Ausgabe 
2.9.1907
 
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SIS

ersten Novembersturm zu Grunde gepeitscht. . . neblige Tage, düstere Nächte folgten, Schnee und Eis, die Boten des Winters.

Der Geburtstag Frau Elmas kam heran.

Anita schickte ihr Bild . . .

Wie verändert das Kind aussah, nicht mehr wie ein Backfischchen, so ernst, so fragend die großen Augen das volle Haar zum Knoten gewunden, das Gesichtchen im fein­sten Oval ein eigentümlicher Reiz über der jungfräulichen Erscheinung. . .

Frau Elma konnte sich nicht satt daran sehen. Und daß sie dieses junge, aufblühende Geschöpf nicht bei sich haben, nicht ihren Geist, ihr Gemüt in der so wichtigen Ueber- gangszeit selbst bilden konnte ein Gefühl von Groll über die zugestandene Abhängigkeit von ihrem Mann bemächtigte sich ihrer... sie wollte noch heut mit ihm sprechen . . . ganz gewiß . . . und wieder kam es nicht dazu. . . sein Beruf, seine Interessen, seine Verpflichtungen waren so viel fordernd, immer wieder verschob sie es.

Der letzte Monat im Jahre ist herangekommen. Das Weihnachtsfest naht. Frau Elma hat bereits die hohe Tanne auf den Balkon setzen lassen.

Sie scheut Schnee und Kälte nicht, sie geht selbst hinaus, um zu sehen, daß keiner der schlanken Zweige sich ver­bogen hat.

Sie atmet den Duft ein . . . lange, lange.

Im Nebenhaus ist eine Schule.

Gesang tönt dumpf herüber.

Stille Nacht, heilige Nacht. . ." die Kinder üben zum Feste.

Frau Elma lauscht.

So lange hat sie es nicht gehört. . .

In den Fahren ihrer ersten Ehe... da hatte es ihr Mann am heiligen Abend gespielt, gesungen.

Sie sieht sich in der fernen Stadt, Anita auf dem Schoß . . . sie fühlt die Tränen, die ihr entquellen und auf das braune Lockenköpfchen fallen . . . wohin ist die Zeit, was ist davon geblieben?

Ein einsames Grab, das sie schon lanae nicht mehr ausgesucht hat und das Kind . . . aber das Kind weilt nur als Gast in ihrem Hause... es ist nicht an der Stelle, an die es gehört.

So lange keine Nachricht von dem Mädchen ... es legt sich zentnerschwer auf ihre Brust . . . sie will schreiben, fragen, sofort.

eilt an den Schreibtisch.

liegt ein Brief, Anitas große, gerade Schriftzüge

(Schluß folgt.)

Mott Kitßen nach Marokko.

Aus dem Reisetagebuche eines Gießeners- Nachdruck verboten.

(Fortsetzung.)

Tanger, 6. März 1907. Am vergangenen Sonntage führte eine Tagestour mich und fünf andere Herren nach Sinath, der jetzt in Trümmern liegenden ehemaligen Festung Raisulis. Wir gelangten nach etwa vier­stündigem Ritt an Ort und Stelle, wo wir uns im Schatten ernes Baumes zürn Mittagsmahl niederließen. Unsere Pferde hatten wir in der Nähe unter dem Schutzs zweier kleinen Araberbengel zurückgelassen. Wie groß war aber unser Schrecken, als sich nach kaum 5 Minuten drei mit Gewehren ausgerüstete Araber uns näherten und sich, ohne ein Wort zu sagen, uns gegenüber Plazierter!. Ihrer Versicherung, uns beschützen zu wollen, schenkten wir keinen Glauben.

Gleich nach Beendigung unseres Mahles machten wir uns angstbeklommen auf. Unsere Pferde führten wir zunächst am Zügel, bis wir im Tal waren. Unsere dreiSchutz­engel", denen wir außer je einer Pefete noch Orangen und Zigaretten spendiert hatten, waren bei unserem Ausbruch auch verduftet, wiederum so lautlos wie sie gekommen waren. Wrr fühlten uns aber erst wieder wohl, als wir außer Schußweite waren und einen donnernden Abschiedsgruß von ihnen oder ihren Stammesgenofsen nicht mehr zu be- Mrchten brauchten. Eine besondere Sehnsucht nach den Trümmern von Sinath verspürten wir nicht mehr; wir hatten.uns diese nur flüchtig angesehen. Unser Lagerplatz war der denkbar ungünstigste gewesen: rings von Felsen umgeben, und im Hintergrund, wo dann unsere drei

Ta find's.

Freunde" austauchten, von den Ruinen der Burg einge- schlossen. Es war aber der einzige schattige Platz, der sich in der Nähe befand. Hätte man uns angegriffen/ so wären wir unter allen Umstanden verloren gewesen; unmöolich hätten wir entrinnen können, unsere Pferde hätten uns nichts genützt und eine Verteidigung wäre zwecklos ge­wesen. Wohl hatten tote Revolver, zwei Herren von uns sogar Brownings bei sich, von denen die Araber einen rie­sigen Respekt haben sollen.

