Ausgabe 
2.10.1907
 
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innenmg hat, leicht vorstellen, welch ein Gedränge am Abend der Vorstellung dort herrschte.

Kurz nach Kassenöffnung war der Saal gefüllt bis zum letzten Platz. Um 1/46 Uhr wurde die Billetausgabe ein­gestellt. Viele Schaulustige mußten unverrichteter Sache wieder abziehen. Punkt 6 Uhr zückte der Dirigent Wickler den Taktierstab' und die Klänge der Ouvertüre zumKhalis von Bagdad" rauschten durch den Saal. Reicher Applaus folgte der Leistung der kleinen Musiker-Schar, unter der sich außer dem schon genannten Christian Busch u, a. der Pfarrer Clemm und Ghmnasialprofessor Hoffmann (t) in Büdingen, ferner die jetzigen Uuiversitätsprofessoren Lange in Tübingen, Will in Berlin, der Apotheken- Vesitzer Clemm in Frankfurt a. M. befanden. (Die Bratsche hatte Herr Franz Bauer hier übernommen. Die übrigen Orchestermitglieder konnte ich trotz aller Mühe nicht mehr eruieren.) Dann erhob sich auf ein Klingelzeichen langsam der Vorhang, und während hinter der Szene ein munteres Soldatenlied gesungen wurde, bot sich auf der Bühne vor dem Marketenderzelt den Augen der Zuschauer ganz das farben­prächtige, fröhlich bewegte Bild einer zechenden Soldateska jaller Waffengattungen, wie es das Szenarium vorschreibt. Die Tische waren dicht besetzt. Die muntere Marketenderin (Louis Möbus, jetzt Arzt und Besitzer einer Kaltwasser- und Massage-Anstalt in Couvet in der französischen Schweiz) schenkte Wein, an einem Kohlenfeuer kochten Kroaten (Otto Eckart, jetzt Irrenarzt in Klingemiinster i. d. Pfalz), und Georg Reich, jetzt Verlagsbuchhändler in Basel) und ein Ulan (Georg von Helmolt, t in Friedberg); im Vorder­gründe würfelten auf einer Trommel zwei Soldatenjungen (die damaligen Sextaner Willi Klein, jetzt Kaufmann in Frankfurt a. M., und Fried R 0 e s e, Univ.-Tanz- und Fecht­lehrer dahier f). Bauernknabe (Landgerichtsrat Schmidt in Mainz) und Bauer (Forstmeister Hab er körn m Als­feld) traten auf und hielten das bekannte Gespräch, und dann spielte sich das ganze Stück glatt und ohne alle Zwischen­fälle zur allgemeinen Zufriedenheit herunter. Die Auf­wärterinGustel von Blasewitz" wurde durch den späteren Arzt Dr. Seipp in Lich (f) in überzeugender Weise darge­stellt. Die Darsteller der übrigen Rollen waren: Wacht­meister: Oberlehrer i. P. Dr. Roese hier; Trompeter: Ghmnasialprofessor Aug. Ni e s in Mainz; Konstabler: Ober­förster Leu er in Lich (f); Scharfschützen: Jochem, Arzt, Y in Amerika,und Dr. Hermann Alker, Arzt hier; Höllische Jäger: Postsekretär Fr. Briegleb und Dr. Heinrich Schudt, Direktor der Zuckerfabrik in J-riedberg; Buttle- rische Dragoner: Dr. med. Karl Klein, Arzt hier, und Apotheker Fritz Zimmerman 11 in Lothringen (f); Arke­busiere: Landgerichtsrat Wilh. Sander in Darmstadt und Oberstleutnant Wilh. Müller in Recklinghausen; Kü­rassiere: Kreisdirektor Albert Dieckmann in Elsaß-Loth- ringen und Forstmeister Eduard Trautwein in Gießen; Rekrut: Heinrich Mueller, später Opernsänger, f als Dr. med. in Wiesbaden; Bürger: Oberstleutnant Müller in Recklinghausen; Kapuziner: Ord. Professor für romanische Philologie Dr. Gottfried 23 a i ft in Freiburg i. B.; Soldaten­schulmeister : Georg Pietsch (f). Außerdem waren noch einige Statisten auf der Bühne; die Bergknappen im 8. Auf­tritt waren: der spätere Bankier Kanffmann, jetzt in Zürich, Dr. med. S ch e l l h a a s (f), Dr. med. S t r u b e l in Ässenheim, Baumeister Zimmer hier.

Das Bewußtsein, vor einem überfüllten Hause zu spielen, spornte alle Mitwirkenden zur Aufbietung aller Kräfte an. Eine besonders großartige Leistung war die Wiedergabe des Kapuziners durch Baist. Sensation erregte auch die vollendete Verkörperung der geschäftigen und zierlichen Weiblichkeit durch Möbus und Seipp; ein großer Teil des Publikums wollte sich absolut nicht davon überzeugen lassen, daß diese anmutigen Wesen, in goldbordiertem Röckchen und weißen Zwickelstrümpfen, die sich so graziös in den Hüsten zu wiegen verstanden, im sonstigen Leben die Bänke der Prima drückten. Daß nach dem Fallen des Vorhangs alle Darsteller stürmisch herausgerufen wurden, bedarf wohl keiner Versicherung. Nach einer kurzen Pause spielte unser Orchester einen Sedan-Marsch, und dann hob sich der Vor­hang zur Aufführung vonKurmärker und Pikarde".

