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Man könnte sich überzeugen lassen, daß es gar nichts besseres gibt, als Gefängniskost.
Der Verwalter erzählt uns die Geschichte des alten Baues und wir erfahren, daß der Staat, den die Strafanstalten enormes Geld kosten, das Gefängnis vorläufig noch nicht einaehen lassen kann, und daß mau es jetzt als Spezialanstalt für die holde Weiblichkeit einrichten will. Er spricht auch über die Klagen der Geschäftswelt darüber, daß man durch billige Gefängnisarbeiten die Konkurrenz noch verschärfe; das lasse sich aber nicht ganz vermeiden, vielfach werde jetzt in den Anstalten für den Fiskus gearbeitet, nm so die Geschäftsleute möglichst weuig zu schädigen.
In drei Gruppen machten wir dann den Rundgang — richtiger Jrrgang — durch die weitläufigen, verzwickten Gebäude. Da war in einem Raum ein Dutzend Männer mit Bürstenfabrikatton beschäftigt. Nach dem System der Arbeitsteilung sortierte ein Teil die Borsten, andere banden sie zu Büschelchen, andere tauchten sie in Leim und befestigten sie in dem Rückenteil des Holzes, einer schnitt die Spitzen glatt, ein anderer schließlich strich die Holz- teile mit Farbe und Lack an und gab dem ganzen die letzte „Fcilung".
In einer anderen Abteilung wurden Strohhülsen für Weinflaschen hergestellt. In einzelnen Zellen war der JU- sasse mit Adressenschreiben beschäftigt, dort sah man durch hie geöffnete Tür einen etwa 30 Jahre alten, kräftig und frisch aussehenden Mann mit hellem Blick; der Zwangs- yufenthalt hat ihm bisher nichts anhaben können, oder ist er noch nicht lange hier? Trotz der plumpen Anstaltskleidung erkennt man seinen stattlichen Wuchs. Was mag ihn wohl hierher gebracht haben?
Als auf dem schmalen Gang eine Anzahl Sträflinge vorüberging, konnte man an einem den auffallend in die Höhe gezwirbelten Schnurrbart bewundern, der zu der schwächlichen Gestalt seines Besitzers in starkem Gegensatz stand. Eitelkeit und Schnurrbartbinde haben diesen 'Mann ins Gefängnis begleitet.
„. In einem besonderen Raum arbeiten einige an Polster- Möbeln. Ein Sopha mit modernem Jugendmuster steht gerade fertig da. Der Anstaltsarzt winkt einem auf erhöhtem Kltz, der eilfertig heruntersteigt und, lebhaft gestikulierend, Uns seine Geschichte „erzählen" will — er ist taubstumm. Aus seinen Zeichen verstehen wir, daß er nach seiner Darstellung unschuldig hier sitze, weil mau ihn zu Unrecht ttner. geringfügigen Unterschlagung beschuldigt habe; er ser au- unwahre Zeugeuaussagen hin verurteilt worden, man •••?. V: ihn an seinem Bart erkannt haben, er sei aber das Opfer einer Verwechslung geworden. Dies hat er sicher schon so ost vorgestikuliert, daß er es ani Ende selbst glaubt.
, I" den Schlafräumen, die gut durchlüftet sind, wie denn Urrgcnds der sog. Gefängnisgeruch auffällt, bietet sich das bekannte militärisch korrekte Bild der Feldbetten mit blau und weiß gestreiften Bettüberzügen, sauber, regelmäßig und eürg, am Kopfteil scharfkantig, wie Zigarrenkistchen, aufgemacht. 1
. Bet den Frauen beginnen wir unseren Rundqang rn der Küche. Dort wird in drei großen Kesseln gekocht. Gerade ist die Kartoffelsuppe fertig geworden, die wir kosten und gut finden. In der Gefangenschaft und mit Tranen gegessen, mag sie weniger munden. An senkrecht 'emgetauchtem Stab, der hierbei die „Meerestiefe" angibt, wrrd der Kubikinhalt der nährenden Masse abgelesen. Es rst alles genau pro Kopf berechnet, und ein mathematisches Herz würde seine helle Freude daran haben. In einem größeren Raum arbeitete eine Anzahl Frauen und Mädchen an Militärdrillichjacken. Besonderes Interesse erregte die Technik einer Knopflochnähmaschine.
