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Mittwoch dm 3. April
1807
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Aem Irrlicht nach.
Roman von Alexander Römer.
Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
In Roderichs Augen war das eigentlich ein ganz unerhörtes Verbrechen von Sylvias Seite.
„Ach ja, Roderich!" entgegnete sie auch ganz bestürzt und sich plötzlich ihrer Missetat bewußt werdend. Sie ging wirklich so in Roderichs Interesse auf, daß sie seinen Anspruch gerechtfertigt fand; diese sonderbare Begebenheit platzte aber so dazwischen, daß ich sie dir hoch erst berichten mußte. Ich habe übrigens keinen Augenblick an dem Erfolg deines Dramas gezweifelt, sie waren natürlich alle begeistert. Bitte, bitte, erzähle."
Roderich ließ sich erbitten und erzählte, und diese Erzählung klang sehr glanzvoll, ohne jegliche Schattenstriche.
„Du bist ein kleines gutes Ding", schloß er gönnerhaft und streichelte das weiße Händchen, das rieben ihnr auf der Tischiplatte lag, „ein Urteil hast du freilich nicht, aber du vermagst mit- und nachzuempsiuden. Dieser Paul Hendrichs ist übrigens ein unleidlicher Patron, du erinnerst dich seiner natürlich kaum noch, ich werde ihn aber einmal einladen müssen, man weiß nicht, wie man diese Sorte von Menschen mitunter braucht."
Sylvia nickte, sie war zerstreut und achtete auf den schon vorher genannten, eben wiederhorten Namen gar nicht,' Roderich war sehr befriedigt von ihrem Gebaren.
„Hielt denn der langweilige Philister, der Doktor Villatte, hier gestern abend aus bei all den ergötzlichen Familienszenen?" fragte er weiter.
„Was sollte er machen? Er war doch einmal da. Ueb- rigens wurde der Abend nachher, als Mama sich mit der Tante zurückgezogen hatte, noch ganz gemütlich und so langweilig. Wie du ihn findest, ist der Doktor eigentlich nicht. Du magst ihn nur nicht leiden."
Roderich warf einen scharfen Blick auf seine Nachbarin.
„So", bemerkte er in sarkastischem Ton, „du findest ihn also amüsant, weil er dir schmeiiyelt und in aller Form die Cour macht. Heirate ihn doch und bereite dich vor auf das Los, seine Bücher abzustäuben und gelegentlich einen Brocken von seiner Weisheit aufzusangeu, den du dann Wiederkäuen kannst. Gelehrte Gespräche mit ihm zn führen, wie Erna, das ist nicht dein Fall, Kleine, also würdest du wohl nur als Echo figurieren. Bist eigentlich zu hübsch und frisch dazu."
„Roderich, wie abscheulich bist du heute morgen!"
Sylvias Augen waren von verräterischen Tränen verschleiert, und der gestrenge Pascha schaute etwas besänftigt auf sie.
„Nun, sei ruhig, Schäfchen, ich denke, du nimmst ihn noch nicht, und ich — na, ich will's dir nur sagen, ich würde dich grausam vermissen."
Sylvia schüttelte energisch ihre Tränen zurück.
„Glaub nur nicht, daß ich so dumm birr", sagte sie trotzig, »dein Haß gegen Doktor Villatte ist die helle Eifersucht, und weil ich ein paar Jahre jünger bin als du, meinst du, du Müßtest mich noch erziehen. Ha, ich kenne dich gründlich!"
Roderich lachte und schlang jetzt den Arm um sie. Er wollte ihr einen Kuß rauben, wie er es früher wohl getan, aber sie wich zurück und entwand sich ihm. Eine jähe Purpurwelle färbte ihr Antlitz und Nacken, und er sah sie stutzend an. Auch ihn, dem es an Kühnheit nie gebrach, überkam eine Art von Verlegenheit, er hielt der sich Sträubenden Hand noch fest und führte allerlei Reden, die Scherz sein sollten, aber gezwungen klangen.
Da erscholl plötzlich dicht neben ihnen ein lautes Lachen. Sie wandten sich erschreckt um und erblickten die Tante Cöle- stine. Sie hielt ihnen ihre beiden Hmrde entgegen und warf sich, noch immer lachend, in den Sessel.
„Guten Morgen, ihr lieben Kinder! Verzeiht, aber die Situation, in der ich euch zuerst finden mußte, war zu komisch. Apoll und Daphne — entzückend! Ihr saht alle beide reizend aus. Mein Neffe Roderich, natürlich — o, ich erkenne die Züge des Knaben wieder. Welch ein schöner Mann bist du geworden, mein Roderich! Diese Apollostirn, dieses reiche Haar, diese gebogene Nase! Der Genius leuchtet mir entgegen aus deine« Zügen, und das da ist dein Pslegeschwesterchen, Sylvia. Komme her, Sylvia, küsse mich, Kind. Mein ganzes Herz flog dir scho« gestern beim ersten Sehen entgegen."
Die Dame trug heute morgen einen langen Schlafrock von türkischem Gewebe, mit einer roten Schnur um den Leib gehalten, das Gesicht wies Spuren von Puder rmd Schminke, und ein starker Moschusduft ging von ihrer Person aus. Sie redete rasch und lebhaft, in einem weichen, zärtlichen. Ton, und ihr Zuhörer heute morgen war an so starte Dosen von Schmeicheleien gewöhnt, daß die ihren ihn nicht mehr schreckten.
Auch Sylvia fühlte sich, trotz vieles Absonderlichen, gefangen von 'd-en süßen, girrenden Tönen, die an ihr Ohr schlugen. Bisher hatte nur die Koinmerzienrätin sie mit solchen Zärtlichkeiten verwöhnt, bei den übrigen Familiengliedern vermißte sie dergleichen Gefühlsüberschwenglichkeiten, und ihre Seele verlangte im Grunde darnach. So ließ sie sich denn auch von der Fremden küssen und mit Liebkosungen überhäufen.
- Roderich sah halb belustigt, halb gefesselt, ein wenig von oben herab, wie es seine Art war, auf die Sprecherin, die sich gebcrdete, als sei sie hier lange zu Hause. Es war ein krauses Durcheinander, was von ihren Lippen sprudelte. Klagen einer heimatlosen Wanderin, Reiseerlebnisse, farbenreiche, teils glanzvolle Bilder, die sie geschickt und fesselnd darstellte. Ihre Zuhörer lauschten gespannt. Sie war vollständig anders als alle Menschen ihres Umgangskreises, man konnte sie sich kaum dazwischen denken, aber sie wirkte unbestritten.
Roderich, der sonst ungern andere lange reden ließ und die Kunst des Zuhörens gar nicht besaß, verhielt sich ungebührlich lange schweigend und horchte diesem wunderlichen Wortschwall. Was für ein Leben mußte die geführt habe». In atemlosen Sprüngen ging es von den Bergketten Kaliforniens an die Westküste Mexikos, wo die reizende Villa am stillen Meer, umblüht von tropischen Gewächsen, unter denen Schlangen und Skorpionen lauerten, vor den Blicken erstand, und wo der Indianerhäuptling Lopada zu ihren Füßen hockte, mit d« gebändigten Klapperschlangen um Hals und Brust gewunden.