Bekanntlich enthält dieses Stück nur zwei Rollen, den Kurmärker", den Albert Dieckmann darstellte, und die Pikarde", mit deren Verkörperung und Wiedergabe Möbus einen großen, verdienten Erfolg erzielte. Ein deutscher Reservemann als Einquartierung bei einer schelmischen.

koketten Bäuerin der Pikardie! Deutsche, kraftbewußte, knorrige Biederkeit, der eine Dosis Sentimentalität beige- mischt ist, und die quecksilberne gallische Leichtlebigkeit und! Beweglichkeit treten in drastischer Weise einander gegenüber. Wie die beiden Leutchen sich verständigen und verstehenl lernen, so daß der Deutsche, als nach einer halben Stunde die Trommel zum Mschied ruft, dem Plappermäulchen aus der Pikardie ohne große Schwierigkeit einen Kuß raubt, das ist der Inhalt des netten Einakters.

Welche Wirkung das Stück damals ausübte, als unser zweites hessisches Regiment fern in Feindesland weilte, das läßt sich kaum beschreiben, das muß man erlebt haben. Die tiefinnerliche Teilnahme des andächtig lauschenden Publi- kunis äußerte sich wiederholt in stürmischem Applaus bei offener Szene; als endlich unter Trommelwirbel und Hörner­klang der Vorhang sich senkte, erscholl endloser jubelnder Beifall, und immer wieder mußte der Vorhang in die Höhe. Da setzte noch einmal das Orchester zurWacht am Rhein" ein. Alle Anwesenden, Darsteller wie Publikum, stimmten begeistert ein, und unter den Klängen dieses, damals so un­endlich oft gesungenen Liedes, zerstreuten sich die Zuschauer mit dem einmütigen Geständnis, daß das Gebotene die ge­hegten Erwartungen weit übertroffen habe.

Alle aber, die bei der Vorstellung irgendwie mitgewirkt hatten, versammelten sich abends zu einem Banket im kleinen Leibschen Saale, das einen sehr schönen Verlauf nahm. Erwähnt sei noch, daß als Souffleur der jetzige Gym­nasialprofessor Schanm in Mainz und als Kassier der Geh. Regierungsrat Dr. Aug. Dietz in Darmstadt fungierten. Bon einer Wiederholung dar Darstellung niußte, obgleich sie allseitig gewünscht wurde, leider abgesehen werden, da die Kostüme umgehend in Darmstadt gebraucht wurden.

Im Mainzer Kefängnis.

Von Rechtsanwalt Raab in Gießen.

(Original-Artikel der Gießener Familienblätter.)

An einem nebeligen Morgen langten wir nach Besich­tigung der Sehenswürdigkeiten von Mainz unter sachtüu- diger Führung in einem kleinen Trupp in jenem ver­rufensten Viertel der Festungsstadt an, in dem 0 Ironie des Schicksals! ein Waisenerziehungsheim neben den Lasterhöhlen käuslicher Liebe, eine Straf- und Besserungs­anstalt mitten im dunkelsten Mainz liegt, wo enge, winklige Gassen und Gäßchen die Schlupfwinkel für allerhand licht­scheues Gesindel bilden. In diese Umgebung würdig ein­gepaßt, liegt das Gefängnis da, grau, ernst, wie aus längst entschwundener Zeit, ein Haufen aneinander geklebter, fast unmöglicher Gebäude, ein Labyrinth von Ecken, Eckchen und Winkeln, mit schmalen Stiegen und Gängen, verbaut und angcbaut, mit Flickwerk uud Aenderungen, wie ein vergilbt Gesicht, voll tausend Falten und Fältchen, und redet eine stumme, aber doch verständliche Sprache von reichbewegter, wechselvoller Vergangenheit. Dieses Gewinkel auszustu­dieren, kostet Mühe, und bis ein Ausbrecher sich da zu­rechtfindet, ist seine Zeit auch schon vorbei.

Am Tor hat uns ein freundlicher Alter eingelassen. Uns zu Ehren hat er heute seinen blauesten Uniformrock, mit sämtlichen Orden geschmückt, angezogen. So steht er feierlich da, als Wächter des Eingangs, mit weißem Haar und frischem Rosa im Gesicht, vertrauenerweckend auch wohl dem, der zag und zerknirscht als armer Tropf sich unter der Flut der Hartgesottenen zum unfreiwilligen Auf­enthalt meldet.

Inzwischen hat sich eine ganze Schar Aerzte, Juristen und so weiter im Hof zusammengesunden. Ringsum altes Gemäuer, an dem lange Ranken wilden Weins herunter­hängen, jetzt kahl, aber schöner, wenn sich im Spätsommer glutvoller Purpur des Blattwerks in das Immergrün des benachbarten Epheus mischt, und das Weiß der Fenster­gardinen durchblickt. Doch was nützen malerische Strm- mungen denen, die voll Bitternis zur Strafverbüßung hier antreten?

Zunächst gings nach der nahenKirche", einem längeren Raum, dessen vorderes Drittel durch Herablassen eines Rollverschlusses in eineSchulstube" und durch Vorziehen eines Vorhanges auch in eineSynagoge" umgewandelt werden kann. Auf der Schultafel hat der Gefängnislehrer den Schul-Kindern" gerade eine tabellarische Uebersicht über die Nährwerte von Eiweißstoffen und zur Belehrung über die Vorteile der Hülsenfrüchte-Nahrung aufgeschrieben.