiter zu reden suchte, gingen mit dem Ruffyeratoer" zugleich wie auf Kommando die Stöcke in die Höhe. Dabei ergab es sich, wie klein die Zahlder Dunkelmänner Ivar. Bei aller Tapferkeit blieb da nichts übrig, als den Rückzug anzutreten. Der ging dann auch ohne weiteren Zwischenfall vor sich. Mr mußten froh sein, ohne Prügel davon zu kommen.

Einige Tage darauf wurde voll dem konstitutionellen Verein eine Volksversammlung nach Groß-Linden einbe- rnfen. Gruß-Linden war (und ist) ein wohlhabender Ort von damals etwa 900 Seelen. Es hieß von ihm, wenn die Bauern auf dem Felde sind, so ist kein Bürger in der Stadt. Aber die Leute waren, wie.alle ordentliche Bauern, gegen alle Demokratie. Die Versammlung wurde aus der Wiese an dem Bickenbach rechts der Chaussee, ganz nahe bei Groß-Linden, abgehalten. Es waren außer Mitgliedern des konstitutionellen Vereins viele Bauern aus der Umgegend eAchienen, aber auch eine Anzahl Demokraten. Es war eine hohe Reduerbühne errichtet. Nach der Eröffnung der Versammlung und einer Rede meines Vaters, bestieg, Dr. Moritz Carriöre, Professor der schönen Künste und Schwieger­sohn des großen Liebig, die Rednerbühne. Er begann mit zarter. Stimme und wohlgesetzten Worten. Wer, was er sprach, war offenbar int demokratischen Sinn gehalten unb so von den Teil- nehmern der Versammlung verstanden. Denn ein Bauer rief hinauf:Wer ist denn der L ä u s b u b dadrobe?" Auf diese Frage antwortete der Redner verbindlich:Moritz Carriöre aus Griedel bei Butzbach."Herabber mit em, herabber", klang es von allen Seiten, und als der Redner nicht weichen wollte, gingen die Stöcke in die Höhe, wie einige Tage vorher. in Garbenteich. Diesmal aber waren es die Stöcke der monarchisch gesinnten Bauern, und sie waren in solcher Ueberzahl, daß die Demokraten ihren Carriöre in die Mitte nahmen und abzogen. Es war eine ziemliche'Anzahl. Das war die Revanche für Garben­teich.

Als wir von der Volksversammlung nach Hause kamen, er­fuhren wir von wohlwollender Seite, es werde seitens der Demokraten geplant, aus Rache für die Niederlage in der Groß- Lindener Versammlung, den an der Spitze stehenden Dunkelmännern am Abend eine Katzenmusik zu bringen und ihnen die Fenster einzuwerfen, es sei besonders auf Professor Credner und meinem Vater abgesehen. Auf diese Warnung hüt schlossen ivir abends die Lüden in der zweiten Etage, die wir lieivohnten. Das Man- sardertzimmer nach der Straße zu hatte keine Schutzläden und warteten der Dinge die da Kimmen solltest. Nachdem es dunkel geworden, erschien auf der Straße vor unserem Hause (jetzt R e b st o ck) ein Volks Haufe, und wie auf Kommando erhob sich plötzlich ein furchtbarer Lärm: ein Gejohle, Geschrei, Pfeisen, Klappern mit Hölzern in Gießkannen, Zusammeuschlagen von Kroppendeckeln, Pereat, Nieder mit bett Dunkelmännern! Dabei flogen fortwährend dicke Steine gegen die Fensterläden und in der Mansarde klirrten die Scheiben. Es war ein Getöse, als sei die ganze Hölle losgelassen. Den Frauen und utts Kindern wurde hange ums Herz. Plötzlich trat Stille ein. Es gab ein Gemurmel und bann entfernten sich die Tumultuanten. Es stellte sich heraus, daß die Aenderung zum Guten nicht etwa durch Einschreiten der Polizei, sondern dadurch herbeigeführt ivvrden war, daß unsere Magd von einem der oberen Fenster aus einen Topf voll Flüssigkeit auf'die Häupter der Räch st stehenden ausgeschüttet hatte. Ob die Be­schaffenheit der Flüssigkeit, oder das Unvorhergesehene der Er­widerung der Artigketten die Veranlassung des Abzuges war, hat nicht festgestellt werden können. Als wir andern Tags den Schaden besahen, waren sechs Fensterscheiben in der Mansarde

eingeworfen, verschiedene Läden nnd vielfach der Verputz Sag Wand beschädigt.

Die Stadt hat später den Schaden bezahlen müssen. Wir hörten aitderen Tags, daß Professor Credner und Maxor Peppler, der Stadtchnunandant, resp. der Befehlshaber der Gießener Br- satzung (36 Mann), ebenfalls mit einer Katzenmusik bedacht worden seien.