Glücklich, mit heiler Haut davongekommen zu sein, stiegen wir, sobald wir am Fuße des Berges angekommen waren, auf unsere Pferde und machten uns mit möglichster Geschwindigkeit aus dem Staube. Entgegen dem Plan, bei der Heimkehr -einen kleinen Umweg zu machen, schlugen wir die gleiche Route wie am Vormittag ein. Im andern Falle wären wir durch ein Stück des Gebietes der Beni-Aros gekommen. Bei diesem Stamme aber soll sich Raisuli zurzeit aufhalten, und einer seiner Verwandten hat in Tanger dieser Tage erzählt, Raisuli ginge nur darauf hinaus, einen Angehörigen irgend einer europäischen Großmacht in seine Hände zu bekommen, um dadurch einen Druck auf das Maghzen (Regierung) auszuüben. Kurz nach 6 Uhr waren wir wieder in Tanger. Als ich das für diesen Tag um 10 Peseten gemietete Pferd wieder in seinen Stall brachte, begegnete mir ein Bekannter, der mir die Mitteilung machte, daß mein Bruder angekommen sei und mich in derDeutschen Bierhalle" erwarte. Im Sturmschritt eile ich hin und finde ihn auch. Seine Reise ist ganz gut verlaufen, doch traut er dem Wetter nicht recht und will daher, wie er mir gleich eröffnet, den Aufenthalt hier so kurz wie möglich! bemessen

(Fortsetzung folgt.)

Der Auszug ans Marokko.

Aus Tanger wird berichtet: Unter den Leuten, die mit Marokko in Geschäftsverkehr stehen und die das Land gut kennen, herrscht fast allgemein die Ansicht, daß die Si­tuation immer schwereren Verwicklungen entgegengeh't und daß bald neue schwere Ereignisse hereinbrechen werden. Die Dampfer Joaquin del Pielago, Gibel Tarik und Gibel Musa, die die Verbindung zwischen Spanien und Tanger aufrecht erhalten, sind von europäischen, und besonders jüdischen Flüchtlingen überfüllt. Die Fahrzeuge, die bei Tanger, Mogador und den benachbarten Städten anlegen, nehmen von allen Plätzen dichte Scharen von Auswande-, rern mit sich und nur wenige Leute, die nicht fortkönnen, bleiben Wohl oder übel auf ihren Posten. Ueberall herrscht Panik; die Kaufleute haben schwere Verluste erlitten und zum größten Teil ihre Geschäfte schleunigst aufgelöst. In großen Scharen kommen flüchtige Juden, selbst Kranke, in Spanien an, und bemühen sich, im Süden,' in Cadiz, Gibraltar, Algeciras, Sevilla, San Rosa, Linea und den umliegenden Orten Unterkunft zu finden. Der Gouverneur von Gibraltar, General Sir F. Forestier-Walker, hat sich bereits am Dienstag gezwungen gesehen, den Auswan­derern den Eintritt in Gibraltar zu verbieten, um die Ein- schleppung von Krankheiten zu verhindern. Nun eilt das unglückliche, hungernde Volk nach Algeciras. Unter den Flüchtlingen gewahrt man seltsamerweise auch eine Reihe reicher Marokkaner. Flüchtlinge von Magaz-an und Rabat sprechen übereinstimmend von einem drohenden Angriff und bestätigen, daß im Augenblick ihrer Flucht die verfüg-, baren Schutzkräfte völlig ungenügend waren, um die Häfen zu schützen. Ein alter Kaufmann berichtete, die schlimmste Zeit werde im September einsetzen, mit den großen Stür-, men, wenn die Schiffe nicht mehr gefahrlos in den Häfen ankern können. Dann werden die Araber ihren Angriff auf a lle Hafenstädte beginnen. Daß gerade die besten Kenner des Landes, die Inden, Hjr Eigentum verkaufen und Marokko verlassen, ist ein besonders bemerkenswertes Symptom und zeigt, daß man die Ruhestörungen nicht als Sache weniger Wochen betrachtet. Genaue Zahlen über die begonnene Auswanderung sind einstweilen nicht zu erlangen, aber 5000 wäre eine sehr niedrige Schätzung. Unter dem Ansturm der Flüchtlinge find in Südspanien die Nahrnngsmittelpreise außerordentlich gestiegen und in Cadiz zahlt man für Biehl, Oel, Salz, Fleisch, Kartoffeln und Konserven jetzt Preise, wie sonst nur zu Hungerszeiten. Wenn die Franzosen an der Küste nicht sofort für die! Errichtung eines Nahrungsmitteldienstes Sorge tragen, so wird für die Küstenstädte die Situation verzweifelt. Denn