Ausgabe 
3.4.1907
 
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ihre

deren Gemütsart fest ans Herz sie denken konnte, für Sylvia tragen, ihre Herzeusergießungen geglichen. Das kleine, lustige,

mitgesorgt, Sylvias Launen er- angehört, ihre Unordnungen aus- hübsche, schmeichelnde Wesen ge-

Reize? Machte solch ein hübsches Lärvchen, ein kokettes Augen- spiel und süßes Kindergeplapper ihnen die Sinne wirr und die Augen verblendet? Ihre Brust hob sich ungestüm, ein Sturm wogte Va ihr herauf, wie niemand ihn in der ruhigen Erna ver­mutet. Sie sprang auf und trat vor den Spiegel, sie löste ihr reiches blondes Haar, um es für die Mittagstoilette zu ordnen.

hörte zu ihrem Leben.

Erna setzte sich, die Hände im Schon gefaltet, an das Fenster, das nach dem Garten hinaus lag. Die Aussicht auf die Elbe und ihre Ufer war von hier aus sehr schön, drinnen um- gab sie die zierlichste Behaglichkeit. Es war sonst nicht ihre Art, in den Morgenstunden zu feiern, heute aber fühlte sie sich anS dem Geleise und es wirbelte in ihrem Kopf. Die Gedanken kamen und gingen und fluteten wild durcheinander, sie atmete kurz und schnell. Diese Tante, die da gestern ins Haus geschneit war, brachte Unheil, wie eine Ahnung stieg es ihr herauf, sie hatte sich heute morgen eines leisen Grausens nicht erwehren können, so lange sie in ihrer Nähe war. Und Sylvia io ar so recht dar­nach angetan, sich von solch einer Persönlichkeit beeinflussen zu lassen.

Daneben der gestrige Abend hatte ihr noch mehr Ein­drücke gebracht. Doktor Villattes Benehmen gegen Sylvia war ihr ausgefallen auch das ihre zu ihm sie hatten dage­sessen Hand in Hand. Bisher hatte sie gemeint, er tändle mit ihr, wie alle es taten, wie man mit einem Kinde tändelt, denn Sylvia war ja noch ein rechtes Kind. In ihrer flatterhaften. Seele haftete kein ernster Gedanke. Und Villatte war eine tief angelegte Natur. Sie hatte ja Gelegenheit gehabt, in sein reiches Geistes- und Gemütslcben zu schauen, er war stets offen und Mitteilsam zu ihr gewesen und hatte ihr von all seinen Interessen geredet. Sie teilte sie, sie verstand ihn in jedem Zug seines Wesens. Hängt sich das Männerherz immer nur an die äußeren

Wangen gliihten und ihre Augen hatten einen fremden Glanz. (Fortsetzung folgt.)

ihr Zimmer. ,

Die Mama lag noch im Bett mit heftiger Mrgrane, Erna war schon ein paar Mal bei ihr gewesen, aber stumm abgewiesen worden. Mit schwerem Herzen stieg auch sie jetzt die Treppe in den oberen Stock hinauf, wo chr freundliches Gemach neben dem Sylvias lag. Die Pflegeschwester, nm zwei Fahre jünger als sie selbst, Ivar ihr trotz ihrer Fehler und gänzlrch am- gewachfeu. Sie hatte, so lange

Bei dem rauschenden Getose mit vollem Gebrauch des Pedals hatten beide das Oeffnen und Schließen der Tür überhört und erschraken, als der Hausherr plötzlich neben ihnen stand.

Der Kommerzienrat hielt sich mtt beiden Händen die Ohren iZu-d^ ^^mels willen, du rasest ja auf dem unglücklichen Instrument, als sei der Teufel losgelassen, Stine", tagte er. ,,^ch habe schon Angst genug, daß mir der schöne Flügel einmal unter Roderichs Fäusten zu Grunde geyt, aber du ichemst ihm, was Tastenhämmern betrifft, noch über zu sein." .

Es war eine boshafte Angewohnheit von ihm, aus früheren Zeiten stanunend, daß er den Taufnamen seiner Schwägerin, den diese in ihrer Jugend in Celeste umzuwandeln liebte, konsequent in das bäuerliche, vulgäreStine" umgestaltete. Er hatte von jeher behauptet, diese Abkürzung passe am besten.

Frau Zernial stieß einen Schrei aus, als sie den Schwager erblickte, und hielt sich die Schläfen, als sei sie einer Ohnmacht ""^'Lieber Walldorf verzeih aber wirklich auf Nerven nahmst du nie Rücksicht. Wie kommt es nur, daß bu arme Friederike das erträgt, die ihren waren von feher schwach.

galten aber immer noch aus, Stine, und ich denke, mente Rieke befindet sich im allgemeinen ganz wohl. Um nun zu hören, wie es mit deinem eigenen allgemeinen Wohlbefinden steht, mochte ich dich ersuchen, ein Weilchen mit mir in mein Arbeitszimmer zu kommen." , , .

Frau Celeste erhob sich graziös, ein wenig schwankend.

Wenn du mein Morgenkostüm entschuldigen willst , sagte sie. . .

Der Schwager musterte mit einem rnfchen, scharfen Blick dieses Morgenkostüm und machte eine sehr widrige Miene dazu, die Erna kannte. Sie schüttelte für sich den Kopf, als sie den beiden nachblickte, und ein schwerer Seufzer ftieg_ ihr herauf. Die brachte noch mehr Wirrivarr und Zwiespatt ins Haus.

Die Unterredung zwischen Schwager und Schwägerin ward wohl etwas stürmischer Natur, sie dauerte wenigstens recht lange, und Erna hörte ein paarmal, wenn sie bei ihren häuslichen Ob- liegenheiteii zufällig an des Vaters Tür vorüberkam, feine laute, zornige Stimme und weibliches Klagen und Schluchzen, -xjyt Herz zitterte dabei, und sie trug Sorge, die Dienerschaft während dieser Stunde aus der Hörweite der hcikeln Debatte zu entfernen.