Heutzutage würde toeniger genügen, um eine strenge Straf-, Verfolgung herbeizttführen. Wir haben nichts davon gehört, daß etwas in dieser Richtung geschehen sei. Mein Vater hätte es sicher erfahren. Es ist aber alles ruhig geblieben.

Am Tage der Wahl herrschte große Aufregung in der Stadt.. Hier hatten die Demokraten bei weitem die Oberhand. Dis Entscheidung lag in den ländlichen Bezirken des Hinterlands! und der Städte Gladeitbach und Biedenkopf. »Das letztere war ganz demokratisch. Gladeitbach aber, wo früher mein Vater am Gericht tätig gewesen, war streitig. Deshalb war mein Vater dorthin gefahren. Es Hali ihm aber nichts. Die Wahl entschied sich bekanntlich zu Gunsten von Karl Vogt, toentt auch mit geringer Majorität. Es war auch gut, sonst hätte es in Gießen Mord und Totschlag gegeben.

Trotz des Entgegenkommens des E r b g r o ß h e r z o g s als Mitregenten band) das Edikt vorn 6. März und obwohl man ihn in allen Tonarten pries, ja spater nach der Thronbesteigung in ihm von mancher Seite den zukünftigett Kaiser er», blickte, war und blieb die Mehrzahl der Bürger demokratisch/ wenn auch nicht repttblikanisch.

Es war ein Mann in Gießen mit Namen August Becker, genannt der rote Becker, weil er brandrotes Haar hatte, und roter Republikaner war. Dieser gründeteden jüngst en Tag", das Organ der Republikatter. Das Blatt hatte ein kleines Format! mnd wurde auf schlechtem Papier gedruckt, der beste Beweis, daß es keinen großen Leserkreis hatte. Es predigte dte Revolution und den Umsturz der Throne.

Davon wollten die Gießener Bürger nichts wissen, fte rechnetni es dem Erbgroßherzog hoch an, daß er in Gewährung der Frei-, betten vor Allen voranging.

Der Name Heinrich Gagern (das von hat er damals verschluckt), unter dcssett Aeqide diese freiheitliche Kundgebung vor sich ging, war in aller Munde. Von Hessen aus verbreitete sich sein Ruf in «ganz Deutschland, er wurde Vorsitzender der konstituierenden Nationalversammlung. Auch wir Jungen kannten nichts Höheres als Heinrich Gagern. Er war für uns der Inbegriff alles Hohen nnd Edeln, ohne daß wir uns Rechen­schaft geben konnten, aus welchem Grunde. Aber den roten Demokraten war er bald nicht mehr recht und die Nationalver--

sammlung auch nicht.

Etwa nm die itämliche Seit, wo diese zusammentrat, meß es, der Hecker habe in Baden die Republik ausgerufen. So­fort bentächtigte sich die 'Straße (und wir Jungen mit ihr) dieser Persönlichkeit.Hecker hoch!" scholl es in den Straßen. Aber es war mit seiner Herrlichkeit bald vorbei; und ebenso rasch, wie man Sympathiebeweisungen hörte, gab es Spottlieder auf ihn. Wir Jungen moguierten uns namentlich über Herwegh, der sich auf der Flucht unter den Rock seiner Frau verkrochen! haben sollte. *

(Fortsetzung folgt.)

Abendandacht.

Ich steh' am Fenster, schaue in die Ferne, Das Auge blickt empor zum Himmelszelt, Wie bist du so erhaben, große Welt

Im Glanz des Vollmonds und der vielen Sternes

Ein lindes Säuseln durch entlaubte Bäume Zieht mir in mein beschaulich lauschend Ohr. Erhebend schweben meinem Geiste vor So süße, inn'ge, lailgvergess'ne Träume.

Und wieder aufwärts von der kalten Erde

Hinauf zum sternbesäten Himmel fliegt der Blick:

Ich danke dir für alles, für mein Glück, Dir, der dn- welterschaffend sprachst:Es werde!"

Louis Beil.

Charade.

(Nachdruck verboten.)

Einen Giganten des Meeres, ein anhalttsch' Städtchen zur Hälfte, Hast du geschickt sie vereint, klingt dir ein lieblicher Tanz.

Auflösung in nächster Nummer.'

Auflösung des Magischen Dreiecks in voriger Nummert C LABA LYRA ARM R A A

Redaktion: Ernst Hetz. Rotationsdruck und Verlag der B r ü b l' scheu. Unwersnäts-Buch- und Steindruckerei, 8t, Lange. kSteße»