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Agent ihn, bett Anfänger, nach Newyorr schickt, wo er doch sicherlich Dutzende verwendbarer Berussschauspieler zur fömtb hat?"
»Ja, das ist es ja grade, was mich an unser Glück glauben last. Sollte Gustav wirklich zu den Gottbegnadeten gehören — o dann hätte ich ihm viel abzubitten, denn das; ich es nur frei heraus sage, ich kann mir nicht helfen, ich mutz auch jetzt noch an seiner Begabung zweifeln. Er Hat sich so versplittert, sich in so vielem versucht, seit er die Freude an seinem ehrlichen Beruf eingebüßt hat. Ich bin irre an ihm geworden."
LValden lächelte nachsichtig. „Gesetzt den Fall, ihre trüben Befürchtungen bewahrheiteten sich was verschlüge das viel!" meinte er. „In seinem ursprünglichen Beruf brachte er es zu unbestreitbarer Fertigkeit. Las seit Sie ihn getrost als Schauspieler Fiasko machen, dann wird er auch als Feinmechaniker drüben ebenso viele Dollars verdienen, als hier Fünfzigpfennigstücke. Darum riet ich ja von jeher zur Auswanderung. Hier sank Gustav von Stufe zu Stufe, und wer Weitz, welches Ende er hier noch gefunden hätte. Er mutzte aus seiner Umgebung heraus, nm nicht ganz zu versumpfen. Nur in fremdem Lande kann er den Mut und auch die Kraft finden, sich wieder aufzurappcln. Drüben unter so ganz anderen und ungleich zusagenden Verhältnissen wird er sich besser gewähren — einerlei in welchem Berufe. Fritz, Vogel, oder stirb! ist dort die Losung. Der Zwang wird ihn aufrütteln!"
Seine Worte verfehlten ihren tiefen Eindruck auf das bekümmerte Gemüt der jungen Frau nicht. Sie begann zuversichtlicher darein zu schauen. „Gewiß", erwiderte sie, „ich habe mich immer vor einer plötzlichen Katastrophe gefürchtet, denn Gustav sank unheimlich rasch — es ist schlimm genug, muß die eigene Frau das sagen! Ich habe immer sagen hören, daß man als Frau sich drüben ungleich besser forthelfen kann . . . vielleicht ist diese überstürzte Auswanderung, so abenteuerlich sie einem auch zunächst Vorkommen mag, doch eine Himmelsfügung!"
Auf der Schwelle zum- Schlafzimmer stockte sie dann Plötzlich wieder. Sie schlug die Hände zusammen und meinte verzagt: „Lieber Gott, cs kommt mir immer noch wie ein Traum vor! Lver mir das heute früh beim Erwachen gesagt hätte, daß ich mit meinen Kindern zum letzten Male in dieser Stube geschlafen habe — und man hat doch so vieles, woran das Herz hängt!- Hier die Bilder der Else Nippes, die an frohe Stunden erinnern
unddas soll ich alles auigebe» und im Stiche lassen! Wissen Sie, das will mir geradezu ungeheuerlich vorkonimcn!"
„Das sollen Sie ja gar nicht", unterbrach Walden sie lächelnd. „Bis auf die Möbel -schicke ich Ihnen alles wvhlverpackt nach, sobald Sie mir erst von der neuen Heimat aus die Adresse geschickt haben werden !"
Die Frau hatte inzwischen aus der unteren Schrankschublade einen Blechkasten^hervo rgezogen, nun händigte sie diesen Walden ein. „Sehen Sie mal zu, ob Sie hierin nicht Gustavs Bilder finden. Er hat darin alle möglichen Andenken aufbewahrt. Ich will nicht vergessen, die Schatulle mit eiuzu- packen."
„Dann will ich mich gleich an die Durchsicht machen", entschied der Detektiv, indem er ins Wohnzimmer zurückschritt und sich dort vor dem Schreibsekretär niederließ. Als er sich unbeachtet sah, veränderte sich sein Gesichtsausdruck rasch nnd nahm eine gierig gespannte Miene an.
Allmählich erhellten sich seine Mienen. Eine nach der anderen kamen die PotographieN zum Vorschein. Walden lächelte zufrieden; er hatte die von ihm gewünschten Bilder ausgesucht. Auf jedem war die linke Stirnnarbe deutlich sichtbar. Der Ab- konterfeite war auf die Narbe nicht wenig stolz. Er renommierte gern damit, sie bei einem Duell auf krumme Säbel ohne Binden und Bandagen davongetragen zu haben; ja, er wurde nicht müde, die Einzelheiten dieser für ihn beinahe tätlich verlaufenen Mensur, die er mit dem gefürchtetsten Renommierschläger von Jena ausgefochten haben wollte, jedem neuen Bekannten ausführlich vorzutragen — während er in Wirklichkeit, wie sein ehemaliger Spielgefährte nur zu gut wußte, die Verwundung schon in zartester Kindheit davongetragen, als er bei einem Sturze von der Treppe kopfüber in ein Kratzeisen gestürzt und besinnungslos liegen geblieben war.