Endlich erschien Frau Zernial mit hochgerötetem Antlitz, rauschte, ohne Erna zu bemerken, welche am Ende des Ganges am Wäscheschrank hantierte, an ihr vorüber und hinauf in

Zus der Jugendzeit^

Erinnerungen eines alten Gießeners.

Nachdruck verboten.

III.

Das tolle Jahr.

Wenn ich auch noch nicht 13 Jahre alt war, so hatte ich doch schon eine Ahnung, daß in Deutschland nicht alles war, wie es sein sollte. Ich hatte ausgeschuappt, daß mein Vater als Student der Burschenschaft angehört hatte, und daß er wegen Freisinnigkeit nach Oben nicht gut stand. Auch von Verfolgungen Freisinniger, vom Tode Weidigs im Gefängnis hatte ich gehört. Tie religiösen Kämpfe, in die mein Vater verwickelt war, hatte ich, soweit es den letzteren Betraf, gewissermaßen miterlebt. Tenn die Schriften, die mein Vater in diesen Kämpfen vom Stapel lieh, waren teilweise in unserer Wohnstube versaßt worden, wah­rend wir dabei saßen. Vater kam im Winter abends mit einem Pack Akten, einem Bündel Gänsefedern und dem Tintensasfe in die Wohnstube, setzte sich zu uns an den runden Tisch, wo wir unsere Aufgaben machten, schnitt mit dem Federmesier (daher der Name) alle Federn und dann gings los. Die Feder flog nur so über das Papier. Da fiel immer einmal ein Wörtchen für die Mutter ab, das wir auffingen. Unter den Jungen wurde auch manches gesprochen. Schlagwörter wie Freiheit und Unter­drückung usw. konnte man auf der Straße hören. Kurz, als Vater im Februar 1848 erzählte, in Paris hätten die Franzosen eine Revolution gemacht, ihren König fortgejagt und die Republik ausaerufen, so war dies für mich äußerst interessant. Ich nahm auch bald wahr, daß ob dieser Kunde eine Aufregung durch die Stadt ging, deren Bedeutung rasch zutage trat

Auf der Gasse konnte man hören, man müsse es bei uns gerade so machen wie in Paris, man müsse die Fürsteni kor tja gen und eine Republik machen. Gegen solche Reden eiferte mein Vater.

Die Umstürzler bildeten bann sofort einendemokra­tischen Verein". Dieser umfaßte nicht nur die roten Repu­blikaner, sondern auch sehr ernst zu nehmende Männer, wre Professor Di'. Soldan vom Gymnasium, Professor Dr. Moritz Karriere, Karl Vo g t, den jugendlichen Professor der Zoologie, Hofgerichtsadvokat Frank, Bürgermcister Ferber und andere.

Demgegenüber trat dann der konstitutionelle Verein ins Leben, dem vornehmkich Professor Dr. Crebner, der be­kannte freisinnige Theologe, mein Vater, &ofgerid)täabBofat Rosenberg, Reallehrer Dickora, Prosessor Dr. Amandus« Dorotheus Köllner u. a. angehörten.

Die Bewegung verbreitete sich mit großer Schnelligkeit über ganz Deutschland. Unser G r o ß h e r z o g L u d w i g il. d a n k t e faktisch ab, indem er seinen Sohu, den Erbgroßherzog Lud­wig, zum Mitregeuten ernaunte. ,

Dieser erließ bereits am 6. März 1848, mit Heinrich Gagern als Minister, eine Bekanntmachung, in welcher er seinem getreuen Volke alle möglichen Freiheiten gewährte. Selbstverständ.ich ging mir der Zusammenhang über die Begriffe; aber ich stellte mich gleich den Erwachsenen vor die großen Plakate,die an allen Straßenecken angeschlagen waren, und las andächtig: ,,^ie Presse ist frei, die Zensur ist auf gehoben'. Be­züglich dieses Passus, sowie der allgemeinen Volksbewaffnung und des Rechts zur Mhaltung von Volksversammlungen dämmerte mir die Bedeutung dieser Dinge. Auch daß eine Nationalver­sammlung gewählt werden, daß das Volk also Vertreter wählen solle, leuchtete mir ein, zumal mein Bitter selbst sich um ein Mandat für den Kreis Gießen-Biedenchpf bewarb. Er ließ tn tausenden von Exemplaren einen Aufruf drucken, welcher mtt Mi tbürger Oberhessens!" überschrieben war. Em großer Pack dieser Aufrufe blieb übrig, und diese haben in ben nächsten Jahren noch vielfach Verwendungen gefunden, die mit dem eigent­lichen Zweck derselben nichts zu tun hatten.

Die Demokraten hatten den Professor Dr. Carl Bo a t auf- gestellt. Nun gab es Volksversammlungen über Volksversamm­lungen. Wie die Wien waren auch die Jungen in zwei Lager oeteiit Fch gehörte natürlich wie mein Vater, zu den Dunkel männern, wie^ die Aii^lttder des koustitittivnellen Vereins von den Gegnern genannt wurden.

Dennoch hörte ich mit Vergnügen die revolutionären -Reden, die auf dem Brand von den Treppen der neuen Aula, wie s°S K-nnufa (jetzt ist es die alte) gehalten wurden. Da war namentlich ein Student namens Seiftner, nicht .sehr groß, aber mit einem sympathischen, blonden Lockenkopf, nut blondem Schnurrbart und langem Kinnbart. Er redete rate ein Alter. Seine Stimme klang über den ganzen Brand, und Mlc horten!