IN einer Zelle ivar neben dem Bett eine Wiege, aber picht zum Wiegen, denn es war ein kleiner aus Böcke gestellter Holztrog; so sah es wenigstens aus. Das war das Herrn des jüngsten „Sträflings", des Kindes einer Insassin. Im Frauenlazarett sahen wir noch zwei andere Mütter, die ihre Kleinen auf dem Arm hielten. Das eine der beibeit Kinder freute sich sehr, quiekste, stieß Töne aus wie ein kleiner Papagei und betrachtete dann sehr interessiert den ungewohnten Anstaltsbesuch.
IM Lazarett lag auch eine arme Frau zu Bett, die bei
ihrer Einlieferung ganz heruntergekommen und apathisch gewesen war. Sie hatte von ihrem Mann, einer berufsmäßigen Volleule, nichts als Schläge bekommen, wovon sie nicht leben konnte; sie hatte Hunger leiden müssen, so war es bergab gegangen, bis sie schließlich mit dem Gesetz rn Konflikt geraten war. Jetzt hatte sie nun Ruhe, Ordnung und Pflege in der Anstalt und machte einen zufrie- denen, fast glücklichen Eindruck.
Wir warfen noch einen Blick in die Vorratsräume, auch in die Kleiderkammer und sahen, wie dort die „Zivil"- Kleider der Sträflinge in langen Leder- und Leinenbeuteln! aufgehoben werden, besser und sauberer eingehüllt, als bet manchem der Träger zu Hause.
Im -Hof hackten einige Holz. Ueberall das Bild der Arbeit, ohne die der Aufenthalt im Gefängnis zur däuern- den Qual und unerträglich würde. Was sind dort die Sonntage, an denen die Arbeit ruht, so fürchterlich lang.
Wir hörten mit Freude die schon bekannte Tatsache bestätigen, daß auch hier der Stand des Gefän gni s- ses schon seit Mlonaten auffallend niedrig ist. Die Kriminalität ist zurückgegangen, nicht zuletzt dank der sozialen Besserung der Lebensverhältnisse, namentlich in den unteren Schichten unser es Vo lkes.
Mit Dank für Führung und Belehrung schieden wir, bereichert in unseren juristischen, sozialen und allgemeinen Anschauungen.
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* Der verlorene Sohn. Vor einigen Tagen passierte, der „Elb. Ztg." zufolge, in dem Kirchdorfe W. eine nette Taufgeschichte. Schou dreimal hatte der Ortsgeistliche den Glöckner ausgeschickt, um zu ermitteln, ob die angemeldete Taufgesellschaft aus dem fast zwei Meilen entfernt gelegenen Waldorte Sch. mit Täufling, Hebamme und weiblichen und männlichen Paten in dem bei der Küche gelegenen Dorfkruge noch nicht angelangt sei. Der Ortsgerstliche in W. hatte die Taufe bereits 'für 11 Uhr vormittags festgesetzt, bekam jedoch die ganze Gesellschaft erst um vier Uhr nachmittags zu Gesicht, aber auch nur zu Gesicht, in die Kirche trat keiner, trotz der energischen Aufforderung des Glöckners. Im Ortskruge angekommen, hatte die Gesellschaft nämlich die Wahrnehmung gemacht, daß die Hebamme, voll des süßen Weines, auf dem Wege eingeschlasen war und der Täufling irgendwo verloren gegangen war. Erst gegen Einbruch der Nacht fand man - das Kind auf einer Wiese ruhig schlafend. Der Junge hat nun den Namen „Der verlorene Sohn". Die Taufe fand erst am anderen Tage statt.
* Ein teures M a h l. „Bapton Viceroy", ein englischer Z n ch t ft i e r, der mit e inem Kostenaufwand von 80 000 Mk. nach Argentinien verkauft wurde, hat dort sein segensreiches Amt nicht ausüben dürfen. Die Sanitätspolizei hatte allerlei an ihm auszusetzcn, und so mußte inan sich entschließen, den kostbaren Stier schlachten und sein teures Fleisch als seltenen Leckerbissen bei einem feierlichen Bankett servieren zu lassen.
Kreuzrütsel.
In die Felder neben« stehender Figur sind dieBuch- staben aaaabbdddee eeeefi f f gghhjj 1 1 m n n n o o r r r r s ’s s s u u ü tt derart einzutragen, daß die wagrcchlen und senkrechten Ncihengleich- lautend Folgendes ergeben:
1. Sternbild.
2. Feierliche Handlung.
3. Einen Minnesänger.
Auflösung in
nächster Nummer.
Auflösung der Charade in voriger Nummer: Stahlroß.
Redaktion: P. Wittko. — NotationÄruck und Verlügder Brüh loschen Universitäts-Buch- und Stemdrnckerei, R. Lange, Gießen."'.'


