Ausgabe 
2.11.1907
 
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Allerseelen.

Skizze von Magda von Neulingen.

Ein trüber Tag. Die Nebel hangen kalt und grau vor den Fenstern. Die Glocken läuten weich und melodisch. : Allerseelen! Seit der ehemalige General Graf Kurt von Massow aus der kleinen Garnison in die Großstadt gezogen war, war ihm nicht mehr so traurig zu Mute ge­wesen wie heute. Maria, seine Gattin, merkte es Wohl; doch sie schwieg. Schwieg und litt wie er. Die immer noch schöne, vornehme Frau hatte das Lachen verlernt feit einigen Jahren. Wie konnte sie früher fröhlich sein! Wie oft lachte sie die dienstlichen Sorgenfalten von der Stirne des Ge­nerals hinweg! Damals war die Vierzigjährige des Hauses Sonnenschein. Sie und Herbert. Er war ihr Sohw, ein schmucker, junger Leutnant in des Vaters Dragoner­regiment. Er war der Einzige gewesen. Und er war gut geraten. Immer heiter, immer gerade aus, verband er mit dem frischen, offenen Gesicht die Tugend eines tapferen, edlen Charakters. Bis jenes Mädchen seinen Lebensweg kreuzte. Die arme Bürgerstochter mit den rätselhaften Augen. Die Generalin saß am Fenster und sah träumend in den grauen Novembertag. Die Vergangenheit zog an ihrem Geiste vorüber. Das Mädchen war schön gewesen. Vielleicht auch gut. Wer weiß es? Der General duldete die Heirat nicht. Herbert empörte sich zum erstenmal im Leben. Eine scharfe Auseinandersetzung der Sohu fest, bestimmt, ruhig, der Vater hitzig und unbeugsam. Und daun die Katastrophe: Er zog mit seinem jungen Weibe hinaus in die Welt, nachdem er des Königs Rock ausgezogen hatte. Er trotzte allem dem Vater, dem Schicksal, dem Leben. Einmal war ein Brief von ihm gekommen aus Newyork der General hatte ihn nicht angenommen, i Seitdem nichts mehr. Die Gräfin seufzte tief auf . . . Kurt, wollen wir einen Spaziergang nach dem Friedhof machen? Es ist Allerseelen der Tag paßt zu unserer Stimmung." Der General nickte wie geistesabwesend. Und Arm in Arm gingen sie hinaus nach den Gräbern, die liebende Hände mit frischem Grün und zarten Frühlings­grüßen geschmückt hatten. Schweigend wanderten beide durch die ernsten, traurigen Menschen. Da zog ein neues Grab ihre Blicke an. Kein Kränzlein schmückte es noch frisch wölbte sich der Hügel über dem unbekannten Menschen­kind. Rosen lagen entblättert umher. Ein kleiner, ärmlich gekleideter Knabe von etwa vier Jahren kniete auf der Erde. Er hatte die Händchen gefaltet und betete. In den blonden Locken spielte ein schüchterner Strahl der Sonne, die schüchtern durch den Nebel drang. Und seine blauen Augen schimmerten in Tränen. Tas Bild ergriff den Ge­neral seltsam. Die Gräfin war auf das Kind zugetreten. Wer ruht hier unten, mein Kind?"Papa ist begraben. Mein armer Papa." Die Gräfin preßte die Lippen zusammen.Er war lieb zu dir?" Der Kleine sah weinend auf.Ja, sehr gut. Nun i s s.r tot ititb wird nie, nie wiederkommen, sagt Mama. Und er muß doch wiederkommen. Ich bitte den lieben Gott, daß er ihn wieder- kommeu läßt. Ich kann ja nicht sein ohne meinen Papa. Und. Mama weint immerfort."Wie heißt du denn, armes Kind?" frug der General.Kurt von Massow." Ta war es, als lege sich eine schwere Hand auf die Schultern des Generals, die ihn niederzog mit eiserner Kraft. Er Wankte. In diesem Augenblick trat eine schwarzgekleidete Frau zu dem Grabe. Sie trug Blumen in den zitternden Händen. Ihr Gesicht war totenbleich, die Augen blickten ängstlich und der Strahl der Jugend war erloschen. Auch sie hatte das Lachen verlernt. Und die Blicke der beiden einsamen Frauen trafen und erkannten sich. Tie Generalin sah ihren Gatten fragend an. Zwei große Tränen rollten über seine Wangen. Ta trat sie auf das Kind zu, nahm es an der Hand und führte es zu ihrem Gatten.Möchtest du dem Herrn ein Händchen geben? Er ist dein Groß­papa. Dein Papa hat ihn geschickt, damit du nicht immer