Die Pariser Photographie war erst unlängst ausgenommen worden; sein zerfahrener Freund hatte erst kürzlich in der Seinestadt geweilt — in der abenteuerlichen Hoffnung, einem bunt zusammengewürfelten sogenannten deutschen Hoftheatercnsemble, das schon nach den ersten Vorstellungen kläglich wieder zusnmmen- gebrvchen war, bei treten1 zu können, hatte sich aber in dieser Erwartung schmählich enttäuscht gesehen und nur durch Beihilfe oes deutschen Konsulats den Rückweg nach der Reichshauptstadt überhaupt wieder antretest können. Natürlich hatte ihn seine stark
ausgeprägte Eitelkeit sofort zum- Photographen geführt und er seine knappen Zehrgroschen an die Aufnahme einiger Bilder gespendet. Mit eigentümlichem Lächeln schaute nun Walden auf den bartlosen Kopf, der in künstlerischer Pose die Stirnseitg mit der breiten Narbe dem Blicke des Beschauers darbot.
(Fortsetzung folgt.)
Eine Theatervorstellung durch Gießener Gymnasiasten im 19. Jahrhundert.
Von Dr. Ehr. Roese.
(Nachdruck verboten.)
Während sich int neunzehnten Jahrhundert eine ganze Anzahl von Theatervorstellungen in Gießen nachweisen läßt, die von Studierenden der Universität veranstaltet wurden, weiß ich nur von einer einzigen zu berichten, bei der ausschließlich G y m n a s j a st e n mitwirkten. Das war am 14. Januar 1871, wo wir Primaner niller Mitwirkung eines aus Gymnasiasten gebildeten Orchesters „Wallensteins Lager" und „Knrmärker und Pikard e" „zum Besten der Angehörigen der im Felde stehertden Soldaten des Großh. hessischen 2. Jnfanteric-Regintents" aufführten.
Der Gedanke, eine Theatervorstellung zu veranstalten, ist von uns Primanern ganz selbständig gefaßt und ausgeführt worden. All die vielerlei Gänge und Korrespondenzen haben wir selbst besorgt. Wir haben sogar die Eintrittskarten selbst angefertigt. Die Einstudierung übernahm auf unsere Bitte unser allbeliebter Lehrer Professor An ton Beck, durch besondere Vergünstigung wurden uns die Kostüme vom Darmstädter Hoftheater versprochen, und der treffliche Geheimrat von Ritgen stand uns namentlich bei Anfertigung der Dekorationen und Versatzstücke mit seinem künstlerischen Rat zur Seite. Alsbald regten sich auch unsere musiktreibenden Mitschüler und aus einem bei C h r i st i a n Busch zusammenkommenden Musik-Kränzchen erwuchs durch Kooptierung ein Gym- n a si ast en-Orchester von 3 ersten, 4 zweiten Violinen, 1 Bratsche, 1 Cello, 2 Flöten, 1 Piccolo, 1 Trompete, 2 Pauken, 1 große Trommel und Triangel; die fehlenden Instrumente wurden durch einen vierhändig gespielten Flügel ersetzt. Der Dirigentenstab wurde in die Häüde des jungen Wickler gelegt, was zur Folge hatte, daß dessen Vater, der damalige akademische Musikdirektor Mickler (f später in Milwaukee iu Amerika) sich.der Sache annahm und die eigentliche Einstudierung der Musikstücke besorgte. Das Arrangement der in beiden Stücken vorkommenden Tänze übernahm der 1885 verstorbene Universitäts-Tanzmeister Heinrich R o e s e, für den in „Wallen/teins Lager" vorkommenden Walzer grub Musikdirektor Mickler eine uralte Melodie aus; das „Rekrutenlied" im „Lager" stattete der erste Flötist uitseres kleinen Orchesters, Christian Busch, mit einer selbsterfundenen allerliebsten Weise aus, zu der Musikdirektor Mickler die Orchesterbegleitung setzte und die wohl heute noch manchenr der damals Mitwirkenden gefällig ist den Ohren klingt. Professor Beck gab sich rastlose Mühe um die Einstudierung und die Erzielung eines flotten Zusammenspiels. Die Gesamtproben fanden im Roeseschen Tanzsälchen in der Weideugasfe, die letzte vor Beginn der Weihnachtsferien in der Aula des Gymnasiums am Brand (jetzt Kreisamt) statt. Nach Neujahr 1871 trafen die Kostüme aus Darmstadt ein. Nun ging es an die Bühnenproben auf der von uns gemieteten Bühne des Theaterdirektors de Nolte im Leibschen Saale. Eine von Professor Beck verfaßte Anzeige in Nr. 8 des „Gießener Anzeigers" vom 10. Januar 1871 verkündete urbi et orbi (die es freilich schon längst wußten), daß zit dem eingangs gedachten milden Zweck „durch Schüler des hiesigen Gymnasiums Samstag, den 14. Januar 1871, abends um 6 Uhr, im Leibschen Saale: Wallensteins Lager (dramatisches Gedicht von Schiller) und hierauf: Kurmärker und Pikarde (Genrebild in einem Akt von Schneider), unter Begleitung eines aus Gymnasiasten! gebildeten Orchesters zur Aufführung gelangen würden. Billets ä 30 Kr. (im Saale) und ä 18 Kr. (auf der Gallerie) eien an der um 5 Uhr eröffneten Kasse und vorher bei xerrn Roloff (am Lindenplatz) zu haben." Die Eintrittspreise waren gewiß bescheiden; denn 30 Kr. sind ungefähr 85 Pfg. und 18 Kr. 50 Pfg. nach unserem heutigen Geldek Wenn trotzdem unsere Brutto-Einnahme 312 fl. = 536 Mk. betragen hat und nach Abzug aller Unkosten 244 fl. — 427 Mk. an das Hilfskomitee abgeliesert wurden, so kann sich jeder, der den damaligen Leibscheu Saal noch in der Er-