so traurig sein sollst um ihn." Und zu der jungen Frau sagte sie:Wir kamen wohl zu spät. Der Tod hat sein Machtwort gesprochen. Er löscht alles aus, was die Leben­den an Liebe gesündigt haben. Wollen Sie mich Mutter nenneu ich will es sein mit der ganzen Kraft meines einsamen Herzens . . ." Die junge Frau sank schluchzend an ihre Brust. Und die Sonne strahlte siegreich über Allerseelen.

Für unsere Kinder.

Das Telephon ist wohl niemandem mehr etwas Neues. Neu und überraschend ist dagegen, daß jeder Knabe, der im Basteln einigernmßen Geschicklichkeit besitzt, ein Tele­phon sich selbst anfertigen und anlegen kann, wenn er das 18. Bändchen der SammlungSpiel und Arbeit" zu Hilfe nimmt (Verlag von Otto Maier in Ravensburg). An Hand von Modellbogen wird in dem Bändchen eine leicht verständliche Anleitung gegeben, wie der Apparat erbaut wird und was dabei berücksichtigt werden muß, kurz jeder damit beschäftigte Knabe wird sozusagen ein kleiner Haus­elektrotechniker und kann schon nach kürzer Zeit mit Stolz auf sein Werk blicken.

Tägliche Beobachtung der Tierwelt im eige­nen Zimmer können sich unsere Buben durch Selbsterbauung eines Terrariums verschaffen. Bildet es doch für die Knaben einen besonderen Reiz, das Leben der Tierwelt eingehend zu beobachten. Dieseni Wunsch entspricht das 23. Heft der SammlungSpiel und Arbeit", das zum Preise von Mk. 1,20 mit seinen Modellbogen eine praktische An­leitung zur Erbauung eines solchen erteilt und zugleich der Beobachtung und Pflege der Tiere entspricht. Wackere Knaben, die sich ihr Spielzeug gern selbst herstellen, ohne an den Geldbeutel der Eltern oder Verwaudteu Ansprüche zu machen, finden in diesem Hefte, was sie für diesen Zweck brauchen. ___________

Krieg und Frieden.

Von Friedrich dem Große n.

Wenn die Fürsten nm Provinzen spielen, sind die Untertanen die Rechenpsenuige, womit sie zahlen.

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Das menschliche Blnt ist ivahrlich zn edel, nm jeden Augen- biick vergossen zn werden und bloß der Begierde eines ehrgeizigen Fürsten 51t dienen.

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Sollen die Menschen ihr Blnt verspritzen rind ihr Leben ver­schleudern, nm den Ehrgeiz und die Laune eines einzelnen Menschen zn befriedigen?

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Der Krieg ist ein schreckliches Ding, nnd ein Fürst begeht eine tyrannische Grausamkeit, wenn er ihn ungcrechterweise ansängt.

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Wer da glaubt, einen Feind im Kriege durch Schonung anderen Sinnes zu machen, der irrt; nur Siege bringen ihn zum Frieden.

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Glück ist im Kriege olt gesährlicher als Unglück; der eine wird dadurch ztt sicher und der andere 511 dreist.

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Fürsten müssen der Lanze des Achilles gleichen, die das liebel zulügte und heilte; wenn sie den Völkern Leiden verursachen, so erheischt es ihre Pflicht, sie wieder gutzumachen.

Augenscheinlich hat die Natur uns nicht dazu bcstinunt, daß wir einander in der Welt ausrotten, sondern in der 9iot beistehen.

Der Friede ist der Vater der Wissenschasten.

Rätsel.

Mein erstes zeigt in weiter Ferne Dir Fluten in Italiens Land, Mein Zweites wird in jedem Sterne Ganz klar und detttlich Dir genannt, Wie einst aus Ilions Gestaden Hat ost mein Drittes Kamp! erregt, Und von der Erde wirren Pfaden Mein Ganzes Dich zumHimmel trägt.

A. Ammann.

Auflösung in nächster Nummer.

Auflösung des Bilderrätsels in voriger Nummer: Betrüglich sind die Güter dieser Erde».

Redaktion: P. Witiko. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.